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Chirurgie 17. Juni 2015

Materialermüdung und Degeneration der Omniflow-II™-Prothese

Komplizierter Verlauf bei einem großen Omniflow-II™-Bypassaneurysma, eigene Daten und Überblick über die Literatur

In der Gefäßchirurgie ist die Anlage eines peripheren Bypasses ein häufig durchgeführter Routineeingriff. Als Material stehen dem Gefäßchirurgen einerseits die körpereigenen Venen – hier vor allem die V. saphena magna – zur Verfügung, andererseits wird auch auf synthetisches Material zurückgegriffen. Synthetische Grafts bestehen entweder aus Polytetrafluorethylen (PTFE) oder aus Polyester (Dacron). Als dritte Option gibt es sogenannte biosynthetische Grafts, die eine Kombination aus biologischem Material (beispielsweise ovines Kollagen) und Kunststoff (Polyester) darstellen.

Der Vorteil der körpereigenen Vene liegt in der für den Gefäßchirurgen angenehm zu verarbeitenden Konsistenz und der Resistenz gegen Infektionen. Nachteilig an der körpereigenen Vene als Graft ist die durch die Entnahme der Vene entstehende Wundfläche, die eingeschränkte Verfügbarkeit und die oft wechselnde Qualität der Vene. Die Entnahme der Vene verlängert darüber hinaus die Operationsdauer.

Synthetische Grafts sind jederzeit in gleich bleibender Qualität verfügbar, sind aber aufgrund einer gewissen Steifigkeit des Materials in ihrer Verarbeitung weniger angenehm als eine Vene. Kommt es zu einer Infektion eines synthetischen Grafts, so ist fast immer die Entfernung desselben notwendig, da eine Ausheilung einer Fremdkörperinfektion aufgrund der Biofilmbildung durch die meisten Keime selten gelingt. Eine Graftinfektion führt mitunter auch zu einem septischen Ausriss einer Anastomose, was mit einer heftigen Blutung einhergeht und als Notfall versorgt werden muss. Die Entfernung einer infizierten Prothese führt nicht selten auch zum Verlust der Extremität.

Biosynthetische Grafts, wie zum Beispiel die Omniflow-II™-Prothese, vereinen die Vorteile der Vene – angenehmes Handling und eine beschriebene Infektionsresistenz [ 1 ] – mit der sofortigen Verfügbarkeit und dem geringeren Operationstrauma eines synthetischen Grafts. Allerdings ist die Materialermüdung, die Degeneration und die Entstehung von Aneurysmen ein bekanntes, aber in der Literatur kaum dargestelltes Problem der Omniflow-II™-Prothese.

Der folgende Artikel beschreibt anhand eines repräsentativen Falles die Problematik, beinhaltet die eigenen Daten der Autoren und gibt einen Überblick über die derzeit verfügbare Literatur zu diesem Thema.

Fallbericht

Eine 84-jährige Patientin wurde aufgrund einer schmerzhaften, pulsierenden Schwellung am proximalen linken Oberschenkel stationär aufgenommen. Die Schwellung hatte sich innerhalb von zwei Wochen entwickelt.

In der Vorgeschichte der Patientin fanden sich chronisches Vorhofflimmern, eine ischämische Kardiomyopathie, eine koronare Herzerkrankung und eine aortokoronare Bypassoperation. Zusätzlich hatte die Patientin vor Jahren eine linksseitige Hemikolektomie wegen einer strahlenbedingten Kolonstenose nach Wertheim Operation und Radiatio gehabt. Aufgrund einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit mit chronischem Verschluss der A. femoralis superficialis links und daraus resultierender Claudicatiosymptomatik hatte sie sechs Jahre vor dem aktuellen Aufenthalt einen Bypass mit einer Omniflow-II™-Prothese bekommen. Die routinemäßigen Ultraschallkontrollen zwei Monate und ein Jahr nach der Bypassanlage ergaben unauffällige Verhältnisse im Bypass.

Aufgrund der raschen Entstehung der pulsierenden Schwellung am linken Oberschenkel und der deutlichen Schmerzsymptomatik wurde noch am Aufnahmetag eine Computertomographie mit kontrastmittelunterstützter Angiographie durchgeführt. Die Computertomographie zeigte ein 8 × 8 × 8 cm großes Aneurysma ausgehend von der Gefäßprothese unmittelbar distal der Anastomose in der Leiste (Abb.  1 ).

Aus diesem Befund ergab sich eine dringliche Operationsindikation, da eine Ruptur des Aneurysmas zu befürchten war. Die degenerierte und aneurysmatisch ausgeweitete Omniflow-II™-Prothese wurde durch eine PTFE-Prothese ersetzt. Der mehrstündige Eingriff wurde durch ausgeprägte Vernarbungen in der Leiste und das Heranreichen des Aneurysmas bis an das Leistenband kompliziert. Die linke A. iliaca externa musste über einen extraperitonealen Zugang freigelegt und geklemmt werden, um die Blutungsgefahr während des Eingriffs möglichst gering zu halten. Der postoperative Verlauf war abgesehen von einer Wundinfektion unauffällig, die Patientin wurde nach zehn Tagen entlassen.

Eigene Daten

Zwischen 2005 und 2010 wurden an der eigenen Abteilung mehrere hundert Omniflow-II™-Prothesen in verschiedenen Indikationen implantiert. Eine beobachtete Häufung von Prothesendegenerationen und der zuvor beschriebene Fall wurden zum Anlass genommen, die Daten der Patienten aus den Jahren 2006 bis 2008 auszuheben, retrospektiv aufzuarbeiten und Informationen zum Schicksal der implantierten Prothesen hinsichtlich Degeneration und Aneurysmaentstehung zu sammeln. Eine bestehende Datenbank, in der alle gefäßchirurgischen Operationen der Abteilung erfasst werden, wurde herangezogen, um die im genannten Zeitraum operierten Patienten zu finden.

Ein langfristiges und strukturiertes Follow-up nach gefäßchirurgischen Routineeingriffen wie peripheren Bypässen ist an der Abteilung aus logistischen Gründen nicht durchführbar. Jeder Patient wird unmittelbar postoperativ noch während des stationären Aufenthalts und nach zwei Monaten ambulant sonographisch nachkontrolliert.

Mittels systematischer Suche im medizinischen Informationssystem des Krankenhauses wurden die demographischen und medizinischen Daten der Patienten sowie alle verfügbaren Follow-up-Daten erhoben. Erfasst wurden unter anderem Offenheit der Bypässe, Amputation, Bypassdegeneration mit Verlust der Wandstruktur, Aneurysmabildung und durch Degeneration notwendig gewordene Revisionseingriffe und deren Komplikationen.

Zwischen dem 01.01.2006 und dem 31.12.2008 wurden bei 97 Patienten 105 Omniflow-II™-Prothesen implantiert (Tab.  1 ). Von diesen Patienten waren 77 männlich und 20 weiblich. Das Durchschnittsalter der Patienten betrug 67 (52–84) Jahre.

Die Operationsindikation war in 99 Fällen eine periphere arterielle Verschlusskrankheit in den Fontaine-Stadien IIb (n = 73), III (n = 3) oder IV (n = 23). Bei weiteren sechs Fällen wurde eine Omniflow-II™-Prothese aus anderen Gründen implantiert. Zwei dieser Patienten hatten ein Aneurysma der A. poplitea. In vier Fällen wurde eine früher implantierte und degenerierte Omniflow-II™-Prothese durch eine neue Omniflow-II™-Prothese ersetzt. Bei den PAVK-Patienten im Fontaine-Stadium III oder IV kam die Prothese nur zum Einsatz, wenn die körpereigene V. saphena magna nicht mehr zur Verfügung stand – beispielsweise nach Varizenoperation oder nach Verwendung als Koronarbypass – beziehungsweise sie aus morphologischen Gründen wie variköse Degeneration oder mangelnde Lumenweite nicht verwendet werden konnte. Armvenen wurden im beschriebenen Zeitraum nicht routinemäßig für periphere Rekonstruktionen verwendet.

Intraoperativ wurden die Prothesen gemäß den Empfehlungen des Herstellers nach atraumatischer Entnahme aus dem Transportgefäß zwei Mal mit steriler physiologischer Kochsalzlösung gespült und danach für 10 min mit 50.000 Einheiten unfraktioniertem Heparin gelöst in steriler physiologischer Kochsalzlösung gefüllt. Vor der Implantation wurde die Heparinlösung wiederum ausgewaschen. Das Klemmen der Prothese im Rahmen der Anastomosierung mit den Nativgefäßen erfolgte atraumatisch mit bezogenen Klemmen. Für den Durchzug der Prothesen beim Verlegen im Bein wurde eine Kornzange verwendet. Das für den Durchzug mit der Kornzange gefasste Ende der Prothese wurde nach dem Verlegen reseziert. Die Anastomosen wurden mit Polypropylenfäden der Stärke 6/0 in fortlaufender Nahttechnik hergestellt. Der überwiegende Teil der Anastomosen wurde als End-zu-Seit-Anastomose hergestellt. Nur Protheseninterponate bei Aneurysmen der A. poplitea wurden End-zu-End anastomosiert. Venöse Cuffs wurden nicht angelegt.

Intraoperativ erhielten alle Patienten vor der Klemmphase parenteral unfraktioniertes Heparin in gewichtsadaptierter Dosierung, um die Entstehung von Thromben unmittelbar proximal und distal der Gefäßklemmen zu vermeiden. Die postoperative gerinnungshemmende Therapie bestand aus niedermolekularem Heparin in gewichtsadaptierte Dosierung für die Dauer des stationären Aufenthalts sowie 100 mg Azetylsalizylsäure oral üblicherweise ab dem zweiten postoperativen Tag.

In Abhängigkeit von der Wundsituation wurde ab dem vierten postoperativen Tag bei allen Patienten eine Ultraschallkontrolle mittels farbkodierter Duplexsonographie durchgeführt. Beurteilt wurden die Anastomosen, das Stromvolumen im Bypass sowie Hämatome in den Zugangswegen und entlang der Prothese. Zwei Monate postoperativ erfolgte wiederum eine ambulante Ultraschallkontrolle. Weitere routinemäßige Kontrollen wurden aus Kapazitätsgründen nicht durchgeführt.

Zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Jahr 2014 waren 18 Patienten aus dem Kollektiv (Tab.  2 ) verstorben. In diesen Fällen ist über das Schicksal der Prothesen nichts bekannt. 41 der Prothesen waren bekannt verschlossen, davon 25 bereits innerhalb der ersten 12 Monate nach Implantation. Neun Patienten hatten wegen der durch ein Bypassaneurysma bedingten Beschwerden wie Schwellung oder Schmerzen oder aufgrund einer akuten Thrombose eines Aneurysmas mit konsekutiver Ischämie der Extremität von selbst die Abteilung aufgesucht. Die übrigen Patienten wurden telefonisch kontaktiert und zu einer Follow-up-Untersuchung einberufen. Neun der Patienten waren nicht erreichbar oder unbekannt verzogen. Die einberufenen Patienten wurden über die mögliche Degeneration der implantierten Prothese und den Grund für die Nachuntersuchung aufgeklärt. Die Ultraschalluntersuchungen ergaben in dreizehn Fällen einen Verlust der Wandstruktur im Verlauf der Prothese. Ein Strukturverlust wurde als „geringe Degeneration“ definiert. In weiteren elf Fällen fand sich eine aneurysmatische Veränderung im Lauf der Prothese, was als „schwere Degeneration“ definiert wurde. In vier Fällen war die Prothese ohne Hinweis auf Degeneration und stenosefrei perfundiert. Dreizehn der zwanzig schwer degenerierten Prothesen wurden bisher akut oder dringlich (n = 6) oder elektiv (n = 7) gegen PTFE-Prothesen ausgetauscht.

Bei den Revisionseingriffen (Tab.  3 ) konnte nur in sechs Fällen das gleiche Gefäßsegment als Anschlussgefäß verwendet werden wie beim ursprünglichen Eingriff, in den übrigen Fällen musste die Anlage der Bypassanastomose weiter distal – auch im kruralen Bereich – erfolgen, um eine Revaskularisation der Extremität erzielen zu können. Zwei der dreizehn Patienten mussten einer Majoramputation über dem Knie unterzogen werden. In einem Fall wurde die Patientin aufgrund einer akuten Bypassthrombose bei ausgeprägter Aneurysmabildung mit einem neuen Bypass versorgt. Postoperativ kam es zu einem Reverschluss des neu angelegten Bypasses mit nicht beherrschbarer Ischämie und Kompartmentsyndrom. Im zweiten Fall kam es nach einem elektiven Bypasstausch wegen Aneurysmabildung zu einer Wundinfektion mit konsekutiver Infektion des neuen Grafts. Der Graft musste explantiert werden. Die dadurch verursachte Ischämie des Beins machte eine Amputation notwendig. Ein weiterer im Rahmen eines thrombosierten Bypassaneurysmas akut operierter Patient erlitt eine Wundinfektion. Zwei Patienten boten eine Nachblutung, von denen eine revidiert werden musste.

Die Lokalisation der Bypassaneurysmen im eigenen Krankengut war variabel. Einige der Aneurysmen befanden sich in Anastomosennähe, andere waren im Verlauf des Grafts lokalisiert. Wie Abb.  2 zeigt, kann das wahre Ausmaß der Prothesendegeneration nur mittels Ultraschall erfasst werden. Eine Schnittbilddiagnostik – Computertomographie mit Angiographie oder Magnetresonanzangiographie – kann eine Aneurysmaformation abbilden, die Wandstruktur der Prothese kann jedoch mit diesem Bildgebungsverfahren nicht beurteilt werden. Einige Grafts, die in der Magnetresonanzangiographie auf den ersten Blick als unauffällig beurteilt werden könnten, zeigen im Ultraschall deutliche Zeichen der Degeneration wie zum Beispiel einen Verlust der Wandstruktur oder eine Ausweitung des Diameters. Aus diesem Grund wurde bei den Nachuntersuchungen bei allen Patienten Ultraschall zur Diagnostik verwendet. Schnittbildverfahren kamen nur für die Operationsplanung zum Einsatz.

Aus einem explantierten Prothesenstück wurden histologische Schnitte angefertigt, um die Strukturveränderungen im Prothesenmaterial sichtbar zu machen und einen Hinweis auf die Ursache der Materialermüdung beziehungsweise Aneurysmabildung zu erlangen. Das mikroskopische Bild zeigt deutlich ein Auseinanderweichen der Polyesterfasern im degenerierten Graft im Gegensatz zu einem neuen Graft vor Implantation. (Abb.  3 und 4 ).

Diskussion

Trotz Entwicklung und Verbesserung der invasiven radiologischen Therapie hat in den letzten 15 Jahren die Anzahl der chirurgischen Eingriffe am arteriellen Gefäßsystem nicht abgenommen. Durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung ist mit einer Abnahme der Eingriffszahlen auch nicht zu rechnen. Die Arteriosklerose, die den Großteil der Operationsindikationen in der Gefäßchirurgie ausmacht, stellt eine chronisch progrediente Erkrankung dar, die vor allem das ältere Bevölkerungssegment trifft. Auch Diabetiker sind sehr häufig von einer peripheren Angiopathie betroffen und stellen einen nicht unbedeutenden Anteil des gefäßchirurgischen Krankenguts dar. Viele Patienten benötigen im Lauf der Jahre mehrere gefäßchirurgische Eingriffe, oft mit Verwendung der V. saphena magna. Das schafft letztendlich die Notwendigkeit, auch auf synthetisches Material zurückzugreifen.

Die Geschichte der Suche nach biologischen Alternativen zum Kunststoffgraft beziehungsweise zur körpereigenen Vene für einen peripheren Bypass ist lang. In einer Publikation in den Annals of Surgery aus dem Jahr 1978 beschreiben Oblath et al. einen Tierversuch, in welchem Hunden eine autologe V. jugularis und eine mit Glutaraldehyd behandelte humane Nabelschnurvene (Dardik Biograft) als Bypass für eine verschlossene Oberschenkelarterie implantiert wurden [ 2 ]. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass sich die Verwendung der Nabelschnurvene als Bypass aufgrund der ausprägten Bildung von Neointima und den dadurch entstehenden Anastomosenstenosen verbietet, wenngleich die Nabelschnurvene durch ihre Verfügbarkeit und ihre flexiblen Eigenschaften bestimmte Vorteile hat. Auch eine zwei Jahre später ebenfalls in den Annals of Surgery publizierte Arbeit von Edwards et al. zeigte keinen Vorteil des Nabelschnurgrafts gegenüber der körpereigenen V. saphena magna oder einem PTFE-Graft. Die 1-Jahres-Durchgängigkeit der Nabelschnurbypässe betrug in dieser Arbeit nur 10% im Vergleich zu PTFE mit 24 % und der V. saphena magna mit 92–82 % [ 3 ]. Auch die Degeneration mit Aneurysmaentwicklung einer als Bypass implantierten Nabelschnurvene wurde mit einer Inzidenz von etwa 7 % beschrieben [ 4 ].

1980 publizieren Ketharnathan et al. [ 5 ] in den Annals of Surgery eine Arbeit über Kompositgrafts aus ovinem Kollagen und Polyester, die Hunden als Aortenersatz implantiert wurden. Die Grafts zeigten eine gute Offenheitsrate und keine Aneurysmaentwicklung. Zusätzlich kam es zum Einwachsen von caninem Bindegewebe um den Graft, sodass schließlich die Wandstärke derjenigen der ursprünglichen Aorta des Hundes entsprach. In einem weiteren Tiermodell wurde von Menger et al. [ 6 ] gezeigt, dass diese Kompositgrafts schneller in den Organismus inkorporiert werden als Polytetrafluorethylen oder die bovine Karotis. Der als Omniflow™ bekannte Kompositgraft besteht aus einem schlauchförmigen Polyesternetz, das auf einer Art Stab in das subkutane Gewebe von Schafen implantiert wird. Der Organismus des Tieres umgibt das Polyestermesh vollständig mit Kollagen, auch die innere Oberfläche des fertigen Gebildes besteht aus Kollagen. Im Elektronenmikroskop zeigt sich eine homogene Verteilung des Kollagens ohne Grenzzonen oder Schwachstellen. Wie mit immunhistochemischen Markern nachgewiesen wurde, handelt es sich vorwiegend um Typ-III-Kollagen. Nach Explantation aus dem Tier wird das ovine Kollagen durch Behandlung mit Glutaraldehyd denaturiert, wenngleich eine gewisse Antigenität bestehen bleibt [ 7 ].

Berichte über den ersten Einsatz der Omniflow™-Prothese in der Humanmedizin findet man 1989 von Battisti et al. [ 8 ]. Sie beschreiben drei Fälle, in denen der Graft als femorofemoraler und als femoropolitealer Bypass sowie als Ersatz für einen axillofemoralen Bypass verwendet wird. Die Autoren äußern sich positiv und optimistisch über die neue Prothese, wenn auch das Follow-up fehlt.

Langzeitergebnisse im Tiermodell an Hunden zeigten, dass die Omniflow™-Prothese vier Jahre nach Implantation als aortoiliakaler Bypass ihre strukturelle Integrität behalten hatte. Die Ausbildung von Aneurysmen oder exzessive Thrombenbildung wurde nicht beobachtet. Das ovine Kollagen war noch immer nachweisbar [ 9 ].

1992 wurde in der Literatur erstmals über ein rupturiertes Aneurysma einer Omniflow™-Prothese berichtet [ 10 ], ein zweiter Fall wurde 2010 publiziert [ 11 ], ein dritter wurde als Fallbericht von Biasi et al. am Jahreskongress der ESVS (European Society of Vascular Surgery) in Bologna präsentiert. Lediglich zwei größere Serien gehen auf Aneurysmabildung und Strukturdegeneration der Omniflow™-Prothese ein: Zum einen publizierten Koch et al. [ 12 ] eine Serie von 274 Omniflow™-Prothesen, die in einem Zeitraum von acht Jahren implantiert wurden. Die Auswertung der Follow-up-Daten ergab eine Drei-Jahres-Durchgängigkeit für infragenuale Bypasses zwischen 35,3 und 55,4 % in Abhängigkeit von der Morphologie des Ausstroms. Die Infektionsrate wurde mit 0 % angegeben. Bei drei Grafts (1,1 %) wurde die Entwicklung eines Aneurysmas beobachtet. Die zweite Serie wurde rezent von Neufang et al. publiziert [ 13 ]. Diese Gruppe aus Mainz beschreibt das klinische Ergebnis von 90 Umbilikalvenenbypässen mit 32 Omniflow™-Prothesen. Es werden vier Fälle von Materialdegeneration bei den Umbilikalvenen beschrieben, für die Omniflow™-Prothesen werden keine Angaben zur Aneurysmaentstehung gemacht. Insgesamt ist zu sagen, dass es kaum Literatur zu diesem Thema gibt, obwohl diese Prothese seit drei Jahrzehnten in der peripheren Gefäßchirurgie und auch in der Access-Chirurgie verwendet wird.

Die eigenen Erfahrungen und Daten widersprechen den oben angeführten Beobachtungen deutlich. Den von Koch et al. beschriebenen 1,1 % Degenerationsrate stehen im eigenen Krankengut 20 Prothesen mit Aneurysmabildung und 13 Prothesen mit Verlust der Wandstruktur gegenüber. Das würde einer Gesamtdegenerationsrate von 31,4 % beziehungsweise einer Aneurysmarate von 19 % entsprechen. Statistische Angaben lassen sich allerdings aus den eigenen Daten nicht ermitteln, da von etlichen Patienten das Follow-up fehlt oder die Patienten verstorben sind. Da es von einigen Patienten kein Follow-up gibt, ist die Rate möglicherweise noch höher. Den Autoren erscheint das Problem der Degeneration der Omniflow-II™-Prothese in der Literatur unterrepräsentiert.

Koch et al. vermuten in ihrer Arbeit auch, dass die in ihrem Krankengut beobachtete Aneurysmaentstehung mechanischen Ursprungs ist und die Prothesen beim Verlegen im Bein beschädigt wurde. Laut Herstellerinformation darf die Omniflow-II™-Prothese nur mit atraumatischen und bezogenen Gefäßklemmen geklemmt werden. Da beim Herstellen der Anastomosen mit den Nativgefäßen die Prothese meist in unmittelbarer Nähe der Anastomose geklemmt wird, müsste man mit einer Häufung der Aneurysmen in diesem Areal rechnen. Abbildung  2 zeigt jedoch deutlich, dass manche Prothesen zwar an den Anschlussstellen aneurysmatisch erweitert sind, andere jedoch in ihrem gesamten Verlauf Veränderungen zeigen. Das widerspricht der Annahme, dass die Aneurysmen auf dem Boden von Klemmschäden entstehen. Im eigenen Krankengut wurden ausnahmslos bezogene, atraumatische Klemmen zum Klemmen der Prothese verwendet.

Die Indikation zur Revisionsoperation wurde gestellt, wenn beim jeweiligen Patienten ein Aneurysma im Graft diagnostiziert wurde. Aus der Sicht der Autoren besteht hier – wie bei anderen Aneurysmen der femoropoplitealen Achse – die Gefahr der Thrombose mit peripherer Embolie, aber auch die Möglichkeit einer Ruptur. Eine orale Antikoagulation statt eines Prothesentauschs kann bei zu hohem Operationsrisiko in Erwägung gezogen werden. Ein Verlust der Wandstruktur im Bypassverlauf stellt nach Meinung der Autoren noch keine Operationsindikation dar. Ob und in welchem Zeitraum sich an diesen Stellen Aneurysmen entwickeln, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ein konsequentes Follow-up mittels Ultraschall ist aus diesem Grund notwendig. Die Revisionsoperationen im eigenen Krankengut wiesen eine ungewöhnlich hohe Komplikationsrate auf. Die Komplikationsrate bei peripheren Bypassanlagen im übrigen Krankengut der Abteilung beträgt zwischen 2,7 und 3,4 % (Wundinfektion, Lymphfistel). Die Erklärung liegt möglicherweise in der insgesamt erhöhten Komplikationsrate und der verlängerten Operationsdauer bei Rezidiveingriffen.

Die Omniflow-II™-Prothese scheint eine gewisse Resistenz gegenüber Infektionen zu haben. In der Literatur findet sich eine kleinere Serie, die den erfolgreichen Ersatz von infizierten PTFE-Grafts durch Omniflow-II™-Grafts ohne Reinfektion beschreibt [ 1 ]. Andererseits wurde rezent in einem Tiermodell gezeigt, dass die Omniflow II™ weniger resistent gegen Infektionen ist als ein PTFE-Graft [ 14 ]. Zur Problematik einer postoperativen Wundinfektion beziehungsweise Graftinfektion sind allerdings auch Überlegungen hinsichtlich der perioperativen Prophylaxe und der lokalen Keimsituation anzustellen. Das ursächliche Pathogen einer solchen Infektion ist ebenfalls nicht ohne Bedeutung, da ein Keim mit der Fähigkeit zur Biofilmbildung schwieriger zu behandeln ist als ein Keim, der keinen Biofilm ausbildet. Die vorliegenden Zahlen sind außerdem zu klein, um Rückschlüsse auf eine Infektionsresistenz ziehen zu können.

Fazit für die Praxis

  • Die Omniflow-II™-Prothese wird seit vielen Jahren in der Gefäßchirurgie zur Anlage von peripheren Bypässen, aber auch in der Access-Chirurgie verwendet.
  • Sie bietet dem Chirurgen den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer weichen Beschaffenheit angenehmer zu verarbeiten ist als das vergleichsweise steifere PTFE.
  • Ein bekanntes, aber in der Literatur nicht häufig beschriebenes Problem ist die Degeneration der Prothese mit der Ausbildung teils großer revisionsbedürftiger Aneurysmen.
  • Die Zahlen im eigenen Krankengut decken sich nicht mit den – allerdings spärlichen – Zahlen der Literatur. Die Autoren beschreiben eine nicht zu vernachlässigende Rate an Materialermüdung und dadurch notwendig werdende Revisionseingriffe, die für die Patienten zum Teil relevante Komplikationen mit sich bringen.
  • Entscheidet sich der Chirurg für eine Omniflow-II™-Prothese, so ist ein konsequentes Follow-up des Patienten unabdingbar, um rechtzeitig die Anzeichen der Degeneration erkennen zu können und den Patienten gegebenenfalls vor Ausbildung eines großen Aneurysmas mit den entsprechenden Gefahren und Komplikationen reoperieren zu können.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Fink, G. Lesnik und W. Wandschneider geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

Literatur

  1. Topel I, Betz T, Uhl C, Wiesner M, Brockner S, Steinbauer M (2012) Use of biosynthetic prosthesis (Omniflow II(R)) to replace infected infrainguinal prosthetic grafts – first results. Vasa 41(3):215–220. (PubMed PMID: 22565623)
  2. Oblath RW, Buckley FO Jr, Donnelly WA, Green RM, Deweese JA (1978) Human umbilical veins and autogenous veins as canine arterial bypass grafts. Ann Surg 188(2):158–161. (PubMed PMID: 686880. Pubmed Central PMCID: PMC1396751. Epub 1978/08/01. eng)
  3. Edwards WH, Mulherin JL Jr (1980) The role of graft material in femorotibial bypass grafts. Ann Surg 191(6):721–726. (PubMed PMID: 7387234. Pubmed Central PMCID: PMC1344782. Epub 1980/06/01. eng)
  4. Neufang A, Espinola-Klein C, Dorweiler B, Messow CM, Schmiedt W, Vahl CF (2007) Femoropopliteal prosthetic bypass with glutaraldehyde stabilized human umbilical vein (HUV). J Vasc Surg 46(2):280–288. (PubMed PMID: 17600663. Epub 2007/06/30. eng)
  5. Ketharnathan V, Christie BA (1980) Glutaraldehyde-tanned ovine collagen conduits as vascular xenografts in dogs: a preliminary report. Arch Surg 115(8):967–969. (PubMed PMID: 6772139. Epub 1980/08/01. eng)
  6. Menger MD, Hammersen F, Messmer K (1992) In vivo assessment of neovascularization and incorporation of prosthetic vascular biografts. Thorac Cardiovasc Surg 40(1):19–25. (PubMed PMID: 1378658. Epub 1992/02/01. eng)
  7. Ramshaw JA, Peters DE, Werkmeister JA, Ketharanathan V (1989) Collagen organization in mandrel-grown vascular grafts. J Biomed Mater Res 23(6):649–660. (PubMed PMID: 2738080. Epub 1989/06/01. eng)
  8. Battisti G, Stio F, Marigliani M (1989) The biosynthetic Omniflow prosthesis: preliminary experience. Ann Ital Chir 60(5):431–433. (PubMed PMID: 2634342. Epub 1989/09/01. La protesi biosintetica Omniflow: esperienza iniziale. ita)
  9. Werkmeister JA, Glattauer V, Tebb TA, Ramshaw JA, Edwards GA, Roberts G (1991) Structural stability of long-term implants of a collagen-based vascular prosthesis. J Long Term Eff Med Implants 1(1):107–119. (PubMed PMID: 10149053. Epub 1990/12/10. eng)
  10. Wagner O, Resch A (1992) Pseudoaneurysm and rupture of an Omniflow prosthesis. Vasa Suppl 37:81–82. (PubMed PMID: 1481112. Epub 1992/01/01. Pseudoaneurysma und Ruptur einer Omniflowprothese. ger)
  11. Magnetti F, Thalhammer C, Hechelhammer L, Husmann M, Pfammatter T, Amann-Vesti B (2010) Spontaneous pseudoaneurysm of a femoro-popliteal Omniflow II graft treated with a stentgraft. Vasa 39(2):196–198. (PubMed PMID: 20464678. Epub 2010/05/14. eng)
  12. Koch G, Gutschi S, Pascher O, Fruhwirth H, Glanzer H (1997) Analysis of 274 Omniflow Vascular Prostheses implanted over an eight-year period. Aust N Z J Surg 67(9):637–639. (PubMed PMID: 9322703. Epub 1997/10/10. eng)
  13. Neufang A, Dorweiler B, Espinola-Klein C, Savvidis S, Doemland M, Schotten S et al (2014) Outcomes of complex femorodistal sequential autologous vein and biologic prosthesis composite bypass grafts. J Vasc Surg 60(6):1543–1553. (PubMed PMID: 25238725. Epub 2014/09/23. eng)
  14. Bozoglan O, Mese B, Eroglu E, Elveren S, Gul M, Celik A et al (2015) Which prosthesis is more resistant to vascular graft infection: polytetrafluoroethylene or Omniflow II biosynthetic grafts? Surg Today. Epub ahead of print (PubMed PMID: 25744711)
Tab. 1: Patientengut
 n = 105
Supragenual 78  
Infragenual 20  
Crural 7  
Stadium Ilb 73  
Stadium III 4  
Stadium IV 23  
Andere 5 Popliteaaneurysma, degenerierter Omniflowgraft
Tab. 2: Follow-up
  n = 105
Verstorben 18 Graft?
Verschlossen 41 25 Grafts ≤ 12 Monate
Kein follow-up 9  
Geringe Degeneration 13 Verlust der Wand
Aneurysma 20 Davon 13 reoperiert
Kontrolle in Ordnung 4  

 

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Abb. 2: Obere Reihe: Magnetresonanz. Untere Reihe: Ultraschall

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Abb. 3: a,b Neue Omniflow-II™-Prothese (HE-Färbung und Polarisation). c,d Degenerierte Omniflow-II™-Prothese (HE-Färbung und Polarisation)

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Abb. 4: Makroskopischer Vergleich einer neuen Omniflow-II™-Prothese mit einem degenerierten explantierten Graft

OA Dr. Martina Fink, OA Dr. Gerald Lesnik, Prim. Dr. Wolfgang Wandschneider, Wiener Klinisches Magazin 3/2015

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