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Abb.1: In einer französischen Studie rangierte der Haarverlust auf der Liste der Nebenwirkungen einer Chemotherapie an zweiter Stelle
 
Dermatologie 21. September 2016

Was Krebspatientinnen hilft, die Zeit ohne Haare zu überstehen

Die Alopezie als Nebenwirkung einer Chemotherapie wird von vielen Frauen als Alptraum empfunden.  Um den Schock beim einsetzenden Haarausfall abzumildern, ist es wichtig, im Vorfeld so genau wie möglich  über die Abläufe aufzuklären und den Betroffenen mit praktischen Tipps zur Seite zu stehen.

Trotz  aller  Fortschritte  in  der   Behandlung  toxischer  Nebenwirkungen  einer  Chemotherapie  bleibt  der   Haarausfall  ein  schwer  zu  lösendes  Problem.  Was  der  Verlust  der  Haare  für  den  Betroffenen  bedeuten  kann,   lässt  sich  ermessen,  wenn  man  einschlägige  Studien  betrachtet:  In einer französischen Studie von Nadège  Carelle  und  Kollegen  rangierte  der   Haarverlust  auf  der  Liste  der  Nebenwirkungen  einer  Chemotherapie  an   zweiter Stelle vor der Fatigue (an erster Stelle stand die Belastung, die die Therapie für Familie oder Partner darstellt; Abb.  1 ) [ 1 ].  

» Manche an Brustkrebs erkrankten  Frauen würden sogar so weit gehen,  weniger wirksame Therapien zu wählen oder sich gar nicht behandeln  zu lassen, nur um ihre Haare zu  behalten

Manche   an   Brustkrebs   erkrankten    Frauen  würden  sogar  so  weit  gehen,   weniger  wirksame  Therapien  zu  wählen  oder  sich  gar  nicht  behandeln  zu   lassen, nur um ihre Haare zu behalten  [ 2 ]. Nach einer Untersuchung von Diane Batchelor trifft der Haarverlust gerade  Frauen  [ 3 ]: Haare  gehören  in  unserer Gesellschaft zur Weiblichkeit. Wer  kahl wird, so die verbreitete Meinung,  verliere an Attraktivität und Individualität;  der  haarlose  Kopf  werde  zudem   mit  Krankheit,  Alter  und  Tod  assoziiert.  Darüber  hinaus  symbolisiere  der  unfreiwillige  Verlust  des  Haupthaares  soziokulturell gesehen den Verlust der  eigenen  Persönlichkeit,  Herabwürdigung und Statusverlust.  Vor diesem Hintergrund erstaunt es  nicht, wenn Patientinnen angesichts oft büschelweise  ausfallender  Haare  die  Fassung verlieren. Selbst Mediziner sind  in  dieser  Situation  nicht  vor  emotionalen Reaktionen gefeit: „Mental hatte ich  mich auf den wahrscheinlichen Haarverlust eingestellt“, berichtet die an einem Ovarialkarzinom  erkrankte  Ärztin  Vicky  Clement-Jones  über  ihre  Erfahrungen   nach der Chemotherapie. „Als die Haare dann wirklich ausgingen, stellte mich  das vor praktische Probleme, von denen  ich zuvor nichts geahnt hatte. Zwei Wochen lang war ich fast jeden Morgen in Tränen aufgelöst, während ich die Haarbüschel vom Bett auflas.“ [4]  

Signifikanter Stressor

Auf  einen  weiteren  wichtigen  Aspekt   im  Zusammenhang  mit  chemotherapieinduzierter  Alopezie  (CIA)  weisen   Paul  J.  Hesketh  und  Kollegen  hin:  die   Gefahr,  dass  Patienten  ein  negatives   Körperbild entwickeln, dass ihr Selbstbewusstsein  leidet  und  damit  auch   die  Lebensqualität  [ 2 ].  Wenngleich  die Sexualität in dieser Situation meist  nicht im Vordergrund steht, sorgen sich  doch immerhin 13  % der Patienten, sie könnten  wegen  der  Haarlosigkeit,  die  ja  auch  den  Intimbereich  betrifft,  von   ihrem Partner zurückgewiesen werden. Hesketh und Kollegen bezeichnen die  Alopezie  denn  auch  als  „signifikanten  psychosozialen Stressor“.   

Aufklärung hilft  

Nach  einer  Arbeit  von  Jane  Williams   und  Kollegen  sind  es  die  folgenden  Themen, die Frauen in puncto CIA beschäftigen [ 5 ]:

  • die Vorbereitung auf den Haarverlust
  • das Erlebnis des Haarverlusts selbst
  • die veränderte Wahrnehmung  der eigenen Person
  • der Versuch, normal auszusehen  
  • an die Krankheit erinnert werden
  • Witze über die Alopezie machen
  • die Erfahrung, kahl zu sein, mit  anderen teilen 5 Perückenprobleme
  • die Situation in den Griff  bekommen
  • die Erfahrung, dass die Haare  nachwachsen  

Nach  Diane  Batchelor  scheint  sich  die   Bewertung  des  Haarverlusts  im  Laufe   der  Behandlung  oftmals  zu  relativieren.  Sie  zitiert  Daten,  nach  denen  vor   Therapiebeginn 58  % der Patienten den  Haarverlust als den gravierendsten Nebeneffekt der Chemotherapie bewertet  hatten, während das zum Ende der Behandlung nur noch 21,7  % taten. In verschiedenen  Studien  kommen  die  Forscher zu dem Schluss, dass die Alopezie  besser  toleriert  wird,  wenn  im  Vorfeld   eine  ausführliche  Aufklärung  stattgefunden  hat.  Durch  das  mit  der  Aufklärung  verbundene  bessere  Verständnis   auf  Patientenseite  könnte  emotionalem Stress, Ängsten und Depressionen  zudem  besser  entgegengewirkt  werden, so Hesketh und Kollegen.

Wie kommt es zum Haarverlust?  

Grundsätzlich bewirken nicht alle Chemotherapeutika  im  gleichen  Maße   eine  Alopezie.  Die  Literaturangaben   zu  gängigen  Medikamenten  und  der   jeweiligen Stärke der zu erwartenden Alopezie  variieren  stark  (Tab.  1 ).  Auch Art der Verabreichung, Dosis und  Therapieregime spielen eine Rolle. Einige Medikamente wie Fludarabin, Estramustin, Lomustin und Cladribin verursachen gar keinen Haarverlust.

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» Die Alopezie beschränkt sich nicht  nur auf den Kopf. Auch Schamhaare,  Achselhaare und Gesichtshaare fallen  aus

Vor  Therapiebeginn  sollten  Ärzte  die   Patienten darüber aufklären, wie groß  das  Risiko  bei  ihrem  Behandlungsregime ist, die Haare zu verlieren, und  warum dies geschieht. Der Grund, warum  eine  Chemotherapie  überhaupt   zur  Alopezie  führt,  ist,  dass  die  Zellen  der Haarfollikel durch die antineoplastischen  Substanzen  in  ihrer  Proliferation  und  Differenzierung  gestört  werden.  Zytostatika  führen  nicht  nur  bei  Tumorzellen,  sondern  auch  bei  den  Haarwurzelzellen zur Apoptose.  Da  die  Therapie  vor  allem  auf  solche  Zellen  abzielt,  die sich  rasch  teilen, sind die Zellen der Haarmatrix, die  sich in der Wachstumsphase (anagene  Phase)  befinden,  besonders  stark  betroffen.  Etwa  85   %  aller  Haare  befinden  sich  gleichzeitig  in  einer  solchen   Phase schnellen Wachstums, in der sie besonders  angreifbar  sind.  Alopezie  kann aber auch das Resultat einer Verengung  des Haarfollikeldurchmessers  sein. Dies führt zu einer Verengung des  Haarschafts, wodurch das Haar an der  entsprechenden Stelle abbricht.

Wie geht der Haarausfall  vonstatten?  

Die  Alopezie  beschränkt  sich  nicht   nur  auf  den  Kopf.  Auch  Schamhaare,   Achselhaare  und  Gesichtshaare  fallen   aus.  Die  Patienten  sollten  darüber  informiert werden, ebenso darüber, wie  der Haarverlust vonstattengeht. In der  Regel beginnt er sieben bis zehn Tage  nach  Beginn  der  Chemotherapie,  und  zwar  zunächst  im  Scheitelbereich  sowie seitlich über den Ohren. Dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass  der  Kopf  im  Liegen  oder  Sitzen  am   Bettzeug  oder  an  Kissen  reibt  oder  dass  Mützen  oder  andere  Kopfbedeckungen  getragen  werden,  die  ebenfalls eine Reibung ausüben.  

» Durch fehlende Wimpern ist das  Auge viel stärker dem Licht ausgesetzt  als vorher; daher wird den Patienten  geraten, an hellen Tagen eine  Sonnenbrille zu tragen

Die Haare fallen spontan aus oder gehen  beim Kämmen oder Frottieren verloren.  Am ausgeprägtesten ist die Alopezie innerhalb der ersten beiden Monate der  Therapie oder auch in den zwei bis drei  Wochen nach Therapiebeendigung. Insgesamt  dauert  es  in  der  Regel  drei  bis  sechs Monate, bis der Kopf wieder vollständig von Haaren bedeckt ist.

Tipps für den Umgang mit dem  Haarverlust  

Wenn die Patienten diese vorhersehbaren Abläufe kennen, können sie besser  damit  umgehen.  Um  Haarbüschel  im   Bett  zu  vermeiden,  kann  z.   B.  ein  Haarnetz  getragen  werden.  Ein  Kissen  mit   einem  Seidenbezug  kann  Reibung  reduzieren.  Kämme  mit  großem  Zinken - abstand  oder  weiche  Bürsten  sind  zu   bevorzugen, damit nicht unnötig Haare ausgerissen werden (Abb.  2 ). Frauen  mit langen Haaren sollten dazu ermutigt werden, sich vor Beginn der Chemotherapie einen Kurzhaarschnitt zuzulegen,  damit  der  Übergang  weniger  drastisch   ausfällt.  Tägliches  Haarewaschen  sollten die Patienten vermeiden.

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Abb 2.: Kämme mit großem Zinkenabstand oder weiche Bürsten sind zu bevorzugen, damit nicht unnötig Haare ausgerissen werden
(c) SZE FEI WONG/iStock/Thinkstock

 

» Die nachwachsenden Haare sehen  bei etwa 65  % der Betroffenen anders  aus als vor der Chemotherapie

Verschiedene  Autoren  raten,  nur  alle   vier  bis  sieben  Tage  die  Haare  zu  waschen  und  dabei  ein  proteinreiches  Shampoo zu verwenden. Danach sollten die Haare mit lauwarmem Wasser gespült werden und an der Luft trocknen.  Renate  Haidinger,  selbst  im  Jahr  2000 an Brustkrebs erkrankt und heute  1.  Vorsitzende  des  deutschen  Vereins   Brustkrebs  e.  V.,  empfiehlt,  die  Haare   in jedem Fall bei den ersten Anzeichen  des  Ausfalls  komplett  abzurasieren:  „Sonst haben Sie die Haare überall, am  Boden, im Bett, im Essen.“ Diese für die Patientin schwer zu verkraftende Phase sollte so kurz wie möglich andauern.  

Perücke vor der Chemotherapie  aussuchen  

Zu den am häufigsten genutzten Stretegien, um den Verlust des Haupthaars  zu  kompensieren,  gehört  die  Perücke.   Experten  raten,  diese  auszusuchen,   so  lange  die  eigenen  Haare  noch  vorhanden sind; so kann man das Haarteil  in Farbe, Textur und Stil am besten an den natürlichen Zustand anpassen. Für  Frauen mit langen Haaren besteht die  Möglichkeit,  sich  eine  Perücke  aus  Eigenhaar  anfertigen  zu  lassen.  Haidinger  empfiehlt  allerdings  eine  Kunsthaarperücke:   Diese   sei   wesentlich   pflegeleichter.  Nicht  wenige  Frauen  lehnen  allerdings eine Perücke ab, z.  B. weil die Kopfhaut juckt oder sie darunter schwitzen.  Kopftücher oder Hüte, evtl. auch kombiniert,  kommen  in  solchen  Fällen  als   Alternativen infrage. Dabei bieten größere  Perückenstudios  oft  auch  Bindetechniken für das Kopftuch an.  

Wichtig: die Kopfhaut pflegen!  

Der  haarlose  Kopf  bedarf  besonderer   Schutzmaßnahmen;  auch  darauf  sollte man die Patienten aufmerksam machen.  Empfehlenswerte  Maßnahmen   sind:  

  • zu starke Sonnenexposition  vermeiden
  • Sonnenschutz verwenden
  • den Kopf vor Kälte schützen

Hautirritationen lassen sich mit Cremes  oder  Babyöl  vorbeugen;  Vitamin-A-  oder -D-haltige  Salben  sind  hilfreich   bei  Juckreiz.  Oft  vernachlässigt  wird   der   Augenschutz:   Durch   fehlende   Wimpern ist das Auge viel stärker dem  Licht ausgesetzt als vorher; daher wird den Patienten geraten, an hellen Tagen  eine Sonnenbrille zu tragen.  

Wenn die Haare wieder sprießen  

Wie Diane Batchelor betont, sehen die  nachwachsenden Haare bei etwa 65  %  der Betroffenen anders aus als vor der Chemotherapie.  Bei  einigen  sind  die   Haare  danach  grau,  was  die  Betroffenen  gealtert  aussehen  lässt.  Die  Haare können aber auch dunkler werden.  Etwa bei jeder dritten Patientin veränderte  sich  in  einer  Studie  die  Struktur   der  Haare.  Oft  sind  Letztere  dann  gewellt;  sie  können  aber  auch  dünner   sein oder sich rauer anfühlen.  

Literatur   

1.  Carelle N et al (2002) Changing patient  perceptions of the side effects of cancer  chemotherapy. Cancer 95:155–163   

2.  Hesketh PJ et al (2004) Chemotherapy-in- duced alopecia: psychosocial impact and  therapeutic approaches. Support Care  Cancer 12:543–549   

3.  Batchelor D (2001) Hair and cancer chemo - therapy: consequences and nursing care –  a literature study.  Eur J Cancer Care 10:147-63   

4.  Faulder C (1985) A special gift. Michael  Joseph Ltd, Harmondsworth.   

5.  Williams J et al (1999) A narrative study of  chemotherapy-induced alopecia. Oncol Nurs  Forum 26:1463–1468 

Quelle: Dr. Elke Oberhofer, erschienen in: ästhetische dermatologie & kosmetologie  20168:5265  DOI: 10.1007/s12634- 016-5265-2

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