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© (2) Anja Krüger
Die Assistentin: Nadine Gans verbindet eine Patientin.

Der Hausartz: Dr. Holger Finkernagel untersucht die Tochter einer Asylbewerberin in einem Flüchtlingsheim in Bad Berleburg.

 
Allgemeinmedizin 28. September 2015

Sprechstunde im Flüchtlingsheim

Ein deutscher Allgemeinmediziner bewahrt im babylonischen Sprachgewirr den Überblick.

Die neuen Flüchtlingsströme lassen den Allgemeinmediziner Dr. Holger Finkernagel nicht kalt. Er handelt. In einem deutschen Flüchtlingswohnheim hilft er kranken Zuwanderern — und lässt sich von Bürokratie und Engstirnigkeit nicht entmutigen.

Das kleine Mädchen hat Fieber. Es ist erst vor wenigen Tagen mit seiner Mutter vom Balkan ins sichere Deutschland geflohen. Jetzt sitzen die beiden im Sanitätsraum einer ehemaligen Reha-Klinik in Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen) und warten auf den Arzt. Der niedergelassene Allgemeinmediziner Dr. Holger Finkernagel hat hier zweimal in der Woche Sprechstunde. Freundlich lächelt er das Kind an. Die Mutter versteht ihn nicht. Er probiert es auf englisch, auf französisch und schließlich auf spanisch. Vergebens. Er schaut sich die Krankenakte des Mädchens an, untersucht es und verschreibt schließlich Zäpfchen. „Sie können sich das Medikament morgen um 11.00 Uhr abholen“, versucht er es noch einmal, unterstützt von vielen Gesten. Die Mutter schaut ihn fragend an.

Medizinische Versorgung für alle

Vor dem Behandlungszimmer an der Anmeldung steht zufällig ein Kroate, der etwas deutsch und etwas serbisch kann. Er übersetzt, die Frau lauscht aufmerksam und nickt dem Arzt dankbar zu. Dr. Holger Finkernagel ist niedergelassener Arzt mit einer großen Praxis in Bad Berleburg, einem kleinen Städtchen im Siegerland. Seit 40 Jahren praktiziert der Hausarzt in dem beschaulichen Ort an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Als er im Mai 2014 gefragt wurde, ob er die medizinische Versorgung der Flüchtlinge übernehmen würde, sagte er spontan zu. Seitdem hält er jede Woche einen Nachmittag und einen Abend eine Sprechstunde ab. Auch ein Kollege kommt einmal pro Woche. „Es ist wichtig, dass wir Menschen, die geflohen sind, genauso behandeln wie diejenigen, die schon immer hier gelebt haben“, ist Finkernagel überzeugt. Doch das sei nicht der Fall, und das empört ihn enorm. Dazu gehört, dass Asylsuchende nur einen Anspruch auf die Behandlung akuter Krankheiten haben. „Bürokratische Prozesse behindern die menschenwürdige Versorgung enorm“, sagt er. Flüchtlinge brauchen in den meisten Bundesländern zunächst eine Bescheinigung vom Sozialamt, um zum Arzt gehen zu können. In Bad Berleburg brauchen sie die Unterschrift eines Mitarbeiters der Bezirksregierung. Sie bekommen sie über zwei Sanitätskräfte, die tagsüber in der Unterkunft sind.

Die Menschen, die in Bad Berleburg Zuflucht gefunden haben, haben schlimme Wochen oder gar Monate hinter sich. Etliche leiden unter Kopf- oder Ohrenschmerzen und Erkältungen. „Viele sind traumatisiert“, sagt Finkernagel. Sie kommen zu ihm mit Schilddrüsenentzündungen, Traumata, aber auch mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. „Das Spektrum ist breit“, sagt der Arzt. Er hat auch schon Kinder ohne Speiseröhre und Patienten mit Herzkrankheiten und epileptischen Anfällen behandelt.

Neurologische Probleme wie schwere Bewegungsstörungen sind nicht selten. Die Hintergründe sind oft nicht klärbar — Flüchtlinge bringen in der Regel keine Krankenakte mit. Finkernagel versucht, so viele Informationen wie möglich zu bekommen. War der Patient z. B. schon einmal in einer Klinik, hat er einen Anhaltspunkt für Recherchen.

In Bad Berleburg befindet sich ein sogenanntes Erstaufnahmelager, das vom Land Nordrhein-Westfalen betrieben wird. Hierhin kommen die Geflohenen unmittelbar nach ihrer Einreise nach Deutschland. Maximal drei Monate sollen sie bleiben, bevor sie in eine Kommune ziehen können. Vielen von jenen, die sich im Foyer der ehemaligen Reha-Klinik an diesem Donnerstagmittag sammeln, sind die Strapazen der Flucht anzusehen. Im Foyer gibt es zu wenig Tische und Stühle. Auf dem Boden sitzen Frauen mit Kindern, kleine Gruppen unterhalten sich. An der Wand hängt ein Fernseher, über den Bilder flimmern. Kaum einer schaut hin. Es herrscht ein babylonisches Sprachgewirr.

Etwa 240 Menschen aus vieler Herren Ländern leben in der Einrichtung. Sie kommen aus Syrien, Somalia, Aserbaidschan oder aus Ex-Jugoslawien, von wo Roma fliehen. Bis Februar hatte Finkernagel mit Kollegen einen 24-stündigen Notdienst für die Bewohner eingerichtet – zunächst kostenlos. Doch war das auf Dauer nicht leistbar.

Die Kosten von etwa 2.000,– Euro im Monat will die Bezirksregierung aber nicht zahlen, deshalb gibt es keinen Notdienst mehr.

Schmerzen einfach aushalten

Die Folge: Gibt es nachts ein medizinisches Problem, entscheiden die Sozialarbeiter. Im Zweifelsfall werden die Bewohner in die Klinik gebracht. Oder sie müssen, wie es immer wieder geschieht, heftige Schmerzen einfach aushalten. „Diese Versorgungslage ist unethisch“, sagt Finkernagel. Er ist davon überzeugt, dass die Klinikeinweisungen teurer sind als ein Bereitschaftsdienst. Die Bezirksregierung hält die jetzige Regelung für angemessen. In der Unterkunft dürften aus Schutz der Bewohner keine Medikamente vorgehalten werden, sagt Sprecher Christoph Söbbeler.

Als Nächste kommt eine junge Syrerin, die auf Krücken läuft, in die Sprechstunde. Sie ist seit einer Woche da. Ihr wurden Dornwarzen entfernt. Finkernagel und seine Assistentin Nadine Gans, die Wundexpertin ist, versorgen den Fuß zügig. Insgesamt findet der Arzt, dass die Mühlen der Bürokratie zu langsam mahlen. Trotzdem arbeitet er mit großem Engagement in der Flüchtlingsunterkunft. „Mir macht die Arbeit dort Spaß“, sagt er. Was ihn erheblich stört, sind die heiklen Rahmenbedingungen. „Es ist völlig unklar, welchen rechtlichen Status unsere Arbeit hat“, sagt Finkernagel. „Für die Kassenärztliche Vereinigungen sind wir eine Außensprechstunde, für das Rote Kreuz eine Rettungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes.“ Und auch die Wertschätzung seiner Arbeit durch die Behörden könnte besser sein. Entmutigt ist er nicht. Er will sich weiter für die Flüchtlinge einsetzen. „Es lässt sich vieles machen“, sagt er. „Man muss nur ein bisschen engagiert sein.“

Der Originalbeitrag ist erschienen in MMW – Fortschritte der Medizin 2015/ 15:10–11 © Urban & Vogel Verlag

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