Zum Inhalt

„Im Kern geht es um eine sehr praktische Frage“

Neue digitale Möglichkeiten, bewährte biomechanische Prinzipien und steigende ästhetische Erwartungen. Die moderne Kieferorthopädie verlangt nach klarer Orientierung. Die 54. Internationale Kieferorthopädische Fortbildungstagung vom 7. bis 12. März in Kitzbühel greift genau diese Spannungsfelder auf, wie Tagungsleiter Prof. Adriano Crismani im Gespräch mit dem Zahn Arzt erläutert.

Kitzbühel in Erwartung der Fortbildungstagung.


Zahn Arzt: Herr Professor Crismani, wenn Sie das Programm in einem Satz zusammenfassen müssten: Welche zentrale Fragestellung der modernen Kieferorthopädie soll die Tagung in Kitzbühel 2026 beantworten?

Crismani: Im Kern geht es um eine sehr praktische Frage: Wie lassen sich neue, digital gestützte und KI-gesteuerte Maßnahmen mit alten, bewährten Methoden in der täglichen Kieferorthopädie sinnvoll zusammenführen? Und zwar so, dass es in der täglichen Arbeit wirklich Sinn macht. Also nicht als „entweder oder“, sondern: Was hilft mir wirklich? Was ergänzt sich? Und wo ist es einfach nur „neu“, aber nicht besser?

Zahn Arzt: Das Programm spannt den Bogen von unsichtbarer Kieferorthopädie über Biomechanik bis hin zu Digitalisierung und KI. Warum ist genau diese thematische Vielfalt heute so relevant für den Praxisalltag?

Crismani: Ein zeitgemäßer und modern geführter Praxisalltag kann mittlerweile nur durch fundiertes Wissen in allen kieferorthopädischen Facetten garantiert werden. Darum ist die Beschäftigung mit Biomechanik, gerade in der Alignertherapie, keine Option mehr, sondern Pflicht. Die Themen, die bei uns am Programm stehen, von unsichtbarer Kieferorthopädie über Biomechanik bis hin zu Digitalisierung und KI, sind nicht Selbstzweck. Sie spiegeln den Alltag von Kolleginnen und Kollegen wider; das, was sie tagtäglich beschäftigt. Und wenn man in einem Bereich sehr gut ist, heißt das noch nicht, dass man automatisch in den anderen Bereichen auch ‚mitkommt‘. Dafür ist unser Feld zu breit geworden und auch zu vernetzt mit anderen Bereichen. Genau deshalb diese Bandbreite.

Zahn Arzt: Bleiben wir bei Biomechanik. Im Programm heißt es etwa „Orthodontische Biomechanik“, und es gibt Vorträge, die Biomechanik ausdrücklich als klinische Orientierungshilfe verstehen. Was wünschen Sie sich, dass Kollegen aus solchen Inhalten mitnehmen?

Crismani: Dass Biomechanik nicht „Theorie“ ist, die man einmal im Studium gelernt hat, sondern das, was uns im Alltag vor Fehlern bewahrt. Gerade wenn neue Systeme und Workflows kommen, braucht man ein inneres Gerüst: Was passiert biologisch? Was passiert mechanisch? Dann muss man bei jeder neuen Methode nicht immer bei Null anfangen.

Prof. Dr. Adriano Crismani, Tagungspräsident


Zahn Arzt: „Invisible Orthodontics: Lingual, Aligners or Both?“ ist ein klarer Schwerpunkt.

Crismani: Die Erkenntnis lautet, dass alle Methoden Schwächen und Stärken haben und folglich für eine Fehlstellung mehr oder weniger gut geeignet sind. Es ist nicht möglich, mit nur einer Methode oder einem Mittel alles zu behandeln. Und das ist mir wichtig: Es soll keine Glaubensfrage sein. Wenn man sagt, dass man nur das eine oder nur das andere macht, wird es immer Fälle geben, wo man sich damit selbst künstlich limitiert. Und dann beginnt man eine Methode in eine Indikation hineinzuzwingen, in die sie nicht gehört. Mit Aspirin kann man schließlich auch nicht alles therapieren. Genau diese nüchterne Einschätzung, was eine Methode wirklich kann und was nicht, ist am Ende das, was man in die Praxis mitnehmen sollte.

Zahn Arzt: Digitalisierung ist längst im Praxisalltag angekommen. Wo sehen Sie 2026 bereits echten klinischen Nutzen?

Crismani: Bei der Digitalisierung sehe ich ganz klar den Nutzen in der Befundung und Diagnostik, aber auch in der Herstellung von Behandlungsgeräten oder Hilfsmitteln. Das ist heute sehr konkret. Man kann Prozesse stabiler, reproduzierbarer und oft auch effizienter machen. Manche Dinge werden dadurch überhaupt erst praktikabel.

Zahn Arzt: Und bei der KI – wo ist sie heute Ihrer Ansicht nach wirklich hilfreich und wo ist noch kritische Einordnung gefragt?

Crismani: Bei der KI ist es, zumindest derzeit, vor allem die Befunderstellung und Diagnostik. Da sehe ich auch einen echten Nutzen dort, wo Daten ausgewertet, Messungen vorbereitet oder Analysen mit Hilfe der KI schneller gemacht werden können. Gleichzeitig gilt, dass man als Behandler die Ergebnisse kritisch einordnen muss. Man erhält Informationen, mit denen einem ein oder mehrere Schritte abgenommen werden. Das ist gut. Es ist eine Hilfe, aber keine Therapieentscheidung. Man muss selbst kontrollieren, ob es stimmt. Und man muss verstehen, was die Ergebnisse bedeuten.

Zahn Arzt: Das klingt nach: KI ja, aber nicht als Autopilot?

Crismani: Genau. Ich sehe in der KI eine echte Unterstützung, aber das Denken, das Abwägen und die therapeutische Entscheidung, sind die klinische Verantwortung des Behandlers.

Zahn Arzt: Dentales Monitoring wird als möglicher „New Standard of Care“ diskutiert. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Crismani: Ich gehöre zu denjenigen, die noch davon überzeugt werden müssen, dass dentales Monitoring Teil der Zukunft ist. Meine Bedenken betreffen in erster Linie das Einreißen eines sterilen Verhältnisses zu den Patienten. Persönlich schätze ich den direkten Kontakt sehr. Ich kann mich im persönlichen Gespräch besser artikulieren, fühlen, spüren, übermitteln. Wenn man meines Erachtens zu viel in Richtung digitaler Steuerung geht, kann auch etwas kippen. Dann könnte die Beziehung anders werden, vielleicht distanzierter, vielleicht serviceorientierter, das muss man erst sehen. Ich sehe natürlich auch, dass es Nutzen gibt und dies werden ja auch auf der Tagung sehr klar diskutiert.

Zahn Arzt: Sie sagen gleichzeitig, dass es auch klare Einsatzszenarien gibt.

Crismani: Ja, natürlich. Ich stelle mir beispielsweise vor, dass junge, mobile Patienten während eines sechsmonatigen Studienaufenthalts im fernen Osten oder Westen durch ein dentales Monitoring vorübergehend betreut werden können. Das ist ein realistischer Nutzen: Du verlierst den Menschen nicht komplett aus dem Blick. Da kann Monitoring helfen, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Dinge so eher zu erkennen und darauf zu reagieren. Aber ob das im großen Stil wirklich „Standard“ wird, das ist für mich noch offen. Ich möchte, dass wir zuvor ehrlich auch über die Nebenwirkungen sprechen, nicht medizinisch, sondern menschlich.

Zahn Arzt: Wie findet man in der Praxis die Balance zwischen wissenschaftlichen Kriterien und subjektiven ästhetischen Erwartungen?

Crismani: Die Aufgabe des Behandlers besteht nicht nur darin, moderne und wissenschaftlich fundierte Kriterien und Richtlinien für die Behandlung anzuwenden. Das ist die Basis, kein Luxus. Aber es reicht eben nicht, nur „normgerecht“ zu behandeln. Man muss auch die Wünsche des Patienten verstehen. Nicht jeder Patient kommt mit denselben Erwartungen und nicht jeder Patient hat dasselbe Schönheitsideal. Doch manchmal ist das anspruchsvoller, als man glaubt. Was zum Beispiel objektiv „ideal“ wäre, ist nicht immer das, was der Patient will oder braucht. Man kann eine Okklusion perfekt einstellen und trotzdem sagt der Patient, dass er es anders möchte. Oder auch umgekehrt: Der Patient hat ein sehr konkretes Bild im Kopf und man muss als Behandler herausfinden, ob dieses Bild medizinisch sinnvoll erreichbar ist. Am Ende ist das Ziel eine patientenspezifische und maßgeschneiderte Lösung. Das ist oft die eigentliche Kunst: Wissenschaftlich sauber bleiben – und gleichzeitig den Menschen und seine Erwartungen ernst nehmen.

Zahn Arzt: Was macht die Fortbildungstagung in Kitzbühel besonders?

Crismani: Kitzbühel ist besonders, weil dort in einer amikalen Atmosphäre eine exzellente Fortbildung in Präsenz angeboten wird.

Zahn Arzt: Und warum lohnt sich die persönliche Teilnahme gegenüber rein digitalen Fortbildungsformaten?

Crismani: Präsenz hat hier einen echten Wert: Man ist gemeinsam vor Ort, man erlebt Inhalte gemeinsam, man hat Austausch und man nimmt dadurch oft mehr mit, als wenn man alleine vor einem Bildschirm sitzt.

Gleichzeitig ist es möglich, wichtige soziale Aspekte zu pflegen: mit Kollegen, mit Ausstellern und Menschen, die man sonst vielleicht nur am Telefon oder per Mail kennt. Das ist ein Teil der Tagung, den ein rein digitales Format kaum ersetzen kann. Erst recht nicht, wenn es darum geht, Dinge einzuordnen, Erfahrungen abzugleichen und sich in seinem Fach weiterzuentwickeln.


Titel
„Im Kern geht es um eine sehr praktische Frage“
Publikationsdatum
23.02.2026
Bildnachweise
Kitzbühel/© taranchic/Getty Images/iStock, Prof. Dr. Adriano Crismani/© privat, Kongressprogramm