Wenn Wissen Lösungen schafft
- 27.10.2025
- Zahnmedizin
- Zeitungsartikel
Anlässlich des Österreichischen Kongresses für Zahnmedizin in Innsbruck wurde unter dem Kongressmotto „Wissen schaf(f)t Lösungen“ eifrig über Technologien und Methoden diskutiert, die Zahnärzte unterstützen, schneller entscheiden und gezielter therapieren zu können.
Kirk Fisher/Getty Images/iStock
„Wissen wird lebendig, wenn es in der Praxis ankommt“, zeigten sich die beiden Kongresspräsidenten Prof. Adriano Crismani und Prof. Ines Kapferer-Seebacher einig. Gerade die thematische Breite, von Künstlicher Intelligenz bis zum Mikrobiom, habe gezeigt, wie neue Erkenntnisse unser Verständnis von Zahnmedizin so erweitern können, dass daraus neue Lösungen entstehen, so Crismani.
Genau in dieser Vielfalt liegt auch eine besondere Stärke solcher Veranstaltungen, betonte Kapferer-Seebacher: Hier hört man auch von Themen, an die man selbst nicht gedacht hätte. Online sucht und findet man nur das, wonach man gezielt sucht. An viele Lösungsmöglichkeiten wie Kariesarretierung, Hyaluronsäuretherapien oder bestimmte KI-Tools denkt man gar nicht, weil man gar nicht weiß, dass diese heute schon verfügbar sind.
Künstliche Intelligenz ist einWerkzeug
„In der radiologischen Befundung bei Karies- oder Parodontaldiagnostik oder bei der Risikoeinschätzung und Verlaufskontrolle sind KI-basierte Systeme heute schon klinische Realität“, so Prof. Falk Schwendicke. „Sie unterstützen das Praxisteam sehr effizient bei der täglichen Arbeit. Denn längst hat die Künstliche Intelligenz den Sprung aus den Technologielaboren in die zahnärztliche Praxis geschafft.“
Wer über einen Einstieg nachdenkt, dem empfiehlt Schwendicke niedrigschwellige Anwendungen wie etwa KI-gestützte Röntgenbefundung oder Sprachverarbeitung im administrativen Bereich. Gleichzeitig gelte es, Themen wie Datenschutz, Verlässlichkeit und Validierung im Blick zu behalten. KI-Ergebnisse seien immer kritisch zu prüfen.
Risiko Überdiagnostik
Viele moderne Erkennungstechniken bergen das Risiko einer Überdiagnostik, die zu Überbehandlungen führen könne, mahnte auch Prof. Marie-Charlotte Huysmans im Zusammenhang mit der Kariesläsionserkennung und Kariesdiagnostik. Doch verantwortungsvoll eingesetzt, könne KI bei einer zuverlässigen und effizienten Erfassung und Überwachung oraler Befunde sehr unterstützend sein – zum Vorteil von Patienten und Behandlern.
„Zwischen Erkennung und Diagnostik liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Erst die Bewertung von Progression und Aktivität einer Läsion ermöglicht eine differenzierte Planung. Optimale Erkennung ist nicht gleich maximale Erkennung“, so Huysmans. Die Aktivität der Läsion sei das erste Kriterium für eine Behandlung, die Kavitation das nächste. Diagnostik bedeute daher nicht alles sehen, sondern das Richtige verstehen und im Sinne einer personalisierten Zahnmedizin auch individuelle Risikofaktoren in die Planung einzubeziehen.
Sofortige Lösungen – in derGerodontologie
Einige Denkanstöße, insbesondere bei der Behandlung von älteren Patienten, kamen auch von Prof. Martin Schimmel: „Die Zahnmedizin steht vor der Herausforderung, funktionelle und zugleich zeiteffiziente Lösungen für ältere, multimorbide Patienten bereitzustellen.“ Reduzierte Motorik, verzögerte Reflexe, resorbierte Kieferkämme oder eine druckempfindliche Schleimhaut, erschwerten bei den Älteren die prothetische Rehabilitation. Hinzu kämen noch Multimorbidität, Polymedikation und neurologische Erkrankungen, die den Behandlungsrahmen zusätzlich limitieren, so Schimmel.
Doch implantatgestützte Sofortversorgungen eröffnen heute neue Perspektiven: Mit Fallbeispielen machte Schimmel deutlich, dass implantatverankerte Prothesen bei sorgfältiger Indikationsstellung und abgestimmtem Hygienemanagement, die Kaufunktion und Lebensqualität auch bei geriatrischen Patienten erheblich und innerhalb kürzester Zeit steigern können. Damit zeigte er eindrücklich, dass die moderne Gerodontologie nicht allein von neuen Technologien lebt, sondern von der klugen Verbindung bewährter Konzepte mit Innovationen.
Hyaluronsäure für den Zahn
Zu Innovationen in einem anderen Bereich der Zahnmedizin gehört inzwischen auch der Einsatz von Hyaluronsäure: Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil des Körpers. „Auch im Zahnfleisch und Parodont kommt sie vor“, erklärte Dr. Kristina Bertl. Entscheidend für das breite Einsatzspektrum sind ihre besonderen Eigenschaften: „Ein Gramm Hyaluronsäure kann bis zu sechs Liter Wasser binden“, so die Expertin. Hinzu kommen Viskoelastizität sowie eine Reihe biologischer Effekte wie entzündungshemmend, bakteriostatisch, wundheilungsfördernd, osteoinduktiv und proangiogenetisch.
Besonders in der nicht-chirurgischen Phase der Parodontitistherapie konnte die adjuvante Anwendung überzeugen: Randomisierte, kontrollierte Studien belegen signifikante klinische Vorteile, vor allem in Kombination mit einem natriumhypochlorit-basierten Reinigungsgel. Präklinische histologische Untersuchungen bestätigten zudem eine verbesserte parodontale Regeneration.
Aber auch in der regenerativen Parodontalchirurgie hat sich die Hyaluronsäure etabliert. Ähnlich wie Schmelz-Matrix-Proteine könne sie bei vertikalen Knochendefekten und Furkationsdefekten eingesetzt werden; allein, in Kombination mit Kollagenmatrizen oder zusammen mit Knochenersatzmaterial. Klinische Daten zeigen heute bereits Ergebnisse, die mit Schmelz-Matrix-Proteinen vergleichbar seien. Dabei biete Hyaluronsäure zusätzlich auch einige praktische Vorteile: „Sie lässt sich ohne Vorbehandlung der Wurzeloberfläche direkt in den Defekt applizieren und stabilisiert das Blutkoagel zuverlässig.“
Kreidezähne im Fokus
Auf Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), im Volksmund als „Kreidezähne“ bezeichnet, lag ein weiteres Augenmerk des Kongresses: „Es ist Krankheitsbild, das die Kinderheilkunde zunehmend beschäftigt. Heute gehört die MIH zu einer häufigen Erkrankung der Zähne im Kindes- und Jugendalter“, erklärte Prof. Katrin Bekes. Das klinische Bild reiche von qualitativen Schmelzdefekten über Hypersensibilitäten bis hin zu Schmelzfrakturen an frisch eruptierten MIH-Molaren und wiederkehrenden Füllungsverlusten. Das sei eine Herausforderung im Praxisalltag.
Ein „One-fits-all“-Therapiekonzept gebe es nicht, betonte Bekes. Vielmehr sei eine individuell abgestimmte Strategie gefragt, von Intensivprophylaxe und Fissurenversiegelung über Kompositrestaurationen und Stahlkronen bis hin zu Extraktionen in schweren Fällen. Indiziert seien letztere bei schweren Formen der Hypomineralisation mit exzessivem und rasch fortschreitendem Substanzverlust, wiederholten erfolglosen Behandlungen, nicht kontrollierbarer endodontischer oder parodontaler Problematik sowie bei starker Hypersensibilität und einer eingeschränkten Mundhygiene.
„Umso wichtiger ist die frühzeitige Sekundärprävention.“ Kinder mit Milchmolaren-Hypomineralisation (MMH) haben nach einer Meta-Analyse ein fünffach erhöhtes Risiko, später auch MIH im bleibenden Gebiss zu entwickeln.
Ernährung als modulierender Faktor
Als Modulationsfaktor von Entzündungsprozessen wurde von Prof. Yvonne Jockel-Schneider die Ernährung in den Fokus gerückt. „Nicht allein die Mundhygiene entscheidet, sondern das, was wir täglich zu uns nehmen“, betonte sie und stellte die enge Verknüpfung zwischen Ernährung, Mikrobiom und entzündlichen Erkrankungen als Schlüsselfaktor in der Parodontologie in den Mittelpunkt.
Der Blick auf das orale wie intestinale Mikrobiom zeige, dass die evolutionäre Anpassung des Menschen an eine pflanzenbetonte, ballaststoffreiche Kost über Jahrtausende ein stabiles Gleichgewicht geschaffen habe. Mit der Industrialisierung der Ernährung und dem Siegeszug von Zucker, verarbeiteten Fetten und Zusatzstoffen sei es jedoch zu Dysbiosen gekommen und damit zu chronischen Entzündungsprozessen. „Diese befeuern Parodontitis und auch systemische Erkrankungen.“
Das orale und intestinale Mikrobiom sei damit zentral für die Regulation parodontaler und systemischer Entzündungen. Moderne Ernährungsweisen störten seine Strukturen und führen zu immunologischen Fehlsteuerungen. Ernährung sei daher nicht Randthema, sondern ein integraler Bestandteil einer modernen, ganzheitlich verstandenen Parodontaltherapie, so Jockel-Schneider. Pro- und Präbiotika bieten dabei vielversprechende Möglichkeiten zur ursächlichen Modulation.
Das Mikrobiom neu gesehen
Auch Prof. Tilg griff das Thema auf – allerdings aus systemischer Perspektive. Er erinnerte daran, dass erst moderne Technologien der letzten zwei Jahrzehnte den Zugang zu dieser hochkomplexen Welt eröffnet hätten. Haut und Schleimhäute seien dicht mit Mikroorganismen besiedelt. Im menschlichen Verdauungstrakt leben etwa 100 Trillionen Mikroben mit rund einem halben Kilogramm an Gewicht und mehr Genen als das humane Genom.
Faszinierend sei auch die lebenslange Toleranzleistung des Immunsystems. Auch wenn viele Untersuchungen noch deskriptiv seien, werde das rasch wachsende Wissen über das Mikrobiom die Sicht auf zahlreiche Erkrankungen verändern, auch in der Zahnmedizin, wo orale und intestinale Mikrobiota in enger Wechselwirkung stehen.
Diese interdisziplinäre Perspektive griff auch Kongresspräsident Prof. Crismani auf. Besonders beeindruckt habe ihn die Erkenntnis zu den mikrobiellen Startbedingungen des Neugeborenen: Kinder hätten in den ersten Tagen nach der Geburt zwar das Mikrobiom der Mutter, aber nicht das Vaginale, wie lange angenommen, sondern das Intestinale. Damit sei auch klar, dass die früher empfohlene vaginale Mikrobiom-Übertragung nach Kaiserschnitt keinen Sinn mehr ergebe. „Das entscheidende Mikrobiota ist das Darm-Mikrobiota und nicht das Vaginale“, so Crismani.
Mit diesen wissenschaftlich präzisen und zugleich praxisnahen Vorträgen wurden Brücken geschlagen – zwischen Wissenschaft und klinischem Alltag, zwischen Allgemeinmedizin und Zahnmedizin. „Neueste Forschungsergebnisse, die unser Verständnis von Gesundheit revolutionieren, eröffnen auch für die Zahnmedizin ganz neue Horizonte“, resümierte Kongresspräsident Prof. Crismani. Oder, wie es Prof. Kapferer-Seebacher formulierte: Solche Veranstaltungen schaffen Verbindungen, die weit über das hinausgehen, was man online je finden könnte.