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© J. Preimesberger
Auf dem Gipfel der Träume: die Teilnehmer der Kilimandscharo-Expedition (links oben der Neumarkter Arzt Dr. Jürgen Preimesberger).
 
Allgemeinmedizin 5. April 2016

Glücksgefühle im Höhenrausch

Der Arzt Jürgen Preimesberger begleitete eine Expedition zum Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas.

Dr. Jürgen Preimesberger war sechs Jahre lang als Schiffsarzt auf den weltgrößten Kreuzfahrtschiffen unterwegs. 2014 hängte er seinen Seesack an den Nagel und ließ sich als Allgemeinmediziner in Neumarkt am Wallersee nieder. Im Jänner begleitete er als Expeditionsarzt eine internationale Exkursion zum 5.895 Meter hohen Kilimandscharo in Tansania, an der 17 Bergsteiger teilnahmen. Im Interview mit der „Ärzte Woche“ erzählt Preimesberger von seinen größten Herausforderungen.

Was hat Sie dazu bewogen, Afrikas höchsten Berg zu besteigen?

Preimesberger: Meine Abenteuerlust habe ich bis heute nicht abgelegt. Eine besondere Faszination stellt für mich die Kombination aus Reise und medizinischer Herausforderung dar.

Wie sind Sie denn zu diesem besonderen Job gekommen?

Preimesberger: Da ich lange im Ausland tätig war, konnte ich auch international gute Kontakte aufbauen. Nach einem Interview per Skype, in dem ich meine Englischkenntnisse ebenso unter Beweis stellen musste wie meine Erfahrungen in der Höhenmedizin, habe ich schließlich die Zusage bekommen.

Wussten Sie über die körperliche Fitness und den Gesundheitszustand der Teilnehmer Bescheid?

Preimesberger: Jeder Teilnehmer musste sich einem medizinischen Check-up unterziehen. Im Vorfeld wurden mir ihre Krankheitsakten zugesandt, somit hatte ich einen Einblick über bestehende Erkrankungen.

Welches Equipment hat man Ihnen zur Verfügung gestellt?

Preimesberger: Im Notfallkoffer waren neben den gängigen Höhen- medikamenten Notfallarzneien, Verbands- und Nähmaterial, ein Stethoskop, ein Pulsoxymeter und natürlich eine Sauerstoffflasche.

Mit welchen medizinischen Fällen wurden Sie während Ihrer Ex- pedition konfrontiert?

Preimesberger: In erster Linie mit der Höhenkrankheit. Ein Teilnehmer erlitt sogar ein akutes Höhenlungenödem. Darüber hinaus gab es Durchfallerkrankungen und Beschwerden seitens des Bewegungsapparates. Insgesamt hatte ich 34 Einsätze. Somit kommen auf jeden Teilnehmer zwei Konsultationen. Mit anderen Worten: Langeweile kam für mich während der Expedition nicht auf.

Wie äußert sich die Höhenkrankheit, ab welcher Höhe tritt sie auf?

Preimesberger: Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Formen der Höhenkrankheit: der akuten Höhenkrankheit, dem Höhenlungenödem und dem Höhenhirnödem. Die akute Höhenkrankheit tritt im Durchschnitt bei rund 30 bis 50 Prozent der Teilnehmer auf und ist die häufigste Form der Höhenkrankheiten. Das individuelle Beschwerdebild kann sich hierbei in vielfältiger Weise präsentieren. Als Leitsymptom fungiert der Kopfschmerz, der typischerweise in der Schläfenregion auftritt und sich häufig nachts verstärkt. Die Diagnose „Akute Höhenkrankheit“ gilt als gesichert, wenn der Betroffene zusätzlich ein weiteres Symptom wie extreme Müdigkeit, Schwäche, Übelkeit, Apathie, periphere Ödeme oder eine verringerte 24-Stunden-Urinmenge unter einem Liter aufweist. Das akute Höhenlungenödem, die häufigste Todesursache im Höhentrekking und Bergsteigen, äußert sich nicht wie das klassische Lungenödem in Form von Rasselgeräuschen, sondern durch einen plötzlichen Leistungsabfall, der das klassische Leitsymptom darstellt. Weitere Symptome sind Tachypnoe oder Tachykardie, brennender Druck hinter dem Brustbein, Orthopnoe, blutiger Husten und massiver Abfall der Sauerstoffsättigung. Es tritt oft in der zweiten Nacht in neuer Höhe oder in der vierten Nacht oberhalb von 2.500 Metern völlig unabhängig von einer akuten Höhenkrankheit auf. Als schwerste Form gilt das Höhenhirnödem, das häufig zum Tod führt. Es stellt eine generalisierte neurologische Störung dar. Neben dem Leitsymptom der Ataxie können starke Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Lichtscheue, Sehstörungen, Fieber und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma auftreten.

Ab welcher Höhe kann man höhenkrank werden, und wer ist besonders gefährdet?

Preimesberger: Eine definierte Schwellenhöhe, ab der man höhenkrank wird, gibt es nicht. Grundsätzlich besteht eine Gefahr, wenn man nicht akklimatisiert in Höhen von mehr als 2.500 Metern steigt.

Im Hinblick auf die Erkrankungshäufigkeit gibt es große individuelle, genetische Dispositionsunterschiede. Einheimische und Sherpas sind genauso anfällig zu erkranken wie wir Europäer. Neben der genetisch festgelegten Höhentauglichkeit gilt die Aufstiegsgeschwindigkeit als wichtigster Risikofaktor. Im Prinzip kann jeder höhenkrank werden, wenn er zu schnell und hoch genug steigt.

Welches Tempo sollte man wählen und wie viele Höhenmeter täglich absolvieren?

Preimesberger: Grundsätzlich sollte in jeder Höhe ein kompromisslos aerobes Gehtempo gewählt werden. Als sehr hilfreich hat sich dabei die Einhaltung eines 1:2-Atemrhythmus‘ (einen Schritt einatmen und zwei Schritte ausatmen) erwiesen. Beim Gehen sollte man sich problemlos mit anderen unterhalten können. Als Pulsobergrenze gilt bei älteren 120/Minute, bei jüngeren 140/Minute. Da man sich hauptsächlich während des Schlafens akklimatisiert, sollte oberhalb von 2.000 bis 3.000 Metern der tägliche Schlafhöhenunterschied 400 Meter nicht überschreiten.

Wie kann man sich körperlich auf eine solche Expedition vorbereiten und gibt es prophylaktische Medikamente, die helfen, das Schlimmste zu verhindern?

Preimesberger: Zwar ist ein ausgezeichneter Ausdauertrainingszustand kein Garant für ein problemloses Aufsteigen in große Höhen, doch ein solider Trainingszustand nach erfolgter Akklimatisation ist erfolgsbestimmend. Für eine Besteigung des Kilimandscharos sollte eine Grundlagenausdauer auf einer Minimalbasis von einem 120-minütigen Wochenumfang erworben werden.

Als medikamentöse Akklimatisationshilfe ist die prophylaktische Einnahme von Acetazolamid in einer Dosierung von zweimal 125 mg weit verbreitet. Das Präparat sollte vom ersten Tag bis zwei Tage nach Erreichen der Zielhöhe eingenommen werden. Nach Beginn des Abstiegs kann der Carboanhydrasehemmer unproblematisch abgesetzt werden. Er beschleunigt die Atmung in Ruhe und unter Belastung, senkt den Gehirndruck und verbessert die Sauerstoffversorgung des Gehirns.

Welche Behandlungsmethoden bei der der akuten Höhenerkrankungen gibt es?

Preimesberger: Grundsätzlich lautet die Sofortmaßnahme bei allen Formen der Höhenkrankheit ziemlich ähnlich ab: möglichst rasch mehr Sauerstoff – entweder durch Abstieg in tiefere Lagen, Flaschensauerstoff oder Überdrucksack. Die weiteren Maßnahmen bestehen aus körperlicher Ruhe, Wärme und höhenspezifischen Medikamenten. Der Abtransport in tiefere Lagen ist das Wichtigste, die zum Einsatz kommenden Medikamente stellen dazu keine Alternativen dar und dienen lediglich zur lebensrettenden Überbrückung.

Welche Medikamente helfen gegen welche Beschwerden?

Preimesberger: Ibuprofen und Naproxen eignen sich hervorragend zur Behandlung des sehr häufigen Höhenkopfschmerzes. Es sollte aber auf keinen Fall prophylaktisch eingenommen werden, da der Höhenkopfschmerz ein initiales Leitsymptom der Höhenkrankheit ist. Das Mittel der ersten Wahl bei Höhenlungenödem ist der Kalziumantagonist Nifedipin, der wegen einer auftretenden Reflextachykardie nur in retardierter Form verabreicht werden soll.

Nifedipin führt zu einer raschen Senkung des Lungengefäßdrucks und zu einem Anstieg der Sauerstoffsättigung. Dexamethason, ein potentes Kortikoid, findet bei Verdacht auf Höhenhirnödem Verwendung. Es stabilisiert die Blut-Hirn-Schranke und zeigt bereits nach zwanzig Minuten Wirkung.

Bei schweren Formen der Höhenkrankheit kann man vor dem Abtransport (stets in aufrechter Lage) eine Tripletherapie aus Dexamethason, Nifedipin und Sauerstoff anwenden. Die Anwendung von Diamox als Notfallmedikament ist obsolet. Sein Einsatz bei Höhenlungenödem führt zu einer ausgeprägten, letalen Gasaustauschstörung. Seine Einnahme ist rein prophylaktisch und akklimatisationsfördernd.

 

Das Gespräch führte Ivo Wunderlich.

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