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Der Wechsel von der Selbstmedikation zur ärztlichen Betreuung macht sich bezahlt.
 
Allgemeinmedizin 30. Juni 2014

Riskante Selbstmedikation

Medikamentenübergebrauch bei Kopfschmerz und Migräne kann die Schmerzen noch verstärken.

Der unkontrollierte Gebrauch von Schmerzmitteln bei Kopfschmerzen und Migräne setzt eine gefährliche Spirale in Gang, denn er kann seinerseits den gefürchteten Schmerzmittelkopfschmerz auslösen.

Auf dem Joint Congress of European Neurology in Istanbul wurden neue Studien zu diesem neurologischen Dauerbrenner präsentiert: Medikamentenübergebrauch zählt zu den zentralen Risikofaktoren von chronischer Migräne und Spannungskopfschmerzen, kann aber bei strukturierter Entgiftung in mehr als drei Viertel aller Fälle geheilt werden. Von einer Selbstmedikation bei chronischen Kopfschmerzen wird abgeraten.

Kopfschmerzen und Migräne zählen zu den häufigsten neurologischen Belastungen, ihre Prävalenz steigt vor allem in den Industrienationen deutlich an. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Lebenszeitprävalenz der episodischen Kopfschmerzen bei rund 70 Prozent, die der Migräne bei 15 Prozent.

Kopfschmerz zählt laut WHO zu den zehn Erkrankungen mit der stärksten funktionellen Behinderung weltweit. Aktuelle Studien, die beim Joint Congress of European Neurology in Istanbul präsentiert wurden, bringen neue Erkenntnisse zum Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch. Belegt wurden außerdem die Vorteile einer fachärztlichen Behandlung von Kopfschmerzen gegenüber einer Selbstmedikation.

Selbstmedikation ist nicht ratsam

Dass die fachärztliche Betreuung und Behandlung einer Selbstmedikation bei Kopfschmerzen vorzuziehen ist, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Pavia. Im Rahmen einer betreuten Therapie konnte die Kopfschmerzdauer der Patienten, die zuvor auf Selbstmedikation zurückgegriffen hatten, innerhalb der ersten drei Behandlungsmonate mehr als halbiert werden, parallel dazu nahm die Intensität der Kopfschmerzen und die Dosis der monatlichen Analgetika ab. „Die Ergebnisse belegen, dass der Wechsel von der Selbstmedikation zur ärztlichen Betreuung die Anzahl der symptomatischen Behandlung und die Zahl der monatlichen Kopfschmerzattacken reduzieren sowie die Lebensqualität der Patienten verbessern kann“, so Studienautor Prof. Dr. Fabio Antonaci.

Für die Studie wurden 274 Patienten mit symptomatischer Kopfschmerz-Medikation in Apotheken rekrutiert und von der Selbstmedikation in ein betreutes Therapieverhältnis übernommen.

Strukturierte Entgiftung

Den Erfolg eines strukturierten Entgiftungsprogramms zur Therapie von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch (Medication Overuse Headache, MOH) belegt eine aktuelle Studie der Katip Celebi Universität in Izmir. 77 Prozent der Studienteilnehmer hatten zwölf Jahre nach dem Therapieprogramm nach wie vor keine MOH mehr, bei 20 Prozent wurde eine Reduktion der Kopfschmerzen um mehr als 50 Prozent erreicht. Nur bei drei Prozent der Teilnehmenden kam es zu einem Rückfall in episodische Kopfschmerzen. „Die Langzeit-Verlaufsstudie zeigte einen deutlichen Rückgang in der Häufigkeit von MOH. Patienten, die zuvor als behandlungsresistent galten, profitierten von einer multidisziplinären Therapie und einer engen Verlaufskontrolle“, so Studienautor Dr. Yesim Y. Beckmann.

77 Patienten (67 Frauen und zehn Männer mit einem Durchschnittsalter von 40,7 Jahren) nahmen im Rahmen der Verlaufsstudie an einem strukturierten Entgiftungsprogramm zur Therapierung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch teil. Bei 75,3 Prozent der Studienteilnehmer wurde Migräne diagnostiziert, bei 20,7 Prozent Spannungskopfschmerzen. Vier Prozent gaben eine Kombination von Migräne und Spannungskopfschmerzen an.

Am häufigsten wurden nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAID; 54 %) eingenommen, gefolgt von Mutterkornalkaloiden (17 %) sowie einer Kombination von beiden Substanzgruppen (28,5 %). Die mittlere Dauer der Medikamenteneinnahme lag bei 5,4 Jahren.

Den klinischen und demografischen Charakteristika von Patienten mit chronischer Migräne ging eine prospektive Studie der Universitätsklinik Valladolid in Spanien nach. Ausgewertet wurden die Daten von 150 Patienten, die von Jänner 2013 bis Anfang 2014 der Kopfschmerz-Ambulanz zugewiesen wurden. Studienautorin Dr. Marina Ruiz Pinero berichtet: „Medikamentenübergebrauch und belastende Ereignisse sind unter den von chronischer Migräne Betroffenen verbreitete Risikofaktoren. Wir konnten sehen, dass die bisherige Verwendung von prophylaktischen Medikamenten und Triptanen unzureichend ist.“

In 70 Prozent der Fälle wurde Medikamentenübergebrauch diagnostiziert, bei 42 Prozent wurden belastende Ereignisse, bei zwölf Prozent affektive Störungen und bei sechs Prozent Adipositas als Risikofaktoren erhoben. Im Hinblick auf Komorbiditäten wurden in beinahe der Hälfte der Fälle (48,7 %) vaskuläre Risikofaktoren, insbesondere Rauchen, festgestellt; bei 12,7 Prozent andere chronische Schmerzen sowie bei 4,7 Prozent respiratorische Erkrankungen. Mehr als ein Viertel aller Patientinnen gab menstruationsbezogene Migräne an.

Nur ein Viertel aller Patienten erhielt als vorangehende symptomatische Therapie Triptane, 47 Prozent nahmen zumindest ein prophylaktisches Medikament.

Quellen:

EFNS/ENS-Kongress-Abstracts:

Antonaci et al.: Monitoring the use of symptomatic drugs in headache: a population study;

Beckmann et al.: Medication overuse headache: a 12 year follow-up study of 77 patients;

Ruiz Piñero et al.: Chronic migraine: characteristics in a prospective headache registry

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