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„Sei wie du bist und gib was du hast.“ Dieser Sentenz von Rose Ausländer folgt Dr. Szalay bei seiner Arbeit mit terminalen Patienten.
 
Allgemeinmedizin 8. September 2017

Die Kunst der späten Begegnung

Lebensgeschichte. Der Palliativmediziner Dr. Matthias Szalay vom LKH Hohenems stellt sterbenden Patienten Fragen. Die Lebensfragen der Würdetherapie nach Chochinov sollen das Abschiednehmen erleichtern, bestenfalls verschönern.

Was ist Würde?

Szalay: Würde entsteht in erster Linie aus einem Gefühl der Selbstwirksamkeit: etwas im Leben erreicht zu haben, immer noch einen Beitrag leisten zu können, und sei es nur, die erfahrene Lebensweisheit weiterzugeben. Nicht zuletzt besteht Würde auch aus der Erinnerung der schönen Dinge, die man im Leben erlebt, und der Erfolge, die man gehabt hat.

Wie sieht eine Würdetherapie konkret aus?

Szalay: Die Würdetherapie nach Dr. Harvey Max Chochinov ist grundsätzlich kein ärztliches Instrument, sondern ein psychologisches bzw. psychotherapeutisches, das von einem kanadischen Psychiater entwickelt wurde. Der Ablauf ist simpel: Man trifft sich mit dem Patienten zu einem Interview. Dieses Interview wird nach einem fest vorgegebenen Fragenkatalog geführt, im Allgemeinen über einen Zeitraum von maximal einer Stunde. Das hängt auch damit zusammen, dass die Patienten mit denen man dieses Gespräch führt, eine Lebenserwartung von maximal sechs Monaten haben und vom körperlichen Zustand her eine längere Kommunikation nicht tolerieren. Das Interview wird aufgezeichnet und von der Person, die es aufgenommen hat, transkribiert. Beim zweiten Durchgang, der ein ganz wichtiges Element ist, wird das Transkript dem Patienten vorgelesen.

Weshalb ist das Vorlesen der Antworten essenziell?

Szalay: Der Patient hört sich sozusagen sein eigenes Leben an. Es ist im Prinzip eine Biografie-Arbeit, in der der Patient die Gelegenheit erhält, einen Blick von außen auf sein Leben und damit auf sich selbst zu werfen. Diese Lesung dient außerdem dazu, Dinge, die ihm im Nachhinein vielleicht etwas unverständlich, über- oder untertrieben oder änderungswürdig vorkommen, bearbeiten zu können. Die veränderte Aufzeichnung wird dann in schriftlicher Form dem Patienten und seinen Angehörigen übergeben.

Welchen Effekt erhofft man sich von der Würdetherapie?

Szalay:Beim Patienten das Gefühl der Würde zu stärken. Chochinov hat in seiner Arbeit festgestellt, dass sich die Hoffnungen der Patienten im Laufe ihrer Krankheitsgeschichte verschieben. Am Beginn steht die Hoffnung auf Heilung. Das ist schließlich auch die Hoffnung der Ärzte. Wenn nun allerdings die Krankheit fortschreitet, in ein chronisches Stadium übergeht oder man ihre Unheilbarkeit anerkennen muss, ist das natürlich mit Symptomen verbunden. Es verschiebt sich der Fokus der Hoffnung von der Heilung auf die Linderung und die Lebensqualität. Das ist der Großteil der Arbeit, die wir hier auf der Palliativstation machen. Wir fokussieren uns auf die Hoffnung der Verbesserung des Lebens, nicht auf seine Verlängerung im eigentlichen Sinne. Wenn nun aber die Krankheit weiter fortschreitet, das Ende naht und der Patient sich dessen bewusst ist, verschiebt sich der Fokus der Hoffnung wiederum. Nicht unbedingt nur auf ein schmerzfreies oder symptomarmes Sterben, sondern auf eines in Würde.

Kann die Würdetherapie auch bei Patienten angewendet werden, die noch Hoffnung auf Heilung oder eine Verbesserung ihrer Lebensqualität besitzen?

Szalay: Ich würde sagen, sie wurde dafür nicht entwickelt. In meiner Arbeit ist mir aber aufgefallen, dass die Würdetherapie einen viel breiteren Effekt hat als nur auf Menschen im palliativmedizinischen Setting. Ich selbst habe mir natürlich auch Chochinovs Fragen gestellt und gesehen, dass nicht nur Menschen, deren Ende naht, sondern auch jene, die mitten im Leben stehen, vielleicht das Gefühl haben können, einen Mangel an Würde zu erleiden oder zu erleben. Deshalb glaube ich, dass diese Fragen für jeden Menschen einen positiven Effekt haben können.

Was für ein positiver Effekt könnte das sein?

Szalay: Die Biografie-Arbeit dient in erster Linie dazu, einen Prozess der Bewusstwerdung in Gang zu setzen, der mir aufzeigt, was ich in meinem Leben tatsächlich schon erreicht habe oder – und das ist der große Vorteil, wenn man sich diese Fragen bereits früher stellt – was ich denn noch erreichen kann oder möchte. Diese Möglichkeiten haben die Palliativpatienten nicht mehr in diesem Maße. Dort geht es meistens nur noch um die Frage, was erreicht wurde.

Sind Ihnen in Ihrer Arbeit Fälle begegnet, in der die Menschen nicht positiv auf die Fragen antworten konnten und deshalb keine Stärkung der Würde folgte?

Szalay: Ja, das habe ich auch erlebt. Ich habe erlebt, dass eine Patientin nicht aus ihrer starken Verzweiflung herauskam und mir gewisse Fragen einfach nicht beantworten konnte. Erst als ich versucht habe, ihr eine Spur zu legen, konnte sie eher sehen, dass sie beispielsweise Gutes vollbracht hat.

Nun sind Sie kein Psychologe, sondern Mediziner. Könnte das für die Anwendung dieser Therapie problematisch sein?

Szalay: Es braucht keine fachliche, sondern eine menschliche Kompetenz. Man braucht natürlich Feingefühl und Kommunikationsfähigkeit. Das Gute an der Würdetherapie ist, dass sie so „einfach“ konzipiert ist, dass wirklich jeder Mensch dazu geeignet ist, der des Lesens und Schreibens mächtig ist und einem Menschen aufrichtig zuhören kann.

Was haben Sie persönlich durch die Würdetherapie gelernt?

Szalay: Dem Aspekt der Würde mehr Aufmerksamkeit zu schenken, auch von ärztlicher Seite. Das sind oft kleine Gesten. Ich persönlich pflege mich beispielsweise gerne an das Patientenbett zu setzen. Das ist natürlich aus Sicht des Patienten ein Eindringen in seine Privatsphäre. Ich mache das jeden Tag öfters, darum frage ich nicht immer. Hier wurde mir bewusst, dass es sehr wohl, zumindest beim ersten Mal, die Frage braucht. In meiner täglichen Arbeit muss mir bewusst sein, dass viele meiner ärztlichen Tätigkeiten in die Würde hineinspielen, und dann gefordert ist, dass ich besonderes Feingefühl an den Tag lege.

Worin sehen Sie den größten Trumpf der Würdetherapie?

Szalay: In der Bewusstmachung der Dinge, die ein jeder Mensch in seinem Leben erreicht hat. Es ist bereits eine Leistung, ein ganzes Leben erfolgreich zu „überstehen“. Das Leben für sich ist schon Herausforderung genug. Das sehen wir manchmal nicht. Bewusstsein ist der Schlüssel in meinen Augen.

Wann greift die Würdetherapie nicht?

Szalay: In zwei Extremfällen: wenn ein Patient wirklich in so einem tiefen Loch ist, dass er das Gute einfach nicht sehen kann und vielleicht sogar nicht sehen will. Es braucht schon eine gewisse Offenheit und Bereitschaft, das Positive zu sehen. Das wäre der Fall, wenn es in Richtung krankhafte Depression geht. Das andere Extrem: Die Behandlung hat wenig Effekt, wenn das ein Mensch ist, der sich ohnehin alle diese Fragen schon gestellt hat.

Apropos Herausforderung. Welchen Problemen begegnen Sie bei Ihrer alltäglichen Arbeit?

Szalay: Ich denke, Routine ist ein Stichwort, das alle Menschen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, betrifft. Routine ist ein ganz ein großer Feind des Bewusstseins und der Tiefe, besonders in menschlichen Beziehungen. Die Tiefe in menschlichen Beziehungen ist aber ganz zentral im palliativmedizinischen Setting. Es ist eine Herausforderung, nicht in eine Routine zu verfallen, wenn man jeden Tag an den gleichen Ort kommt und auch dieselben Patienten antrifft.

Was unternehmen Sie, um nicht in eine Routine zu verfallen?

Szalay: Ich persönlich versuche gewisse Werkzeuge des Achtsamkeitstrainings, kurze Meditationen oder kurze Momente des Innehaltens einzusetzen, um das Bewusstsein, das in der Routine verloren geht, wiederzugewinnen.

Verraten Sie uns Ihre persönliche Antwort auf Ihre Lieblingsfrage aus Chochinovs Fragenkatalog: Welche Lebensweisheit möchten Sie weitergeben?

Szalay: Dass das Leben ein ganz großes Geheimnis ist, ein Mysterium, das man nicht mit irgendwelchen Rezepten oder starren Regeln, die man sich zurecht legt, meistern kann, sondern das ganz viel Flexibilität, Offenheit, Kreativität und Neugier verlangt. Ein anderer Aspekt ist, was eine deutsch-polnische Dichterin, Rose Ausländer, sehr schön in einen kurzen Sinnspruch zusammengefasst hat: „Sei was du bist und gib was du hast.“

 

Info

Würdetherapie Die Würdetherapie geht auf eine Forschergruppe um Prof. Harvey Max Chochinov zurück (Universität Manitoba).

Die erste von elf Fragen an die Patienten lautet: Erzählen Sie mir ein wenig aus Ihrem Leben; besonders über die Ereignisse, an die Sie sich am meisten erinnern oder die am wichtigsten in Ihrem Leben waren. Was war Ihre beste Zeit?

Frage 2: Gibt es bestimmte Dinge, die Sie Ihrer Familie über sich mitteilen wollen? Gibt es bestimmte Erinnerungen, die Sie mit Ihrer Familie teilen wollen?

Frage Nummer drei: Was waren die wichtigsten Rollen, die Sie in Ihrem Leben eingenommen haben?

www.dignityincare.ca/en

Mit Matthias Szalay hat Christina Vaccaro gesprochen
, Ärzte Woche 37/2017

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