zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 28. Juli 2014

Harnsäure muss bei Gicht dauerhaft unter den Zielwert

Gicht ist die häufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung. Die Folgen ähneln jenen bei Rheumatoider Arthritis. Das betrifft nicht nur die Gelenke, sondern auch das Herz-Kreislaufsystem.

Die Prävalenz der symptomatischen Hyperurikämie (Gicht) liegt in Deutschland bei 1,4%, in den USA bereits bei fast 4%. Gründe sind die demografische Entwicklung: Durch das steigende Alter steigt auch die Zahl von Patienten mit Niereninsuffizienz, Arthrosen und Diuretika-Einnahme. Hinzu kommen metabolisches Syndrom und Lebensstilfaktoren (Zhu et al., Arth Rheum 2011; 63: 3136). „Gicht ist die häufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung“, sagte Prof. Dr. Monika Reuss-Borst, Rheumatologin der Rehaklinik am Kurpark in Bad Kissingen.

Erste Manifestation

Die Erstmanifestation einer Gicht ist noch immer der akute Anfall, wobei das Großzehengrundgelenk nur bei jedem zweiten Patienten betroffen ist. Bei der anderen Hälfte betrifft der Anfall das Knie- oder das Sprunggelenk, so Reuss-Borst. Besonderheiten gebe es bei Frauen und alten Patienten. Bei Frauen manifestiert sich eine symptomatische Hyperurikämie zehn Jahre später als bei Männern. Der Grund: Östrogene fördern die Harnsäureausscheidung über die Niere, die Gicht betrifft Frauen daher meist erst nach der Menopause. Häufig manifestiert sich eine Gicht bei Frauen als polyartikuläre Arthritis, die kleinen Fingergelenke können beteiligt sein, oft liegen Komorbiditäten vor. „Die Gicht-Manifestation bei Frauen steht häufig in zeitlichem Zusammenhang mit der Neuverordnung von Diuretika“, so die Rheumatologin.
Auch bei alten Patienten mit Gicht-Erstmanifestation ist ein polyartikulärer Befall zu beobachten. Oft sind Gelenke der oberen Extremität involviert. „Das Krankheitsgeschehen ist weniger akut und weniger schwer verlaufend“, so Reuss-Borst. „Die typischen Gichtanfälle gibt es bei alten Patienten meist nicht mehr.“ Dafür sei die Bildung von Tophi häufiger und auch frühzeitiger zu beobachten.

Folgen der Erkrankung

„Gicht ist eine chronisch progredient verlaufende Erkrankung“, erinnerte Reuss-Borst. Nach dem ersten Gichtanfall gibt es ein anfallsfreies Intervall, dann kommt der nächste Anfall und weitere folgen. Der Harnsäurepool steigt kontinuierlich, das kardiovaskuläre Risiko nimmt zu.

>> Bei Frauen manifestiert sich eine symptomatische Hyper­ urikämie zehn Jahre später als bei Männern.

Die Folgen der Gicht entsprechen jenen bei Rheumatoider Arthritis. Wobei die Symptome auch extraartikulär auftreten. Eine Tophusbildung könne auch an Sehnen und Knorpel erfolgen. Als Beispiel zeigte Reuss-Borst eine Patientin mit Gicht-Perlen am Ohr. Auch Bursitiden können ein Gicht-Symptom sein. Eine Indikation zur medikamentösen Therapie besteht nach US-Leitlinien bei rezidivierenden Gicht-Attacken, bei chronischer Gicht-Arthritis, bei Tophusbildung oder bei Niereninsuffizienz ab Stadium 2 und Gichtanfällen in der Anamnese und bestehender Hyperurikämie (Arthritis Care & Research 2012; 64:1431).

Treat to Target

Die Rationale des Zielwerts von unter 6 mg/dl sei nicht willkürlich gewählt, sondern ergebe sich aus dem Sättigungspunkt der Harnsäure. Dieser liegt bei 37°C bei 6,4 mg/dl. Oberhalb dieses Wertes fällt die Harnsäure aus, es bilden sich Kristalle. „Daher gilt auch bei symptomatischer Hyperurikämie das Treat-to-Target-Prinzip“, so die Rheumatologin. Wird das Ziel, das Target, erreicht, ist eine klinische Remission, ja sogar Heilung möglich. Und werde der Wert von 6mg/dl dem Patienten erklärt und gemeinsam als Zielwert festgelegt, fördere das auch Therapieadhärenz. Dabei sei die harnsäuresenkende Therapie immer eine Dauertherapie. „Welches Präparat eingesetzt wird, ist unwichtig, entscheidend ist der Zielwert“, so Reuss-Borst. Wird dieser erreicht, werden auch die Gelenke wieder kristallfrei, Tophi bilden sich zurück. Weiterer Effekt der konsequenten Therapie: Auch das kardiovaskuläre Risiko sinkt wieder.

Bericht: Dr. Michael Hubert, Springer Medizin

Quelle: Symposium „Therapeutischer Zielwert und Risiken der Symptomatischen Hyperurikämie“, DGIM-Kongress, 25. April 2014, Wiesbaden, Veranstalter: Berlin-Chemie

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben