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Gezielte Übungen können den Abbauprozessen im Alter vorbeugen.
 
Allgemeinmedizin 20. Jänner 2014

Autonomie im Alter bewahren

PROFOUND – Validierte Trainingskonzepte und Berufsausbildung im europäischen Kontext

Schon seit einigen Jahren liegen Sturzpräventionsprogramme im Trend. Von Assessments über Awareness-Schulungen und Bewegungsprogramme – das Angebot ist mittlerweile fast unüberschaubar und allerdings auch kaum noch evaluiert. Dabei ist Sturzprävention eine effektive Methode zur Wahrung der Autonomie im Alter. Denn die meisten Stürze sind vermeidbar! Sie sind nicht unbedingter Teil des Alterungsprozesses, sondern ein Symptom eines Abbauprozesses. Diesem kann durch gezielte Übungen entgegen gewirkt werden. Ein Modell hierfür bietet das Kursmodul für praktische Übungen aus der Johanniter Österreich Ausbildung und Forschung gem. GmbH ab 2014 an. Dieser Artikel soll sowohl das Projekt ProFouND vorstellen sowie dessen Sturzpräventionstraining.

Stürze im Alter sind kritische Ereignisse, die nicht selten zu ernsthaften Verletzungen führen können. Durch Osteoporose, Muskelschwäche oder ähnliche Erkrankungen kommt es immer wieder zu Brüchen oder zu Notlagen, da sich die Betroffenen nicht selbst auf die Beine helfen können. In diesen Fällen müssen diese Personen hilflos auf ihre Rettung warten. Die Folgen neben physischen Verletzungen sind meist auch psychische Probleme. So kommt es sehr oft vor, dass die Gestürzten vor lauter Angst wieder zu stürzen, übervorsichtig werden und ein Vermeidungsverhalten annehmen. Die Bewegung wird generell reduziert, um das Risiko auch gering zu halten. Dabei entwickelt sich allerdings ein gefährlicher Kreislauf. Durch die Reduktion der Bewegung baut der Körper schneller ab und die wichtige Muskulatur zur Stabilisierung athrophiert. Daraus resultiert ein  wesentlich höheres Sturzrisiko. Kommt es zu einem Gleichgewichtsverlust, ist der Körper nicht mehr stark genug, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und angemessen zu reagieren. Selbstschutzmechanismen müssen jedoch trainiert werden, um auch weiterhin zur Verfügung zu stehen, auch im Alter. Dieser Ansatz bedeutet, dass Stürze sehr wohl vermeidbar sind. Sie sind nicht zwingende Konsequenz des Alterungsprozesses und sie sind auch keine Gefahr, mit der man leben lernen muss.

64 Prozent der Stürze vermeidbar

2012 fanden alleine in Österreich etwa 133.300 Sturzunfälle bei Personen über 65 Jahren statt (Kuratorium für Verkehrssicherheit /KFV, 2013). Davon sind nur knapp über 13 Prozent in Verbindung mit Treppen oder Stufen zu bringen. Nur knapp acht Prozent resultieren aus  Zusammenstößen und nur 3,5 Prozent sind auf eine Krafteinwirkung von außen rückführbar. Elf Prozent der Stürze sind aus einer geringen Höhe geschehen (z.B. von einer Leiter gefallen oder auch aus dem Bett heraus). Der größte Anteil jedoch, nämlich 64,5 Prozent sind Stürze, die in einer Ebene passiert sind, ohne Außeneinwirkung! Diese Stürze sind – den Ergebnissen mehrerer Studien zufolge – vermeidbar!

Für ProFouND bedeutet das, dass jeder und jede etwas gegen Stürze unternehmen kann. Die Sturzgefährdung kann sowohl durch Erkrankungen des zentralen Nervensystems, der Muskeln, des Bewegungsapparats oder des Kreislaufsystems hervorgerufen werden (- also fast durch alles). Aber der Sturz tatsächlich ist nur eine Abfolge von Symptomen, mit denen der Körper nicht mehr ausreichend umgehen kann.

Stellt man sich einen möglichen Ablauf eines Sturzes vor, dann könnte dieser zum Beispiel mit einem leichten Schwindelgefühl beginnen. Die Person, hebt die Füße beim Gehen nur mehr kaum hoch, da dies ein probates Mittel zu sein scheint, nicht zu stürzen. Durch den schlurfenden Gang gerät ein Fuß unter den Teppich. Jetzt wird der Bewegungsablauf verzögert und der Schwerpunkt des Körpers über den Mittelpunkt hinaus befördert. Die Person gerät aus dem Gleichgewicht. Der weitere Schritt zum Abfangen kann jedoch nicht getätigt werden, da die Reflexe nicht mehr ausreichend trainiert sind. Das immer größer werdende Ungleichgewicht, kann nicht mehr ausgeglichen werden und die Schwerkraft übernimmt die Kontrolle über die Bewegungsrichtung. Die Folge ist der Sturz.

Der Sturz ist dann vermeidbar, wenn der Bewegungsapparat und die eigene Stabilität besser trainiert sind, die Kontrolle über das eigene Gehen behalten wird und die Reflexe nicht eingeschränkt sind. Das Sturzrisiko wäre somit in jeder Phase reduziert.

ProFouND

ProFouND (“Prevention of Falls Network for Dissemination”) ist ein „thematisches Netzwerk“ um Programme zur Sturzprävention in der Europäischen Union umzusetzen. Unter der Leitung der University of Manchester wurde ein international besetztes Expertengremium unter der Leitung von Professor Chris Todd geschaffen, um nationale Strategien und Pilotierungen durchzusetzen. Durch das gemeinsame Wirken der Projektpartner soll der Erfahrungsaustausch in der EU gestärkt werden, um nachhaltige Lösungen für ein gesundes, aktives Altern zu finden.

Insgesamt sind 21 Partner aus zehn EU-Ländern beteiligt und bieten 15 Testregionen an.

Operative Ziele von ProFouND

Innerhalb des Projekts haben die Partner sechs handlungsorientierte und handlungsunterstützende Arbeitsziele definiert.

So wird eine international verfügbare Plattform von Expertinnen und Experten zur Sturzprävention aufgebaut und serviciert. Hier werden sowohl Ankündigungen für Workshops, Tagungen und Konferenzen zu finden sein, als auch Informationsmaterialien über die laufenden Projektergebnisse und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine weitere Möglichkeit bietet die Plattform für alle, die sich über dieses Thema austauschen wollen. Aktiven Mitgliedern von ProFouND steht ein eigener Communitybereich offen, in dem es möglich ist, sich auf hohem fachlichem und gesichertem Niveau auszutauschen.

Ein weiteres operatives Ziel des Expertennetzwerks ist die Evaluierung bestehender Pilotprojekte zur Sturzprävention und die Ermittlung eines “Best Practice Modells” . Hierfür werden die Erfahrungen der Testregionen heran gezogen und Metastudien durchgeführt. Besonders erwähnenswert sind bestehende Pilotierungen in Empoli, Italien. Hier wurde auf Bezirksebene ein spezielles Programm entworfen, in dem Senioren und Seniorinnen zu Aktivitäten und Bewegung animiert wurden. Mehrere Ortsgruppen konnten gebildet werden und bestehen bis heute weiter. Ebenso wurden in der Region Vasterbottens in Schweden bereits erfolgreiche Modelle implementiert, die auch evaluiert werden. Hier kann auf eine mehrjährige Praxis referenziert werden.

Allerdings sind nicht in allen Ländern Präventionsprogramme vorhanden. ProFouND hat sich daher zum Ziel gesetzt, in diesen Ländern unterstützend aktiv zu sein und nationale Initiativen mit europaweitem Know-how zu fördern sowie Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen.

Um diesen Wissenstransfer zu gewährleisten zu können, werden kaskadierende Trainingsprogramme angeboten. Diese Programme basieren auf dem Train-the-trainer Konzept und werden in ausgewählten Regionen getestet. Zu diesen Modellregionen gehört auch Österreich mit Wien und Tirol. Durchgeführt werden die österreichischen Pilotierungen von den Johannitern Österreich (Ausbildung und Forschung gem. GmbH.) Für diese Pilotausbildungen der Testregion werden noch freiwillige Helferinnen und Helfer gesucht, die sich mit Senioren und Seniorinnen beschäftigen und in ihrer Gemeinschaft aktiv sein wollen.

Soziale Inklusion

Sturzprävention wird als soziales Geschehen interpretiert. Der alleinige Präventionsgedanke zum Selbstschutz ist nicht ausreichend, um eine nachhaltige Übungsbereitschaft zu gewährleisten. Wird jedoch ein sozialer Raum geschaffen, ist die Prävention gesellschaftlich verankert und bietet die Möglichkeit zu regelmäßigem Austausch, zu sozialem Leben. Sturzprävention kann also auch soziale Inklusion fördern. Aus diesem Gedanken heraus, werden Trainingsgruppen aufgebaut und betreut. Die Effizienz dieser Trainingsgruppen zeigt sich mittelfristig in der Compliance der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und des damit verbesserten Allgemeinzustandes.

Um die Nachhaltigkeit dieser Gruppen zu gewährleisten, hat sich ProFouND zum Ziel gesetzt, ein permanentes Netzwerk aufzubauen und die aktuellen Informationen, Nachrichten, Erkenntnisse und neue Methoden der Bevölkerung nahe zu bringen. Hierzu werden Pflegeeinrichtungen und Pflegeorganisationen eingebunden und die Kooperation mit Behörden und Gesundheitseinrichtungen gesucht.

ProFouND startete im März 2013 und wurde mit einer Laufzeit von vier Jahren für die Testungen und Fördermittel festgeschrieben. Bereits im Jänner 2014 fanden die ersten Schulungen statt. Ab Mai 2014 werden die ersten ProFouND Gruppen starten.

Sturzprävention bei den Johannitern

Die Johanniter betreiben in Österreich schon seit 15 Jahren einen Pflegenotdienst, der auch Beratungen zur Sturzprävention durchführt. Nach vielen Jahren Erfahrungen aus der Praxis konnte auch hier festgestellt werden, dass Menschen, die eigenverantwortlich und selbstbestimmt auf ihre Gesundheit achten, weniger Risiken haben, zu stürzen, als Personen, die sich weniger um ihre Gesundheit sorgen (können). Wissen ist dabei ein Schlüsselfaktor. Die Menschen benötigen mehr Wissen und Möglichkeiten, dieses Wissen anzuwenden, um eigenverantwortlich die Arbeit an ihrer Gesundheit aufzunehmen. Nur durch ein hohes Niveau an Information, Informationsverarbeitung und Anwendung dieses Wissens kann auch eine hohe Compliance (engl. für Einhaltung) erzielt werden. In diesem Fall kann sogar aus Compliance Adhärenz (Therapietreue) entstehen

Schon seit einiger Zeit ist den Johannitern bewusst, dass hier Aktivitäten gesetzt werden müssen, die über eine reine Beratung hinausgehen. Auch isolierte Trainingseinheiten sind nicht zielführend. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Und ein Mensch steht selten alleine da. In einem ganzheitlichen Ansatz versuchen die Johanniter zusammen mit ProFouND ein Konzept umzusetzen, das wissenschaftlich auf höchstem Niveau ist, mit modernsten UND einfachsten Mitteln auskommt sowie den Menschen in seiner Gemeinschaft aufnimmt oder ihm eine Gemeinschaft anbietet.

Das Sturzpräventionsprogramm besteht aus einem dreitägigen Intensivkurs für Personen mit medizinischem Vorwissen. Für diejenigen ohne Vorkenntisse gibt es einen fünftägigen Intensivkurs. In der Pilotphase mit ProFouND werden sowohl Methoden getestet, um die Ausbildung an die interessierten “Trainer” anzupassen, als auch Aktivierungsmethoden für Seniorinnen und Senioren gesucht und evaluiert. Zum Abschluss werden mindestens zwei Gruppen in Wien und Tirol formiert, die sich regelmäßig mit Sturzprävention beschäftigen.  

Bezüglich der Lehrkonzepte werden sowohl OTAGO aus Deutschland als auch das PSI-Programm (Postural Stability Instructor) aus Schottland und CBE (Chair Based Exercises) aus Wales angewandt. Darüberhinaus wird dieses Programm durch Übungen aus Qi Gong und Tai Chi ergänzt.  

Schlussfolgerung

Das geförderte Sturzpräventionsprojekt ProFouND etabliert einen europaweiten, validierten State of the Art und tritt den Beweis für die Effizienz von Sturzprävention über ganz Europa an. Die Johanniter bieten diese Ergebnisse in Österreich als Vorreiter für eine neue Gesundheitskultur an. Ab Mai 2014 werden Kurse zur Verfügung stehen und Seniorengruppen aktiv betreut werden. Für nähere Informationen steht die Forschungsabteilung der Johanniter gerne zur Verfügung: www.johanniter.at/dienstleistungen/forschung/.

 

Internet: www.johanniter.at, www.superhands.at

Literatur:

KFV, 2012: "Stürze sind Unfallursache Nr.1 - Unfallarten", gesichtet auf: http://www.kfv.at/unfallstatistik/index.phpid=75&no_cache=1&tab_txt=Unfallarten%20(Top%205)%20nach%20Alter&kap_txt=Heim-%20und%20Freizeitunf%C3%A4lle&report_typ=%C3%96sterreich ; am 20.12.2013

ProFouND, 2013: Pressrelease, gesichtet auf: www.profound.eu.com;  am 16.12.2013

Johanniter, 2013: "Stürze sind vermeidbar!", gesichtet auf: www.johanniter.at; am 18.12.2013

 

 

Mag. Georg Aumayr,
Mag. Bettina Klinger
bettina.klinger@johanniter.at, springermedizin.at

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