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Allgemeinmedizin 26. April 2016

Ein buntes Bild

Versandapotheken im Europavergleich - ein Spiegel der Mentalitäten

Der Versandhandelsmarkt ist nach wie vor im Aufwind, beim Arzneimittelversand stellt sich die Situation differenzierter dar. Sowohl derzeitige Umsätze pro Kopf als auch das zu erwartende Wachstum sind im europäischen Vergleich sehr unterschiedlich.

Führend im E-Commerce ist derzeit Großbritannien. Hier wurden im vergangenen Jahr stattliche 107 Milliarden Euro im gesamten Versandhandel ausgegeben. Pro Kopf waren das 1671 Euro. In Deutschland wurden immerhin 63,4 Milliarden umgesetzt, pro Kopf waren das 786 Euro. Die Franzosen zeigten sich ähnlich kauffreudig im Internet. Im Vergleich dazu scheinen Länder wie Norwegen oder Österreich beim Gesamtumsatz mit 7,6 bzw. 11,0 Milliarden Euro zwar vergleichsweise zurückhaltend. Die Pro-Kopf-Ausgaben liegen jedoch mit 1490 bzw 1258 Euro deutlich vor Deutschland. Auffällig: In Italien, dem Land, in dem jeder schon früh mit einem „Telefonino“ ausgerüstet zu sein schien, beträgt der Gesamtumsatz zwar 11,2 Milliarden Euro, die Pro-Kopf-Ausgaben allerdings nur 186 Euro.

Strukturunterschiede

Für das Online-Kaufverhalten im Arzneimittelversandmarkt spielen unter anderem unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen, die Struktur des jeweiligen Apothekenmarktes, die Finanzkraft der Versender und die Rolle des apothekenähnlichen Marktes (Parapharmazien) eine Rolle. Aktuell sind, dem Branchenkenner Arnt Tobias Brodtkorb von der Deutschen Sempora Consulting zufolge, auch im Versandapothekenmarkt Großbritannien und Deutschland mit mehr als zehn Prozent Anteil am Non-Rx-Umsatz, also den nicht rezeptpflichtigen Medikamenten, führend. Noch im „Entwicklungsstadium“ befinden sich demnach Polen, Österreich, Schweden und Norwegen mit einem Umsatzanteil zwischen vier und zehn Prozent. In Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien, Belgien, Dänemark, Portugal, den Niederlanden und den osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien spielt der Versandhandel mit einem Umsatzanteil von unter vier Prozent am Gesamtarzneimittelmarkt eine ziemlich unbedeutende Rolle.

Eine Analyse verschiedenster Marktdaten für 17 EU-Länder mit erlaubtem Arzneimittelversand (nur Non-Rx oder auch mit Rx-Versand) legt nahe, dass sich diese Situation in den nächsten Jahren voraussichtlich noch wandeln wird. Demnach werde der gesamte europäische Apothekenversandhandel starke Zuwächse verzeichnen, prognostiziert Brodtkorb: Bis 2018 könnte sich demnach der Umsatz mit nicht rezeptpflichtigen und anderen apothekentypischen Produkten von 2,3 Milliarden Euro (2013) auf dann rund fünf Milliarden Euro verdoppeln. Das entspräche einem Marktanteil von 8,8 Prozent (2013: 4,8 Prozent) am gesamten Non-Rx-Markt der relevanten Länder.

Wo sich besonders viel tut

In Deutschland rechnet der Branchenexperte mit einem Wachstum des Non-Rx-Jahresumsatzes von 814 Millionen Euro (2013) auf etwa 1,6 Milliarden Euro. Der Anteil am Non-Rx-Markt steige damit, so Brodtkorb, von zwölf auf 17 Prozent. Umsatzbezogener Marktführer ist aktuell die Shop-apotheke (Non-Rx: 138 Mio. Euro), gefolgt von Apo-rot (120 Mio. Euro) und medikamente-per-klick (100 Mio. Euro). Eine Umfrage zur (gestützten) Markenbekanntheit ergab die Shop-apotheke (49 %) inzwischen auf Platz 1 hinter DocMorris (64 Prozent).

Stark unterstützt wird das Wachstum allerdings voraussichtlich besonders durch die noch jungen Apothekenversandmärkte wie Frankreich, Spanien oder Italien mit einer Wachstumsrate von etwa 360 Prozent – von niedrigen Ausgangswerten ausgehend. Auch in Österreich rechnet Brodtkorb nach der jüngst erfolgten Freigabe des OTC-Versandhandels mit einer Wachstumsrate von 280 Prozent bis 2018 (von 36 Millionen Euro Jahresumsatz auf 101 Millionen). Auch hier führen derzeit die beiden Versandhändler Shop-apotheke und Apo-rot die Umsatz-Rangliste im Non-Rx-Bereich an, die ihre gebahnten Strukturen erfolgreich auf den österreichischen Markt adaptiert haben. Die große Begeisterung ortet die österreichische Standesvertretung freilich noch nicht, da sich der Großteil der Kunden traditionellerweise persönlich und umgehend in der vertrauten und vertrauensvollen Atmosphäre der tatsächlichen Apotheke versorgt.

Inselstrategie – Anders in Großbritannien

Auch in Großbritannien ist mit weiterem Marktwachstum im Apothekenversandhandel zu rechnen, angeführt durch den Anbieter Boots, gefolgt von Lloyds. Im britischen Markt dominiere jedoch ein Multichannel-System mit Click-&-Collect-System, bei dem Online-Bestellungen in einer gewählten Boots-Filiale abgeholt werden können, so Brodtkorb. Das lasse sich so nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen. Daher würden die dortigen Anbieter aktuell weniger auf einen europäischen Ausbau ihrer Versandhandelsaktivitäten setzen.

Fazit

Trotz unterschiedlicher Entwicklungsstufen ist im gesamten Arzneimittelversandmarkt Wachstum vorprogrammiert, prognostizieren Marktexperten. Demnach werden die stationären Apotheken im Bereich Non-Rx weiter an Umsatz verlieren werden. Vor allem die großen Versandhändler werden den Markt dominieren und sich auch international durchsetzen, da sie inzwischen eine „kritische Masse“ erreicht hätten und weiter investieren könnten – auch in neue Vertriebsmodelle, länderspezifische Sortimente und Cross-Channel-Marketing. „Die etablierten Versender sind inzwischen richtig große Industrieunternehmen und keine kleinen Einzelhändler mehr“, so Brodtkorb. Neueinsteiger in den Versandhandelsmarkt dürften es nach seiner Einschätzung dagegen schwer haben.

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