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Beschäftigung als Gastarzt im Evangelischen Krankenhaus bei Prof. Wolfgang Feil (Mitte): Dr. Adnan Mamieh aus Syrien (rechts) und „konventioneller“ Gastarzt aus Indien, Dr. Tomar Vivek.

© Barmherzige

Kontakt zur Chirurgie, zur Fachsprache und zum wienerischen Sprachgebrauch als Gastarzt bei den Barmherzigen Schwestern in Wien: Dr. Hussain Eleoiy (rechts) von Prof. Dr. Alexander Klaus (links). Schwestern Wien

 
Allgemeinmedizin 20. April 2016

Strenge Anerkennungskultur

Erste Schritte sind zwar getan, aber der österreichische Weg zur Berufsausübung für Flüchtlinge in Gesundheitsberufen ist weiterhin beschwerlich.

Eine unbefriedigende Situation konstatieren fast alle Seiten: Dass in den Herkunftsländern erworbene Kompetenzen der Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia oder woher auch immer in Österreich nur mit beträchtlichem Aufwand anerkannt werden.

Techniker, Ärzte, Apotheker, Physiotherapeuten und viele mehr möchten ihre Berufe ausüben. Politiker, Vertreter des Sozialsystems und der Universitäten bekunden guten Willen. Vorbilder wie Deutschland könnten auch Österreich Anknüpfungspunkte bieten. Derzeit bilden Schnittstellen im System und Missverständnisse allerdings immer wieder neue Stolpersteine für die zügige Umsetzung.

Speziell für Ärzte unter den Flüchtlingen ist die Situation in Österreich durchaus zwiespältig: Ärzte der unterschiedlichsten Fachrichtungen werden gesucht, in manchen Bereichen wie Pathologie oder Anästhesie besteht bereits tatsächlich eine Mangelsituation, etwa 60 Chirurgenstellen in österreichischen Krankenhäusern sind aktuell unbesetzt – aber mehrere hundert arbeitswillige Ärzte aus dem Nicht-EU-Ausland befinden sich derzeit noch im recht komplexen Prozess, die Berufsberechtigung zu erlangen. Das kann zwischen zwei und fünf Jahre dauern. „Einfach ist der Weg sicher nicht“, bekannte der Wiener Ärztekammerpräsident, Prof. Dr. Thomas Szekeres bei einem Informationstreffen mit der Gruppe der „Neuen syrischen Ärzte in Österreich“ in der Österreichisch-arabischen Ärzte- und Apothekervereinigung in Wien.

Die Gleichwertigkeit des Studiums wird festgestellt

Zunächst geht es darum, die Gleichwertigkeit des Studiums im Ausland mit jenem in Österreich festzustellen. Je nach Studienland ergeben sich dabei unterschiedliche Evaluierungs- und Ergänzungsanforderungen. Zuständig für diese Nostrifikation des Medizinstudiums sind, auf der gesetzlich vorgegebenen Grundlage, die medizinischen Universitäten mit ihren Studienabteilungen. Österreichweit gilt dafür zwar ein gemeinsam festgelegtes Verfahren, die jeweiligen Inhalte regelt jedoch jede Med-Uni autonom. So führt man etwa in Graz mit jedem Bewerber ein Fachgespräch, um dessen Kenntnis- und Kompetenzstand zu erkunden, bevor es in die nächste Runde geht. In Wien wird dies nur in Einzelfällen angeboten, bei Beratungsbedarf steht man freilich im Studienzentrum zur Verfügung und rät auch dringend dazu, dieses Informationsangebot anzunehmen, erklärt Prof. Dr. Gerhard Zlabinger, Curriculumsdirektor der Studienabteilung der MedUni Wien. Zentrales Instrument für die Evaluation ist der „Stichprobentest“, in welchem das Wissen in den klinischen Fächern mit jeweils etwa 30 Fragen eruiert werden soll. Die Kenntnis der Grundlagenfächer wird bei Nachweis eines Medizinstudiums vorausgesetzt. Für ein positives Ergebnis dieses Stichprobentests müssen etwa 50 Prozent in jedem Fachgebiet richtig beantwortet werden, eventuell können gute nachweisbare Zeugnisergebnisse des bereits absolvierten Medizinstudiums den Anteil auf 40 Prozent reduzieren. Bei einem geringeren Erfolgsanteil steht im nächsten Schritt eine mündliche Prüfung im jeweiligen Fach auf dem Programm. Sind alle klinischen Fächer positiv erledigt, gilt es noch – zur Vorbereitung auf das österreichische Gesundheitssystem – vier Pflichtprüfungen in Rezeptierkunde, Gerichtsmedizin, Hygiene und Sozialmedizin mündlich zu absolvieren. Alles recht komplex. „Wir haben die Verantwortung, die Qualität zu gewährleisten“, betont Zlabinger und ortet ein beträchtliches Maß an Fehlinformationen an unterschiedlichen Fronten.

Erhöhte Kapazitäten für den Stichprobentest

Als Voraussetzung, um all das bewältigen zu können, gelten natürlich ausreichende allgemeine Deutschkenntnisse, die auf dem Niveau B2 verlangt werden. Äußerst nützlich sind Kompetenzen in medizinischem Deutsch, wofür die Med-Uni Wien beispielsweise die – frei zugängliche – Vorlesung „Medizinische Terminologie“ anbietet, und mittlerweile auch manche Kurse unterschiedlichster Anbieter eingerichtet wurden. Drei Termine werden jährlich für die Stichprobentests angesetzt, wobei in Wien beispielsweise bisher mit etwa 40 Teilnehmern pro Test gerechnet wurde. Für den nächsten Termin am 6. Juni wurde nun jedoch Platz für 140 Teilnehmer geschaffen – man rechnet mit höherem Aufkommen. Die Anmeldung zur Nostrifikation ist übrigens nicht gleichbedeutend mit der Anmeldung zum Stichprobentest, wie manch arbeitswilliger Mediziner vermuten könnte: Die ist erst ab einem Stichtag möglich, über den eine gesonderte Einladung informiert… Eine gemeinsame Informationsveranstaltung der MedUni Wien, des AMS und auch der Ärztekammer und einiger NGOs am 4. Mai sowie eine Checkliste für die Nostrifikationskandidaten sollen mehr Klarheit verschaffen.

Die Berufsberechtigung erteilt schließlich die Ärztekammer nach erfolgter Nostrifikation des Studiums. „Im nächsten Schritt ist der Weg etwas einfacher“, stellte Szekeres fest, dann nämlich, wenn es um die Anerkennung der Vorerfahrungen speziell in den einzelnen Fachrichtungen geht. Und die Ärztekammer verspricht „Unterstützung in jeder Form und durch alle Landesärztekammern.“ In Einzelfällen ist das Durchlaufen all dieser Stationen übrigens relativ schnell möglich, wie das Beispiel eines jungen syrischen Chirurgen zeigt: Er erlangte im ambitionierten Schnelldurchlauf aller erforderlicher Etappen – und mit vorausschauender Vorbereitung im Vorfeld – innerhalb von weniger als einem Jahr die Berufsberechtigung, bekam zunächst eine Stelle an einer Internen Abteilung im Otto Wagner Spital und schließlich eine Chirurgiestelle am Wilhelminenspital in Wien.

Eine ungelenke Rechtslage

Als Grund für das etwas schwerfällige Verfahren sieht Dr. Roland Paukner, der von Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser speziell für das Themengebiet der Integration von Angehörigen der Gesundheitsberufe unter den anerkannten Flüchtlingen in Österreich betraut wurde, die österreichische Rechtslage, die auf diese Situation nicht eingestellt sei: „Die gesetzlichen Bedingungen machen es den Betroffenen sehr schwer, im Berufsfeld tätig zu werden.“ Möglichkeiten bestehen derzeit beispielsweise für Ärzte – unter Aufsicht – in der medizinischen Betreuung von Flüchtlingen. Oder auch in einem – bezahlten – Auslandseinsatz mit Ärzte ohne Grenzen. Oder als – unbezahlter – Gastarzt im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), wo man derzeit die ersten Erfahrungen mit einem derartigen Pilotprojekt evaluiert.

Hospitationen sind auch in konfessionellen Krankenhäusern, wie dem Evangelischen Krankenhaus oder bei den Barmherzigen Schwestern, möglich. So konnte Prof. Dr. Wolfgang Feil, Vorstand der Chirurgischen Abteilung im Evangelischen Krankenhaus in Wien, in Kooperation mit Caritas und AMS – und nach Überwindung einiger bürokratischer Hürden – zum ersten Mal einen anerkannten Flüchtling und gleichzeitig syrischen Chirurgen als Gastarzt beschäftigen. Als Präsident des „European Board for Surgery“ und damit Prüfer einerseits, und Kandidat für das Fellowship des „European Board of Surgery“ andererseits kannte man sich schon seit einigen Jahren. Die fachliche Kompetenz ist daher bekannt – die formale Anerkennung nach Absolvierung der Prüfungen ist freilich noch zu erledigen. Auch bei den Barmherzigen Schwestern in Wien bietet man einem syrischen Chirurgen – und anerkannten Flüchtling – eine Stelle als Gastarzt an der chirurgischen Abteilung, Vorstand Prof. Dr. Alexander Klaus, wo er nicht nur den Kontakt zu seinem Fach, sondern auch zum österreichischen Gesundheitssystem halten bzw. erwerben kann – und zum angewandten wienerischen Sprachgebrauch. Die formelle Sprachprüfung wurde bereits mit gutem Erfolg absolviert. Zahnärzte können übrigens ebenso wie Apotheker im Assistenzbereich arbeiten.

Alles bewegt sich sehr langsam...

Die zügigere Beschäftigung im eigenen Beruf für Mediziner wird derzeit nach verschiedenen Regelungen im Ärztegesetz geprüft (siehe Ärzte Woche 13/2016), wonach ärztliche Tätigkeiten zu Studienzwecken oder wie im Rahmen einer Famulatur zugelassen werden können. Die Grünen forderten nun Mitte März von der Regierung, neue Projekte zu entwickeln, um dieses Kompetenzpotential nicht zu verlieren. Freilich müssen Rechtssicherheit und Qualitätssicherung gewährleistet werden.

Anknüpfungspunkte könnte das Vorgehen in Deutschland bieten, wo Mediziner aus Syrien, deren Studium dem deutschen durchaus vergleichbar eingestuft wird, unter Aufsicht – bezahlt – ein bis zwei Jahre in ihrem Fach arbeiten können. Die darauf basierende Beurteilung entscheidet über die Berufsberechtigung. Freilich lauern auch hier manche Tücken. Dennoch: „Wenn es in Deutschland möglich ist, sehe ich nicht, warum es in Österreich nicht möglich sein sollte“, meinte Paukner, bekennt aber: „Wir sind am Anfang und es bewegt sich alles leider sehr langsam.“ Die Berufsaussichten scheinen in Österreich jedenfalls nach Überwindung aller Hürden gut: Abgesehen von den Mangelfächern, werden in den nächsten Jahren beispielsweise 70 Prozent der praktischen Ärzte älter als 60 Jahre alt sein: „Man wird noch mehr froh sein, Sie hierzuhaben, wenn die Pensionierungswelle einsetzt“, versicherte Szekeres.

Der Weg zur Berufsberechtigung für Apotheker und Zahnärzte

Apotheker als Bachelor

Für Apotheker aus dem arabischen Raum ist die Situation etwas klarer als für die Mediziner: Das Pharmaziestudium in diesen Ländern sowie aus Afghanistan wird als Bachelor anerkannt, daher müssen zusätzliche Inhalte zur Erreichung des Masterabschlusses im Ausmaß von drei Semestern absolviert werden. In diesen drei Semestern stehen vier sogenannte integrierte Module sowie eine Reihe von Spezialvorlesungen wie „Einführung in die Evidenz“, „Selbstmedikation“, „Interpretation klinischer Studien“ oder auch „Fallstudien aus der pharmazeutischen Betreuung“ auf dem Programm. Schließlich ist auch eine Masterarbeit zu verfassen. Die Sprache sei in diesem Arbeitsfeld sowohl im Studium als im Beruf ein sehr wichtiges Instrument, betont der Vorsitzende der Studienkonferenz für Pharmazie an der Universität Wien, Prof. Dr. Helmut Spreitzer. Dem Masterstudienabschluss folgen jedenfalls wie für alle Absolventen des Pharmaziestudiums das Aspirantenjahr sowie die Abschlussprüfung – dann kann der Apotheker eigenständig arbeiten. Anders als für die Mediziner ist der Arbeitsmarkt für Apotheker derzeit ziemlich gesättigt, österreichweit suchen etwa 150 Apotheker einen Arbeitsplatz. Das kann sich aber auch wieder recht schnell ändern, stellt auch Mag. pharm. Viktor Hafner, Vizepräsident der Wiener Apothekerkammer fest.

Zum Diplom der Zahnmedizin

Für Zahnmediziner unter den Flüchtlingen ist der Zugang zur Berufsberechtigung in Österreich ähnlich jenem für andere Mediziner mit dem Unterschied, dass der Stichprobentest inhaltlich dem Fach entsprechend gestaltet ist. Dabei werden neun Bereiche aus den Blöcken des Diplomstudiums Zahnmedizin abgefragt: Von „Kau- und Bewegungsapparat“ bis „Kieferorthopädie“. Werden hier erhebliche Defizite festgestellt, sind mündliche Prüfungen vorgesehen. Dazu kommen in jedem Fall Prüfungen aus allgemein medizinischen Bereichen mit Relevanz für die Zahnmedizin und schließlich eine Kommissionelle Gesamtprüfung.

Verena Kienast, Ärzte Woche 15/2016

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