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Diabetologie 30. Mai 2016

Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis bei Prädiabetes und Diabetes mellitus

Metabolische Erkrankungen beeinflussen das Leben von Männern und Frauen in den verschiedenen Lebensabschnitten in unterschiedlicher und vielfältiger Weise und stellen eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sind mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Männern und Frauen im klinischen Alltag konfrontiert. Dieser Artikel will das Bewusstsein für einen geschlechtssensiblen Zugang und eine differenzierte Betrachtung und Behandlung wecken und zur Implementierung von Praxis-relevanten Erkenntnissen der Gendermedizin in Bezug auf Prädiabetes und Diabetes beitragen. Geschlechtsspezifische Unterschiede beeinflussen Screening, Diagnose und Behandlungsstrategien sowie die Entwicklung von Komplikationen und die Mortalitätsraten. Veränderungen im Glukose- und Lipidstoffwechsel, die Regulation von Energiehaushalt und Körperfettverteilung sowie damit assoziierte kardiovaskuläre Erkrankungen werden stark von Steroid- und Sexualhormonen beeinflusst. Zusätzlich spielen Erziehung, Einkommen und psychosoziale Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Adipositas und Diabetes und müssen bei geschlechtsspezifischer Betrachtung mit berücksichtigt werden. Männer scheinen im jüngeren Alter und bei niedrigerem BMI ein höheres Risiko für Typ 2 Diabetes aufzuweisen als Frauen, die wiederum durch einen starken Anstieg im Risiko für Diabetes-assoziierte kardiovaskuläre Erkrankungen nach der Menopause charakterisiert sind. Frauen dürften durch Diabetes auch etwas mehr Lebensjahre verlieren als Männer, wobei die höhere Mortalität hauptsächlich auf vaskuläre Komplikationen zurückgeführt werden kann. Bei diabetischen Männern scheint dafür der Mortalitätsanstieg durch Krebs gewichtiger als bei Frauen zu sein. Bei Frauen ist Prädiabetes und Diabetes meist mit mehr vaskulären Risikofaktoren assoziiert, wie erhöhte Inflammationsparameter, prothrombotische Veränderungen und höherem Blutdruck. Sie weisen deshalb ein relativ höheres vaskuläres Risiko auf. Frauen sind öfter stark übergewichtig und weniger körperlich aktiv, obwohl sie sogar noch mehr als Männer von einem höheren Bewegungsausmaß in ihrer Gesundheit und Lebenserwartung profitieren dürften. Frauen weisen öfter eine gestörte Glukosetoleranz, Männer hingegen erhöhte Nüchternblutzuckerspiegel auf. Eine Anamnese eines Gestationsdiabetes oder PCOS sowie höhere Androgenspiegel stellen bei Frauen, das Vorhandensein einer erektilen Dysfunktion oder erniedrigter Testosteronspiegel bei Männern wichtige geschlechtsspezifische Diabetesrisikofaktoren dar. Die erektile Dysfunktion ist bei Übergewichtigen mit metabolischem Syndrom häufig und ist auch ein wichtiger Prädiktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Aber auch Diabetikerinnen haben viel häufiger Sexualstörungen als Frauen ohne Diabetes, was auch in der Praxis mehr thematisiert werden soll. Viele Studien zeigen weiters, dass Frauen in der Therapie weniger oft die Zielwerte für HbA1c, LDL-Cholesterin oder Blutdruck erreichen, wobei die Ursachen unklar sind. Generell sollen in der medikamentösen Behandlung geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wirkung, Pharmakokinetik und in den Nebenwirkungen mehr Beachtung finden.

Summary

Metabolic diseases dramatically affect life of men and women from infancy up to old age and are a major challenge for clinicians. Health professionals are confronted with different needs of women and men. This article aims at an increase of gender awareness and the implementation of current knowledge of gender medicine in daily clinical practice with regard to pre-diabetes and diabetes. Sex and gender affect screening and diagnosis of metabolic diseases as well as treatment strategies and outcome. Impaired glucose and lipid metabolism, regulation of energy balance and body fat distribution are related to steroid hormones and therefore impose their influence on cardiovascular health in both men and women. Furthermore, education, income and psychosocial factors relate to development of obesity and diabetes differently in men and women. Males appear to be at greater risk of diabetes at younger age and at lower BMI compared to women, but women feature a dramatic increase of their cardiometabolic risk after menopause. The estimated future years of life lost owing to diabetes is somewhat higher in women than men, with higher increase of vascular death in women, but higher increase of cancer death in men. In women pre-diabetes or diabetes are more distinctly associated with a higher number of vascular risk factors, such as inflammatory parameters, unfavourable changes of coagulation and blood pressure. Pre-diabetic and diabetic women are at much higher relative risk for vascular disease. Women are more often obese and less physically active, but may even have greater benefit from increased physical activity than males. Whereas men predominantly feature impaired fasting glucose, women often show impaired glucose tolerance. A history of gestational diabetes or the presence of a PCOS or increased androgen levels in women, on the other hand the presence of erectile dysfunction (ED) or decreased testosterone levels in men are sex specific risk factors for diabetes development. ED is a common feature of obese men with the Metabolic Syndrome and an important predictor of cardiovascular disease. Diabetic women also feature sexual dysfunctions much more frequently than non-diabetic women which should be addressed in clinical care. Several studies showed that diabetic women reach their targets of metabolic control (HbA1c), blood pressure and LDL-cholesterol less often than their male counterparts, although the reasons for worse treatment outcome in diabetic females are not clear. Furthermore, sex differences in action, pharmacokinetics, and side effects of pharmacological therapy have to be taken into account.

Alexandra Kautzky-Willer, Heidemarie Abrahamian, Raimund Weitgasser, Peter Fasching, Fritz Hoppichler, Monika Lechleitner, Wiener klinische Wochenschrift S2/2016

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