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Hautpflege nimmt im Alter einen höheren Stellenwert ein, weil die Widerstandskraft der Haut gegenüber äußeren Einflüssen herabgesetzt ist.
 
Dermatologie 23. März 2016

Falten auf der Haut lassen mitunter die Seele runzeln

Das Nachlassen der Hautfunktionen ist zwar nicht unmittelbar lebensbedrohlich, doch es kann das psychosoziale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen.

Hautalterung ist mit anatomischen und physiologischen Veränderungen assoziiert. Diese sind nicht pathologisch, doch die verminderte funktionale Kapazität der Haut erhöht die Anfälligkeit gegenüber Hauterkrankungen und Funktionsstörungen. Gleichzeitig sind die klinischen Ausprägungen von Hautveränderungen insbesondere bei Hochaltrigkeit sehr individuell.

Der Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung und die Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung, insbesondere in den Industrieländern, gehen mit einer Erhöhung der Morbidität einher. Epidemiologische Untersuchungen weisen regelmäßig auf hohe Prävalenzen von Mehrfacherkrankungen bei älteren und hochaltrigen Personen hin. Multimorbidität ist u. a. mit psychischen und funktionellen Einbußen assoziiert, woraus häufig Pflegebedürftigkeit entsteht.

Obwohl noch viele Details unbekannt sind, kann der intrinsische bzw. chronologische Alterungsprozess als kontinuierliche Veränderung aller anatomischen und physiologischen Strukturen und Prozesse über die Lebensspanne charakterisiert werden. Die additive Akkumulation von molekularen und zellulären Schäden, die zu einer Erschöpfung und Störung der Kapazität individueller Reparaturmechanismen führt, scheint eine wichtige Ursache des körperlichen Alterns und der erhöhten Krankheitsanfälligkeit dazustellen.

Graue Haare und Falten

Genau wie alle menschlichen Organsysteme ist auch die Haut von Alterungs- und Umbauprozessen betroffen. Graue Haare, unregelmäßige Pigmentierung und Falten stellen für jeden Menschen sichtbare äußerliche Zeichen des fortschreitenden Lebensalters dar.

Neben diesen mehr oder weniger ästhetischen Problemen begünstigen die anatomischen Veränderungen und v. a. die verminderte funktionale Kapazität der Haut und ihrer Anhangsgebilde (Haare, Talg und Schweißdrüsen) die Entwicklung zahlreicher Hauterkrankungen wie ausgeprägte Xerosis und Juckreiz, Tumoren oder Infektionen. Die Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung als Strategien in der gesellschaftlichen und individuellen Gesundheitsversorgung sind heute in der Gerontologie, Geriatrie und Pflege des betagten Menschen anerkannt. Wichtige Präventionsthemen im Alter sind

• der Erhalt und die Förderung von Mobilität und Aktivität,

• die Verbesserung der Ernährungssituation,

• die Förderung der psychischen Gesundheit.

Reaktionen der Haut

Im Allgemeinen wird zwischen der intrinsischen und extrinsischen Hautalterung unterschieden. Mit intrinsisch werden die natürlicherweise zu erwartenden Um- und Abbauprozesse über die Zeit, die im Wesentlichen genetisch bestimmt sind, bezeichnet.

Extrinsische Hautalterung umfasst die Reaktion der Haut auf die Einwirkung exogener Noxen wie UV-Licht, Rauchen oder Umweltschadstoffe. Beide Prozesse laufen jedoch nicht getrennt voneinander ab, sondern extrinsische Einflüsse kommen zu den intrinsischen Prozessen hinzu. Hautalterung betrifft alle Hautschichten und -funktionen und resultiert z. B. in der

• Reduktion der Stratum-corneum-Feuchtigkeit und der Sebum-Produktion,

• Verminderung des Lipid- und Filaggringehaltes,

• Verminderung der Proliferationsrate sowie der Störung der Differenzierung und Reparaturmechanismen der Basalzellen der Epidermis,

• Verdünnung der Epidermis und Dermis,

• Abflachung der dermalenepidermalen Junktionszone,

• verminderten qualitativen und quantitativen Kollagensynthese,

• Brüchigkeit elastischer Fasern und Verlust der Elastizität und Kontraktilität,

• Verringerung der Durchblutung,

• Abnahme der Sensibilität,

• Erhöhung des Hautoberflächen-pH-Wertes und

• Verminderung der Immunfunktion, die u. a. durch eine geringere Anzahl und der verminderten Funktion der Langerhans-Zellen, der Makrophagen und der Keratinozyten entsteht.

Aufgrund der gestörten Barrierefunktion und des erhöhten Hautoberflächen-pH-Wertes verändert sich auch die Enzymfunktion und die mikrobielle Flora der Hautoberfläche, was zu einer gesteigerten Infektanfälligkeit der Haut führen kann.

Diese Prozesse sind für sich genommen nicht pathologisch, doch sie erhöhen mit fortschreitendem Lebensalter das Risiko für die Entstehung klinisch relevanter Hautprobleme und Krankheiten. Die genannten primär altersassoziierten Veränderungen werden durch chronische Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Niereninsuffizienz) und funktionelle Einschränkungen (z. B. Inkontinenz, Immobilität) ggf. verstärkt.

Prävention durch Hautpflege

Prävention und Gesundheitsförderung im Alter zielen auf die Vermeidung von Krankheiten, Funktionseinbußen, Behinderung und Pflegebedürftigkeit sowie auf die Erhöhung persönlicher Ressourcen, der Widerstandsfähigkeit und auf die Sicherung und Förderung von Autonomie und Lebensqualität ab. Zwar weisen die Begriffe Prävention und Gesundheitsförderung überlappende Bedeutungsinhalte auf, doch sind sie konzeptuell verschieden. Während Prävention vornehmlich auf die Vermeidung von Krankheitsursachen und Krankheiten fokussiert, umfasst Gesundheitsförderung eher die allgemeine Stärkung der Ressourcen.

Übertragen auf das Phänomen der Hautalterung könnte präventive und hautgesundheitsfördernde Pflege als Interventionen bezeichnet werden, die die Barriere, Schutz- und Immunfunktionen und die funktionale Kapazität der Haut erhalten und fördern, um die individuelle Lebensqualität im Alter wieder herzustellen oder zu erhöhen. In der ästhetischen Dermatologie und angrenzenden Disziplinen spielt die Behandlung von v. a. extrinsisch verursachten Alterserscheinungen der Haut bzw. die Verzögerung des Auftretens von Falten, Pigmentierungsstörungen u. a. kosmetischen Problemen seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle.

Die Sehnsucht nach jugendlichem und schönem Aussehen lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen, doch der Massentrend zu Anti-Aging-Therapien scheint ein neuzeitliches Phänomen zu sein. Möglicherweise unter dem gesteigerten sozialen Druck, ein fortwährend junges Aussehen zu bewahren, steigt die Nachfrage nach hautverjüngenden Maßnahmen kontinuierlich an. Allein in Deutschland setzt die Kosmetikindustrie pro Jahr drei Milliarden Euro um. Im Bereich der ästhetischen Medizin werden pro Jahr fünf Milliarden Euro umgesetzt.

Im Kontext der Hautalterung ist jedoch seit einiger Zeit eine alternative Bewegung weg von Anti-Aging hin zur Prävention und Gesunderhaltung der Altershaut zu verzeichnen. Farage et al. fordern z. B.: „As the population ages, the care of aging skin must shift focus from cosmetic care to efforts to decrease morbidity in order to improve the quality of life …“. In Abgrenzung zur ästhetischen Dermatologie bezeichnet beispielsweise der Begriff Dermatokosmetik Pflege, Schutz, Wiederherstellung und Stärkung der Hautbarriere und Homöostase bei gesunder, gefährdeter und kranker Haut, obwohl das die Beeinflussung des Aussehens der Haut nicht ausschließt. Die Gesellschaft für Dermopharmazie e. V. geht davon aus, dass eine gezielte kosmetische Prävention „… neben der Verbesserung des persönlichen Lebensgefühls auch sozioökonomische Vorteile im Sinne der Vorbeugung krankhafter Hautveränderungen“ mit sich bringt.

Begriffe wie geriatrische Dermatologie oder Gerontodermatologie bezeichnen die Diagnose und das Management altersassoziierter dermatologischer Störungen und Erkrankungen mit einem explizitem Fokus auf Prävention. Bereits 1979 prägte Kligman den Begriff „cutaneous gerontology“. Trotz der vielfachen Verwendung der Begriffe Vorbeugung, Prävention und Förderung im Kontext der Hautalterung ist derzeit nicht genau geklärt, was damit genau gemeint ist, welche Interventionen zur präventiven Hautpflege im Alter gehören und was darüber bekannt ist.

Präventive Hautpflege

Basierend auf den genannten Begriffen lässt sich das Konzept der präventiven Hautpflege im Alter weiter präzisieren als Maßnahmen zur Reinigung und Pflege der Haut, welche der Gesunderhaltung dienen und die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von Hautstörungen und Krankheiten reduzieren. Diese Definition ist noch sehr allgemein, jedoch lenkt sie den Fokus auf hautgesundheitserhaltende Aktivitäten und schließt Interventionen aus, die zwar die Hautbeschaffenheit und das Aussehen verändern, jedoch ohne notwendigerweise einen bestimmten therapeutischen Mehrwert zu erzeugen (dekorative Kosmetik).

Trotz einer möglicherweise ungerechtfertigten Reduzierung der Komplexität lässt sich Prävention pragmatisch in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention klassifizieren. Diese Einteilung ist z. B. im Bereich der Berufsdermatosen etabliert.

Handlungsdruck im Alter

Im Kontext der Primärprävention liegt der Fokus auf der Vermeidung und Minderung von Risiken und Ursachen von Hautstörungen und Pathologien. Beispielsweise reduziert lebenslanger konsequenter Sonnenschutz das Risiko von Neubildungen. Das Vermeiden übermäßiger Körperhygiene und hautschädigender Seife reduziert das Risiko von Hauttrockenheit und Entzündungen. Hautkrebs-Screenings und die Verwendung von Lotionen und Cremes zum Ausgleich eines bereits diagnostizierbaren Feuchtigkeitsmangels der Haut gehören in den Bereich der Sekundärprävention. Adäquate Therapien zur Stabilisierung und Verhinderung von Verschlechterungen pathologischer Hautzustände gehören zum Bereich der Tertiärprävention. Trotz dieser Kategorisierung bestehen zwischen den drei Ebenen fließende Übergänge. Insbesondere bei der Betrachtung möglicher Settings und Akteure wird deutlich, dass sich präventive Hautpflege über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Der Handlungsdruck wird jedoch erst in den späteren Lebensphasen offensichtlich, wenn die hautgesundheitlichen Probleme einen immer größer werdenden Stellenwert einnehmen.

Die Verfügbarkeit empirischer Evidenz und evidenzbasierter Leitlinien, Empfehlungen oder Standards ist heterogen. So sind die Effektivität und Effizienz aller Maßnahmen zur Verringerung der Sonnenexposition und die Verwendung von UV-Schutz zur Vorbeugung von Hautkrebs unbestritten. Studienergebnisse weisen z. B. darauf hin, dass das Sonnenschutzverhalten (Primärprävention) und Selbstuntersuchungen für die Früherkennung von Melanomen (Sekundärprävention) durch gezielte Maßnahmen auch im höheren Lebensalter erfolgreich gesteigert werden können. Der schädliche Einfluss falscher Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel und Rauchen ist ebenfalls belegt. Somit bieten sich hier Interventionsansätze, um z. B. Diabetes mellitus bedingte Hautkomplikationen bis hin zur Amputation der unteren Gliedmaßen effektiv zu vermeiden.

Wissen ist lückenhaft

Andererseits ist das verfügbare Wissen im Bereich der Verwendung von Hautwasch- und Pflegeprodukten lückenhaft. Basierend auf aktuellen systematischen Übersichtsarbeiten gibt es z. B. keine Evidenz zur Prävention von Intertrigo, wir wissen wenig über effektive Maßnahmen zur Prävention der Inkontinenzassoziierten Dermatitis (IAD), der altersbedingten Hauttrockenheit oder über grundlegende primärpräventive Hautpflegestrategien im Alter.

Bis auf spezielle Gesundheitsprobleme (z. B. Management des diabetischen Fußes) gibt es keine formal entwickelten Leitlinien oder Empfehlungen zur allgemeinen Hautpflege im Alter. Auf der anderen Seite machen Hautpflegeinterventionen insbesondere in geriatrischen- und Langzeitpflegesettings einen großen Anteil der tagtäglichen praktischen Versorgung aus.

Probleme mit der Qualität

Wenige Studien deuten auf eine vergleichsweise hohe Versorgungsheterogenität im Bereich der Hautpflege in diesen Bereichen hin, was auf Qualitätsprobleme hindeuten kann. Gleichzeitig wird die Frage einer adäquaten Hautpflege in der Langzeitpflege intensiv diskutiert.

Im angloamerikanischen Raum wird bei der Anwendung von Pflegecremes und Salben implizit zwischen „therapeutic preparations“ und „therapeutic cosmetics“ unterschieden, wobei Letzteren kein therapeutischer Wert zugeschrieben wird. Ob dieser Unterschied zielführend ist, mag bezweifelt werden, doch es ist unübersehbar, dass die derzeitige Hautpflegpraxis im Alter eher von lokalen Möglichkeiten, Gegebenheiten und Vorlieben bestimmt wird als von verallgemeinerbarem Wissen. Das hat nicht zuletzt damit etwas zu tun, dass ältere Menschen in klinischen Studien systematisch unterrepräsentiert sind.

Individuelle Ausprägung

Im fortschreitenden Lebensalter kommt es zum Nachlassen von physischen und psychischen Funktionsfähigkeiten, welche jedoch insbesondere bei Hochaltrigkeit sehr heterogen ausgeprägt sind. Das gilt auch für die Funktionen der Haut: Die Widerstandskraft gegenüber äußeren Einflüssen ist herabgesetzt und es können krankhafte Veränderungen auftreten, wobei die Ausprägungen individuell verschieden sind. Im Vergleich zu anderen Gesundheitsproblemen ist das Nachlassen der Hautfunktionen nicht unmittelbar lebensbedrohlich, doch es kann das psychosoziale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen und die Wahrscheinlichkeit des Eintretens geriatrischer Dermatosen und Komplikationen erhöhen.

Es ist belegt, das Wasch- und Pflegeprodukte und die Art der Anwendung Wirkungen in der Physiologie der Haut entfalten. Inwiefern diese Wirkungen beim alternden Menschen gesundheitsfördernd oder primär präventiv wirken oder möglicherweise sogar schädlich sind, ist kaum bekannt.

Es ist vorstellbar, dass prophylaktische Hautanwendungen die nachlassende Hautbarriere, zum Beispiel durch die Beeinflussung des pH-Wertes oder der Mikroflora erhöhen, und somit die gesteigerte Vulnerabilität und Infektionsanfälligkeit kompensiert werden kann. Es ist möglich, dass die längerfristige topische Applikation von Antioxidanzien das Karzinomrisiko senkt. In jedem Fall wären aussagekräftige Langzeitstudien notwendig, um Faktoren und kausale Beziehungen zu identifizieren, die die Hautgesundheit primär präventiv beeinflussen können. Aufgrund der klinischen Problematik genießt die sekundäre präventive Hautpflege zurzeit mehr Aufmerksamkeit, doch auch hier wissen wir mehr über die Therapie altersassoziierter Hautprobleme als über deren Prävention. Hohes Lebensalter, chronische Krankheiten, Multimorbidität, Immobilität und Inkontinenz führen zu vulnerablen Hautzuständen und ein präventives Potenzial adäquater Hautpflege scheint sehr wahrscheinlich. Nicht zu unterschätzen ist der teilweise hohe Grad an Resilienz im Alter, welcher möglicherweise auch im Hautpflegekontext eine Ressource darstellt, die es auszuschöpfen gilt.

PD Dr. Jan Kottner ist an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Clinical Research Center for Hair and Skin Science, Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig.

Die gesammelten Literaturhinweise zu diesem Artikel finden Sie unter www.springermedizin.at

J. Kottner, A. Lichterfeld, U. Blume-Peytavi, A. Kuhlmeyer, Ärzte Woche 12/2016

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