Zeichen am Wegesrand
- 13.02.2026
- Leben
- Zeitungsartikel
Am Rand des Dorfes beginnt die Flur. Diese ist voll mit kleinen Denkmälern, Bildstöcken, Wegkreuzen und Marterln.
Karl Thomas / allOver / picture-alliance
Als passionierter Flaneur durchstreife ich an Wochenenden die malerischen Feld- und Waldwege Niederösterreichs. Dabei stoße ich immer wieder auf faszinierende Kleindenkmäler, auch „Marterl“ genannt. Einige dieser Bildstöcke haben einen tief religiösen Charakter, andere dienen als Wegmarkierungen, und wieder andere scheinen unsichtbare Grenzen anzuzeigen oder wurden aus Dankbarkeit für besondere Ereignisse errichtet.
Die ersten christlichen Flurdenkmäler waren einfache Holzkreuze, schlichte Steinkreuze und Bildbäume. Manchmal wurden sogar antike römische Meilensteine wiederverwendet. Die Marterl- und Flurnamenforscherin Margarete Platt sagt: „Die Holzkreuze strich man mit Wetterschutzfarbe; die Steinkreuze kalkte man.“ So lassen sich z. T. Namen wie „Rotes Kreuz“ und „Weißes Kreuz“ erklären.
Schweden- und Türkenkreuze
Über die Marterl im Gebiet rund um Neulengbach ist nun ein Buch erschienen: „Spaziergang zu ausgesuchten Kleindenkmälern“. Darin finde ich endlich die lang gesuchte Erklärung, warum Menschen Kreuze und Bildstöcke außerhalb des Ortsgebiets errichten: Ursprünglich dienten diese Marterl als Markierungen von Wegkreuzungen, Weggabelungen (Scheidewegpfeiler), Grenzen und anderen „gefährlichen Orten“. Der Bildstock hatte eine Schutz- und Wegweiserfunktion. Dazu kamen noch die Lichtsäulen auf den Friedhöfen oder über Pestgräbern.
Bauern stellten auf den Feldern Wetterkreuze auf. Eine besonders traurige Funktion hatten die sogenannten „Arme-Sünder-Kreuze“. Verurteilte sprachen hier ihr letztes Gebet.
Im Laufe der Geschichte wurden Bildstöcke aufgrund bestimmter Ereignisse errichtet. Hierzu zählen die Schweden- und Türkenkreuze, aber es gab auch ganz persönliche Errichtungsgründe, erfahre ich im Buch.
Mariensäulen und Bäckerkreuze
Das allgemein gebräuchliche Wort „Marterl“ bezeichnet korrekt nur einen Ort, an dem ein Unglück passiert ist, sei es zum Gedenken an den Verunfallten oder als Dank für einen glücklichen Ausgang. Ab der Barockzeit wurden große monumentale Säulen errichtet, wie die Dreifaltigkeitssäulen aus Dankbarkeit für das Erlöschen der Pest (das letzte große Pestjahr war 1713) und Mariensäulen als Zeichen der Gegenreformation.
Der Kult um den heiligen Nepomuk kam im 18. Jahrhundert auf. Das Urlauberkreuz sei noch erwähnt als Ort, wo Wallfahrer verabschiedet und wieder empfangen wurden. Auf andere Objekte wie Prangersäulen, Mausoleen, Karner und anderes wird im Buchinneren eingegangen.
Gleich beim Verlassen des Dorfes stößt man gelegentlich auf Bäckerkreuze. In Pestzeiten legten gesunde Außenstehende und Nachbarn hier Lebensmittel für die von der Krankheit geplagten Dorfbewohner nieder. Beispiele dafür finden sich in Rust im Tullnerfeld und in Asperhofen nördlich von Neulengbach. Dieses spezielle Bäckerkreuz lässt sich auf das Jahr 1634 datieren und wurde tatsächlich von der Familie eines an der Pest gestorbenen Bäckermeisters errichtet.
Tabernakel und Bildbäume
Der klassische Bildstock, der erstmals in der frühen Gotik um das Jahr 1300 auftritt, besteht aus einem Schaft, auf dem ein Gehäuse sitzt. Dazwischen befindet sich meist ein vortretendes Gesims, auch Kragenplatte genannt. Das Gehäuse, das auch als Tabernakel bezeichnet wird, kann offen sein (für die Aufnahme eines Lichtes oder einer Heiligenfigur) oder als Block ausgebildet sein. Dieser kann mit Reliefs geschmückt sein oder Nischen mit Malereien besitzen.
Anfangs gab es bemalte Holz- oder Blechtafeln, die so gut wie nirgends mehr erhalten sind. Das Alter der hölzernen Kleindenkmäler, die im Wald oder auf freier Flur der Witterung ausgesetzt sind, ist naturgemäß begrenzt.
In Österreich gibt es noch viele weitere Arten von Kleindenkmälern zu entdecken: in den Weingärten, in den Forst- und Jagdrevieren, am Rand von Hohlwegen und in Äckern. Dazu zählen Urlauberkreuze, Christus-Säulen, Galgen, Grenzsteine, Nepomuk-Kapellen, Kreuzwege und Kalvarienberge, Bildbuchen, und mariatheresianische oder jüngere Meilensteine.
Achtsam unterwegs
Moderne Kleindenkmäler sind meist mit Jahreszahlen versehen, so wie das „Jammertal-Marterl“ zwischen dem Passauerhof und dem Tulbinger Kogel. Es wurde 1908 zum Andenken an die Türkennot von 1529 errichtet. Die im Wald verborgenen Bewohner wurden entdeckt und getötet. Es liegt am Wanderweg, der von der Kartause Mauerbach heraufführt ( siehe Wandertipp ).
Oft werden alte Marterl restauriert – nicht immer zum Besseren, wie die Autoren Karin Hofbauer und Wolfgang Westerhoff kritisch anmerken. Laut dem Duo ist es ein Ziel des Buches, bei Menschen, die sich bisher nicht mit Kleindenkmälern beschäftigt haben, Interesse zu wecken, Dinge, an denen sie vielleicht bisher achtlos vorübergegangen sind, wahrzunehmen und näher zu betrachten. Diese Absicht hat bei mir Früchte getragen: Ausflüge und Wanderungen zwischen Wienerwald und Dunkelstein, aber auch nördlich der Donau, sind bereits geplant.