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Allgemeinmedizin 16. Juni 2014

Fußballjubel mit Spiegelneuronen

Wer selbst Fußball spielt, zeigt mehr Empathie beim Zusehen. Denn persönliche Erfahrung bringt die Neuronen zum Feuern.

Wenn man als Fußball-Fan mitjubelt, weil der persönliche Favorit siegt, oder bei einer Niederlage zutiefst traurig ist, dann sind die sogenannten Spiegelneuronen im Spiel. Je mehr das Gesehene unseren Erfahrungen entspricht, desto stärker feuern sie.

Der Effekt ist bekannt: Wer jemanden lächeln sieht, lächelt unwillkürlich mit. Wenn jemand weint, wird man selber traurig. Bei diesem empathischen Verhalten spielen die Spiegelneuronen eine wichtige Rolle: Sie spiegeln im Gehirn äußere Eindrücke und lassen uns miterleben, was um uns herum passiert. „Spiegelneuronen könnten dafür verantwortlich sein, dass wir uns in jemanden hineinfühlen können, und uns in die Lage versetzen, das ‚Selbst‘ vom ‚Nicht-Selbst‘ zu unterscheiden“, erklärt Ornella Valenti von der Abteilung für Kognitive Neurobiologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien. Je mehr das Gesehene unseren früheren Erfahrungen, insbesondere in Bezug auf die Beobachtung von motorischen Aktivitäten, entspricht, desto stärker feuern die Spiegelneuronen.

Das Resonanzsystem der Spiegelneuronen ist auch noch für einen anderen Effekt zuständig: Fans, die selbst viel Fußball spielen oder gespielt haben, können ein Spiel besser ‚lesen‘. Valenti: „Studien haben gezeigt, dass diese Fußball-Experten während des Spiels die Aktionen besser vorhersagen können. Dabei feuern die Spiegelneuronen mehr als bei anderen, die weniger vom Fußball verstehen.“ Bei Kontrollgruppen, die noch nie oder selten ein Fußballmatch gesehen und selbst nicht gespielt hatten, feuerten die Spiegelneuronen nicht oder kaum. Valenti: „Spiegelneuronen befähigen uns offenbar dazu, die Absichten anderer intuitiv zu erfassen. Und umso mehr, je besser uns diese Absichten oder Handlungen aus eigener Erfahrung bekannt sind.“

Spiegelneurone sind im Gehirn vor allem in jenen Regionen verbreitet, in denen Handlungen geplant oder initiiert werden. Dieses System umfasst neben dem primären motorischen Cortex, der Bewegungsimpulse an die Muskeln schickt, vor allem das prämotorische sowie das supplementär-motorische Areal. Sie haben die Aufgabe, komplexere Bewegungsabläufe zu planen und notwendige Einzelschritte zu koordinieren.

Nach Ansicht der Hirnforschung hängen wichtige soziale Interaktionen von den Spiegelneuronen ab. Dann kann es etwa zu Autismus kommen. Studien haben gezeigt, dass Spiegelungen bei Autisten im prämotorischen Cortex nicht stattfinden.

Spiegelneuronen werden auch in der Rehabilitationsmedizin bei Schlaganfall-Patienten eingesetzt: Den Patienten werden am Bildschirm zunächst Übungen gezeigt, die sie später selbst durchführen sollen. Die Aktivierung der Spiegelneuronen soll ihnen helfen, die Lähmungen wenigstens teilweise zu überwinden.

„Generell tragen Spiegelneuronen positiv zum Lernverhalten und zur Kommunikation bei, etwa auch bei Kleinkindern, die uns imitieren“, so Valenti. Das gilt übrigens auch für das Erlernen und Imitieren der Schusshaltung beim Kicken eines Fußballs.

MedUni Wien, Ärzte Woche 25/2014

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