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„Wie sicher ist die Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie? Weitere Todesfälle in klinischen Studien nach Duchenne-Therapie“

  • Open Access
  • 29.07.2025
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Zusammenfassung

Hintergrund

Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist eine schwere monogene Erberkrankung mit früher Manifestation und progredientem Verlauf. Die Behandlungsmöglichkeiten sind bislang begrenzt. Die Gentherapie eröffnet DMD-Patienten neue Optionen.

Zielsetzung

Vor dem Hintergrund weiterer Todesfälle nach DMD-Gentherapie sollen die Nebenwirkungen und Risiken der bereits zugelassenen und in der klinischen Erprobung befindlichen Gentherapeutika evaluiert und präklinische Ansätze beschrieben werden. Basierend darauf soll die Zukunft der DMD-Gentherapie diskutiert werden.

Ergebnisse

Im Juni 2023 wurde mit Delandistrogen Moxeparvovec (SRP-9001) erstmals eine Genersatztherapie, die auf einem Adenoassoziiertes-Virus(AAV)-Vektor basiert, für die Behandlung von Kindern im Alter von 4 bis 5 Jahren in den USA zugelassen. Weitere vielversprechende Gentherapeutika befinden sich in der präklinischen Entwicklung oder klinischen Testung, darunter eine CRISPR/Cas9-vermittelte Strategie zur Wiederherstellung der Dystrophinexpression (CRISPR/Cas9 „clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein 9“). Mindestens zwei von insgesamt fünf Todesfällen nach DMD-Gentherapie mit hoch dosierten AAV-Vektoren bei > 1000 Patienten lassen sich auf AAV-vermittelte Immunantworten zurückführen. Die der Therapie zugrunde liegende Vorerkrankung ist sehr wahrscheinlich an der fatalen Toxizität beteiligt.

Schlussfolgerung

Obwohl die gentherapeutische Anwendung von AAV-Vektoren allgemein als sicher gilt, kann die systemische Gabe von hohen Vektordosen durch Aktivierung der Immunabwehr zu schweren Nebenwirkungen mit möglicherweise tödlichem Ausgang bei einzelnen Patienten führen. Neue Verfahren zur Immunsuppression, eine Reduzierung der AAV-Dosis und alternative Vektoren werden daher in Zukunft vermehrt in den Vordergrund rücken.
Die ursprüngliche Version dieses Beitrags wurde in der Zeitschrift Innere Medizin 65, 617–623 (2024) https://doi.org/10.1007/s00108-024-01711-5 veröffentlicht und wurde für diese Neuveröffentlichung von den Autoren inhaltlich aktualisiert.
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Zu diesem Beitrag ist ein Erratum online unter https://doi.org/10.1007/s00740-025-00578-y zu finden.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
10-MWT
„10-meterwalk test“
AAV
Adenoassoziiertes Virus
aHUS
Atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom
AON
Antisense-Oligonukleotid
APC
Antigenpräsentierende Zellen
ARDS
„Acute respiratory distress syndrome“
CDC
„Cardiosphere-derived cells“
CMV
Cytomegalievirus
CRISPR/Cas9
„Clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein 9“
DAPC
Dystrophinassoziierter Proteinkomplex
DMD
Duchenne-Muskeldystrophie
gRNA
„Guide RNA“
IL
Interleukin
iPSC
„Induced pluripotent stem cells“
MSC
„Mesenchymal stromal cells“
mTORi
mTOR-Inhibitoren
NSAA
North Star Ambulatory Assessment
PC
Perizyten
Pre-AAV NAb
„Pre-existing neutralizing antibodies against AAV“
SC
Satellitenzellen
scAAV
„Self-complementary adenoassociated virus“
SMA
Spinale Muskelatrophie
TMA
Thrombotische Mikroangiopathie
Treg
Regulatorische T‑Zellen
TTR
„Time to rise“
U7snRNA
„U7 small nuclear RNA“
vg
„Vector genomes“
XLMTM
„X-linked myotubular myopathy“ (X-chromosomale myotubuläre Myopathie)
Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist die häufigste muskuläre Erberkrankung im Kindesalter. Sie wird X‑chromosomal-rezessiv vererbt und durch Mutationen im Dystrophingen verursacht. Die Regelbehandlung mit koordinierter interdisziplinärer Versorgung und Glukokortikoiden kann den progredienten Krankheitsverlauf verzögern und die Lebensqualität der Patienten mit DMD verbessern, den degenerativen Prozess aber nicht aufhalten. Dies könnten neue gentherapeutische Verfahren ändern. Fünf Todesfälle von Patienten mit DMD nach Gentherapie schüren jedoch Zweifel an der Sicherheit der Behandlung, müssen aber in Relation zu den > 1000 Behandlungen gesetzt werden.
Die DMD wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben [1]. Das der Erkrankung zugrunde liegende Dystrophingen wurde jedoch erst mehr als 100 Jahre später identifiziert [2]. Als größtes menschliches Gen enthält es 79 Exons variabler Länge und umfasst mehr als 2 Mb genomischer DNA. Individuelle Promotoren in der 5′-Region führen zu einer gewebespezifischen Expression von drei Dystrophintranskripten voller Länge (Dp427c in kortikalen Neuronen, Dp427m in Muskel- und Gliazellen sowie Dp427p in Purkinje-Zellen), die sich jeweils nur im ersten Exon unterscheiden. Interne Promotoren, alternatives Spleißen und alternative Polyadenylierungsstellen vermitteln die ebenfalls gewebespezifische Synthese weiterer Isoformen. Die im menschlichen Skelett und Herzmuskel gebildete große Isoform von 427 kDa ist von zentraler Bedeutung, weil sie eine Verbindung der intrazellulären Aktinfilamente mit dem dystrophinassoziierten Proteinkomplex (DAPC) der myofibrillären Membran (Sarkolemm) und der daran assoziierten extrazellulären Matrix herstellt. Das muskuläre Dystrophin ist essenziell für die mechanische Stabilität des Sarkolemms und hat eine wichtige Funktion als Stoßdämpfer während lang anhaltender Muskelkontraktionen [3]. Bei etwa 90 % der Patienten mit DMD bestehen unterschiedlich große Verschiebungen im Leserahmen des Gens, die zu einem vollkommenen oder zumindest erheblichen Verlust des Dystrophins führen. Molekulare Ursachen sind Deletionen (68–73 %), Duplikationen (11 %), Translokationen, Mutationen an Exon/Intron-Spleißstellen (3 %) sowie Nonsense-Punktmutationen (10 %; [4]).
Bei etwa 90 % der Patienten mit DMD bestehen Verschiebungen im Leserahmen des Dystrophingens
Der Dystrophinmangel bewirkt eine zunehmende Muskeldegeneration und Fibrosierung. Die Erkrankung manifestiert sich bereits früh im Kleinkindalter und führt zu einer fortschreitenden Muskelschwäche, zunächst proximal, später auch an den oberen Extremitäten, dem Rumpf und der Atemmuskulatur [5]. Die mediane Lebenserwartung beträgt unter Einsatz supportiver Beatmungsverfahren 29 Jahre [6].

Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie

Die bis heute am weitesten entwickelte und am häufigsten angewendete DMD-Gentherapie ist die Genersatztherapie (Abb. 1). Sie ist die einzige kausale Therapie mit dem Potenzial, alle bekannten Mutationen in Patienten mit DMD gleichermaßen zu behandeln. Weil die dystrophincodierende Sequenz zu groß ist, um in einen einzigen Adenoassoziiertes-Virus(AAV)-Vektor verpackt zu werden, werden verkürzte, funktionell aber weitestgehend aktive Mini- und Mikrodystrophinvarianten verwendet [7]. Fünf Gentherapeutika, die sich in ihrem molekularen Aufbau, im Vektordesign oder im Vektorkapsid voneinander unterscheiden, befinden sich in der klinischen Erprobung.
Abb. 1
Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie. ① Mini- und Mikro-Dystrophinvarianten sollen das beschädigte Dystrophingen ersetzen. ② Der Einsatz der CRISPR/Cas9-Technologie bei Patienten mit Exon-1-Deletion hat das Ziel, den kortikalen Dystrophinpromotor zu aktivieren, sodass die mutierte muskuläre (Dp427m) durch die intakte kortikale Isoform (Dp427c) ersetzt wird. ③ CRISPR/Cas9 wird auch für ein dauerhaftes Exon Snipping der chromosomalen DNA eingesetzt. ④ Die Expression von Antisense-Oligonukleotiden induziert ein gentherapeutisches Exon Skipping auf Ebene der prä-mRNA. Das Überspringen duplizierter Exons resultiert in einem Dystrophin voller Länge, sonst entstehen verkürzte Dystrophinproteine. Die Übertragung der gentherapeutischen Werkzeuge erfolgt mit Hilfe von AAV-Vektoren. AAV adenoassoziiertes Virus, AON Antisense-Oligonukleotid, CRISPR/Cas9 „clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein 9“, DAPC dystrophinassoziierter Proteinkomplex, gRNA „guide RNA“, U7snRNA „U7 small nuclear RNA“. Erstellt mit BioRender. Horn, S. (2025) https://BioRender.com/xce22ag
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In ersten Studien konnte die Genersatztherapie eine erfolgreiche Transgenexpression in einem Großteil der Muskelfasern und eine Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und Lungenfunktion erzielen [8, 9]. Ob der Genersatz langfristig den Krankheitsverlauf verbessern kann, ist noch ungeklärt, zumal AAV-Vektoren nicht ins Genom integriert werden und daher verloren gehen können.
Delandistrogen Moxeparvovec (SRP-9001), die Minidystrophinvariante von Sarepta Therapeutics (Cambridge, MA, USA), erhielt im Juli 2024 die Zulassung von der US Food and Drug Administration (FDA) für die Behandlung gehfähiger Patienten mit DMD im Alter von 4 Jahren und älter sowie eine bedingte Zulassung für die Behandlung nicht-gehfähiger Patienten. Delandistrogen Moxeparvovec ist damit die erste und bisher einzige zugelassene Duchenne-Genersatztherapie. Allerdings konnte Delandistrogen Moxeparvovec in einer randomisierten, placebokontrollierten Phase-III-Studie (EMBARK, Clinical-Trials.gov Identifier NCT05096221) nach 52 Wochen nur eine geringe Wirksamkeit erreichen und führte in dieser Studie mit gehfähigen DMD-Patienten nicht zu einem signifikanten Anstieg im North-Star-Ambulatory-Assessment(NSAA)-Mobilitätsscore [10]. Die Studie verfehlte also ihren primären Endpunkt, und konnte nur eine leichte Verbesserung in den sekundären Endpunkten erzielen („time to rise“ [TTR] und „10-meter walk test“ [10-MWT]).
Große Hoffnungen für zukünftige Gentherapien basieren auf dem „genome editing“ mit CRISPR/Cas9
Große Hoffnungen für zukünftige Gentherapien basieren auf dem „genome editing“ mit CRISPR/Cas9 (CRISPR/Cas9 „clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein 9“; [11]). Etwa 1 % der Patienten mit DMD weisen eine Deletion des Promotors und des ersten Exons der muskelspezifischen Dystrophinisoform auf. Bei diesen Patienten wird versucht, durch einen auf dem CRISPR/Cas9-System basierenden artifiziellen Transkriptionsfaktor den weiter aufwärts gelegenen kortikalen Dystrophinpromotor zu aktivieren und in der Folge eine Heraufregulation der Expression der eigentlich neuronalen Dystrophinisoform (Dp427c) zu induzieren [12]. Die kortikale Isoform könnte anschließend die Funktion des fehlenden Muskeldystrophins kompensieren.
Antisense-Oligonukleotide (AON) wie Eteplirsen werden eingesetzt, um den offenen Leserahmen auf Ebene der prä-mRNA durch das gezielte Überspringen eines oder mehrerer Exons wiederherzustellen. Ein dauerhaftes gentherapeutisches „exon skipping“ kann durch Übertragung von AON-Expressionsvektoren erzeugt werden. In einer ersten Phase-I/II-Studie zur Behandlung von Patienten mit DMD und Exon-2-Duplikationen konnten mit dem AON-Vektor die erfolgreiche Synthese eines korrigierten Dystrophins und eine gute Verträglichkeit erzielt werden [13]. Alternativ werden CRISPR/Cas9-basierte Verfahren zum Ausschneiden von Exons auf genomischer Ebene („exon snipping“) entwickelt [14]. Die Methode befindet sich jedoch noch in der präklinischen Testung.

Nebenwirkungen der Gentherapie bei Duchenne-Muskeldystrophie

Zur Übertragung der gentherapeutischen Werkzeuge werden AAV-Vektoren verschiedener Serotypen eingesetzt. Um eine körperweite Behandlung möglichst vieler Muskeln einschließlich der Atem- und Herzmuskulatur zu erreichen, werden die Genfähren in sehr hohen Vektordosen (1–3 ⋅ 1014 „vector genomes“ [vg]/kgKG) verabreicht. Das Nebenwirkungsspektrum der Gentherapeutika ist komplex (Abb. 2), immuntoxische Wirkungen spielen eine zentrale Rolle.
Abb. 2
AAV-Vektoren in der Gentherapie neuromuskulärer Erkrankungen. AAV-Vektoren finden breite Anwendung zur gentherapeutischen Behandlung neuromuskulärer Erkrankungen. Dabei können z. T. schwere Nebenwirkungen (Grad 3 und höher) auftreten, die bei mehreren Patienten tödlich endeten (in der Abbildung gekennzeichnet durch Karosymbole). Eine fünfte Genersatztherapie (RGX-202, Regenxbio, Rockville, MD, USA) mit einer weiteren Mikrodystrophinvariante und Transfer mit Hilfe eines AAV8-Vektors befindet sich seit kurzem ebenfalls in klinischer Erprobung (ClinicalTrials.gov Identifier NCT05693142). AAV adenoassoziiertes Virus, aHUS atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom, ARDS „acute respiratory distress syndrome“, DMD Duchenne-Muskeldystrophie, scAAV „self-complementary adeno-associated virus“, SMA spinale Muskelatrophie, TMA thrombotische Mikroangiopathie, XLMTM „X-linked myotubular myopathy“ (X-chromosomale myotubuläre Myopathie). Erstellt mit BioRender. Horn, S. (2025) https://BioRender.com/aiz2h1d
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Im Rahmen der Genersatztherapie wurde studienübergreifend bei 5 Patienten eine ausgeprägte Schwächung der Bulbär- und Atemmuskulatur sowie der proximalen und distalen Gliedmaßen beobachtet, mit Myositis sowie partiell Myokarditis und erhöhten Troponin-I-Spiegeln [15]. Als Ursache konnte eine gegen N‑terminale Domänen des Dystrophintransgens gerichtete Immunreaktion identifiziert werden, die vermutlich durch zytotoxische T‑Zellen vermittelt wurde [16]. Damit übereinstimmend wiesen alle 5 Patienten Deletionen immunogener Epitope auf, sodass das Transgen von ihrem Immunsystem als vermeintlich fremd erkannt wurde. Die Studienprotokolle wurden entsprechend angepasst, um Patienten mit „riskanten“ Genotypen zukünftig auszuschließen. Leider war diese Maßnahme nicht ausreichend, um weitere, zum Teil fatale AAV-Vektor-bedingte Immuntoxizitäten zu verhindern.

Tod nach Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie

Ein erster Todesfall nach DMD-Genersatztherapie wurde Ende 2021 bekannt [17]. Betroffen war ein nicht gehfähiger 16-jähriger Patient nach Behandlung mit 2 ⋅ 1014 vg/kgKG Fordadistrogen Movaparvovec (PF-06939926, ClinicalTrials.gov Identifier NCT03362502). Der Patient starb 6 Tage nach Behandlung an den Folgen eines kardiogenen Schocks ohne Zeichen einer Thrombozytopenie oder Komplementaktivierung. Auch wenn der genaue Pathomechanismus (bei nicht erfolgter Autopsie) nicht bekannt ist, wird vermutet, dass das Herzversagen durch eine Reaktion des angeborenen Immunsystems gegen das Vektorkapsid im Myokardgewebe ausgelöst wurde [18]. Pfizer gab bekannt, dass die Erkrankung des Patienten zum Zeitpunkt seiner Behandlung weit fortgeschritten war und er bereits Zeichen einer kardialen Vorschädigung gezeigt hatte [19]. Ein zweiter mit Fordadistrogen Movaparvovec behandelter DMD-Patient verstarb 2024 (ClinicalTrials.gov Identifier NCT05429372), ohne dass bisher nähere Angaben zu den Ursachen des fatalen Verlaufs bekannt wurden [20].
Ein weiterer Todesfall ereignete sich bereits im Oktober 2022 im bisher einzigen durchgeführten Behandlungsversuch unter Verwendung des auf den kortikalen Promotor gerichteten CRISPR/Cas9-basierten Transaktivators zur Therapie von Exon-1-Deletionen (ClinicalTrials.gov Identifier NCT05514249; [12]). Unmittelbar nach Applikation der CRISPR-Gentherapie kam es zu ersten Komplikationen in Form von ventrikulären Extrasystolen, Thrombozytopenie nach Komplementaktivierung, einer Perikarditis sowie Anstieg von Interleukin‑6 und -8 [12]. Trotz medikamentöser Intervention mit Eculizumab und Tocilizumab entwickelte der Patient ein akutes Atemnotsyndrom („acute respiratory distress syndrome“ [ARDS]) und verstarb am achten Tag nach Therapiebeginn an multiplem Organversagen. Der Todesfall ließ sich weder auf die CRISPR/Cas9-Technologie noch auf eine gegen das Vektorkapsid oder Cas9 gerichtete adaptive Immunantwort zurückführen. Stattdessen wurde er mit dem Nachweis ungewöhnlich hoher AAV-Vektorkopien (> 100 vg/diploides Genom) in der Lunge des Patienten in Verbindung gebracht. Sehr wahrscheinlich wurde durch die hohe Dosis und veränderte Bioverteilung des Vektors eine starke angeborene Immunantwort ausgelöst, die auf der Grundlage der bereits bestehenden Vorschädigung durch eine rechtsventrikuläre Herzinsuffizienz und Kardiomyopathie zur fatalen akuten kardiopulmonalen Schädigung führte. Aktuell musste auch Sarepta Therapeutics nach Behandlung mit Delandistrogen Moxeparvovec, das bis heute bereits bei > 900 Patienten angewendet wurde, zwei Todesfälle nach akutem Leberversagen bekannt geben [21]. Hier wird eine T-Zell-vermittelte Immunreaktion gegen den AAV-Vektor als Auslöser des akuten Leberversagens vermutet. Bei einem der beiden nicht-gehfähigen Patienten könnte darüber hinaus eine zuvor erworbene CMV-Infektion ursächlich beteiligt sein (Cytomegalievirus [CMV]).
Die kapsidabhängige Aktivierung angeborener und adaptiver Immunantworten ist eine bekannte unerwünschte Begleiterscheinung der gentherapeutischen Anwendung von AAV-Vektoren. Eine Schädigung der Leber ist neben der thrombotischen Mikroangiopathie (TMA) die am häufigsten beobachtete Nebenwirkung [22].
Bei der Gentherapie neuromuskulärer Erkrankungen durch intravenöse Gabe hoch dosierter AAV-Vektoren ist es in der Vergangenheit bereits zu mehreren Todesfällen gekommen. So starben 4 von insgesamt 24 Patienten mit X‑chromosomaler myotubulärer Myopathie („X-linked myotubular myopathy“ [XLMTM]) an den Folgen eines cholestatischen Leberversagens, nachdem sie einen AAV8-Vektor mit einer korrekten Kopie des Myotubularin-1-Gens (MTM-1) erhalten hatten [23]. Darüber hinaus führte die Behandlung der spinalen Muskelatrophie (SMA) mit Onasemnogen Abeparvovec (Zolgensma) zum Tod von 3 Patienten nach akutem Leberversagen bzw. TMA [24, 25] bei > 3700 Behandlungen [26]. Für die Patienten mit XLMTM konnte ein Zusammenhang mit einer hepatobiliären Vorschädigung festgestellt werden [23].

Konsensus

Die DMD-Genersatztherapie unter Verwendung verschiedener Dystrophinvarianten in epitopnaiven Patienten führte zu lebensbedrohlichen Nebenwirkungen durch eine gegen das Transgen gerichtete adaptive Immunreaktion. Darüber hinaus endete die DMD-Gentherapie für 5 der > 1000 behandelten Patienten nach Behandlung mit unterschiedlichen Therapeutika tödlich. In mindestens 2 Fällen wird die Aktivierung einer angeborenen Immunantwort auf die in sehr hohen Dosen gegebene AAV-Genfähre als Auslöser vermutet. Todesursache war eine schwere Schädigung des kardiopulmonalen Systems – im Unterschied zur beobachteten Hepatotoxizität in anderen Todesfällen nach Gentherapie mit hoch dosierten AAV. Ein Zusammenhang mit Vorerkrankungen ist therapieübergreifend wahrscheinlich, sodass Alter und Gesundheitszustand der Patienten eine wichtige Rolle spielen könnten. In Abb. 3 sind die bisherigen Ergebnisse zusammengefasst.
Abb. 3
Immuntoxische Wirkung der AAV-Vektoren bei der DMD-Gentherapie. Die in hohen Vektordosen angewendeten Gentherapeutika führen zu verschiedenen Immuntoxizitäten. Eine adaptive Immunantwort gegen das hepatozellulär präsentierte Vektorkapsid kann eine Schädigung der Leber und, in seltenen Fällen, ein akutes Leberversagen auslösen. Nach Behandlung mit verschiedenen Genersatztherapeutika führte eine T‑Zell-vermittelte Reaktion gegen das Transgen bei mehreren Patienten zu einer schweren Schädigung verschiedener Muskeln, einschließlich des Herzens. Zwei Patienten starben nach Auslösen einer überschießenden angeborenen Immunantwort mit und ohne Beteiligung des Komplementsystems im Myokardgewebe und teilweise der Lunge. Die toxische Wirkung der AAV-Vektoren wurde sehr wahrscheinlich durch den fortgeschrittenen Krankheitsverlauf der Patienten begünstigt. AAV adenoassoziiertes Virus, APC antigenpräsentierende Zellen, CRISPR/Cas „clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein“, DMD Duchenne-Muskeldystrophie, IL Interleukin, vg „vector genomes“. Erstellt mit BioRender. Horn, S. (2025) https://BioRender.com/lrksqdb
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Perspektiven der Gentherapie bei Duchenne-Muskeldystrophie

Die Ex-vivo-Gentherapie sowie neue Zelltherapien und Vektoren könnten den systemischen Einsatz der AAV-Vektoren vermeiden. Aufgrund ihrer eingeschränkten Fähigkeit, die Blut-Endothel-Schranke zu überwinden und effizient in beschädigte Muskeln einzuwandern [14], könnten zellbasierte (Gen‑)Therapeutika aktuell jedoch höchstens in einer adjuvanten Therapie zur Behandlung lokaler, oberflächlicher Muskeln eingesetzt werden. AAV-Vektoren werden daher sehr wahrscheinlich trotz ihrer potenziellen Toxizität bis auf Weiteres die Genfähren der Wahl für die DMD-Gentherapie bleiben. Durch neue immunmodulatorische Behandlungen sowie optimierte Vektoren mit geringerer Immunogenität und höherer Spezifität für Muskelzellen ließe sich ihre Sicherheit zukünftig verbessern. Einen aktuellen Überblick geben ([27, 28] und Abb. 4).
Abb. 4
Perspektiven der DMD-Gentherapie. Die Sicherheit der In-vivo-Anwendung von AAV-Vektoren kann auf mehreren Ebenen verbessert werden. Dazu zählen allgemeine und spezifische Maßnahmen zur Unterdrückung der Immunantwort sowie optimierte Vektoren zur Reduzierung der Vektorimmunogenität und -dosis. Neue Möglichkeiten könnten die Ex-vivo-Gentherapie und zelltherapeutische Behandlungen eröffnen, die die systemische Anwendung der AAV-Vektoren umgehen. AAV adenoassoziiertes Virus, CRISPR/Cas „clustered regularly interspaced short palindromic repeats/CRISPR-associated protein“, CDC „cardiosphere-derived cells“, DMD Duchenne-Muskeldystrophie, iPSC „induced pluripotent stem cells“, MSC „mesenchymal stromal cells“, mTORi mTOR-Inhibitoren, PC Perizyten, pre-AAV NAb „pre-existing neutralizing antibodies against AAV“, SC Satellitenzellen, Treg regulatorische T‑Zellen. Erstellt mit BioRender. Horn, S. (2025) https://BioRender.com/84klgi2
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AAVMYO [29] und MyoAAV [30] bilden eine neue Klasse von AAV9-abgeleiteten Kapsiden, die durch Präsentation eines myotropen Peptids in der hypervariablen Region VIII eine höhere Expression (unter anderem von Mikrodystrophin) in der Skelett- und Herzmuskulatur und im Zwerchfell bei gleichzeitig stark verringerter Transduktion von Hepatozyten erreichen. Aufgrund der stärkeren On-target- und reduzierten Off-target-Aktivität kann die Vektordosis um mindestens eine Log-Stufe verringert werden [30]. Bereits im August 2022 hat Sarepta Therapeutics eine Lizenzvereinbarung zur Verwendung von MyoAAV-Kapsiden in seinem DMD-Gentherapieprogramm getroffen [31]. Eine verbesserte und spezifischere Mikrodystrophinexpression wurde auch von Solid Biosciences (Charlestown, MA, USA) mit seinem firmeneigenen myotropen Kapsid (AAV-SLB101) in DMDmdx-Mäusen erzielt [32]. Die ersten Patienten im Alter von 5–7 Jahren wurden bereits in einer aktuellen Phase-I/II-Studie (ClinicalTrials.gov Identifier NCT06138639) mit dem optimierten Kapsid behandelt. Weitere sollen bis Jahresende folgen [33].

Fazit für die Praxis

  • Die Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist aktuell auf den Einsatz von Adenoassoziiertes-Virus(AAV)-Genfähren und die systemische Gabe hoher Vektordosen angewiesen.
  • Die AAV-vermittelten Gentherapeutika können in seltenen Fällen schwere bis fatale Reaktionen des angeborenen wie adaptiven Immunsystems gegen den AAV-Vektor und das Transgen auslösen.
  • Ein Ausschluss von Patienten mit vorbestehenden AAV-Antikörpern und Genotypen, denen immunrelevante Epitope des Transgens fehlen, engt den Kreis behandelbarer Patienten ein, ist aktuell jedoch für eine sichere Behandlung unerlässlich.
  • Verstärkte immunsuppressive Maßnahmen und vor allem optimierte Vektoren mit hohem, selektivem Tropismus für muskuläres Gewebe könnten in naher Zukunft Effizienz und Sicherheit der DMD Gentherapie verbessern.

Danksagung

Die Abbildungen wurden mit BioRender.com erstellt.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Horn und B. Fehse geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
„Wie sicher ist die Gentherapie der Duchenne-Muskeldystrophie? Weitere Todesfälle in klinischen Studien nach Duchenne-Therapie“
Verfasst von
Dr. Stefan Horn
Prof. Dr. Boris Fehse
Publikationsdatum
29.07.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Wiener klinisches Magazin / Ausgabe 4/2025
Print ISSN: 1869-1757
Elektronische ISSN: 1613-7817
DOI
https://doi.org/10.1007/s00740-025-00564-4
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