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Bei Mukopolysaccharidose werden jene Enzyme, die für die Aufspaltung von Zuckerketten in Einfachzucker sorgen, aufgrund von Genmutationen in unzureichender Menge gebildet.
 
Allgemeinmedizin 18. November 2015

Spalter abhanden gekommen

Mukopolysaccharidose: Lysosomale Speicherkrankheit mit unberechenbaren Verlauf.

Aufgrund der rasanten Entwicklung wird fast jeder klinisch tätige Arzt zumindest einmal auf Patienten mit angeborenen diagnostizierten Stoffwechseldefekten treffen. So erfreulich sich Therapieoptionen entwickeln, so bleibt der Knackpunkt die rechtzeitige Diagnose, auch bei der Mukopolysaccharidose.

Verkrümmte Wirbelsäule, großer Kopf und grobe Gesichtszüge, eine große Zunge, laute röchelnde Atmung, eine getrübte Hornhaut, chronische Infekte der Atemwege durch adenoide Wucherungen. Das sind nur einige der frühen Symptome einer Mukopolysaccharidose (MPS). Lange blieben diese auffälligen Körpermerkmale und Symptome ein medizinisches Rätsel. 1952 fanden Genetiker schließlich heraus, dass durch Enzymdefekte Mukopolysaccharide (der in der Klinik gebräuchliche Name für Glykosaminoglykane kurz GAG) nicht aufgespalten und damit auch nicht abgebaut/ ausgeschieden werden können und daher im Körper gespeichert werden.

Kostbare Zeit vergeudet

Die Mukopolysaccharidosen (es gibt 11 Formen) sind angeborene, langsam fortschreitende und tödlich verlaufende Stoffwechselerkrankungen. Da Leiden dieser Art sehr selten sind, wird in der Regel spät daran gedacht, dass es sich bei den Auffälligkeiten und Symptome um eine MPS handeln könnte. Daher wird in vielen Fällen kostbare Zeit verspielt, denn es gibt heute für einzelne Formen kausale Behandlungsmöglichkeiten wie etwa die hämatopoetische Stammzelltransplantation oder Enzymersatztherapie, die zwar nicht zur Heilung führen, jedoch Symptome lindern und das Fortschreiten verlangsamen können. Außerdem werden die Lebenssituation verbessert und die Lebenserwartung erhöht.

Bei MPS werden die Enzyme, die für die Aufspaltung von Zuckerketten in Einfachzucker sorgen, aufgrund von Genmutationen in unzureichender Menge oder gar nicht gebildet oder aber die Enzyme sind in ihrer Funktion beeinträchtigt.

Die einzelnen Formen wie Morbus Hurler, Morbus Hunter, Morbus Sanfilippo, Morbus Morquio etc. sind jeweils nach ihren Erstbeschreibern benannt. So erfolgte die Erstbeschreibung des Morbus Sanfilippo durch Sylvester Sanfilippo, wobei man erst später erkannte, dass vier unterschiedliche Enzymdefekte für die Stoffwechselstörung verantwortlich sind. Der letzte dieser Enzymdefekte wurde erst 1980 von Prof. Dr. Hans Kresse aus Münster und seinem Mitarbeiter, dem Grazer Biochemiker Prof. Eduard Paschke, gefunden.

Der Ort bestimmt den Verlauf

Mukopolysaccharide (GAG) werden in den unterschiedlichsten Geweben und Organsystemen gebildet, eine Störung im Abbau führt in erster Linie in jenen Geweben und Organen zu Veränderungen, in denen das jeweilige GAG vermehrt vorkommt: im Skelettsystem, Bindegewebe, und im Gehirn sowie am Auge, an Herz, Leber und Milz etc. So wie sich die Symptome entweder bereits bei der Geburt oder auch erst später zeigen können, ist auch die Lebenserwartung unterschiedlich. Es gibt sogenannte attenuierte Formen, welche die Betroffenen das Erwachsenenalter erreichen lassen.

Wenn aufgrund einer Verkleinerung oder Deformierung des Brustraums durch Leber- und Milzvergrößerung die Atembewegungen eingeschränkt sind, wird die Lunge nicht ausreichend belüftet, es siedeln sich pathogene Keime an – die Folge sind Lungenentzündungen. Wenn die Ablagerungen den Wirbelkanal einengen, kann eine Querschnittslähmung drohen; bleiben die Mukopolysaccharide am Herzen liegen, verlieren die Herzklappen ihre Funktion oder es kommt zu einer Herzinsuffizienz. Ist das Nervensystem betroffen erfolgt nach einer Phase normaler Entwicklung eine mentale und kognitive Retardierung.

Patientenkarrieren verhindern

Durch Fortschritte in der Biochemie und Molekularbiologie ist heute eine frühzeitige Diagnose möglich, doch dafür müssen die Symptome richtig eingeschätzt werden. Da viele Ärzte kaum je eine Patientin/ einen Patienten mit MPS gesehen haben, ist bis zur richtigen Diagnose mitunter eine lange Odyssee durch verschiedene Arztpraxen nötig. Um die Situation zu verbessern, aber auch um über Fortschritte in Diagnostik und Therapie zu informieren führt die Österreichische MPS Gesellschaft alljährlich nicht nur eine Therapiewoche für Betroffene und Angehörige durch, sondern in Verbindung mit dieser auch eine MPS-Fortbildung für Ärzte. Diese stößt auf zunehmendes Interesse in der Ärzteschaft, wie sich bei der diesjährigen Veranstaltung im Sommer anlässlich des 30-jährigen Bestehens in Maria Alm zeigte (unter www.mps-austria.at sind weiterführende Informationen abrufbar).

Prof. Dr. Susanne Kircher vom Zentrum für Pathobiochemie und Genetik der Medizinischen Universität Wien, Mitbegründerin der MPS-Gesellschaft, betont jedoch, dass aus dem Nachweis des jeweiligen Gendefekts keine Prognose über den Verlauf der Erkrankung ableitbar ist, weil offenbar zusätzlich andere induzierte Zellvorgänge (Signalwege) sowie epigenetische Faktoren den Verlauf der Erkrankung mitbestimmen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob MPS (wie versuchsweise in einigen Staaten) in das Neugeborenen-Screening aufgenommen werden sollte. Werden etwa im Rahmen eines Screenings im Harn bzw. im Blut vermehrt GAGs festgestellt oder solche, die in Zusammensetzung verändert sind, ist es laut Kircher gerechtfertigt zu untersuchen, ob eine Genmutation für MPS vorliegt. Ist dies der Fall müssen beim betroffenen Kind regelmäßig die involvierten Organsysteme kontrolliert werden. Sind allerdings bereits bei oder kurz nach der Geburt schwere Skelettveränderungen und eine Hepatosplenomegalie sichtbar, dann muss schon früh und aggressiv behandelt werden (Stammzelltherapie, Enzymersatztherapie etc.; in Zukunft auch Gentherapie). Sind die Symptome milder und daher später manifest, wie man das oft bei den im Jugendalter auftretenden oder attentuierten Formen sieht, ist eine aggressive Therapie wegen der möglichen Nebenwirkungen (Graft-versus-host-disease, allergische Reaktionen, Bildung von Antikörpern etc.) nach Prof. Kircher nicht gerechtfertigt. In diesen Fällen sollte auf weniger belastende Therapieoptionen zurückgegriffen werden, wobei sich einige neue in der Entwicklung befinden, bzw. bereits in klinischen Studien geprüft werden (beispielsweise Chaperone, Substratreduktion, rezeptorgekoppelte Enzymtherapie, autologe genkorrigierte Stammzelltransplantation, read-throught-Gentherapie).

Trotz aller Fortschritte ist MPS heute nicht heilbar, aber bei frühzeitiger Diagnose und einer dem Schweregrad und dem Verlauf angepassten Therapie kann Leid gelindert und das Dasein zumindest ein Stück weit lebenswerter gemacht werden.

Eveline Nimmervoll-Schütz, Ärzte Woche 46/2015

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