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Allgemeinmedizin 13. Jänner 2016

Pläne für die Zukunft der Allgemeinmedizin

Hausarzt wird Familienmediziner. Politik soll Kassenzahl reduzieren.

Das Gesundheitswesen ist hoch entwickelt, wozu die Allgemeinmedizin einen wichtigen Anteil beigetragen hat. Damit das so bleibt, muss sich die Fachrichtung aber der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Zehn Forderungen des deutschen Hausarztes Hanno Grethe für die Zeit bis 2025. Thesen, die auch der österreichischen Gesundheitslandschaft gut tun würden.

Gleich mehrere Trends transformieren aktuell die Allgemeinmedizin. Einer der wichtigsten ist der steigende Anteil von Ärztinnen in der Hausarztfunktion. Dadurch steigt der Bedarf an neuen Arbeitsmodellen und Unterstützungen. Als Hausärzte registrieren wir einen steigenden medizinisch-sozialen Integrationsbedarf in einer alternden Gesellschaft.

Trotz Internet und Telemedizin wird die Rolle der sprechenden Medizin wichtiger. Ein weiteres Problem ist interdisziplinär: Mängel in der Aus-, Weiter- und Fortbildung führen zu Kompetenzverlusten. Dies sind nur drei Aspekte, aber sie geben einen Eindruck von der Komplexität des Wandels. Um eine optimale hausärztliche Betreuung zu sichern, muss sich Einiges tun.

Bis 2025 wären folgende Entwicklungen ideal:

• Der Facharzt für Allgemeinmedizin wird zum modernen Facharzt für Familienmedizin weiterentwickelt werden. Wenn wir den individualmedizinischen Ansatz von Prävention, Diagnostik und Therapie um die vollen gruppenmedizinischen Aspekte erweitern, wird der Hausarzt zum Zentrum einer effektiven, kostengünstigen Grundbetreuung.

• Für die Familienmedizin werden klare Ziele formuliert. Die dafür nötige Theoriebildung berücksichtigt auch die aktuellen Probleme der Versorgungssituation.

• Die verschiedenen familienärztlichen Organisationsformen — Einzel- oder Gemeinschaftspraxis, Medizinische Versorgungszentren, Ärztenetze etc. – werden zu lokalen Zentren teamorientierter Familienmedizin umgeformt.

• Alle an der Betreuung Mitwirkenden vernetzen sich elektronisch, mit dem Hausarzt in zentraler Position. Der Datenschutz bleibt gewährleistet.

• Die Familienmedizin passt sich an Verschiebungen in Demografie und Morbidität an.

• Methoden und Equipment werden weiterentwickelt, etwa für Screenings oder die Therapie Multi- morbider.

• Alltagstaugliche Behandlungsempfehlungen werden beachtet.

• Die methodisch evaluierte Prävention wird intensiviert.

• Auf den Familienarzt zugeschnittene IT-Systeme werden entwickelt, etwa zur Verbindung mit Recall-Systemen oder zur automatischen Kontrolle auf Arzneimittelwechselwirkungen und Kontraindikationen.

• Ein Qualitätsmanagementsystem für die Hausarztpraxis wird entwickelt.

Bei alledem muss sich die Familienmedizin darauf verlassen können, dass ihre Voraussetzungen verbessert werden. Das betrifft die Aus- und Weiterbildung. Ein obligatorischer, viermonatiger Abschnitt „Hausärztliche Betreuung“ im Praktischen Jahr wäre ebenso wichtig wie starke Weiterbildungsverbünde und Weiterbildungsabschnitte, etwa in HNO-Heilkunde, Dermatologie oder Pädiatrie. Auch sollte die Position der Mentoren gestärkt werden – auch finanziell.

Die Politik könnte den Alltag der Familienärzte von viel Bürokratie befreien, indem sie die Zahl der Krankenkassen drastisch reduziert und eine einheitliche Solidarversicherung einführt. Auch eine obligatorische Jahres-Einschreibung der Patienten beim Hausarzt würde die Betreuung effektiver machen.

springermedizin.de, Ärzte Woche 1/2/2016

  • Frau MR Dr Waltraud Fink, 16.01.2016 um 00:32:

    „Es wird hier behauptet, dass die „Zehn Forderungen des deutschen Hausarztes Hanno Grethe für die Zeit bis 2025“ „Thesen“ wären, „die auch der österreichischen Gesundheitslandschaft gut tun würden.“ Dabei strotzen die angeführten 10 Punkte nur so von schönen, nichtssagenden Worten, leeren Phrasen, Wunschvorstellungen, deren Nützlichkeit aber ohnehin durch nichts belegt ist. Dazu wird so getan, als ob die Allgemeinärzte und -ärztinnen jetzt nichts leisten würden. Außerdem werden Rahmenbedingungen mit Inhalten vermengt.
    • Was soll ein „moderner Facharzt für Familienmedizin“, wo doch in Österreich die viel wichtigere Anerkennung der Allgemeinmedizin als Fach noch aussteht und es deshalb den Facharzt für Allgemeinmedizin noch immer nicht gibt?
    • Was soll eine „Theoriebildung“ für eine Familienmedizin bringen? Bei den häufigsten Gesundheitsstörungen in der Allgemeinpraxis spielt die Familie de facto keine Rolle, abgesehen vielleicht von Ansteckungsgefahr bei Varizellen oder Pflegefreistellung und Ähnlichem.
    • Warum sollte einer Familienmedizin eine bessere Prävention gelingen, noch dazu eine „methodisch evaluierte“?
    • Was heißt: „familienärztlichen Organisationsformen“?
    • Wie kann sich die Familienmedizin anpassen „an Verschiebungen in Demografie und Morbidität“?
    • „Methoden und Equipment werden weiterentwickelt, etwa für Screenings oder die Therapie Multimorbider.“ Wer? Was? Wie?
    • Wer erlässt die „alltagstauglichen Behandlungsempfehlungen“, die dann „beachtet werden“?
    • Wenn die visionären „auf den Familienarzt zugeschnittenen IT-Systeme“ so toll „entwickelt werden“ und dann aber nur eine „Verbindung mit Recall-Systemen“ schaffen oder „zur automatischen Kontrolle auf Arzneimittelwechselwirkungen und Kontraindikationen“ dienen, dann sollten wir doch jetzt schon auf ELGA stolz sein.
    • „Ein Qualitätsmanagementsystem für die Hausarztpraxis wird entwickelt.“ Soll das eine Drohung sein, dass wir endlich Qualität liefern?
    „Eine einheitliche Solidarversicherung“ und damit eine „drastisch reduzierte Zahl der Krankenkassen“ wäre durchaus vorstellbar, aber dass dadurch „die Politik den Alltag der Familienärzte von viel Bürokratie befreien könnte“, das wiederum ist unrealistisch. Man brauche nur an die Registrierkassen denken.
    Dass die „Aus- und Weiterbildung“ verbessert werden soll, dem ist voll zuzustimmen, aber die vermittelten Inhalten müssen auch stimmen. So sollte die Berufstheorie, wie sie Robert N Braun in 50-jähriger Forschungsarbeit entwickelt hat, endlich gelehrt werden. Die praktische Ausbildung im Spital, in den spezialistischen Fächern, sollte wirklich auf die späteren Anforderungen in der allgemeinmedizinischen Praxis zugeschnitten sein und natürlich sollte der tatsächliche Berufseinstieg professionell über eine Lehrpraxis erfolgen.“

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