zur Navigation zum Inhalt
© Foto: Julian Stratenschulte dpa
Der Zappel-Philipp ist ein unruhiger Bub aus dem Buch „Struwwelpeter“ (1845). Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung werden wesentlich häufiger beim Facharzt vorstellig als Kinder mit Essstörungen.
© Privat © Arno Burgi / picture alliance

In einem Zentrum für Essstörungen hängt ein kleiner Mutmacher für Patienten.

 
Neurologie 12. Juni 2017

„Erstmals gibt es solide Daten“

Interview. Burschen in Österreich leiden fast drei Mal so häufig an ADHS wie Mädchen und sechs Mal häufiger an Verhaltensstörungen. Dafür leiden doppelt so viele Mädchen an Angststörungen und zehn Mal so viele an Essstörungen. Das sind Teilergebnisse der ersten österreichweiten epidemiologischen Untersuchung zur Prävalenz von psychischen Erkrankungen hierzulande. Selbst der Kinderpsychiater Andreas Karwautz war von einigen Ergebnissen überrascht.

„Bitte keine reißerische Schlagzeile.“ Das sagt Prof. Dr. Andreas Karwautz. Warum der Experte von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine boulevardeske Aufmachung der bei Springer erschienenen epidemiologischen Studie fürchtet, ist nachvollziehbar ( http://bit.ly/2r4D83O ): Die Untersuchung zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen ergab einen Anteil von 24 Prozent bei den 10- bis 18-Jährigen. Was läge da näher, als eine düstere Zukunft für unsere Gesellschaft zu beschreiben? Doch es ist eben die erste derartige Untersuchung, die Vergleichsbasis fehlt.

 

Für Ihre Studie wurden Interviews mit Hunderten Jugendlichen geführt. Lässt sich eine Zunahme psychischer Erkrankungen feststellen?

Karwautz: Man muss mit den Menschen sprechen, auch wenn es – wie in unserem Fall – vier Jahre dauert. Ein riesiger Aufwand. Aber berechtigt: Denn manche haben im Screening-Verfahren Auffälligkeiten gezeigt, die sich dann im Gespräch als nicht relevant herausgestellt haben. Andere haben im Screening-Verfahren keine Auffälligkeiten gezeigt, wenn man sie sich dann aber genauer angeschaut hat, fanden wir Schüler, die krank sind. Zu Ihrer Frage nach dem Anstieg: Es gibt Studien zur Prävalenz von Essstörungen, die im Abstand von zehn Jahren durchgeführt wurden. Da haben sich zunehmend Auffälligkeiten vor allem bei Burschen gezeigt. Das muss noch nicht heißen, dass die Betroffenen schwer krank sind, aber die zugrunde liegenden Symptome nehmen zu. Dieser Befund trifft auf einzelne Störungsgruppen zu, es gibt aber keine globale Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.

Gilt das auch für das viel diskutierte ADHS-Syndrom?

Karwautz: Bei diesem Thema kann man in der Öffentlichkeit den – falschen – Eindruck bekommen, dass jedes dritte Kind ADHS habe. Tatsächlich beträgt der Anteil der ADHS im Schnitt vier Prozent. Das ist real. Echte ADHS ist eine zu behandelnde Erkrankung, sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch. Wer sie hat, das sind junge Menschen, die in der Schule Probleme bekommen, sozial ausgegrenzt werden, weil sie jedem auf die Nerven gehen. Das Syndrom hat schwerwiegende Folgen für den Alltag und für das Familienleben. Wenn dann eine Angststörung und eine Störung des Sozialverhaltens dazu kommen, dann ist der Weg nicht mehr weit, um später einmal bei der Justiz vorstellig werden zu müssen.

Rund 24 Prozent der 10- bis 18-Jährigen sind psychisch nicht gesund, haben Sie das erwartet?

Karwautz: Mit 18 bis 19 Prozent habe ich gerechnet, also mit etwas weniger. Das hängt aber zum Teil mit dem verwendeten neuen Klassifikationssystem, DSM-5, zusammen (Anm.: Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders), das mehr Diagnosen einbezieht als frühere Kataloge. Ein paar Prozent sind diesen neuen Kriterien sicher geschuldet.

Wie verhält es sich mit dem Anteil psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen?

Karwautz: Je nach Diagnose und Problematik ergeben sich unterschiedliche Dynamiken im Verlauf eines Lebens. Die Untersuchung nach Punktprävalenz – wir haben nach Erkrankung im vergangenen halben Jahr gefragt – hat diese 24 Prozent ergeben. Zieht man die Lebenszeitprävalenz heran, dann kommen Sie allerdings auf mehr als 30 Prozent. Grund dafür: Der 40-Jährige hat mit Sicherheit höhere psychiatrische Auffälligkeiten als ein Elfjähriger in der Lebenszeitprävalenz.

Salopp könnte man formulieren, dass mit den Jahren einfach was dazu kommt. Etwa ein Drittel der Erwachsenen weist psychische Störungen auf. Die ADHS ist bei Erwachsenen nicht mehr so häufig vorhanden, Essstörungen werden später ebenfalls weniger.

Depressionen treten bei Jugendlichen nur bei zehn Prozent auf, bei Erwachsenen hingegen bei 25 Prozent. Auch die Schizophrenie ist eine Störung, die normalerweise erst später im Leben auftritt, ganz zu schweigen von dementiellen Prozessen.

Wenn man im Kindes- oder im Jugendalter ein psychisches Leiden hat, ist man im Erwachsenenalter gefährdeter, auch zu erkranken?

Karwautz: Das trifft zu. Psychische und körperliche Krankheiten von Kindesbeinen an sind Risikofaktoren für psychische und körperliche Störungen vom mittleren bis ins hohe Alter. Eine unbehandelte Depression hat Konsequenzen, sie verkürzt die Lebenserwartung und erhöht die Inzidenz diverser Zivilisationskrankheiten von der Adipositas über Diabetes Typ-2 bis zu Insultgeschehen.

Ist Ihrerseits eine Folgeuntersuchung in zehn Jahren geplant?

Karwautz: Das ist eine Frage der Finanzierung. Es wäre spannend, dieselben Personen zu interviewen, aber das geht aus ethischen Gründen nicht, die Befragungen wurden anonymisiert durchgeführt. Man könnte sich in zehn Jahren dieselben Schulen aussuchen und dann vergleichen, auch das wäre ein weltweit einzigartiges Unterfangen.

Wichtig ist die Feststellung, dass wir nun endlich solide Daten haben. Wir können im Detail nachschauen, worunter die Burschen und Mädchen leiden, welche Störungen wie häufig wirklich vorliegen, wir können nach Schultypen auswerten, nach sozialem Status, etc.

Gibt es, nach derzeitigem Auswertungsstand, überraschende Ergebnisse?

Karwautz: Wir haben die Schüler gefragt, ob sie aufgrund ihrer bestehenden Problematik schon aktiv geworden sind und auch, ob sie sich eine bestimmte Behandlung wünschen. Es herrscht ein großes Gefälle zwischen Menschen mit Diagnosen, die sehr gut und sehr häufig in Behandlung waren, wie zum Beispiel die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung, da liegen wir bei mehr als 60 Prozent der Befragten, die schon in Behandlung waren.

Am anderen Ende des Spektrums haben wir suizidales Verhalten, selbstverletzendes Verhalten gefunden, gegen das nur sehr wenig von den Betroffenen unternommen wurde.

Das sind sehr schwere Krankheiten, trotzdem lässt sich nur ca. ein Fünftel der Leute dagegen behandeln. Das ist bemerkenswert, das wusste ich so nicht.

Liegt das daran, dass ADHS ein lautes und Suizidgedanken ein stilles Leiden sind?

Karwautz: Das glaube ich auch. Wir haben die Lehrer über die Kinder in ihren Klassen befragt. Beim Vergleich mit den tatsächlich vorhandenen Störungen hat sich gezeigt, dass die Lehrer auch nur dann reagieren, wenn das Kind sehr auffällig wird und den Unterricht stört. Dann ist der Lehrer unter Zugzwang, da wird etwas getan, da werden Klassenkonferenzen abgehalten, die Eltern einbestellt, es gibt Action.

Bei den internalisierenden, bei den sozialphobischen, depressiven Formen wird kaum reagiert, die springen einen nicht so an. In vielen Fällen werden solche Kinder erst spät oder überhaupt nicht vorstellig. Bis zum ersten Suizidversuch.

Diese Unterschiede in den Vorstellungshäufigkeiten haben mich ebenfalls überrascht. Wichtig wäre es, dass die Betroffenen möglichst früh Beratung und Behandlung aufsuchen, denn adäquate Hilfe – beim Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin ist möglich.

Prof. Dr. Andreas Karwautz ist Past-Präsident der ÖGKJP (www.oegkjp.at) und Section Editor des Springer-Wien- Journals „neuropsychiatrie, vereinigt mit psychiatrie & psychotherapie“.

Die Originalstudie „Mental health problems in Austrian adolescents: a nationwide, two-stage epidemiological study applying DSM-5 criteria“ ist erschienen in „European Child & Adolescent Psychiatry“ (2017), DOI 10.1007/s00787-017-0999-6, © Springer Verlag.

Mit Andreas Karwautz hat Martin Křenek-Burger gesprochen.

, Ärzte Woche 24/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Aktuelle Printausgaben