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© Gero Breloer / dpa
Wer den Desinfektionsmittelspender manuell betätigt, handelt unhygienisch. Schon kleine Fehler können Patienten schwer schaden.
 
Allgemeinmedizin 21. April 2015

Die Hände nicht nur in Unschuld waschen

Der Kampf des Ignaz Semmelweis ist auch heute noch nicht endgültig gewonnen.

Der 5. Mai wurde zum Internationalen Tag der Händehygiene ausgerufen. Was im Alltag vor Infektionserkrankungen schützt, ist im medizinischen Betrieb unabdingbar. Leider offenbart die hohe Rate an nosokomialen Infektionen, dass sich so manche unsaubere Hand in weißen Manteltaschen tummelt. Um dies zu ändern, bedarf es nicht nur Regeln, sondern auch viel Motivationsarbeit, denn ist der Wille vorhanden, ist vieles möglich.

Es ist ein uralter Brauch über dessen Ursprung viele Vermutungen angestellt wurden: Das Händeschütteln gilt, je nach Quelle, entweder als Weiterentwicklung des Winkens oder als Vorzeigen der leeren Waffenhand.

Vielleicht aber wäre die Welt ein gesünderer Ort, wenn man die friedvolle Geste gänzlich abschaffen würde, denn nicht wenige Epidemiologen gehen davon aus, dass die Hände nach wie vor das wichtigste Übertragungsvehikel von Krankheitserregern sind.

Was heute zum Allgemeinwissen jedes Medizinstudenten gehört, musste Ignaz Semmelweis einst gegen Schmähungen von alteingesessenen Schmutzfinken verteidigen. „Sollten Sie aber, Herr Hofrat, ohne meine Lehre widerlegt zu haben, fortfahren, Ihre Schüler und Schülerinnen in der Lehre des epidemischen Kindbettfiebers zu erziehen, so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für einen Mörder“, diese Worte richtete Semmelweis im Jahr 1861 an den deutschen Gynäkologen Friedrich Wilhelm von Scanzoni, der sich wie viele andere weigerte, grundlegende Hygieneregeln zu berücksichtigen.

Heute gehört das Händewaschen zu den am stärksten automatisierten Handlungen. Das ist Chance und Nachteil zugleich, denn obwohl wir das Ritual schon seit der Kindheit betreiben und uns danach sauber fühlen, birgt es einen Hang zur Schlampigkeit. Befragungen haben zudem ergeben, dass Seife (insbesondere bei Männern) eher als Hautpflegemittel gilt und daher nicht zwingend zur Reinigung vonnöten sei. Diese Meinung hat sich glücklicherweise im professionell-medizinischen Bereich nicht durchgesetzt.

Im Kontakt mit den Patienten gibt es da, je nach Standort, bindende Maßnahmen. Die WHO empfiehlt seit dem Jahr 2007 das Modell „My 5 Moments of Handhygiene“. Diese fünf Indikationen der Händedesinfektion spielen sich dort ab, wo Patient und medizinisches Personal zusammentreffen und die größten Risiken für eine Infektion gegeben sind:

• vor Patientenkontakt

• vor aseptischen Tätigkeiten

• nach Kontakt mit infektiösen Materialien

• nach Patientenkontakt

• nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung

Wichtig sei es, ein Problembewusstsein zu erzeugen, sagt auch Dr. Simone Höfler, die als Hygienebeauftragte im Krankenhaus Hietzing in Wien viel Überzeugungsarbeit bei Ärzten und Pflegepersonal leisten musste: „Immer wieder wurde mir erklärt, dass sich unsere Hygienevorschriften nicht mit dem realen Alltag vereinbaren lassen. Wir Hygieniker werden als Theoretiker abgestempelt und unsere Tipps als nicht praktikabel empfunden. Das mag auf den ersten Blick so sein, der Trick aber ist, eingefahrene Abläufe aufzubrechen, plötzlich wird dann vieles möglich.“

Höfler nennt konkrete Beispiele, wie sich Arbeitssituationen so umorganisieren lassen, dass sich manche Händedesinfektionen einsparen lassen. Gute Planung ist die halbe Miete: Arbeitsablauf durchdenken, benötigte Materialien vorher bereitstellen und erst dann loslegen, anstatt ständig wegzulaufen, um Fehlendes zu holen. Dazu ein Beispiel zur Blutabnahme am Patientenbett. Händedesinfektion vor Patientenkontakt am Weg zum Patienten erledigen, Vene auswählen, Haut desinfizieren, Hände desinfizieren (vor aseptischer Tätigkeit) und dann erst die Blutabnahmeutensilien öffnen bzw. zusammenstecken. Das überbrückt die Zeit, bis das Desinfektionsmittel seine Wirkung entfaltet und trocknet. Sind die Klebestreifen für die Tupferfixierung nach der Blutabnahme schon an der Nierentasse vorbereitet, spart man sich das lästige Kramen nach der Rolle in der kontaminierten Kitteltasche. Andere Dinge müsse sich das Krankenhaus- bzw. der Ordinationsbetreiber schon beim Umbau überlegen, etwa die Händedesinfektionsmittelspender so zu montieren, dass sie sich gut in den Arbeitsablauf integrieren lassen und in ausreichender Zahl vorhanden sind.

Um eingefahrene Handlungen im Sinne der Hygiene aufzubrechen, müssen aber erst Motivation und Sensibilisierung für die Sache geschaffen werden. Möglich ist dies, in dem man dem medizinischen Team regelmäßig vor Augen führt, was nosokomiale Infektionen anrichten, und rezente Fälle aus dem eigenen Haus aufarbeitet, sagt Höfler. In Ordinationen sollten regelmäßig Fälle besprochen werden, in denen die Patienten aufgrund einer unsauberen Arbeit mehr leiden mussten, als es aufgrund der Grundkrankheit notwendig gewesen wäre. Realistisch sind etwa MRSA-Übertragungen zwischen Patienten mit chronischen Wunden durch unsauberes Arbeiten in der Ordination. Größere Krankenanstalten könnten Fallberichte per Mail an ihre Mitarbeiter versenden. Schließlich entscheidet die Perspektive über die intrinsische Motivation. Höfler nennt ein Beispiel: „Die höchste Befolgungsrate für Händedesinfektionen bei medizinischem Personal hat die Indikation ‚nach Kontakt mit infektiösem Material‘. Man sieht, der Eigenschutz erzeugt auch unter Arbeitsdruck eine Motivation.“

Mittlerweile ist Höfler als Internistin ins praktische Fach gewechselt, wo sie die Hygienestandards, die sie mitaufgestellt hat, erproben kann: „Im Praxisalltag kann ich anderen beweisen, dass die Theorie durchaus in der Praxis umsetzbar ist.“ Dass eine hundertprozentige Compliance nicht möglich ist, weiß auch Höfler, aber 95 Prozent sind realistisch, von Notfallsituationen natürlich abgesehen. Vor allem aber ist es essenziell, die Händedesinfektion vor aseptischer Tätigkeit konsequent einzuhalten, selbst unter hohem Arbeitsstress. Nur dies kann die Patienten vor iatrogenen invasiven Infektionen schützen.

Und doch wünscht sich Höfler im Sinne der einfacheren Handhabung Studien, die zeigen, dass die Desinfektion von (Nitril-)Handschuhen in bestimmten Situationen möglich ist, dies würde schließlich viel Zeit sparen.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 17/2015

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