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Prof. Dr. Thomas Wascher, Präsident der ÖDG
 
Diabetologie 10. Juni 2014

Der schwere Zuckerrucksack

ÖDG-Präsident Prof. Dr. Thomas Wascher über Bewegungsbox, Ernährungsbox und das schlechte Image der Diabetespatienten.

Der klassische Diabetespatient geht nicht gern ins Fitness-Center, aber die Bewegungsbox der Österreichischen Diabetesgesellschaft ÖDG findet durchaus Anklang. Analog dazu soll nun eine Ernährungsbox entwickelt werden.

In 15 bis 20 Jahren werden rund eine Million Österreicher an Diabetes leiden, die Stoffwechselkrankheit ist damit sowohl eine gesundheitspolitische Herausforderung als auch ein bedeutendes gesellschaftspolitisches Thema. Die Österreichische Diabetesgesellschaft (ÖDG) stellt sich den neuen Herausforderungen: Sie möchte in Zukunft patientenorientierter werden, gleichzeitig aber auch traditionelle Kerngebiete wie die Diabetesforschung beibehalten, erklärt ÖDG-Präsident Prof. Dr. Thomas C. Wascher, Leiter des Fachbereichs Diabetes und Stoffwechsel am Wiener Hanuschkrankenhaus.

Herr Prof. Wascher, welche Projekte stehen gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit bei der ÖDG?

Wascher: Wir haben vor eineinhalb Jahren die ‚Bewegungsbox‘ ins Leben gerufen, eine Initiative, die das Thema Lebensstiländerung mehr in den Fokus rücken und Patienten und auch Nichtpatienten dazu motivieren soll, Bewegung in ihren Alltag einzubauen. In der Box enthalten sind beispielsweise ein Schrittzähler und eine Bewegungstagebuch, damit man seine körperliche Aktivität besser protokollieren kann, sowie kurze Übungen auf einer DVD. Die Box ist für alle Menschen gedacht, die prinzipiell darüber aufgeklärt sind, dass sie sich mehr bewegen sollten, aber nicht wissen, wie sie den inneren Schweinehund überwinden können. Der klassische Diabetiker geht eben nicht ins Fitnesscenter; Sportvereine haben sicher viele Angebote für chronisch Kranke, doch sie sind nicht jedermanns Sache: Manche mögen diese ‚Vereinsmeierei‘ nicht und trainieren lieber alleine oder mit Partner. Das gilt übrigens nicht nur für Diabetiker.

Von wem kam denn die Anregung für diese Initiative?

Wascher: Eigentlich von den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Der Grundtenor, der uns mitgeteilt wurde, lautete: „Die Fortbildung ist ja sehr gut und schön, wir wissen, dass mehr Bewegung sinnvoll ist, aber wir haben nichts, was wir den Patienten hier konkret zur Hilfe anbieten können.“ Das Feedback zur Bewegungsbox ist sehr positiv: Wir haben bis jetzt sicher mehr als 2.000 Stück davon zum Selbstkostenpreis verkauft, und mittlerweile hat beispielsweise auch die SVA die Box für die eigenen Versicherten auslizenziert und an rund 10.000 Menschen ausgegeben.

Als Folgeprojekt planen wir übrigens die ‚Ernährungsbox‘, die gleichermaßen Menschen für die bessere Ernährung motivieren soll; ohne direkte Supervision, sozusagen in Eigenüberwachung.

Diese Projekte wenden sich ja an Erwachsene – wie sieht die Aufklärung für Kinder aus?

Wascher: Für Kinder unterstützen wir seit Jahren sehr gut laufende Kindercamps, in denen sie in spielerischer Atmosphäre über ihre Erkrankung aufgeklärt werden. Das Angebot an Plätzen ist allerdings eingeschränkt, daher kann nur eine Minderheit der kleinen Patienten an dieser Aufklärungswoche teilnehmen; und viele Eltern können sich diesen Aufenthalt auch überhaupt nicht leisten. Es ist hier generell zu kritisieren, dass es in Österreich überhaupt keine Rehabilitationseinrichtungen für chronische kranke Kinder gibt, egal, an welcher Krankheit sie leiden. In Wahrheit ist dies natürlich eine Aufgabe für die Gesundheitspolitik, hier besteht sicher noch viel Handlungsbedarf. Wir haben eine sehr gute Versorgung von kindlichen Diabetespatienten, aber keine vernünftige Rehabilitation – dabei ist sie ein Schlüsselfaktor in der Betreuung. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Inzidenz des Typ-1-Diabetes europaweit und damit auch in Österreich steigt und noch steigen wird.

Welches Thema sehen Sie denn persönlich als Wichtigstes Ihrer Präsidentschaft?

Wascher: In den eineinhalb Jahren, die mir noch als Präsident bleiben, möchte ich vor allem das Thema des Diabetes als ernst zu nehmendes Gesundheitsthema zementieren, also die Krankheit so ernst vorstellen, wie sie ist. Denn derzeit wird Diabetes sowohl gesundheitspolitisch als auch gesellschaftspolitisch stark vernachlässigt.

Wir haben momentan etwa 600.000 Diabetiker in Österreich, in 15 Jahren werden es zwischen 800.000 und einer Million sein; bekanntermaßen kann bei solchen Vorhersagen meist von der schlimmeren Zahl ausgehen. Das heißt aber schon rein statistisch, dass die Krankheit uns alle angeht! Denn wir sind entweder selbst betroffen, oder ein naher Verwandter ist erkrankt; und die unglaubliche Belastung der Gesundheitssysteme tragen wir alle als Steuerzahler. Wir sind gemeinsam für diesen finanziellen Rucksack verantwortlich.

Ich denke, dass die negative Besetzung der Krankheit hier ein großes Problem darstellt, vor allem im Vergleich zu anderen Krankheiten. Plakativ verglichen: Vor einem Karzinom fürchtet sich jeder, ein Krebspatient gilt als armer Mensch. Der Herzinfarkt wiederum ist ohnehin so etwas wie der Orden des Leistungsträgers und zumindest gesellschaftlich durchaus positiv besetzt: Wer einen erleidet, hatte eben viel Stress, hat hart gearbeitet. Der Diabetiker hingegen ist der faule Vielfraß, der halt weniger essen und sich mehr bewegen hätte sollen, dann wäre er nicht erkrankt. Wir haben hier die falsche Besetzung der Krankheit, hier ist noch viel Aufklärung erforderlich. Wir starten zum Beispiel im Herbst eine große Kampagne, die nicht an die Ärzteschaft, sondern an die Bevölkerung und die Gesundheitspolitik gerichtet ist, da wir denken, dass sich in diesem Bereich am meisten bewegen muss.

Gilt das auch für die ÖDG?

Wascher: Ja, natürlich. Nicht nur ich, der gesamte Vorstand ist davon überzeugt, dass wir uns ändern müssen weg von einer rein wissenschaftlichen Fachgesellschaft, deren Hauptaufgabe die Ärztefortbildung war, hin zu einer Position als Kernkompetenz für Diabetes in Österreich, deren Hauptaufgabe die Sicherstellung der bestmöglichen Versorgung unserer Patienten ist. Andere ‚Baustellen‘ sind der wissenschaftliche Teil der Gesellschaft, der ja in gleicher Qualität erhalten bleiben soll, eine vermehrte Öffentlichkeitsarbeit und mehr Patientenservice. In drei bis vier Jahren können wir dann quantifizieren, wie viel wir davon erreicht haben.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt.

Aufgaben der ÖDG

• Mittlerin zwischen Fachkräften und Patienten

• Organisation von Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte, Berater und Diätologen

• Förderung der Diabetesforschung in Österreich

• Erstellung von Behandlungsleitlinien

• aktive Öffentlichkeitsarbeit

Projektförderung

• Pilotprojekt zur türkischsprachigen Schulung für Gestationsdiabetikerinnen am Wilhelminenspital: Das Projekt soll als Muster und Vorbild für Wien-weite und österreichweite Aktivitäten dienen und wurde 2011 mit dem Gesundheitspreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Österreichisches Insulinpumpenregister: Mit Hilfe des Pumpenregisters sollen die Patientendaten aller mit Insulinpumpen behandelten Patienten in Österreich gesammelt und weiter verfolgt werden (www.insulinpumpen-register.at).

DKA-Präventionskampagne: Die ÖDG startete 2009 eine nationale Plakatkampagne zur Prävention der diabetischen Ketoazidose bei Erstmanifestation bei Kindern und Jugendlichen und machte dabei vermehrt auf die Symptome der Erstmanifestation eines Diabetes mellitus Typ 1 aufmerksam (vermehrtes Trinken, Harnlassen, Gewichtsverlust).

Register für Gestationsdiabetes: In Österreich ist weder die Anzahl betroffener Frauen bekannt noch die Anzahl der Frauen, die auch nach der Entbindung eine dauerhafte Zuckerstoffwechselstörung aufweisen, noch die kindlichen Komplikationsraten. Mithilfe des Registers soll die aktuelle Situation in Österreich erhoben und mit anderen Ländern verglichen werden.

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 24/2014

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