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Dermatologie 12. Februar 2016

Unerkannte oder versteckte Erkrankungen brauchen besondere Aufmerksamkeit

Manche Krankheiten sind schwer zu diagnostizieren, andere werden von den Betroffenen versteckt gehalten. Beides führt dazu, dass die Bedürfnisse der Patienten zu kurz kommen. Die Psoriasis und Psoriasis Arthritis  (PsA) waren lange solche „U Boot“ Krankheiten. Die Medizin hatte verzweifelten Betroffenen wenig zu  bietendie Psoriatiker zogen sich oft lieber zurück. Inzwischen gibt es aber immer mehr Möglichkeiten, den Patienten zu helfen. Das sollten alle Betroffenen erfahren.   

Obwohl Psoriasis eine häufige  Krankheit ist immerhin rund 2 % der Bevölkerung sind betroffen ist die  Schuppenflechte in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sonderlich präsent. Prof. Dr. Klemens Rappersberger, Primarius der Abteilung für Dermatologie und Venerologie der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien, erklärte bei einem Journalistenseminar zu  „U Boot“ Krankheiten: „Auf Grund der auffälligen Schuppen wirkt Psoriasis sehr oft stigmatisierend. Eine von Krankheit gezeichnete Haut hat auf die meisten Menschen eine abschreckende Wirkung, daher reagieren viele den Betroffenen gegenüber ablehnend. Diese Stigmatisierung stellt für Patienten eine starke psychische Belastung dar, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken kann. Betroffene neigen als  Folge dazu, sich sozial zurückzuziehen,  um verletzende Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden. Daher muss man immer wieder betonen: Schuppenflechte ist nicht ansteckend  und sie hat rein gar nichts mit mangelnder Hygiene der Patienten zu tun.  Berührungsängste der Umwelt sind  daher völlig unbegründet.“

„Bei der Psoriasis lagen die ‚unmet  medical needs‘ in den letzten Jahren ganz deutlich auf den Personen,  die zwar nicht am ganzen Körper und ganz schwer betroffen waren, aber bei  denen sich die Erkrankung gerade an leicht sichtbaren Stellen wie der Kopfhaut oder den Fingernägeln manifestierte“, so Prim. Doz. Dr. Burkhard  Leeb von der 2.Medizinischen Abteilung des Landesklinikums Weinviertel Stockerau, dem NÖ Kompetenzzentrum für Rheumatologie und dem Karl Landsteiner Institut für Klinische Rheumatologie. Diese Patienten lebten zurückgezogen und mieden sozialen  Kontakt. Leeb weiter: „Die wirksamsten  Therapien waren ihnen aber verschlossen, da diese erst ab einem gewissen  Schweregrad der Erkrankung, der sich  nicht an der Lebensqualität bemisst,  zur Verfügung stehen.“

Auch Leeb wies darauf hin, dass Patienten, die sich wegen ihres Äußeren verstecken, psychisch unter ihrer Erkrankung leiden: „Sie werden nicht nur visuell zu ‚U Booten‘ sondern auch so  leise. Damit sind sie meist nicht in der Verfassung, bei Behandlungsregimen Verbesserungen in der Anwendung der Therapie zu fordern. Es gibt aber  mittlerweile neue Therapieoptionen bei Psoriasis, die die Möglichkeit bieten, diesen Bedürfnissen entgegen zu kommen: zum Beispiel eine Therapie  die sowohl bei Nagel und Kopfhautpsoriasis besonders vielversprechend  ist und im Gegensatz zu den Biologika Therapien eine orale Behandlungsform ist.“

Auf Anzeichen einer Psoriasis Arthritis achten

Je schwerer die Hauterkrankung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, eine Psoriasis Arthritis zu entwickeln. „Ein  erhöhtes PsA Risiko steht auch im Zu sammenhang mit einer Beteiligung  der Nägel und der Kopfhaut sowie einer interglutealen und perianalen Psoriasis“, so Prof. Dr. Hans Peter Brezinschek von der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der MedUni Graz. Grundsätzlich sollte jedem Psoriasis Patienten bewusst sein, dass er ein hohes  Risiko hat, eine Erkrankung aus dem  rheumatischen Formenkreis zu entwickelndie Gelenke sollten daher regelmäßig beobachtet werden.  

» Psoriatiker neigen dazu, sich sozial  zurückzuziehen, um verletzende  Begegnungen mit anderen Menschen  zu vermeiden

„Die PsA verläuft progredient“, so Brezinschek. Verzögerungen bei Diagnose und Behandlung können zu körperlichen Behinderungen führen. Da die Hautsymptome im Durchschnitt etwa  zehn Jahre vor den Gelenksymptomen auftreten, sind die Patienten üblicherweise bereits bei einem Dermatologen oder Allgemeinmediziner in Behandlung. Diese Ärzte befinden sich somit  in einer entscheidenden Position für  die frühzeitige Diagnose der PsA und sollten daher bei jedem Patientenbesuch auf Anzeichen und Symptome  für PsA achten.“

Ökonomische  Aspekte  

Zu den spezifischen Krankheitsmanifestationen der PsA gehören Enthesitis und Daktylitis. Die PsA kann Betroffene in der Ausführung von Aktivitäten des täglichen Lebens beeinträchtigen  und führt häufig zu einer Arbeitsunfähigkeit. „Die Krankheitslast“, erklärt Brezinschek, „entspricht der von rheumatoider Arthritis und Morbus Bechterew. Gesundheitsökonomische Berechnungen zeigen: Durch die Verminderung der Lebensqualität, der körperlichen Funktionsfähigkeit und der Arbeitsfähigkeit entstehen indirekte Kosten von  ca. 11.100 € pro Jahr und Patient für  die Gesellschaft.“ Die direkten Behandlungskosten hingegen würden nicht  einmal ein Drittel betragen.

Interdisziplinärer Austausch kann  den Diagnoseweg verkürzen

„Auch wenn jede U Boot Krankheit einen unterschiedlichen Verlauf hat und anderer fachärztlicher Versorgung bedarf, steht bei allen eines im Zentrum: der fachübergreifende Diskurs und  eine stärkere mediale Präsenz können Leiden verhindern und informierten  Patienten zu besserer Lebensqualität verhelfen“, betonte Leeb.  
Patientin Karin Formanek berichtete aus ihrer persönlichen Erfahrung: „Bei mir hat es 30  Jahre bis zur Diagnose gedauert. Schmerzen in den Gelenken und im Rücken waren meine ständigen Begleiter, wurden damals aber nicht ernst genug genommen. Gerade  ‚U Boot‘ Krankheiten wie meine PsA erfordern interdisziplinäres Denken und einen Austausch zwischen Patient und Arzt auf Augenhöhe. Das  hätte mir viel Leid und manche Folgeschäden erspart.“  Formanek plädiert dafür, Dermatologen, Allgemeinmediziner und Kinderärzte verstärkt darüber aufzuklären, dass Psoriasis eine systemische Erkrankung ist und meint: „Ein automatisches Screening in gewissen Abständen  durch einen Rheumatologen wäre aus meiner Erfahrung sinnvoll, um frühzeitig die oft sehr schwer nachweisbaren Beschwerden richtig zuordnen zu können.“ Was Patienten außerdem wichtig sei, so Formanek: „Erscheinungsfreiheit durch die Medikamente: Es sollte für die Medikamentenwahl nicht ausschlaggebend sein, wie groß die betroffenen Hautstellen sind, sondern wo  sie sich befinden und wie stark sie die  Lebensqualität einschränken.“

Quelle: Journalistenseminar U Boot Krankheitenüber Krankheiten, die nicht wahrgenommen werden (wollen). Wien, 2. Dezember 2015

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