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Starkes Schwitzen oder Stress fördern den Juckreiz empfindlicher Haut.
 
Allgemeinmedizin 25. Jänner 2016

Juckreiz prägt sich ein

Juckende Haut kann sehr quälen. Dennoch gibt es bei chronischem Verlauf keine zugelassenen Medikamente. Umso wichtiger sind gute Beratung und Empfehlungen zur Linderung der Beschwerden.

Juckreiz löst ein unbändiges Verlangen aus zu kratzen, bis Schmerz entsteht. Um ihn zu stoppen, setzen Betroffene Fingernägel und Gegenstände ein. Unkontrolliert und unbewusst kratzen sie sich auch in der Nacht, bis die Haut wund und blutig ist. Als chronisch wird Juckreiz eingestuft, wenn er länger als sechs Wochen andauert.

„In Untersuchungen zur Lebensqualität stehen Hautjucken mit zwanghaftem Kratzen (Pruritus) oder juckende Krankheiten wie Neurodermitis stets an der Spitze der am meisten belastenden Probleme“, berichtet Prof. Dr. Martin Metz von der Charité. In Deutschland kommt es bei etwa 20 Prozent der Menschen – vom Säugling bis zum Senior – im Lauf des Lebens zu den quälenden Beschwerden.

Chronischer Juckreiz hat viele Ursachen

Besonders häufig tritt er bei Menschen auf, die unter einer Hautkrankheit leiden. Aber auch systemische Krankheiten lösen ihn aus. Dazu zählen vor allem Diabetes mellitus, Krebs, Nierenleiden und Krankheiten der Leber. Selbst Wirbelsäulenerkrankungen können chronischen Juckreiz verursachen. Zudem ist er eine mögliche Nebenwirkung vieler Medikamente, etwa von Opioiden und nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR).

In jedem Alter. Bei Säuglingen ist Neurodermitis meist der Grund für die Beschwerden, bei Kleinkindern vermuten Ärzte zuerst eine Krankheit der Leber hinter dem juckenden Problem. Bei älteren Menschen sind es verstärkte Umbauprozesse in der Haut. Diese führen zu einer trockenen Haut, die sehr viel sensibler auf Umwelteinflüsse reagiert als normale.

Die Beschwerden sind nicht trivial. Untersuchungen in der Türkei zeigen, dass 20 Prozent der über 85-Jährigen allein aufgrund der Diagnose Juckreiz ein Krankenhaus aufsuchen mussten.

Chronisch gereizt

Fast immer ist eine gestörte Hautbarriere an der Entstehung von chronischem Juckreiz beteiligt. Denn fehlt der Haut Schutz, können Irritantien oder Allergene sie sehr viel leichter reizen. Geschieht dies immer wieder, kommt es zu chronischen Entzündungsreaktionen.

In der Haut lösen die Reize zudem die vermehrte Freisetzung von Wachstumsfaktoren wie NGF (Nerve Growth Factor) und VEGF (Vascular Endothelial Growth Faktor) aus. Die Ausschüttung von Histamin spielt dagegen keine große Rolle. „Dies ist auch der Grund, weshalb Menschen mit chronischem Juckreiz oft nicht auf Antihistaminika ansprechen“, erklärte Metz.

Prägt sich ein

Wie beim Schmerz entsteht auch bei chronischem Juckreiz ein Gedächtnis lokal vor Ort und in verschiedenen Gehirnarealen. In der Haut wachsen bei einer vermehrten Freisetzung von NGF verstärkt sensorische Hautnerven in die Epidermis ein. Zusätzlich sind diese Bereiche stärker durchblutet, weil VEGF die Neubildung von Blutgefäßen fördert. Auf unetrschiedliche Reizungen reagiert die Haut in diesen Bereichen daher sehr viel sensibler und mit Juckreiz. Aber auch im Gehirn ist eine verstärkte Sensibilisierung für Juckreizempfindungen anhand einer gesteigerten Gehirnaktivierung in MRT-Aufnahmen nachweisbar.

Therapie

Untersuchungen zeigen, wie wichtig schon sehr früh im Leben eine intakte Hautbarriere und damit einhergehend eine effektive Schutzfunktion der Haut vor äußeren Einflüssen sind. Und sie zeigen auch, dass konsequente Hautpflege wesentlich zu einer intakten Hautbarriere beiträgt.

Prophylaxe

In den Untersuchungen erhielten gesunde Babys ab der Geburt zweimal täglich eine Hautpflege mit rückfettenden Pflegeprodukten, unabhängig davon, ob sie eine eher fettige oder trockene Haut hatten. In einer Vergleichsgruppe pflegten die Mütter ihre Babys frei nach ihren Vorstellungen. Alle Testteilnehmer waren besonders gefährdete Kinder von Allergikern. Für die Kinder der Prüfgruppe stellte sich heraus, dass sie im späteren Leben sehr viel weniger Ekzeme entwickelten. “An der Charité empfehlen wir daher, Risikokinder morgens und abends einzucremen“, sagt Metz.

Basistherapie

Die erste und wichtigste Maßnahme bei einer chronisch juckenden Haut ist die regelmäßige Pflege mit rückfettenden, wirkstofffreien Cremes oder Lotionen. Mediziner sprechen von einer Basistherapie. In der Charité erhalten die Patienten dazu Proben von Kosmetika zum Ausprobieren. „Für uns ist es wichtig, dass die Kranken ihre Pflegeprodukte mögen“, betont Metz. Nur so lässt sich auf Dauer eine gute Compliance erreichen.

Bei einer ausgeprägt trockenen Haut empfehlen sich Produkte mit dem natürlichen Feuchthaltemittel Harnstoff (Urea,5-10%) zur Stärkung der Hautbarriere. Insbesondere bei Altershaut sollten Pflegemittel frei von Wollwachs und Duftstoffen sein, da sie Allergien auslösen können. Die Anwendung erfolgt auf der ganzen Haut. „Kratzstriemen sollten die Kranken beim eincremen nicht aussparen“, rät Metz.

Für das Beratungsgespräch

Um die Hautbarriere zu schonen, sollten Betroffene keine herkömmlichen Seifen verwenden und keine langen, heißen Bäder nehmen. Ihre Kleidung sollte zudem frei von hautreizender Wolle sein. Gegen unbewusstes Kratzen helfen möglichst kurz geschnittene Fingernägel. Wichtig ist das Vermeiden von juckreizfördernden Faktoren, wie starkes Schwitzen oder Stress. Außerdem gehören bestimmte Nahrungsmittel vom Speiseplan verbannt. Alle Lebensmittel, die Juckreizschübe auslösen, regen die Durchblutung an. Das sind vor allem scharfe Speisen.

Entspannung

Manchen Juckreizgeplagten helfen Entpannungsübungen wie autogenes Training. Andere berichten davon, dass ihnen Kälte oder Wärme guttut. Aber auch ein Versuch mit juckreizlindernden Externa, wie das Oberflächenanästhetikum Polidocanol oder das antioxidativ und antientzündlich wirksame Endocannabinoid Palmitoylethanolamin (PEA), kann sich lohnen. Eine andere Alternative sind Externa mit kühlenden Substanzen wie Campher und Menthol.

Springer-gup

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