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Georg Gradwohl leidet seit einem Unfall an einem beidseitigen Schädelhirntrauma, nach dem ersten Elektro-Therapie-Training mit dem Mollii-Anzug konnte er seine Beine gerade halten und einige Schritte gehen.

© (3) Michael Hudelist - InfoMediaWorx.com

 
Allgemeinmedizin 5. März 2017

Schwedischer Anzug unter Strom

Spastik. Ein schwedischer Chiropraktiker hat einen speziellen Trainingsanzug entwickelt, der mit niederfrequenten Stromimpulsen Wirbelsäulengeschädigten, Spastikern, zerebral Gelähmten und neurologisch Beeinträchtigten Hilfe verspricht.

Georg Gradwohl aus Hollenthon in Niederösterreich hatte mit 16 Jahren bei einem Mopedunfall ein schweres Schädelhirntrauma erlitten. Nach einem Jahr im Koma wachte der damalige Lehrling auf, hat aber seither mit einer spastischen Lähmung seines Körpers zu kämpfen. „Der Kopf ist so schwer verletzt, dass die weiteren Nerven nicht angesteuert werden können, alle Muskeln sind versteift“, erzählt seine Mutter, während der mittlerweile 30-jährige Georg selbst auf einem Laufband geht und seit 15 Minuten einen neuartigen, dicht anliegenden Trainingsanzug testet, der mit insgesamt 58 Elektrodioden ausgestattet ist.

Der Patient fühlt sich sichtlich wohl, langsam setzt er einen Fuß vor den anderen, vor ihm zeigt ein Bildschirm wie in einem Fitnessstudio an, wie viele Meter er schon gegangen ist. Während Georg lacht und sich auf seine Beine konzentriert, eingespannt in einem Lokomat-Gestell, drückt die Mutter schon ihre Begeisterung aus, „also zuhause schwitzt er schon nach wenigen Schritten in seinem Zimmer, hier geht er jetzt schon einige Zeit, ohne dass es ihn offensichtlich anstrengt“.

„Den will ich haben“

Nach dem Ende der 30-minütigen Trainingseinheit mit dem ‚Mollii-Anzug‘ steht für Georg fest, „den will ich haben“. Sein behandelnder Therapeut in Salzburg, Dr. Ricardo Febres Landauro zeigt ein Video, das unmittelbar vor dem Training aufgenommen wurden, „man sieht, dass der Patient kaum stehen konnte und ein völlig instabiles Gangbild aufwies, jetzt, nach der ersten Einheit mit dem Mollii-Anzug steht er gerade und bewegt seine Füße auch gerade“. Georgs Eltern werden vermutlich zu den ersten Käufern in Österreich gehören, sie wollen zuvor mit ihrer Kasse noch abklären, ob es einen Zuschuss für den 4.750 Euro teuren Mollii-Anzug gibt.

Zulassung der Kassen fehlt

Diese Übernahme der Kosten durch eine Kasse könnte sich allerdings noch als Problem erweisen, denn die schwedische Entwicklung hat zwar ein CE-Zeichen und ist damit in ganz Europa als sicheres, technisch-medizinisches Produkt zugelassen, aber die Kassen wollen vor einer Mitfinanzierung naturgemäß die Wirksamkeit bestätigt sehen. „Dass man Spastizität mit Elektrostimulation behandeln kann ist längst bekannt, aber zur Wirksamkeit des Mollii-Anzuges laufen noch Studien, deren Ergebnisse im Sommer dieses Jahres vorgestellt werden“, sagt Febres.

„Tausenden Österreichern kann damit geholfen werden“

Febres ist überzeugt davon, dass der Mollii-Anzug Menschen mit Spastizität oder anderen Formen der motorischen Behinderung maßgebliche Hilfestellung geben kann und damit vielen betroffenen Menschen ein grundsätzlich verbessertes Bewegungs- und Funktionsvermögen ermöglicht. „Tausenden Österreichern kann damit geholfen werden, ein Stück mehr Selbstständigkeit, Zuversicht und bessere Lebensqualität zu erreichen“, sagt Febres, der Leiter der Hauses St. Lukas, einem Ambulatorium für Neurorehabilitation in der Stadt Salzburg.

„Ein Freund aus Frankreich hatte mir ein Bild von seinem Sohn geschickt, der nach einem Training mit dem Anzug wieder stehen konnte“, erinnert sich Febres, daraufhin habe er sich sofort auf die Suche nach der Herstellerfirma gemacht.

Fündig geworden ist er bei der Firma „Inerventions“ in Schweden. Dort hat bereits 2012 der Chiropraktiker Frederik Lundqvist den Anzug entwickelt und auf den Markt gebracht. Lähmungen mit Elektrotherapie zu behandeln sei seit den 1960er-Jahren bereits bekannt, sagt Lundqvist, „aber die Behandlung ist nur in Kliniken möglich und es können mit dem Aufkleben von wenigen Elektroden immer nur einige, wenige Muskeln behandelt werden“.

Die Idee zum Ganzkörper-Anzug mit Elektroden sei ihm bei einer Behandlung eines Patienten gekommen, als er gemerkt habe, dass man mit einer manuellen Stimulation der Zehen auch eine Bewegung des Knies erreichen kann, „wir nennen das den Marie-Foix-Reflex“.

Die Frage sei also gewesen, wenn man mit einer einzigen Stimulation schon ein Bein beweglicher machen könne, was würde passieren, wenn man den gesamten Körper stimulieren könnte. Die Idee des Elasthan- und Baumwoll-Trainingsanzuges mit den eingenähten Elektroden war geboren.

Nach Angaben des Herstellers sind seit 2012 insgesamt 700 Mollii-Anzüge verkauft worden, davon alleine 350 im Herstellerland Schweden. Produziert wird der spezielle Trainingsanzug in Estland, „die Handfertigung dauert 19 Stunden“, so Lundqvist. Die Herstellungskosten teilen sich je zur Hälfte auf den Stoff und das Nähen, sowie auf die Steuereinheit auf. Der eng anliegende, schwarze Anzug besteht aus Elasthan und Baumwolle und ist bei 40 Grad waschbar, die Elektroden werden laut Lundqvist dabei nicht beschädigt. Österreich ist das elfte EU-Land, in dem der Mollii-Anzug nun vertrieben wird, Lundqvist rechnet mit einer Nachfrage von rund 50 Stück in diesem und 100 Stück im nächsten Jahr.

Seit Dezember 2012 hat der Mollii-Anzug die europaweit gültige Sicherheitsmarke „CE 2a“, das heißt der Anzug ist medizinisch-technisch überprüft und für in Ordnung befunden, aber die von den Kassen für eine Zulassung nachgewiesene Wirksamkeit wird derzeit noch in zahlreichen Studien getestet. In dieser Studie wird derzeit die Wirksamkeit des Anzuges bei 30 Patienten nach einem Schlaganfall oder mit cerebraler Parese (CP), sowie bei 15 Kindern mit CP untersucht.

 

Michael Hudelist

, Ärzte Woche 10/2017

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