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OA Doz. Dr. Michael Rainer Autorenhinweis
 
Allgemeinmedizin 25. Jänner 2016

Hilfe bei Stress und Burn-out

Menschen, die unter ständigem Druck stehen oder Mobbing am Arbeitsplatz erfahren, sind auch Burn-out gefährdet.

Die Behandlungskosten für Burn-out- Symptomatik und Stress liegen in Österreich derzeit pro Jahr bei rund 7 Mrd. Euro. OA Doz. Dr. Michael Rainer von der Psychiatrischen Abteilung am Sozialmedizinischen Zentrum Ost – Donauspital in Wien beantwortete die Fragen, wer heutzutage aller gestresst ist, welche Symptome zu beachten sind und welche Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Was ist Stress?

Rainer: Stress ist eine überlebenswichtige, evolutionsbiologische Funktion, die unseren Körper bei Gefahr in maximale Alarmbereitschaft versetzt. Er lässt uns blitzschnell entscheiden - Kampf oder Flucht. Das Wort Stress stammt aus dem Lateinischen „Stringere“ bzw. Englischen und bedeutet Druck, Anspannung und Dehnung. In den 1930er-Jahren verwendete der Mediziner Hans Selye den Begriff erstmals, um die „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“ zu benennen. Wir unterscheiden zwischen Eustress und Distress. Eustress wird von der griechischen Vorsilbe „eu“ abgeleitet und steht für „gut“ und wird in der Regel nicht als Belastung empfunden. Hierbei handelt es sich um jene Stressoren, die zwar Organe beanspruchen, jedoch zu einer besseren Aufmerksamkeit und Konzentration und höheren Leistungsfähigkeit führen. Stress in Kindheit und Jugend bereitet uns auf die Leistungsanforderungen des Lebens vor und ist nicht nur negativ zu sehen. Distress bezeichnet den negativen Stress, mit all seinen schlechten körperlichen, geistigen und seelischen Folgen für den Betroffenen. Menschen empfinden Stress als negativ, wenn er häufig oder nicht mehr kompensierbar ist. Distress über einen längeren Zeitraum kann schließlich zu einem Burn-out fuhren.

Wie wirkt Stress?

Rainer: Stressoren sind Auslöser für Stress, lassen im Hirn und im vegetativen Nervensystem komplexe biochemische Prozesse ablaufen: Puls, Blutdruck und Muskeltonus werden erhöht. Der Körper ist auf den Notfall vorbereitet und extrem leistungsfähig. Bei Dauerstress werden ständig Kortison und Adrenalin ausgeschüttet. Ein langfristig erhöhter Kortisolspiegel erhöht den Blutdruck, was auf Dauer die Blutgefäße schädigt und die Gefahr für einen Herzinfarkt ansteigen lasst. Weitere negative Auswirkungen sind Muskelverspannungen, die bis zum Bruxismus führen können, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände, somatoforme Störungen, emotionale Anzeichen wie Launenhaftigkeit oder Konzentrationsprobleme. Chronischer Stress kann auch zur Hemmung der Neurogenese führen und Unterbrechungen der neuronalen Plastizität und Neurotoxizität verursachen. Je länger der Stress andauert, umso mehr Neuronen werden durch Kortison im Hippocampus zerstört. Zeitgleich wird Serotonin, der zentrale Gegenspieler im Gehirn reduziert, was zu einer Dämpfung führt. Nach einer Stresssituation ist es daher wichtig, rasch wieder zur Ruhe zu kommen, damit das Alarmsystem wieder heruntergefahren wird. Jeder Motor geht kaputt, wenn er ständig Höchstleistung bringen muss.

Wer ist heutzutage gestresst?

Rainer: Besonders betroffen sind Menschen, die sich permanent vorausgaben, zwischendurch nicht zur Ruhe kommen und Angst haben, ihre Arbeit oder Anerkennung zu verlieren. Schule und Eltern sollten Kinder auf die vielen Herausforderungen in der realen Welt vorbereiten, ihnen Adaptations- und Bewältigungsmuster sowie Problemlösungsstrategien lehren, um in unserer Leistungsgesellschaft bestehen zu können. Selbstverständlich haben wir in der heutigen Zeit viel mehr Stressoren als in früheren Jahrhunderten. Denken wir nur an die tägliche Informationsflut, Lärmbelästigung und das enge Zusammenleben in der Großstadt, Zeitmangel, Zeitdruck, Armut und Schulden. Weitere Stressoren sind übergroße Verantwortung, aber auch permanente Unterforderung, Versagensangst, Mobbing, Konflikte, Schlafentzug, Schichtarbeit, Krankheiten, chronische Schmerzen und Trauer. Besonders ältere Personen sind im Alltag oft gestresst ‒ soziale Isolation, Einsamkeit und Langeweile spielen eine große Rolle und sind für fast 50 Prozent der psychischen Erkrankungen im Alter verantwortlich. Der sogenannte „Technostress“, die Sorge, dass man in der digitalen Welt nicht mehr so bestehen kann, trifft auf viele ältere Personen zu. Nach neueren Erkenntnissen nach Falkei sind drei Prozent der Bevölkerung hochsensible Menschen, die ganz besonders rasch und stark auf Stressoren reagieren und dadurch besonders von Angststörungen, Schlafstörungen und Verstimmungen – bis hin zu psychosomatischen Reaktionsbildungen betroffen sind. Ob und wann wir gestresst sind, ist individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wichtig ist die körperliche Verfassung des Betroffenen, seine Umgebung, seine Persönlichkeit, seine Sichtweise der Situation und in wieweit er für solche Situationen bereits Bewältigungsmuster greifbar hat.

Wie erkennt man Menschen, die kurz vor einem Burn-out stehen?

Rainer: Burn-out ist ein Zustand tiefer emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung, meist als Folge von Stress und Überforderung. Bis vor kurzem ist man davon ausgegangen, dass nur jemand ausbrennen kann, der vorher für eine Sache „gebrannt“ hat. Neuerdings ist diese Annahme nicht mehr ganz gerechtfertigt, heute wissen wir, dass auch Menschen die unter ständigem Druck stehen oder Mobbing am Arbeitsplatz erfahren, Burn-out gefährdet sind. Der Psychiater H. Freudenberger und die Psychologin Ch. Maslach prägten in den 1970er-Jahren den Begriff „Burn-out-Syndrom“. Jedoch findet sich im ICD-10 in den Kapiteln der Krankheitsbilder kein entsprechender Diagnoseschlüssel für das Burnout-Syndrom. Es gibt nur die Möglichkeit, eine Subdiagnose zu stellen. Die typischen Burn-out-Symptome sind Gefühle von innerer Leere, extremer Antriebsmangel, Unruhe, ein geschwächtes Immunsystem und psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Magen-Darm-Probleme, Impotenz, Kopfschmerzen und Muskelverspannungen. Meist findet ein sozialer Rückzug statt, Familie, Freunde und Hobbys werden vernachlässigt.

Welche Maßnahmen raten Sie?

Rainer: Wer Stress bekämpfen will, muss zuerst einmal herausfinden, was wirklich stresst. Zeitdruck, Arbeitsumfeld, Partnerschaftsprobleme, Misserfolg oder eigene zu hohe Erwartungen. Wir haben drei Säulen der Therapie: die psychologisch-psychotherapeutischen Gespräche, die medikamentöse Behandlung und die psychosoziale Unterstützung. Besonders wichtig ist, dass der Betroffene wieder beginnt, den Blick auf andere Menschen zu weiten und Zeit für sich selbst im Alltag einplant. Neben ausreichend Schlaf, zirka sieben bis acht Stunden pro Tag, sollte auf regelmäßige Bewegung geachtet werden. Studien zeigen, dass aerobes Training die körperliche, jedoch auch die geistige Leistungsfähigkeit maximal verbessert. Techniken wie Yoga, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Lichttherapie und Massage können eingesetzt werden.

Welche medikamentösen Therapeutika stehen bei Burn-out zur Verfügung?

Rainer: Es können serotonerge Antidepressiva bei bestehender Depression in sehr niedriger Dosierung positiv wirken. Eine in unseren Breitengraden neuere Behandlungsmethode ist die Pflanze Rhodiola Rosea, auch Rosenwurz genannt. Schon seit Jahrhunderten wird die Pflanze in der Volksmedizin Russlands, Chinas und Skandinaviens zur Bewältigung von geistigen und körperlichen Anstrengungen eingesetzt. Im 20. Jahrhundert wurden eine Vielzahl von Studien durchgeführt, in denen die stressmindernden Eigenschaften der Pflanze nachgewiesen wurde. Weiters wurde Rosenwurz bei russischen Astronauten zur Verbesserung der Resilienz sowie bei Sportathleten zur Leistungssteigerung erfolgreich angewandt. Die Rosenwurz ist im Handel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Anwendung bei zeitweilig auftretenden Symptomen von Stress wie z.B. Erschöpfung und Schwache erhältlich.

Andere Einsatzmöglichkeiten von Rhodiola Rosea?

Rainer: Neuere in Europa durchgeführte Studien zeigen, dass z. B.l Studenten oder Ärzte durch die Einnahme von Rosenwurz eine bessere Stresstoleranz aufweisen konnten sowie zu geringerer Müdigkeit neigten. Sie hilft bei geistigen und körperlichen Symptomen von Stress wie zum Beispiel Erschöpfung und Schwäche. Gerade Menschen, die unter Antriebslosigkeit oder enormer Tagesmüdigkeit leiden, profitieren von der erhöhten Energieproduktion in den Mitochondrien, die für mehr Vitalität im Alltag sorgt. Experten zufolge wird die Pflanze derzeit als eine der wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten bei Burn-out eingeschätzt. Auch aufgrund dessen, dass deren Wirksamkeit schon in der Vergangenheit gut bewiesen wurde und keine Abhängigkeitssyndrome zu befürchten sind.

Das Gespräch führte Birgit Schmidle-Loss

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