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Großbritanniens Gesundheitssystem kämpft mit Personalmangel, regionalen Unterschieden und steigenden Kosten. Darunter leidet auch die zahnmedizinische Versorgung. Minister Streeting setzt auf Digitalisierung und Prävention – doch Experten zweifeln an der Finanzierbarkeit.

Das britische Gesundheitssystem National Health Service, kurz NHS, ist „kaputt“ und „kämpft ums Überleben“. Die dort verschwendeten Milliarden „bringen einen zum Weinen“. Das Personal stellt sich „taub gegenüber Kritik“ und behandelt „Patienten als Belästigung“.

Bösartige Invektiven der üblichen Verdächtigen, die seit langem die heilige Kuh der Briten schlachten und damit Geld verdienen wollen? Weit gefehlt. Die Zitate stammen – in der Reihenfolge - von Labours Ressortminister Wesley Streeting, von Penny Dash, die dem Aufsichtsrat der nachgeordneten Behörde NHS England vorsitzt, sowie von deren operativem Leiter James Mackey.

Allesamt wollen sie die allgemeine staatliche Gesundheitsversorgung auch in Zukunft sichern. Gemeinsam hat das Trio deshalb dem englischen Teil des NHS – für die Gesundheitsversorgung in Nordirland, Schottland und Wales sind die dortigen Regionalregierungen zuständig – eine umfassende Reform verordnet. Labour-Mann Streeting gibt sich nach 15 Amtsmonaten optimistisch: „Für das NHS lautet die Alternative Reform oder Tod. Den Kampf ums Überleben werden wir gewinnen.“

Prägnante Parolen zum NHS gibt es in Hülle und Fülle, problematische Fakten ebenso. Wie gut Patienten behandelt werden, hängt nicht nur von der Region ab, sondern auch von ihrer sozialen Schicht, wie Minister Streeting weiß: „Häufig bekommen die Armenviertel auch die armseligste Betreuung.“ Berichte von wohlmeinenden Gremien und Individuen wie dem „Beauftragten für die Patientensicherheit“ bleiben im Alltag ungelesen liegen, während die Aktiven an der Front wie bisher weiterwursteln. Das hat teure Folgen: Jährlich umgerechnet 7 Mrd Euro verschwendet das NHS, so hat es die Statistikbehörde ONS berechnet, weil das Prinzip der „best practice“ nicht befolgt wird.

Steigende Unzufriedenheit

Jahr für Jahr geben sich in Umfragen weniger Briten zufrieden mit ihrer Gesundheitsversorgung. Man habe „beispiellos tiefe Zustimmungsraten“ erreicht, warnt Matthew Taylor vom Verband der NHS-Manager. Besonders junge Leute können sich nicht mehr an jene Zeiten erinnern, als das Gesundheitssystem einigermaßen reibungslos funktionierte. Zunehmend schließen sie private Krankenversicherungen ab und zeigen damit dem NHS die gelbe Karte. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass auch das staatliche System längst vom Prinzip der Kostenfreiheit abgewichen ist. Wer nicht zu den Millionen gehört, die Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe erhalten, muss für jedes Rezept in der Apotheke 11,43 Euro bezahlen. Die empfohlene halbjährliche Nachschau bei der Zahnärztin ist kaum unter 35 Euro zu haben, die halbe Stunde bei der Zahnhygienikerin kostet leicht das Doppelte. Dementsprechend selten gehen die Briten zum Zahnarzt – wenn sie denn überhaupt einen haben.

Im vergangenen Mai geriet eine Parlamentsdebatte zum Thema zu einem Lamento voller grausiger Details. In ihrem wildromantischen Wahlkreis Süd-Devon, bilanzierte die Liberaldemokratin Caroline Voaden, hätten binnen einem Jahr drei Zahnarztpraxen geschlossen, „und weitere stehen kurz davor“. Im vergangenen Jahr mussten bei rund 30.000 Kindern kariöse Zähne extrahiert werden; die meisten dieser Fälle wären bei regelmässiger Nachschau „vollkommen vermeidbar“ gewesen, urteilte der Berufsverband BDA.

Labour-Frau Melanie Onn berichtete über den Fall einer Frau in den 40ern: Weil Catherine während der Covid-Pandemie einen Termin verpasst hatte, wurde sie von ihrer örtlichen Praxis im Bezirk Grimsby kurzerhand aus dem Patienten-Register gestrichen. Die Warteliste der Nachbar-Praxis ist auf zwei Jahre hinaus ausgebucht. „Catherine leidet dauerhaft unter Schmerzen“, so Onn, „das sollte niemand aushalten müssen“.

Dementsprechend verzweifelt handeln viele Zahnschmerz-geplagte Bürger. Sie schmirgeln abgebrochene Zähne mit Nagelfeilen zurecht, formen aus Käsewachs Ersatz für die Halterungen von Zahnspangen. Ukrainische Flüchtlinge gehen bei Heimatbesuchen zum Zahnarzt. Kein Wunder: In dem Kriegs-geplagten Land erhielten im vergangenen Jahr zwei Drittel der Patienten binnen 24 Stunden einen Notfall-Termin, auf der Insel lag der Anteil bei gerade mal 23 Prozent.

Eklatanter Zahnärzte-Mangel

Ganze Regionen des Landes seien „Zahnarzt-Wüsten“, beklagte ein Parlamentarier nach dem anderen. Wohlgemerkt handelt es sich um NHS-Wüsten, denn viele Zahnärzte haben die Bürokratie des staatlichen Systems hinter sich gelassen und praktizieren nur noch auf eigene Rechnung. „Ehrlich gesagt haben alle Zahnärzte im NHS Heiligenstatus verdient“, glaubt der Konservative Andrew Murrison. So ähnlich sieht das auch ein Regierungsbericht: „Wir haben genug Zahnärzte in England, aber nicht genug, die willens sind, für das NHS zu arbeiten.“

Die Misere ist mindestens so alt wie das Jahrhundert. Schon 1999 versprach der damalige Labour-Premier Tony Blair allen NHS-Patienten „binnen zwei Jahren“ den Zugang zu einem Zahnarzt. Sieben Jahre später schlossen Regierung und der Berufsverband BDA einen Vertrag, der inzwischen beiden Parteien peinlich ist. Das Schriftwerk sei zu unflexibel und lege zu wenig Wert auf Nachschau und Vorbeugung, urteilt BDA-Chairman Eddie Crouch. Stattdessen würden oft drastische Maßnahmen belohnt: „Da werden Zähne gezogen, weil das billiger ist als der Versuch, beschädigte Zähne zu erhalten.“

Ein neuer Langzeit-Vertrag soll mehr Zahnärzte dazu ermutigen, wieder im Rahmen des NHS zu arbeiten. Verbesserungen würden sich nicht über Nacht einstellen, warnt die zuständige Staatssekretärin Karin Smyth: „Dazu braucht es Zeit, Geld und Reformen.“ Für das Steuer-finanzierte Gesundheitswesen geben die Briten mit zuletzt 10,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Kalenderjahr 2023) weniger aus als die vergleichbar großen Nachbarstaaten Deutschland oder Frankreich. Immerhin verwendet das NHS, allen Klagen über den Papierkrieg und die Gremienvielfalt zum Trotz, lediglich zwei Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben für die Verwaltung, deutlich weniger als beispielsweise Deutschland (4) oder die USA (9).

Demographische Probleme

Wie in anderen Ländern der westlichen Welt macht auch dem Königreich die älter, dicker und dadurch kränker werdende Bevölkerung zu schaffen. Immer genauere Spezial-Medikamente kosten viel Geld, die Prävention bleibt auf der Strecke. Oft monatelang warten Patienten auf Termine bei Spezialisten. Krebskranke, Herzleidende oder Schlaganfall-Opfer haben deutlich schlechtere Aussichten als in den großen europäischen Nachbarländern. Pro Kopf der Bevölkerung verfügt die Insel über weniger Spitalbetten, beschäftigt weniger Ärztinnen und Pflegepersonal und macht sich weniger Diagnosegeräte wie CT oder MRT zunutze als die meisten Industriestaaten der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung sank zwischen 2019 und 2023 auf 81,3 Jahre.

In den Notaufnahmen werden beinahe die Hälfte all jener „Patienten“ abgewiesen, die zuvor eine Ambulanzfahrt in Anspruch genommen hatten. Doch aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen schicken die Dispatcher auch weiterhin Sanitätscrews zu den eingebildeten Kranken – es könnte ja doch einmal ein ernster Fall dabei sein.

Alarmzeichen allerorten also. Ob der auf zehn Jahre angelegte Plan von Minister Streeting und seinem Team wirklich den Weg zu einer besseren Zukunft weist?

Das 168-seitige Dokument stellt drei Themenfelder in den Vordergrund. Erstens sollen Polikliniken in Stadtvierteln und kleineren Städten die überfüllten Krankenhäuser entlasten, erhebliche Teile der Betreuung von Patienten würde also näher an deren Zuhause erfolgen. Ein modernisiertes und erweitertes NHS App eröffnet den Menschen die Möglichkeit, sich selbst für Psychotherapien oder Krankengymnastik anzumelden anstatt wie bisher auf die Überweisung durch den Hausarzt zu warten.

Statt immer mehr Langzeit-Kranke zu behandeln soll das NHS, zweitens, die Prävention forcieren. Dabei nehmen die Verantwortlichen vornehmlich die stetig zunehmende Fettsucht ins Visier: Der Anteil adipöser Erwachsener an der Bevölkerung hat sich binnen zwanzig Jahren verdoppelt, jedes fünfte Schulkind von elf Jahren trägt massives Übergewicht mit sich herum. Streeting will deshalb Medikamenten zur Gewichtsreduktion wie Mounjaro leichter zugänglich machen; gleichzeitig sollen Kinder und Jugendliche von klebrigen Energy Drinks entwöhnt werden.

Drittens ist geplant, das NHS von seinen noch immer weitgehend analogen Gewohnheiten abzubringen und ins digitale Zeitalter zu zerren. „Dieser Plan wird einem Technik-Bummler des 20. Jahrhunderts die Führungsrolle zuweisen, zu der er fähig ist“, heißt es dazu in schönster Marketing-Prosa. Ziel sei mit Hilfe des NHS App das „am besten digital zugängliche Gesundheitssystem der Welt“. Ausdrücklich enthält es die Aufforderung an die Patienten, die erhaltene Behandlung zu bewerten und dadurch ein Ranking zu ermöglichen.

Dass die Praktiker vor Ort und die Fachleute der Thinktanks dem schönen Plan eher skeptisch gegenüberstehen, dürfte an unerfreulichen Erfahrungen liegen. Seit langem dient das NHS als Spielwiese für ambitionierte Reformen.

Der talentierte und gut vernetzte Streeting hat immerhin die Rückendeckung von Premier Keir Starmer, dürfte also mehrere Jahre sein Amt ausüben. Seinen Plan aber hält Jennifer Dixon von der Health Foundation lediglich für „eine Vision“, solange nicht „die grundlegenderen sozialen und wirtschaftlichen Ursachen von Krankheiten“ angegangen werden. Sarah Woolnough vom King’s Fund warnt mit Verweis auf „ganz elementare IT-Probleme und veraltete Geräte“ vor allzu viel Hoffnung: „Mitteilungen zur technischen Ausstattung des NHS sind stets voller Versprechungen, an der Umsetzung aber mangelt es.“

Drei Probleme

Außer mit der Skepsis der Fachleute hat es der Minister mit drei schwierigen Problemen zu tun. Wieder einmal schwelt, erstens, ein Streik der Krankenhausärzte. Nach einem Tarifabschluss von 22 Prozent über zwei Jahre im vergangenen Jahr verlangt die radikale Gewerkschaft nun zusätzlich 21 Prozent mehr Geld. Daneben ärgern sich viele Jung-Mediziner über die Verschuldung durch hohe Studiengebühren und den Mangel an Ausbildungsplätzen für Fachärzte. Beklagt wird zudem, dass das NHS während der jahrelangen Ausbildung häufig den Wechsel des Arbeitsortes verlangt. Die Verhandler werden viel Fingerspitzengefühl brauchen, um weitere Streikphasen in Herbst und Winter zu vermeiden.

Auch das zweite Problem stellt für Streeting einen schwierigen Balanceakt dar, schließlich gehört er einer Regierung an, die verzweifelt nach Wachstumschancen sucht. Und gern rühmt Premier Starmer die Life Sciences als besonders wichtigen Sektor. Minister Streeting aber hat sich mit der mächtigen Pharma-Industrie überworfen.

Die Unternehmen wollten eine noch von der Tory-Regierung eingeführte Abgabe loswerden, die deutlich höher ausgefallen ist als ursprünglich geplant. Der Lobbyverband ABPI beklagt eine dreimal so hohe Rate wie im Rest Europas. „Wir lassen uns nicht herumschubsen“, gab sich Streeting im Sommer unbeirrt. Seither reißen die Hiobsbotschaften aus der Branche nicht ab. Der britisch-schwedische Pharma-Gigant AstraZeneca (AZ), das nach dem Börsenwert bestdotierte Unternehmen des Landes, droht mit der Abwanderung nach Amerika und hat die geplante Erweiterung der Impfstoff-Herstellung im nordenglischen Liverpool aus Ärger über angeblich mangelhafte Regierungssubventionen gestrichen.

Auch die Unternehmen Merck und Eli Lilly haben angekündigte Investitionen im Königreich auf Eis gelegt. Nun zeigt sich Wissenschafts-Staatssekretär Patrick Vallance kompromissbereit: „Wir werden wahrscheinlich für manche Medikamente mehr bezahlen müssen.

Auch die Pflege kränkelt

Schließlich fehlt dem Gesundheitswesen, drittens, ein funktionierender Pflegesektor für die zunehmend älter werdende Bevölkerung.

Viel zu viele Betten, zuverlässigen Schätzungen zufolge 10 bis 12 Prozent, sind mit greisen Patientinnen und Patien belegt, die eigentlich längst entlassen werden könnten, für die aber in Alten- oder Pflegeheimen kein Platz ist. Längst haben gelehrte Kommissionen umfangreiche Lösungsmodelle erarbeitet, die freilich allesamt einen Haken haben: Sie kosten viel Geld.

Weil die Kollegin im Finanzressort abwinkt, hat der versierte Politiker Streeting nun eine neue Kommission zur Altenpflege ins Leben gerufen. Deren Bericht soll in drei Jahren vorliegen. Gewiss gibt es dann auch wieder einen „weltweit führenden“ Regierungsplan.

Autor:

Sebastian Borger war vier Jahre lang Spiegel-Redakteur, ehe er an der London School of Economics (LSE) das Studium der Internationalen Beziehungen absolvierte. Seither schreibt er als freier Journalist aus der britischen Hauptstadt für deutschsprachige Medien.

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Titel
Behandlungsbedürftig
Publikationsdatum
05.11.2025

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