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Innere Medizin 24. Juni 2016

Gefährliche Entzündung. Nebenwirkung: Kortisonangst?

Ist  die  Kortisonangst  die  gefährlichste  Nebenwirkung  dieser  Substanzgruppe? Und was tut man dagegen? Ein guter Grund für einen Rundruf  bei unterschiedlichen ärztlichen Disziplinen.

Prof. Dr. Heinz Rameis, Österr.  ARGE für klinische Pharmakologie:
„Die Angst vor Kortison ist noch immer  der therapeutische Normalfall. Nur 6  %  der  Neurodermitis-Patienten  haben   keine  Bedenken,  bei  Gonarthrosen   wird  zuweilen  sogar  die  Entzündung   negiert,  um  die  antiinflammatorische   Therapie  zu  vermeiden.  Asthmatiker   vergessen  oft  ihre  Inhalationen,  wenn   sie   vorübergehend   beschwerdefrei    sind.
Deutsche  Publikationen  zeigen,   dass  Kortikoide  insbesondere  dann  abgelehnt werden, wenn die medizinische  Beratung  z.   B.  vom  Heilpraktiker  oder  Homöopathen  kommt.  Die   Angst  vor  der  Therapie  verschwindet  eher,  wenn  die  Symptomatik  als  schwerwiegend  oder  dramatisch  erlebt  wird.  Viele  Patienten  lassen  sich   vom  Arzt  überzeugen,  wenn  dieser   die  Zeit  für  ein  intensives  Gespräch   aufwenden kann.

Eurostat  führt  eine  Pharmakovigilanz-Statistik der Zahl der gemeldeten Nebenwirkungen in der EU. Die Unterschiede zwischen den Substanzen sind  aufschlussreich (Tab.  1 ) .“    Die von der Eurostat dokumentierte Zahl  der  Nebenwirkungen  spricht  dafür, dass die Ärzte mit Substanzen wie  Triamcinolon  (Handelsname  Volon®)   gut umgehen können. Interessant  erscheint  der  Beitrag   von  Prof.  Dr.  Thomas  Berger,  der  in   Innsbruck   MS-Patienten   behandelt    und  dabei  auf  Adhärenz  setzt.  Dieses   Prinzip  will  mehr  als  Compliance.  Adhärenz  beschreibt  das  Einverständnis   des  Patienten,  die  mit  dem  Arzt  gemeinsam  vereinbarte  Therapieempfehlung  nach  besten  Möglichkeiten   einzuhalten.
„Sehr geehrte Redaktion, danke für  die Anfrage. Ich muss aber sagen, dass  ich für meinen Bereich, in dem Kortison  nach  dem  Motto  „kurz  und  hoch“  verabreicht wird, eigentlich – solange ich  mich zurückerinnere – mit keinen speziellen Ängsten (und schon gar keinen  „ausgerissenen“ Ängsten) konfrontiert  gewesen bin ...“

Tab1_rheuma_Kortison

Prim. Dr. Michael Häfner,  Gastroenterologe:
„Wir  verordnen  Kortison  sehr  häufig   bei  entzündlichen  Darmerkrankungen.   Methylprednisolon macht natürlich Nebenwirkungen.  Deswegen  sind  wir  daran interessiert dieses möglichst kurz zu  geben  und  auch  nur,  wenn  es  wirklich   indiziert  ist.  Die  Nebenwirkungen  sind   dosisabhängig:  Unruhe,  Schlafstörungen. Bei langfristiger Gabe: Osteoporose,  Stoffwechselstörungen,  Zuckerentgleisungen.  Aber  bei  uns,  als  Medikament   für  entzündliche  Darmerkrankungen,   wird  es  nur  kurzfristig  gegeben.  Da  haben wir vor den langfristigen Nebenwir - kungen wenig Angst und die kurzfristigen müssen wir in Kauf nehmen. Wenn  man  die  Patienten  über  die  potentiellen Nebenwirkungen aufklärt  und  ihnen  auch  einen  Zeitplan  gibt,   dann ist das in der Praxis kein Problem.  Natürlich  gibt  es  immer  die  Frage  der   Compliance.“ 

Die Chefärztin des Fonds  Soziales Wien, Dr. Angelika  Rosenberger-Spitzy denkt  vor allem an Prävention:  
„Ohne Krafttraining jede Woche gibt es  kein gesundes Altern.“

Der Rheumatologe  Dr. Attila Dunky:  
„Kortisonangst ist keine Nebenwirkung.  Wer  ins  Internet  geht,  der  liest   dort  schaurige  Sachen,  das  ist  richtig.   Wenn  die  Patienten  beispielsweise   hören, dass der Knochen bricht, dann  wächst die Angst. Sinnvoll  angewendet,  in  der  richtigen  Dosierung,  ist  Kortison  auch  absolut  notwendig  und  sogar  lebensnotwendig. Bei Schockzuständen und  Ähnlichem  komme  ich  ohne  Kortison   gar nicht aus.  
Ich kläre ab, warum und woher der  Patient  diese  Angst  hat.  Hat  er  früher  Kortison  genommen?  Dann  versuche   ich,  ihn  aufzuklären:  Eine  Arthrose  ist   eine  Entzündung  im  Gelenk  und  die   schreitet  langsam  fort  oder  besteht.   Dieser  Patient  braucht  keine  Kortison-Dauermedikation.  Er  kommt  mit   einer  Kortisonspritze  ins  Gelenk  gut   aus,  aber  das  ist  keine  Dauermedikation. Bei der intraartikulären Injektion  wirkt  das  Glukokortikoid  hauptsächlich lokal! Eine   unbehandelte   Entzündung    zerstört  immer  Gewebe;  bei  der  Arthrose schmilzt durch die Entzündung  allmählich der Knorpel dahin. Da muss  man  diese  Entzündung  ruhig  stellen,   damit die Gonarthrose nicht mehr voranschreitet. Der Patient muss aber bei  der Therapie mitarbeiten. Wenn er anatomische Fehlstellungen hat und dann  immer  noch  auf  dem  Asphalt  joggen   geht,  kann  ich  ihn  nicht  suffizient  behandeln. Ein  großer  Nutzen  liegt  in  der  Prä- vention.  Da  baue  ich  mit  geeignetem   Krafttraining die Muskulatur auf, stabilisiere das Gelenk. Die Arthrose ist das  Resultat einer chronischen Überbelastung – bei Leistungssportlern schon in  relativ jungen Jahren. Früher hat man gesagt,  Arthrose  ist  eine  Abnützung.   Heute  weiß  man,  dass  die  Arthrose  im  Kniegelenk  oder  in  der  Schulter   eine begrenzte Entzündung ist, die ich  rechtzeitig behandeln kann.  Die Arthrose ist keine Folge des aufrechten menschlichen Ganges, die haben Tiere auch. Vor Jahren habe ich Untersuchungen bei Hasen gemacht. Wir  haben  die  Hasen  einfach  in  der  Trommel laufen lassen, um die Wirkung der Dauerbelastung auf das Kniegelenk zu  untersuchen.  Die  Hasen  haben  auch   Gonarthrosen  entwickelt.  Das  Kniegelenk  der  Hasen  hat  sich  sogar  sehr   schnell abgenützt.“

Otto Spranger ist Manager  der Selbsthilfegruppe  „Österreichische Lungenunion“ 
 „Es  scheint  in  die  Köpfe  der  Bevölkerung  eingebrannt  zu  sein,  dass  Kortison  etwas  sehr  sehr  Bedenkliches  ist   und die Frage ist nun, wie man dieses  Denken wieder aus den Menschen hinaus bekommt. Viele Patienten wissen  fast nichts über ihre Lunge, über Asthma  oder  ihre  Medikamente.  Wir  machen auch Aufklärungs-Workshops bei  Jugendlichen  über  die  Gefahren  des   Rauchens.  Da  habe  ich  in  einer  Neuen  Mittelschule  gefragt,  wo  denn  die   Lunge ist? Viele waren ahnungslos, ein  Schüler deutete auf seinen Kehlkopf.  Wenn  man  den  Asthma-Patienten   dagegen erklärt, dass ihre Erkrankung  dazu  führt,  dass  etwa  15   m 2  Lungen- epithel  chronisch  glosend  entzündet   sind,  steigt  das  Verlangen  nach  wirksamen  Arzneimitteln.  Bei  Hypertonie   und  den  Fettstoffwechselstörungen   dürfte  die  Compliance  bei  50   %  liegen. Bei Asthma, das die Patienten nur  beim  akuten  Anfall  spüren,  schätze   ich  die  Compliance  bloß  auf  20–30   %.   Doch durch gute Schulung könnte die  Compliance wahrscheinlich verdoppelt  werden. Nach der Diagnose wäre der nächste Schritt eine Art Reha-Zentrum, welches dem Patienten in wenigen Tagen  die Ursache und den Mechanismus der  Erkrankung näher bringt, z.  B. wie eine  Lunge  im  Normalfall  funktioniert  und   wie sie bei Asthma oder COPD arbeitet.  Außerdem  könnte  man  dort  den  Patienten  im  richtigen  Umgang  mit  den   Medikamenten, wie z.  B. dem Inhalator  beim Asthma, schulen. Die Asthmatiker  und COPD-Patienten sollten auch wissen, dass die Kortisondosen in der heutigen inhalativen Therapie im Vergleich  zu  früher  geradezu  Micky-Maus-artig   gering sind.“

Abb1_rheuma 2_Kortison

Abb. 1  Das linke Bild zeigt eine Abnützung des Kniegelenks bei einer Fehlstellung. Das rechte  Bild macht ein Knochenmarksödem sichtbar. Bevor es zur Abnützung kommt, entsteht eine „Schwellung“ des Knochens. Weil der Knochen keine Nerven hat, spürt der Patient das nicht

Bericht: Toman Rom und  Simon Wiedemann

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