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© picture-alliance / Heiko Wolfrau
Gewohntes Bild: Mütter über 40.
 

Zu schonend, um wahr zu sein?

Gynäkologe Wilfried Feichtinger fand einen Weg, befruchtete Eizellen auf ihre Überlebenschancen, Erbkrankheiten und andere genetische Schäden zu untersuchen, ohne den Embryo anzurühren. Die Reaktionen sind abwartend.

Dem Wiener IVF-Experten ist es gelungen, eine Präimplantationsdiagnostik allein aus der Kulturflüssigkeit, in der die Blastozyste aufbewahrt wird, durchzuführen. Der Anstoß dazu kam von einem italienischen Biologen.

Der Wiener In-vitro-Fertilisationsexperte Prof. Wilfried Feichtinger könnte mit seinem Team eine fast sensationell klingende Möglichkeit für die Präimplantationsdiagnostik (PID) entdeckt haben. Vor Kurzem gelang es, eine solche Diagnostik allein aus der Kulturflüssigkeit durchzuführen, in der eine Blastozyste, das Entwicklungsstadium ab dem vierten Tag nach der Befruchtung, aufbewahrt wurde.

„Vielleicht könnte man in Zukunft eine Präimplantationsdiagnostik ausschließlich aus der Nährlösung machen, ohne den Embryo überhaupt anzurühren. Nach der Reform des Fortpflanzungsmedizingesetzes dürfen wir ja eine PID aus Blastozysten durchführen“, sagt Feichtinger. Dazu müsse eine Biopsie vorgenommen werden, um zumindest eine Zelle zu gewinnen. Das sei bereits ein Eingriff.

Feichtinger war 1981 einer jener Gynäkologen an der Wiener Universitätsklinik im AKH, die erstmals in Österreich eine In-vitro-Fertilisations-Behandlung erfolgreich durchführt haben.

Der Zufall führte Regie

Der Ablauf, der zur Entdeckung einer möglicherweise neuen Methode für eine PID bei IVF-Therapien führen könnte, führte, war so nicht geplant. Die Sache spielte sich im „Wunschbaby Institut, kurz „WIF“ (www.wunschbaby.at), von Wilfried Feichtinger ab. „Im Zuge ihrer IVF-Behandlung habe eine Patientin eine Polkörperdiagnostik zur genetischen Abklärung Ihrer Eizelle, eine gesetzlich erlaubte PID-Variante. „Normalerweise bekommen wir die Ergebnisse binnen zwei bis drei Tagen. Es lag aber das Wochenende dazwischen“, erklärt der Gynäkologe. Während auf das Ergebnis der Polkörperdiagnostik gewartet wurde, entwickelte sich diese Eizelle zur sogenannten „Blastozyste“.

Das Ergebnis der Polkörperdiagnostik, bei der seit rund zehn Jahren nicht-invasiv zumindest das genetische Material der Mutter analysiert werden kann, habe mehrere genetische Veränderungen ergeben, erläutert Feichtinger: eine Monosomie am Chromosom 12 und eine Trisomie am Chromosom 21. Ein Embryotransfer hätte wegen der Anomalie auf dem Chromosom 12 nicht stattfinden können, weil der Embryo nicht überlebensfähig gewesen wäre. Feichtinger: „Bei einer Tagung vor wenigen Monaten in Südtirol hat ein Biologie erzählt, dass er vermute, man könnte genetisches Material in der Kulturflüssigkeit finden, in der befruchtete Eizellen aufbewahrt werden. Wir haben das jetzt einfach ausprobiert.“

Zur Überraschung aller ließ sich genetisches Material aus der Nährlösung extrahieren und vervielfältigen. Damit wurde eine genetische Untersuchung möglich. „Wir erhielten dasselbe Ergebnis wie aus den Polkörpern, womit der Beweis erbracht war, dass eine komplette und korrekte Chromosomenanalyse sogar aus dem Kulturmedium möglich ist.“ Damit ist klar, dass Zellen oder auch nur genetisches Material aus der Blastozyste in das Nährmedium gelangen. Aber wie? Erklärung: „Bei der künstlichen Befruchtung und beim Manipulieren der befruchteten Eizelle können Löcher in der Hülle der Eizelle entstehen.“ Durch die DNA austreten könne. Diese hätte gegenüber jenem von Polkörperchen den Vorteil, nicht nur die mütterliche Erbsubstanz zu enthalten. Der Gynäkologe will überprüfen, ob sich das Ergebnis bei weiteren IVF-Patientinnen reproduzieren lässt. Andreas Obruca vom Kinderwunschzentrum meinte, dass sich die gesicherte Reproduzierbarkeit erst erweisen müsse.

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