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Leben 22. August 2017

Biopolitik: Lindern, helfen – oder töten

Die Filmdoku „Die dritte Option“ legt schonungslos die Urangst von Eltern vor einem behinderten Kind bloß. Ohne zu moralisieren zeigt der Film auf, was in Menschen vorgeht, die zwischen Leben und Tod wählen müssen. Er hinterfragt die Rolle der Ärzte und den Normalisierungsdruck in der Gesellschaft. 

Die einleitende Bettszene berührt. Es ist ein ungekünstelter Liebesakt von Laiendarstellern, genau wie die ganze Dokumentation schnörkellos auf den Punkt kommt: Was tun, wenn man erfährt, dass man ein behindertes Kind erwartet?

Es sind ehrliche Sätze, die Thomas Fürhapters komplexen filmischen Essay auszeichnen: „Wir haben gevögelt bis zum Umfallen. Im Herbst bin ich dann schwanger geworden. Als ich im 5. Monat war, hat mich meine Frauenärztin gefragt, ob ich auch ein Organscreening machen will. Ich hab mir nur gedacht, dann mach ich halt das Organscreening, warum denn nicht? 97 Prozent der Kinder sind gesund, wieso soll genau meines eines von den drei Prozent sein?“ Aber was ist, wenn Sie einer von den 3 Prozent sind?

Ausgehend von dieser Frage entwickelt Thomas Fürhapter seinen Film. Nach der Geburt eines behinderten Kindes, sagt Fürhapter, haben wir nur die Option zu lindern oder zu helfen, selten auch zu heilen, vor der Geburt hätten wir auch eine 3. Option – die Option zu töten. „Das ist eine Zwangsentscheidung. Ich glaube, dass das was den Frauen als Entscheidungsfreiheit verkauft wird, tatsächlich ein Entscheidungszwang ist“, sagt eine Frauenstimme im Film – die Stimmen der Darsteller sind allesamt nachgesprochen. Egal, wie sich die Eltern entscheiden, keine Entscheidung ist positiv besetzt: Entweder haben sie ein behindertes Kind oder ein totes Kind.

Doch wie viel Entscheidungsfreiheit haben die Eltern wirklich? In Wahrheit stehen die Eltern unter einem großen gesellschaftlichen Druck zur Normalisierung. Thomas Fürhapters Film behandelt vor allem den späten Schwangerschaftsabbruch nach dem 3. Monat. Der ist hierzulande nur möglich, wenn ein medizinischer Grund vorliegt, etwa eine schwere Fehlbildung des Embryos. Fürhapter philosophisch: Ein Spätabbruch sei ein markanter Ausdruck und ein Symbol für den Zustand der Gegenwartsgesellschaft ist, gerade hier verdichte sich der Diskurs über Normalisierung, Sicherheit und Prävention.

„Die Norm ist nicht etwas, das naturgegeben ist, sondern die Norm ist eine Vorstellung davon wie Menschen auszusehen haben, von dieser Normalität sind Behinderte ausgeschlossen.“ Während sich aber kaum einer Gedanken über die Exklusion mache, würden enorme Anstrengungen zur Integration behinderter Kinder unternommen. „Die Exklusionsmaßnahmen werden nicht zum Thema gemacht, weil sie als etwas Natürliches erscheinen. Zum Beispiel bei einem Kind wird eine Fehlbildung diagnostiziert, das ist sozusagen eine Fehlbildung der Natur, gegen die man nichts machen kann, man kann nur noch versuchen das hinterher möglichst normal zu machen.“

All inclusive, all exclusive

Das gilt vielleicht für Österreich: International wird intensiv daran geforscht, „Fehler“ der Natur zu korrigieren. In China und auch in den USA laufen Genexperimente, die bestimmte Mutationen bereits im Embryonalstadium zu korrigieren suchen. Dass Erbgut vor der Geburt so zurechtschneiden, dass ein Mensch geboren wird, wie Mediziner und Eltern ihn sich wünschen, das ist längst keine Frage des „Ob“ mehr, sondern: Wann macht es der Erste? Und: Sollte es erlaubt sein? Warum nicht längst solche Designerbabys geschaffen werden, hat zwei Gründe: Es gibt ethische Bedenken, aber auch ganz praktische Probleme: Bisher sind sich alle Forscher einig, dass die Technik dafür noch zu fehleranfällig und riskant ist, als dass man sie an Menschen ausprobieren sollte.

Was die Genforscher mit der „Genscheren-Methode“ aber bislang geschafft haben, zeigt: Genetisch modifizierte Kinder sind nicht mehr nur prinzipiell möglich. Sollte sich das Risiko für Nebenwirkungen in den kommenden Jahren weiter senken lassen, wird es irgendwann jemand ausprobieren. Das vermutet der Philosoph und Autor Lars Jaeger. Der Theologe und Ethiker Peter Dabrock von der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg erklärt im Zeit-Interview die Versuche in den USA für „unverantwortlich“. Es sei verwerflich, „wie unter Abblendung zahlreicher weiterhin ungelöster biologischer Risiken der Eindruck erweckt wird, wir könnten, ja sollten, bald Keimbahninterventionen vornehmen“.

Der Aufregung, die unter Medizinern weltweit herrscht, setzt Fürhapter betont ruhige Bilder entgegen. Filmsequenzen, wie jene von Rollstuhlfußball spielenden Kindern , führen dem Zuseher unerbittlich vor Augen, was latent in uns steckt und wir gerne verdrängen. Dabei ist „Die dritte Option“ aber kein einschläfernder Film, er arbeitet mit Kontrasten, mit einer komplikationslosen Schwangerschaft und einer, die mit einem Abbruch durch Fetozid endet. Er zeigt junge gesunde Mädchen bei einer Gymnastikübung. Ein Betroffener erzählt: „Niemand von den Ärzten empfiehlt dir einen Abbruch, die Ärzte zeigen dir die Möglichkeiten, die sie haben. Sie können dein Kind nicht gesund machen, aber sie können einen Abbruch machen. Das zeigen sie dir. Aber das ist sehr einseitig, weil man ja nur mit dem Krankenhaus und den Ärzten zu tun hat. Wenn man auch andere Leute dabei hätte, etwa von einer Behinderten- oder einer Integrationseinrichtung, dann würde man beide Seiten sehen. Es wäre unfair zu sagen, dass man gedrängt wird, aber man bekommt einseitige Informationen.“

Mehr Wissen, mehr Verantwortung

Aber immerhin: Es gibt Informationen. Wenn man vor 50 Jahren ein behindertes Kind bekommen hat, dann hat man das akzeptieren müssen. Heute können sich Frauen entscheiden, ob sie das Kind bekommen wollen oder nicht. Die Pränataldiagnostik vergrößert den Entscheidungsspielraum, heißt es an einer Stelle des Films. Doch umfassenderes Wissen und größerer Entscheidungsspielraum bringen eben auch größere Verantwortung mit sich. Konkret: Die Last der Entscheidung liegt fast völlig auf den Schultern der Frauen. Fazit: „Die dritte Option“ ist ein Film, der keine Fragen beantwortet – und sich auch nicht anmaßt, ein moralisches Urteil zu fällen. Aber er traut sich, die Fragen, die sich bei diesem brisanten Thema auftun, laut und klar zu klar zu stellen. Allen voran: Sind wir eigentlich noch normal?

 

Martin Křenek-Burger, Ärzte Woche 29/34/2017

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