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Innere Medizin 17. Juni 2015

Spenderidentifikation, Todesfeststellung, Spendermanagement, Organspende

Organtransplantationen stellen oftmals den einzige kurativen Therapieansatz bei verschiedenen terminalen Organinsuffizienzen dar. Längst sind diese Transplantationen zu chirurgischen Routineeingriffen geworden. Allein in Österreich wurden im Jahr 2014 über 800 Transplantationen durchgeführt. Trotzdem gelingt es auf Grund des Mangels an Spenderorganen nicht alle Patienten auf den Wartelisten für eine Transplantation rechtzeitig mit einem passenden Organ zu versorgen. Neben der Fähigkeit zur Identifikation eines potentiellen Spenders gehören auch Kenntnisse über Hirntoddiagnostik, intensivmedizinische Betreuung eines Organspenders bis hin zu organisatorischen Aspekten zum Rüstzeug jedes Notfall- und Intensivmediziners. In diesem Artikel werden neben den rechtlichen Grundlagen, Indikationen und Kontraindikationen zur Organspende erläutert. Es wird auf die Todesfeststellung bei erhaltenem und bei erloschenem Kreislauf eingegangen und es werden die Grundlagen der Spenderkonditionierung auf der Intensivstation beschrieben. Schließlich werden die organisatorischen Maßnahmen bei der Realisierung einer Organspende und den darauf folgenden Transplantationen erläutert.

Hintergrund

Organtransplantationen sind nicht nur lebensrettend, sie stellen meist auch den einzig kurativen Therapieansatz bei terminalen Erkrankungen verschiedenster Ätiologien dar. In Österreich wurden im Jahr 2014 insgesamt 813 Transplantationen durchgeführt (Tab.  1 ) [ 1 ]. Hiervon wurden lediglich 77 (9,5 %) Transplantationen mit Organen von lebenden Spendern bewerkstelligt, der Großteil der Organspenden stammte von toten Spendern.

Obwohl Österreich mit einer Spenderrate von 24,3 Spender pro Millionen Einwohner im Jahr 2014 im Vergleich zu den meisten anderen Mitgliedsstaaten des Verbundes Eurotransplant International Foundation (Leiden) ein überdurchschnittliches Organangebot aufweist, ist die Wartelistenmortalität immer noch inakzeptabel hoch [ 2 ]. Zu Beginn des Jahres 2015 befanden sich in Österreich 921 Menschen auf den Wartelisten für eine Organtransplantation [ 2 ].

Es ist daher von essenzieller Bedeutung, dass jeder mit der Akutversorgung oder mit der Intensivtherapie von kritisch kranken Patienten befasste Mediziner über die grundlegenden Kenntnisse zur Identifikation, Abklärung und Konditionierung potenzieller Organspender verfügt. Nur so kann sichergestellt werden, dass keines der potenziell verfügbaren Organe verloren geht und die so dringend erwarteten Transplantationen zeitgerecht durchgeführt werden können.

Identifikation potenzieller Organspender

Eine Organentnahme zum Zwecke einer Transplantation ist in Österreich nach dem Organtransplantationsgesetz (OTPG, 2012) erlaubt, wenn der Tod eines Menschen zweifelsfrei festgestellt wurde und der Verstorbene zu Lebzeiten keinen Widerspruch gegen eine Organentnahme kundgetan hat.

OTPG § 5 [ 1 ] Es ist zulässig, Verstorbenen einzelne Organe, Organteile oder Gewebe zu entnehmen, um durch eine Transplantation andere Menschen zu retten oder deren Gesundheit wiederherzustellen. Die Organentnahme ist nur dann nicht gestattet, wenn den Ärzten eine Erklärung vorliegt, mit der der Verstorbene noch zu Lebzeiten eine Organspende ausdrücklich abgelehnt hat.

OTPG § 5 [ 2 ] Die Entnahme darf erst durchgeführt werden, wenn ein zur selbstständigen Berufsausübung berechtigter Arzt den eingetretenen Tod festgestellt hat …

Daher ist jeder verstorbene Patient oder jeder Patient, bei dem der in Kürze eintretende Tod trotz Ausschöpfung aller medizinischen Maßnahmen nicht abwendbar ist, prinzipiell als potenzieller Organspender zu werten.

Eine Organspende ist nur dann nicht möglich, wenn ein Widerspruch des Verstorbenen gegen die Organspende bekannt ist oder wenn medizinische Kontraindikationen gegen eine Organspende vorliegen. So wird bei jedem potenziellen Organspender vor einer Explantation das Vorliegen eines Widerspruches sowie die Möglichkeit des Vorhandenseins einer medizinischen Kontraindikation sorgfältig geprüft.

Durch die großen Erfolge der Transplantationsmedizin auf der einen Seite und der mit dem stetig steigenden Durchschnittsalter der Organspender assoziierten Komorbiditäten auf der anderen Seite entstand in den vergangenen Jahren eine zunehmende Liberalisierung der Spenderkriterien. Neben den idealen Spendern und den „standard criteria donors“ wurde begonnen, auch sogenannte „extended criteria donors“ für die Organspende zu akzeptieren. So werden Organspender bis zu einem Lebensalter von 90 Jahren oder auch Spender mit akuten oder chronischen Organinsuffizienzen regelmäßig für mögliche Spenden evaluiert. Durch dieses Vorgehen ist es möglich, den Pool an verfügbaren Organen deutlich zu vergrößern und bei akzeptablen Ergebnissen nach Transplantation die Mortalität auf den Wartelisten zu senken [ 3 – 5 ].

Medizinische Kontraindikationen zur Organspende sind [ 6 ]:

  • metastasierendes Karzinom in der Anamnese,
  • unkontrollierte Sepsis,
  • schwer oder nicht behandelbare Infektionskrankheiten (Rabies, JC-Virus, Creutzfeld-Jakob-Krankheit etc.).

Keine medizinischen Kontraindikationen zur Organspende sind [ 7 ]:

  • behandelbare Infektionskrankheiten,
  • Fieber,
  • Hepatitiden (A–C),
  • HIV,
  • Zustand nach Reanimation/Asphyxie,
  • Organinsuffizienzen (Niere, Leber, Lunge, Herz),
  • Katecholamintherapie.

Auch das Vorliegen des Verdachtes auf eine nicht natürliche Todesursache des potenziellen Spenders ist kein Hinderungsgrund, eine Organspende durchzuführen (Erlass des BM für Justiz, 2014) [ 8 ]. Die Möglichkeit, durch die Organspende einen oder mehrere Menschenleben zu retten, darf nicht durch die gerichtsmedizinische Diagnostik behindert werden.

Todesfeststellung

Wie durch den § 5 des OTPG geregelt, muss jeder Organentnahme von einem Verstorbenen eine zweifelsfreie Todesdiagnose vorangehen. Der Individualtod eines Menschen ist durch das irreversible Erlöschen aller Hirnfunktionen definiert [ 9 ]. Dieser unwiederbringliche Funktionsausfall des Gehirns kann entweder als Folge eines fortbestehenden Kreislaufstillstands oder aber bei erhaltenem Kreislauf eintreten.

Tritt der Tod bei erhaltenem Kreislauf ein, so spricht man von einem heart beating donor (HBD) und die Durchführung der sogenannten Hirntoddiagnostik ist zur Todesfeststellung erforderlich [ 10 ]. Diese Form der Organspende stellt die überwiegende Mehrheit der toten Organspender dar.

Geht das Gehirn infolge eines irreversiblen Kreislaufstillstands zugrunde und eine Organspende wird durchgeführt, so spricht man von einem non heart beating donor (NHBD).

Heart beating donation (HBD)

Liegt bei einem Patienten der Verdacht auf eine Zerstörung sämtlicher Abschnitte des Gehirns bei gleichzeitig erhaltenem Kreislauf vor, so kann der Tod dieses Menschen nur mittels Durchführung einer Hirntoddiagnostik festgestellt werden. Empfehlungen zur Durchführung der Hirntoddiagnostik in Österreich wurden vom Obersten Sanitätsrat (OSR) zuletzt im Oktober 2013 publiziert [ 11 ].

Voraussetzung zur Durchführung der Hirntoddiagnostik ist zunächst der Ausschluss sämtlicher die Diagnostik beeinflussender Faktoren (Tab.  2 ).

Ein besonderes Augenmerk wird auf das Vorliegen einer Medikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Opiate, Benzodiazepine, Barbiturate), die im Rahmen der Notfall- oder Intensivtherapie angewendet werden, gelegt. Erst nach Abklingen oder Aufhebung der Wirkung dieser Medikamente ist die Durchführung der Hirntoddiagnostik statthaft.

Die Durchführung der Hirntoddiagnostik obliegt einem Arzt, der entsprechende Erfahrung in der Beurteilung der Hirnstammreflexe sowie der Beurteilung der apparativ erhobenen Befunde besitzt. In aller Regel sind dies Neurologen, die gegebenenfalls durch Anästhesisten oder Intensivmediziner unterstützt werden können. Um einen möglichen Interessenkonflikt zu vermeiden, ist hierbei wichtig, dass jene Ärzte, die die Todesfeststellung durchführen, nicht gleichzeitig in die Abläufe der Organspende und Transplantation eingebunden sind.

Die Hirntoddiagnostik wird in vier Schritten durchgeführt. Als Erstes müssen die Voraussetzungen für sowie die Kontraindikationen gegen die Durchführung der Diagnostik überprüft werden.

Dann erfolgt eine klinisch-neurologische Untersuchung mit Überprüfung des Vorliegens eines Komas (GCS 3), einer schlaffen Tetraplegie sowie Fehlen sämtlicher Hirnstammreflexe (Tab.  3 ). Als Drittes wird eine ergänzende apparative Untersuchung durchgeführt. Dies ist entweder eine 30-minütige isoelektrische Elektroenzephalographie (EEG), eine neurosonographische Diagnostik mittels Transkranieller Dopplersonographie (TCD) beziehungsweise farbkodierter Duplexsonographie (FDS) oder eine Computertomographie-Angiographie (CTA) zum Nachweis eines zerebralen Zirkulationsstillstandes. Unabhängig von der angewandten Technik muss exakt nach den in den Empfehlungen des OSR beschriebenen Protokollen vorgegangen werden.

Als Letztes erfolgt eine Wiederholung der klinisch-neurologischen Untersuchung inklusive der Durchführung des Apnoe-Tests. Erst wenn alle vier Schritte der Diagnostik im Sinne des Vorliegens des Hirntods befundet wurden und dies entsprechend dokumentiert ist, wird der Tod des Patienten festgestellt.

Non heart beating donation (NHBD)

Verstirbt ein Patient durch Untergang des Gehirns infolge eines systemischen Kreislaufstillstands so steht nicht die neurologische Diagnostik im Vordergrund, sondern der zweifelsfreie Nachweis des Kreislaufstillstands, der als unvermeidliche Konsequenz die irreversible Zerstörung aller Abschnitte des Gehirns nach sich zieht.

Auch für diesen Fall der Todesfeststellung bei beabsichtigter Organentnahme hat der Oberste Sanitätsrat in Zusammenarbeit mit dem Verband der intensivmedizinischen Gesellschaften Österreichs (FASIM) im Oktober 2013 eine Handlungsempfehlung verabschiedet [ 12 ].

Der Tod nach Kreislaufstillstand darf bei geplanter Organentnahme nur bei Vorliegen einer Körpertemperatur des verstorbenen Patienten von mindestens 34,0° Celsius durch zwei zur selbstständigen Berufsausübung berechtigte Ärzte festgestellt werden. Der Nachweis des Kreislaufstillstandes erfolgt entweder durch ein kontinuierliches invasives Messverfahren des systemisch-arteriellen Blutdrucks oder durch den echokardiographischen Nachweis des fehlenden Öffnens der Aortenklappe. Der Kreislaufstillstand muss insgesamt zehn Minuten beobachtet werden. In dieser Zeit (sog. „no–touch–period“) dürfen weder Reanimationsmaßnahmen noch andere Manipulationen an dem verstorbenen Patienten durchgeführt werden. Am Ende der zehnminütigen Beobachtungsphase wird von den beiden anwesenden Ärzten eine klinische Untersuchung durchgeführt (Tab.  4 ) und der Tod des Patienten protokolliert.

Bei den „non heart beating donors“ werden vier verschiedene Gruppen nach der Maastricht Klassifikation unterschieden (Tab.  5 ) [ 13 ].

In Österreich sowie international spielen vor allem die Organspender der Maastricht-Kategorien II und III die größte Rolle. Wenn auch in einigen Ländern die Zahl der NHBD-Spender in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat, so ist die Anzahl der Organspender nach Kreislaufstillstand in Österreich seit vielen Jahren sehr gering.

Spendermanagement

Neben der Hirntoddiagnostik stellt die medizinische und pflegerische Betreuung und Überwachung der potenziellen Organspender eine besondere Herausforderung dar.

Neben den oft emotional belastenden Situationen, die bei der Diagnose des Hirntods entstehen, gilt es, den potenziellen Organspender oft mit nicht unerheblichem Aufwand in einem stabilen Zustand zu erhalten.

Denn nicht nur die pathophysiologischen Auswirkungen des Hirntods können zu starken Schwankungen von Kreislauf, Metabolik und Elektrolythaushalt führen, die sorgfältige Beachtung und Einhaltung der verschiedenen physiologischen Grenzwerte der Labor- und Vitalparameter (Tab.  6 ) kann ganz entscheidend für die spätere Funktion der transplantierten Organe und damit für die Gesundheit und das Leben der potenziellen Transplantatempfänger sein [ 14 ].

Kardiovaskuläres System

Im Rahmen des Hirntods kann es zunächst zu einer plötzlichen Ausschüttung von Katecholaminen kommen, die zu Tachykardie, Arrhythmie und Hypertension führt (sog. Katecholaminsturm). Diese überschießende Aktivierung des sympathischen vegetativen Systems kann im Extremfall zu myokardialen Ischämien und somit nicht nur zur Schädigung des Herzens, sondern auch zu nachfolgender hämodynamischer Instabilität des Organspenders führen. Beim Auftreten dieser Symptomatik sollte daher der Einsatz von kurzwirksamen Antihypertensiva und Betablockern erwogen werden.

Nach Abklingen der Sympathikusaktivität findet man regelmäßig eine teilweise sehr ausgeprägte Vasodilatation, die durch eine meist koinzident auftretende Hypovolämie noch aggraviert wird. Die dadurch entstehende Hypotension sollte in erster Linie durch Volumengabe korrigiert werden. Bei persistierender Hypotension nach Ausgleich des Volumendefizits ist der Einsatz von α-mimetischen Substanzen (z. B. Norepinephrin) indiziert. Bei Verdacht auf eine reduzierte kardiale Pumpleistung als Ursache für die hämodynamische Instabilität ist selbstverständlich auch die Gabe von positiv inotrop wirksamen Medikamenten möglich [ 15 ].

Sollte bei ausreichender myokardialer Pumpleistung nach Ersatz eines eventuell vorliegenden Volumendefizites und dem Einsatz von α-mimetischen Substanzen keine Stabilisierung der Kreislaufsituation erreicht werden, ist die Applikation von Hydrokortison sowie gegebenenfalls von Vasopressin indiziert.

Um eine möglichst adäquate Therapie von Kreislaufinstabilitäten zu ermöglichen, ist oftmals ein invasives hämodynamisches Monitoring notwendig. Dieses kann neben der invasiven Messung des arteriellen Blutdrucks und des zentralen Venendrucks (ZVD) auch den Einsatz eines erweiterten Monitorings (pulmonalarterieller Katheter, Pulskontouranalyse oder Echokardiographie) umfassen.

Respiratorisches System

Bei der Beatmung potenzieller Organspender ist neben der Aufrechterhaltung einer ausreichenden Gewebeoxygenierung und CO2-Elimination die Beachtung der Grundsätze der lungenprotektiven Ventilation zu empfehlen. Neben der Vermeidung von Schädigungen der Lunge durch Hyperoxie und hohe Beatmungsdrücke ist auch die Vermeidung von Atelektasenbildung und möglichen konsekutiven Infektionen ein Ziel des Spendermanagements. Wie bei anderen Intensivpatienten gehört die regelmäßige Kontrolle der Blutgase, die konsequent durchgeführte Bronchialtoilette, das tägliche Röntgenbild sowie der Ausschluss beziehungsweise die Therapie von Pneumothoracies, Ergüssen und Infiltraten zur Routine der Konditionierung von Organspendern.

Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt

Um ein prärenales Nierenversagen zu verhindern und um das Auftreten von Hypovolämien zu vermeiden, muss der Flüssigkeitssubstitution während der Hirntoddiagnostik und der Realisierung einer Organspende ein besonderes Augenmerk geschenkt werden. Neben der durch die generalisierte Vasoplegie entstehenden relativen Hypovolämie kommt es im Rahmen des meist bestehenden Diabetes insipidus in Folge der Ausscheidung großer Harnmengen auch zu einer absoluten Hypovolämie. Die Volumensubstitution sollte mittels Zufuhr kristalloider und kolloidaler Flüssigkeiten unter Berücksichtigung der Harnmengen, des ZVD und der jeweiligen Kreislaufsituation erfolgen. Die im Rahmen des Diabetes insipidus zu beobachtende Hypernatriämie kann durch die Zufuhr von natriumarmen Lösungen sowie durch die Gabe von Desmopressin (1,0 bis 4,0 µg i.v alle 4–8 h) behandelt werden [ 16 ]. Die konsequente Vermeidung von Hypernatriämien (Serumnatrium > 150 mmol/l) ist essenziell für eine spätere gute Funktion der transplantierten Organe.

Wärmehaushalt

Bedingt durch den Funktionsausfall des gesamten Gehirns erlischt auch die physiologische Regelung der Körpertemperatur. Im Rahmen des Hirntods kann es zu Temperaturanstiegen kommen, die aber regelhaft von einem Absinken der Körperkerntemperatur gefolgt werden. Daher ist die Überwachung und gegebenenfalls der Ausgleich von Temperaturschwankungen obligat [ 15 ].

Infektiologie

Auch wenn der Untergang des Gehirns der Grund für einen Anstieg der Infektparameter (z. B. CRP, Leukozytenzahl etc.) sein kann [ 17 ], sollte beim Vorliegen von erhöhten Infektparametern oder sonstigen Hinweisen auf eine mögliche Infektion eine empirische antiinfektive Therapie begonnen werden. Diese kann beispielsweise mit einem Cephalosporin der dritten Generation durchgeführt werden. Sollten spezifische Infektionshinweise oder bereits ein mikrobiologischer Pathogennachweis vorliegen, ist selbstverständlich eine gezielte antiinfektive Therapie indiziert. Der Nachweis einer behandelbaren Infektion des potenziellen Organspenders stellt keine Kontraindikation zur Explantation dar. Selbst Septikämien oder Infektionen des ZNS stellen nach Identifikation des Pathogens und bei Vorliegen einer guten Behandlungsmöglichkeit keine Kontraindikation zur Organentnahme dar. Lediglich bei unkontrollierter Sepsis ohne Nachweis des Erregers oder bei schlecht behandelbaren Erkrankungen des ZNS (z. B. Rabies, JC-Virus, Creutzfeld-Jakob-Krankheit etc.) muss von einer Entnahme und Transplantation der Organe Abstand genommen werden. Über die Transplantationszentren in Österreich kann im Zweifelsfall jederzeit Auskunft eingeholt werden, ob das Vorliegen einer Infektionskrankheit eine Kontraindikation zur Realisierung der Organspende darstellt. Neben dem internationalen Austausch der Transplantationsorganisationen zu diesen Fragen stehen auch Empfehlungen des European Directorate for the Quality of Medicines & HealthCare of the Council of Europe (EDQM) bezüglich der Sicherheit der geplanten Organtransplantationen zur Verfügung.

Endokrines System

Auch wenn sich die Substitution von Hydrokortison während der Konditionierung eines potenziellen Organspenders weitgehend durchgesetzt hat, bleibt der Einsatz von Trijodthyronin zur Behandlung eines T3-Mangels im Rahmen des Hirntodsyndroms als Rescue-Medikation konventionell nicht zu stabilisierenden potenziellen Organspendern vorbehalten.

Sehr wohl sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Blutzuckerspiegel wie auch der pH-Wert des potenziellen Spenders auch nach Abschluss der Hirntoddiagnostik bis zur Explantation in den physiologischen Grenzen gehalten werden.

Blut und Gerinnung

Kommt es während der Konditionierung zu Blutverlusten, die einen Hämoglobinabfall auf Werte unter 7 g/dl verursachen, muss dieser Blutverlust durch die Gabe von Erythrozytenkonzentraten ersetzt werden, um eine gute Gewebsoxygenierung aufrechtzuerhalten. Für die geplante Explantation sollten darüber hinaus je nach aktuellem Hämoglobinwert drei bis fünf Erythrozytenkonzentrate bereitgestellt werden.

Während der Durchführung der Hirntoddiagnostik und der anschließenden Zeit bis zur Explantation ist eine milde Antikoagulation als Thromboseprophylaxe indiziert. Liegt dagegen eine Koagulopathie und gleichzeitig eine Blutungsneigung vor, ist diese je nach zugrundeliegender Ursache mittels Substitution von Thrombozytenkonzentraten und/oder gerinnungsaktiven Präparaten zu therapieren [ 15 ].

Meldung des potenziellen Organspenders und Realisierung der Organspende

Parallel zur medizinischen und pflegerischen Versorgung und Überwachung sind auch diagnostische und organisatorische Maßnahmen bei der Betreuung von potenziellen Organspendern unerlässlich.

Um die Entscheidung treffen zu können, welche Organe eines Spenders für eine Transplantation geeignet sind und um den Schutz der Organempfänger zu maximieren, benötigt das zuständige Transplantationszentrum neben allgemeinen demografischen Daten auch weitere Befunde und Angaben zum potenziellen Organspender (Tab.  7 ). Gelegentlich können jedoch nicht alle gewünschten Details erhoben werden. Dann liegt es nach einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung im Ermessen der Transplantationszentren, ob ein Organ für eine Transplantation akzeptiert wird.

In jedem Fall werden Angaben zur Todesursache und zur Krankengeschichte des Verstorbenen erhoben. Auch eine umfassende Labordiagnostik aus dem Blut des Spenders ist neben bildgebenden Verfahren obligat. Eine erweiterte Diagnostik zur Beurteilung der Organqualität, dem Ausschluss von Malignomen oder der Identifikation von infektiösen Pathogenen wird je nach Bedarf und Verfügbarkeit indiziert. So kann neben der Durchführung einer Koronarangiographie auch eine histopathologische Schnellschnittdiagnostik von Gewebeproben oder auch eine Liquoruntersuchung indiziert sein.

Um eine Realisierung der Organspende ohne unnötige Zeitverluste zu bewerkstelligen, empfiehlt es sich, bei dem Verdacht auf ein Hirntodsyndrom schon vor Beginn der Hirntoddiagnostik mit dem zuständigen Transplantationszentrum Kontakt aufzunehmen. Dadurch können Kontraindikationen gegen die Realisierung einer Organspende (Vorliegen eines Widerspruchs, mangelnde Organqualität, Vorliegen eines Malignoms etc.) frühzeitig erkannt und unnötiger personeller und finanzieller Aufwand vermieden werden. Andererseits steht das Transplantationszentrum jederzeit beratend zur Verfügung und kann bei der Organisation der Hirntoddiagnostik, der Konditionierung des potenziellen Organspenders und der Realisierung der Explantation beratend und unterstützend wirken. Auch die weiterführende Labordiagnostik (HLA-Typisierung, Infektionsserologie usw.) wird vom Labor des Transplantationszentrums übernommen.

Erst wenn die Hirntoddiagnostik abgeschlossen, das Gespräch mit den Angehörigen des Verstorbenen bezüglich der geplanten Organentnahme durchgeführt und die notwendige Diagnostik komplettiert ist, wird der potenzielle Organspender durch das Koordinationsteam des jeweiligen Transplantationszentrums an die Vermittlungsstelle von Eurotransplant gemeldet. Diese entscheidet über die Zuteilung der Organe an die jeweiligen Empfänger oder Transplantationszentren. Anschließend kann ein Zeitplan für die Explantation, die Transporte der Transplantationsteams und Organe sowie für die Implantationen festgelegt werden. Gleichzeitig müssen die ausgewählten Organempfänger in die Transplantationskliniken einberufen und für die Transplantation vorbereitet werden.

Nach Abstimmung aller dieser Faktoren wird der endgültige Zeitplan für die Explantation dem betreuenden Team des Organspenders mitgeteilt, damit dieses die Vorbereitungen zum Transport des Spenders in den Operationssaal treffen kann. Die medizinische Betreuung des Spenders während der Explantation wird in aller Regel von einem Anästhesisten und Mitarbeitern der Krankenpflege des Spenderkrankenhauses durchgeführt.

Nach Abschluss der Explantation und Durchführung der Transplantationen werden vom zuständigen Transplantationszentrum Informationen über den Verlauf der Transplantationen und den Zustand der Organempfänger eingeholt. Diese Informationen werden dem ärztlichen und nicht ärztlichen Personal, die bei der Diagnostik und Konditionierung des Organspenders sowie bei der Realisierung der Organentnahme mitgewirkt haben, in anonymisierter Form zugänglich gemacht.

Dies ist eine wesentliche Maßnahme, um den betroffenen Mitarbeitern der jeweiligen Intensivstationen die Sinnhaftigkeit der Organspende und den Wert ihres persönlichen Einsatzes, der durch die räumliche Entkoppelung von Explantation und Transplantation nicht augenscheinlich ist, zu verdeutlichen.

Denn durch jede einzelne Organspende können terminale Erkrankungen geheilt und Leben gerettet werden!

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Eschertzhuber gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

Literatur

  1. Eurotransplant Anually Statistics (2014) Eurotransplant International Foundation, 2301 CH Leiden, The Netherlands.www.eurotransplant.orghttp://www.eurotransplant.org"/>
  2. Transplant Jahresbericht 2014 des Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheit,Gesundheit Österreich GmbH, Stubenring 6, 1010 Wien, Österreich
  3. Sommer W et al (2013) Extended criteria donor lungs and clinical outcome: results of an alternative allocation algorithm. J Heart Lung Transplant 32(11):1065–1072
  4. Ortiz J et al (2013) Satisfactory outcomes with usage of extended criteria donor (ECD) kidneys in re-transplant recipients. Ann Transplant 18:285–292
  5. Mittler J et al (2008) The utility of extended criteria donor organs in severely ill liver transplant recipients. Transplantation 86(7):895–896
  6. Leitfaden „Kriterien für die Organspende 2014“ des Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH, Stubenring 6, 1010 Wien, Österreich
  7. Guide to the quality and safety of organs for transplantation, 5. Aufl., European Directorate for the Quality of Medicines & HealthCare (EDQM) Council of Europe, 7 allée Kastner CS 30026, F-67081 Strasbourg, Frankreich, 2013, ISBN 978-92-871-7638-7
  8. „Organentnahme bei Verdacht auf eine gerichtlich strafbare Handlung“, BMJS425.005/0005-IV 3/2014, Wien, Österreich, September 2014
  9. Truog RD, Robinson WM (2003) Role of brain death and the dead-donor rule in the ethics of organ transplantation. Crit Care Med 31(9):2391–2396
  10. Wijdicks EF et al (2010) Evidence-based guideline update: determining brain death in adults: report of the Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology 74(23):1911–1918
  11. Empfehlungen zur Durchführung der Hirntoddiagnostik bei einer geplanten Organentnahme, Entsprechend dem Beschluss des Obersten Sanitätsrates vom 16. November 2013, Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH, Stubenring 6, 1010 Wien, Österreich
  12. Empfehlungen zur Durchführung der Todesfeststellung bei einer geplanten Organentnahme nach Hirntod durch Kreislaufstillstand, Entsprechend dem Beschluss des Obersten Sanitätsrates vom 16. November 2013, Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH, Stubenring 6, 1010 Wien, Österreich
  13. Kootstra G et al (1995) Categories of non-heart-beating donors. Transplant Proc 27(5):2893–2894
  14. Wood KE et al (2004) Care of the potential organ donor. N Engl J Med 351(26):2730–2739
  15. McKeown DW et al (2012) Management of the heartbeating brain-dead organ donor. Br J Anaesth 108(Suppl 1):i96–107
  16. Wright WL (2012) Sodium and fluid management in acute brain injury. Curr Neurol Neurosci Rep 12(4):466–473
  17. Kainz A et al (2010) Steroid pretreatment of organ donors to prevent postischemic renal allograft failure: a randomized, controlled trial. Ann Intern Med 153(4):222–230

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