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Der Neurologe Markus Otto arbeitet an einem Molekularmodell. Otto erforscht an der Uniklinik Ulm die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die immer noch als unheilbar gilt.
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Allgemeinmedizin 13. Februar 2017

Prionen sind in aller Munde

Creutzfeld-Jakob. Die Ergebnisse der Biomarker-Forschung lassen auf eine schnellere Diagnostik mittels Bluttest hoffen. Derweil berichten britische Mediziner von einem Erkrankten mit einer neuartigen genetischen Veranlagung.

Bisher gab es keine Verfahren zur Identifizierung von sub- oder präklinische infizierten Trägern der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK). Die Entwicklung des ersten Bluttests könnte das nun ändern. Wie in dem Fachjournal Scientific Report beschrieben, ist es einer internationalen Arbeitsgruppe gelungen, damit Creutzfeld-Jakob-Fälle zu diagnostizieren und ihren Verlauf in gewissem Rahmen vorherzusagen.

Creutzfeldt-Jakob wird von infektiösen, falsch gefalteten Proteinen, sogenannten „Prionen“, verursacht. Sie lagern sich im zentralen Nervensystem ab und führen dazu, dass sich auch die körpereigenen Eiweiße atypisch falten. Dies hat eine Degeneration des Gehirns und typische spongiformen Veränderungen des Gewebes zur Folge.

Der neu entwickelte Test basiert auf der Messung hirnspezifischer Neurofilamente, die bereits vor dem Ausbruch der Erkrankung nachweisbar sind. „Diese frühzeitigen Hinweise werden zunehmend wichtiger, da es erste Ansätze für eine ursächliche Therapie gibt“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Markus Otto, Leiter der Arbeitsgruppe Neurochemistry and Neurodegeneration an der Neurologischen Universitätsklinik Ulm.

Eine vergleichende Studie mit 100 Probanden zeigte, dass die neue Methode den vorhandenen Verfahren zumindest ebenbürtig ist. Der Bluttest hat auch noch einen weiteren Vorteil: „Im Gegensatz zum Nachweis der sehr spezifischen Prionproteine im Nervenwasser, beschränkt sich die Messung der Neurofilamente beim Bluttest keineswegs auf die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. Sie ermöglicht auch eine frühzeitige Diagnose der Amyotrophen Lateralsklerose und somit einen zeitnahen Therapiebeginn“, erklärt Otto. Klinische Studien sollen nun die Zuverlässigkeit des Bluttests in der Differenzialdiagnostik und zur Verlaufskontrolle prüfen.

Genetische Veranlagung

Die CJK ist eine äußerst seltene Prionerkrankung, nur etwa einer von einer Million Menschen ist betroffen. Bis dato ist die Krankheit nicht behandelbar und endet immer tödlich. In Österreich sind Verdachts-, Erkrankungs- und Todesfälle meldepflichtig. Die CJK fällt in die Kategorie der transmissible spongiforme Enzephalopathien und kommt als sporadische, genetische oder übertragene Form vor.

Mehr als 20 Jahre nach dem Auftreten erster Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Variante vCJK haben Mediziner eine neue Form der Erkrankung nachgewiesen. Der Fall könne möglicherweise den Beginn einer neuen Erkrankungswelle bedeuten, berichten Mediziner des University College London. Bei der neuen Variante (vCJK) stammen die Prionen vorwiegend vom Rind und werden durch den Verzehr von kontaminiertem Fleisch auf den Menschen übertragen. Vor rund 30 Jahren führte die Rinder-Krankheit Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE) zum erstmaligen Ausbruch von vCJK beim Menschen. Weltweit gab es rund 220 Fälle von vCJK, die meisten aus dem Vereinigten Königreich und Frankreich, aus Österreich sind keine Fälle bekannt.

Die Angst zu Beginn der Erkrankungswelle konnte allerdings durch die sinkenden Fallzahlen nach dem Jahr 2000 vermindert werden. Die vCJK betrifft vor allem junge Menschen, der Altersmedian liegt bei 26 Jahren. Die Diagnose wird mittels klinischer Symptome, EEG-Befunden und bildgebender Verfahren erstellt. Mutmaßlich beeinflussen genetische Veranlagung die Anfälligkeit, Inkubationszeit und Manifestation der Erkrankung.

Die bisherigen vCJK-Fälle traten ausschließlich bei Personen mit einem Polymorphismus am Kodon 129 des Prionproteingens (PRNP) auf, dem homozygoten Genotyp Methionin/Methionin (M/M). Dabei geht es um etwa 40 Prozent der Bevölkerung. Im Fachblatt New England Journal of Medicine berichtet nun ein Ärzteteam rund um Tzehow Mok am University College in London von einem an vCJ erkrankten Patienten aus Großbritannien, der eine andere Erbanlagen-Kombination hat, nämlich den heterozygoten Genotyp Methionin/Valin (M/V).

Neuer Erkrankungsfall aufgetreten

Der 36-jährige Patient mit Persönlichkeitsveränderungen wurde im August 2015 in der National Prion Clinic aufgenommen. Er war ungewohnt reizbar und berichtete von progredienten Demenzen, Ataxie und Myoklonien, klassische Anzeichen einer CJK. Wie sich der Patient angesteckt hatte ist nicht bekannt. Es gab keinen Nachweis des 14-3-3-Proteins im Liquor. Sechs Monate nach seinem ersten Krankenhausaufenthalt starb der Patient. Die genaue Form der CJK war zu Beginn unklar, da das klinische Bild des Patienten und die damit verbundenen epidemiologischen, diagnostischen Kriterien nicht vollständig denen der typischen vCJK-Fälle entsprachen. Der MRT-Befund deutete auf die sporadische Form der CJK hin. Die Resultate der neuro-pathologischen Untersuchung und der Stamm-Typisierung stimmten aber eindeutig mit den Daten von bisherigen vCJK-Patienten überein ( bit.ly/2llJIkZ ).

Bereits 2009 war ein ähnlicher Fall im Fachblatt Lancet erschienen, auch hier wurde von einem vCJK-Erkrankten mit dem M/V Genotyp berichtet. Damals wurde die Diagnose allerdings ohne Autopsiebefund erstellt. Die Ergebnisse des neuesten Falls zeigt aber, wie wichtig die Durchführung einer Autopsie und genetischen Untersuchung für eine korrekte CJK-Diagnose ist.

Lange Inkubationszeit

Unklar ist, wie hoch das Erkrankungsrisiko dieser Menschen ist und ob dieser Fall den Beginn einer zweiten Erkrankungswelle darstellt. Prof. Dr. Inga Zerr, die Leiterin der Forschungsgruppe Prionen an der Universität Göttingen, geht davon aus, dass weitere Fälle zu erwarten sind. „Die Fallzahlen können jedoch nicht zuverlässig abgeschätzt werden, da zu viele unbekannte Faktoren in die Berechnung einfließen.“ Der neu identifizierte Genotyp M/V ist mit einem Anteil von 50 Prozent stärker in der Bevölkerung vertreten als M/M (37 %), womit eine größere Anzahl an Personen betroffen wäre. Die Art des Polymorphismus hat auch Einfluss auf die Länge der Inkubationszeit. Diese Rückschlüsse lassen sich von Personen mit Kuru ziehen, einer übertragbaren Prionenkrankheit, deren Erkrankte auch Träger des M/V Genotyps sind.

Während bisher von einer mittleren Inkubationszeit von 10 bis 15 Jahren ausgegangen wurde, scheint jene der nun neu identifizieren Gruppe an Betroffenen zwischen 20 bis 30 Jahre zu liegen. Dies ist auch von großer Bedeutung für die Ansteckungsgefahr. Hier könnte der neu entwickelte Bluttest zum Einsatz kommen. Eine Übertragung ist nämlich nicht nur über BSE-verseuchtes Fleisch möglich, sondern auch über Blut und Blutprodukte. „Das Risiko einer Erkrankungsübertragung von nicht diagnostizierten vCJK-Fällen über Blut, Organspende, chirurgische Instrumente kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden“, erklärt Zerr. Vier Fälle solch einer sekundären Infektion durch Blut bzw. Blutplasma sind aus dem Vereinigten Königreich bekannt. Der Hygienebeirat des österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit hat in diesem Zusammenhang eine „Richtlinien für den Schutz vor einer Übertragung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei invasiven Eingriffen“ herausgebracht.

Symptome einer CJ-Erkrankung sind zunächst Kopfschmerzen und Gedächtnisstörungen, gefolgt von Halluzinationen, Persönlichkeitsveränderungen, Lähmungen und Demenz. Die Krankheit führt zu immer mehr Fehlern und schließlich dem völligen Versagen aller Hirnfunktionen. Kranke im Endstadium werden „The Living Dead“ genannt.

- Seit vor drei Jahrzehnten BSE erstmals auftauchte, sind zahlreiche Maßnahmen der EU-Staaten zur Bekämpfung der Krankheit beschlossen worden. Nachdem die ersten Fälle 1984 registriert wurden, beurteilte man den Rinderwahnsinn ein Jahrzehnt lang als agrarisches Problem.

- 28. Juli 1989: Höhepunkt der Rinderseuche. Brüssel verhängt ein Exportverbot für lebende Rinder aus Großbritannien.

- 6. März 1990: Meldepflicht für alle BSE-Fälle.

- 27. März 1996: Generelles Ausfuhrverbot für britische Rinder und -erzeugnisse.

- 5. Juni 2000: Verstärkte epidemologische Überwachung von Rindern auf BSE durch Schnelltests (in Ö seit 2001).

- März 2016: Erstmals seit fünf Jahren ist in Frankreich wieder ein Fall von Rinderwahnsinn aufgetreten.

Elisabeth Straka

, Ärzte Woche 7/2017

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