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Wie Ersatzbildungen die Verarbeitungsprozesse nach Traumatisierungen unterstützen

  • Open Access
  • 23.05.2025
  • originalarbeit
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Zusammenfassung

Ersatzbildungen spielen im Verlauf der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen eine wesentliche Rolle. Sie treten insbesondere dann auf, wenn natürliche Heilungsprozesse fehlschlagen. Unter Heilung verstehen wir die bestmögliche Verarbeitung der traumatischen Erfahrung und die Überwindung ihrer Folgen, um einen geeigneten Abschluss des Prozesses zu erreichen. Solange kein wirksamer Abschluss erlebt wird und essenzielle Bedürfnisse im Zusammenhang mit der Verarbeitung der Traumatisierung und deren Folgen unbefriedigt sind, bleibt das Streben danach bestehen.
Ersatzbildungen können sowohl die Aufarbeitung des Geschehenen unterstützen als auch behindern und sich in Form von Traumafolgesymptomen äußern. Doch welche Ersatzbildungen unterstützen Prozesse in Richtung Gesundung, und welche lindern bloß die Symptome, ohne nachhaltige Integration des Geschehenen in das Lebensganze der betroffenen Person?
Für die Psychotherapie nutzbare Erklärungen lassen sich in den Forschungen zur Handlungs- und Affektpsychologie der Gruppe um Lewin finden, der die Ersatzbildungen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und Wirkung im Zusammenhang mit Bedürfnis-assoziierten Spannungssystemen untersucht hat.
Anhand von Beispielen soll gezeigt werden, wie diese Erkenntnisse für Menschen mit traumatischen Erfahrungen in der Begleitung und Unterstützung nutzbar gemacht werden können. Es wird veranschaulicht, wie sich Ersatzbildungen manifestieren und hinsichtlich ihrer essenziellen oder symptomatischen Ausrichtung unterscheiden lassen, welche wirkungsvollen Ersätze Klient:innen entwickeln, wie ihnen dies gelingt, und wie sie darüber das Erlebte zu einem Abschluss bringen können.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Das Phänomen Ersatzbildung wurde in der Psychotherapie bereits früh thematisch: Freud sprach schon 1900 in seiner „Traumdeutung“ von Verschiebungen, Verdichtungen, Vertauschungen und anderen Vorgängen als Ersatzbildungen, die im Dienst der Zensur unerwünschter oder unzulässiger Inhalte stünden. Die Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit seiner Idee der „Wiederkehr des Verdrängten in Form von Ersatz- beziehungsweise Kompromissbildungen“ löst bis heute Kontroversen im psychoanalytischen Diskurs aus (Zepf 2012).
Ersatzvorgänge als Anpassungsleistungen werden in der Transaktionsanalyse bei Fanita Englishs Konzeption der „Ersatzgefühle“ erwähnt: das heranwachsende Kind beginne schon früh anstelle echter, aber von seinem Umfeld missbilligter Gefühle „Ersatzgefühle“ zur Schau zu tragen und einzusetzen (English 1980; Rath 2005). Auch in der Hypnose-Psychotherapie und in der Verhaltenstherapie spielt das Thema Ersatzbildung unter dem Gesichtspunkt, ob eine therapeutische Beseitigung von Symptomen sinnvoll ist oder nur zu einer Symptomverschiebung, zum Ersatz des einen durch ein anderes Symptom führt, eine Rolle. Diese Auseinandersetzung wurde seit den 1950er-Jahren vor allem zwischen dem tiefenpsychologisch-psychoanalytischen und dem verhaltenstherapeutischen Ansatz geführt (Cahoon 1968; Reider 1976; Kazdin 1982), verschwand für einige Zeit und wird neuerdings wieder aufgenommen (Tyron 2008).
Die Gestaltpsychologie wandte sich früh dem Thema Ersatzbildungen zu. Im Pionierwerk zur gestaltpsychologischen Psychopathologie, der von Wertheimer inspirierten Arbeit des deutschen Psychiaters Schulte über Entstehung und Heilung einer paranoiden Störung (Schulte 1924). Er stellt dar, wie die Herausbildung eines paranoiden Beziehungswahns es der betroffenen Person ermöglicht ein Surrogat-Gleichgewicht zu etablieren, wodurch eine sonst unlebbare Situation erträglicher wird. Empirisch-experimentell untersucht wurde die Thematik des Ersatzes systematisch in der Forschungsreihe „Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie“ von Kurt Lewin und seinen Mitarbeiter:innen. Lewin fand die psychoanalytischen Erwägungen zur Ersatzbildung anregend, aber unbefriedigend, insofern sie eine experimentell überprüfbare und überprüfte Theorie der Ersatzbildung vermissen lasse (Lewin 2009 [1932]). Diese Forschungsarbeiten zur Ersatz-Thematik liegen vorliegender Arbeit zugrunde.
Im Kontext der Entstehung und Behandlung von Psychotraumata wurden Ersatzbildungen bisher selten eingehender thematisiert. Zu den Ausnahmen zählt eine Auseinandersetzung mit der Ersatzbildung in der hypnotherapeutischen Behandlungstechnik für post-traumatischen Stress nach Janet (Ersetzen belastender Erinnerungs-Bilder durch positiv getönte Ersatzbilder; Van der Hart et al. 1989). Neuerdings wird auch versucht, mögliche Zusammenhänge zwischen einer rein symptomatischen Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen und der Entstehung funktionaler neurologischer Störungen zu untersuchen (Burke et al. 2020). Aus der Perspektive des Selbstorganisations-Ansatzes der Synergetik wurde als ein Behandlungsvorschlag die Destabilisierung eines traumatischen Attraktors und die ersatzweise Ausbildung „alternativer Attraktoren“ und „Stabilitätskerne“ vorgelegt (Flatten et al. 2003; Tschacher und Haken 2012).

(Selbst‑)Heilungsprozesse nach Traumatisierungen

Die Gestalttheoretische Psychotherapie geht davon aus, dass jede Traumatisierung eine vorübergehendende oder längere Störung des psychischen Gleichgewichts darstellt. Trauma ist nicht als isoliertes Geschehen zu sehen, sondern als Teil und Ausgangspunkt eines Gesamtprozesses von der Verletzung bis zur Wiedererlangung eines neuen lebbares psychischen Gleichgewichts. Erst wenn die betroffene Person dieses gefunden hat, kann man von Verarbeitung des Traumas und seiner Folgen sprechen. Insofern mündet nicht jede Traumatisierung auch in einer Traumafolgestörung (Maercker und Augsburger 2019) bzw. bedarf es auch keiner Konfrontation mit der Traumaerfahrung in einer Psychotherapie, um zu einem neuen Gleichgewicht zu finden, wie an folgender Fallvignette ersichtlich wird:
Das Auto war für den 23-jährigen Fabio sein ein und alles. Im Freundeskreis war Autofahren ein zentraler Bezugs- und Anknüpfungspunkt. Bei einem Autounfall zog er sich nicht nur Verletzungen zu, sondern auch sein Selbstwertgefühl war dermaßen erschüttert, dass er nicht mehr angstfrei ins Auto steigen konnte. Seine Freundin, die er kurz zuvor kennengelernt hatte, hielt zu ihm, besuchte ihn im Spital und war ihm eine Stütze. Diese liebevolle Erfahrung half ihm dabei zu erkennen, dass die zentrale Bedeutung, die das Autofahren bisher in seinem Leben hatte, kein angemessener Platz war und er konnte seine Begeisterung für Autos in einen neuen, angemesseneren Rahmen setzen. Seine akuten Angstzustände bildeten sich zurück. Ebenso veränderte der Vorfall sein Körperbild, weil er die Verletzlichkeit seines Körpers unmittelbar erlebte und diese Erfahrung in ein neues Selbstbild integrieren musste, das realitätsadäquater wurde. Der Großteil seines Freundeskreises hielt der Erschütterung nicht stand. Diese enttäuschende Erfahrung trug dazu bei, dass er eine andere Sichtweise auf Freundschaft einnahm. Schließlich schloss er den Verarbeitungsprozess damit ab, dass er dem Bauern, dessen Acker er verwüstet hatte, nicht nur den zivilrechtlichen Schadenersatz leistete, sondern ihm als persönliche Wiedergutmachung einige Zeit bei der Arbeit zur Hand ging.
Am Beispiel dieses natürlichen Selbstheilungsprozesses gänzlich ohne therapeutisches Einwirken lässt sich veranschaulichen, welche weitreichenden Veränderungen traumatische Erlebnisse mit sich bringen und sogar tiefgreifende Entwicklungsprozesse anstoßen können. Wie in der Literatur beschrieben beeinflussen neben Art (ob beispielsweise Naturereignis, Unfall, durch eigene Handlung oder Unterlassung einer Bezugsperson) und Dauer der Traumatisierung (einmalig, sequenziell oder über längeren Zeitraum), sowie intra- und interpersonellen Ressourcen der betroffenen Person und deren soziokulturelle Einbettung diesen Prozess. Dasselbe Ereignis kann unterschiedliche Wirkungen auf den Einzelnen haben und verschiedenartige Bewältigungswege ermöglichen bzw. verhindern. Es wird einen Unterschied machen, ob eine Person (vom Umfeld) in der Opfer‑, Täter, Märtyrer- oder Überlebenden-Rolle gesehen wird, ob zur Bewältigung soziale oder keine Unterstützung zur Verfügung steht. Es muss daher im Einzelfall gemeinsam erforscht werden, was es individuell zur Verarbeitung, Heilung oder Wiedergutmachung braucht, was zur Verfügung steht oder wie eine Umsetzung möglich wird bzw. ob sie überhaupt gewollt ist. Wo Täter:innen verstorben sind, wird eine gerichtliche Verurteilung (hat sie bis dahin nicht stattgefunden) nicht mehr möglich sein. Wo ein involviertes soziales Umfeld uneinsichtig bleibt, wird vielleicht die Hoffnung auf Wiedergutmachung und Anerkennung ein unrealistisches, nicht erreichbares Ziel sein, während eine Distanzierung von diesem eine sinnvolle und stabilisierende Ersatzbildung sein kann. Bei durch ihre eigenen Taten traumatisierten Personen (z. B. Gewaltverbrechen) kann Einstehen und Verantwortungsübernahme für die Tat, sowie nach Möglichkeit eine Wiedergutmachung einen wichtigen Schritt in der Bewältigung darstellen.
Für das Zusammenleben ist Wiedergutmachung als notwendiges Geschehen zu sehen, ohne die der Verarbeitungsprozess in seiner Tiefe nicht abgeschlossen wird. Offen gebliebene Situationen („unfinished business“) lassen ein auf Befriedigung, neues Gleichgewicht und Heilung strebendes Spannungssystem zurück, das in der Folge abgekapselt, vom Alltagsleben isoliert wird und/oder zu Traumafolgestörungen führen kann.
Dieses Erleben des Unabgeschlossen-Seins kann sich auf unterschiedliche Zeitpunkte des Prozesses beziehen: „Es kann sich auf Handlungen beziehen, zu denen während der traumatisierenden Ereignisse selbst angesetzt wurde, die aber nicht zu Ende geführt werden konnten (fliehen, sich wehren, kämpfen). Es kann sich aber auch auf Handlungen beziehen, die im Gefolge der traumatisierenden Ereignisse vorgenommen oder schon begonnen, aber nicht vollendet werden konnten (beispielsweise die Vornahme, anderen davon zu erzählen oder Anzeige zu erstatten). Schließlich kann es sich auch auf Verhaltensweisen beziehen, die von anderen zu erwarten gewesen wären, die dann aber ausblieben (z. B. Anerkennung der Tatsache, Trost, Unterstützung).“ (Sos und Rauchbauer 2023, S. 43) In diesen unabgeschlossenen Situationen baut das Spannungssystem tendenziell noch mehr Druck auf, greift auf andere Bereiche in Person und Umwelt über. Ersatzbildungen stellen folglich Versuche zur Wiederherstellung eines Gleichgewichts dar.
Überall dort, wo Heilungsprozesse nicht in Gang kommen, ins Stocken geraten oder fehlschlagen und zu Traumafolgestörungen führen, kann Ersatzbildung hilfreich sein. Für primäre, sich aus der Traumatisierung selbst ergebende Bedürfnisse, die nicht direkt befriedigt werden können oder als Bedürfnis-Systeme abgekapselt sind, kann Ersatzbildungen eine wesentliche Rolle für die Verarbeitung zugesprochen werden.

Erkenntnisse zu Ersatzbildungen aus der Handlungs- und Affektpsychologie

Bevor der Fokus auf Ersatzbildungen in Traumaverarbeitungsprozessen gerichtet wird, sollen Erkenntnisse aus der Handlungs- und Affektpsychologie der Lewinschen Forschungsgruppe dazu beleuchtet werden.
Lewin geht in seiner Theorie der Spannungssysteme davon aus, dass Bedürfnisse und Quasi-Bedürfnisse (Intentionen, Vornahmen, Wünsche) Spannungssysteme aufbauen. Diese gespannten Systeme verändern sich in Abhängigkeit vom Ausmaß der Befriedigung – sie bauen sich auf oder ab, stellen darüber Energiereservoirs für menschliches Handeln dar. In der Regel weist jeder Mensch ein dynamisches Gefüge verschiedener Teilsysteme mit unterschiedlich starken Verbindungen der einzelnen Bedürfnissysteme zueinander auf. Aus diesen Systemen entstehen ständig neue Fließgleichgewichte, worüber psychisches Geschehen und Handeln des Individuums in Richtung Bedürfnisbefriedigung oder Zielerreichung beeinflusst wird (Lewin 1926; Lindorfer und Stemberger 2012; Lindorfer 2024).
Die Forschungsgruppe untersuchte Situationen, in denen Bedürfnisbefriedigung oder Zielerreichung unterbrochen oder verhindert wurde. Bei unabgeschlossenen oder unterbrochenen Handlungen wurden unterschiedliche Ersatzbildungen beobachtet. Die Anfänge machten Zeigarnik (1927) zum bevorzugten Erinnern von unabgeschlossenen Handlungen und Ovsiankina (1928) zur Wiederaufnahmetendenz bei unterbrochenen Handlungen. Spezifischer untersucht wurden Ersatzbildungen in weiterer Folge von Dembo (1931), Lissner (1933), Mahler (1933), Sliosberg (1934), Doobs und Sears (1939) und Henle (1942).
Bedeutende Schlussfolgerungen aus diesen frühen Experimenten für die Rolle der Ersatzbildung bei Traumatisierungen sind im Folgenden kurz zusammengefasst:
1.
Traumafolgestörungen können als unabgeschlossene oder unterbrochene Heilungsprozesse angesehen werden. Einzelne Symptome wie beispielsweise Intrusionen, Flashbacks oder Reinszenierungen von Beziehungsdynamiken können als bevorzugtes Erinnern beziehungsweise Wiederaufnahme interpretiert werden.
 
2.
Voraussetzung für Ersatzbildung ist „neben der Unzugänglichkeit der Befriedigung des ursprünglichen Bedürfnisses die wahrgenommene Ähnlichkeit des Ersatzes mit dem ursprünglichen Bedürfnisziel und der leichtere Zugang zur Ersatzbefriedigung bei möglichst großer Nähe zum ursprünglichen Bedürfnis“ (Sos und Rauchbauer 2023, S. 42). Dabei bezieht sich die Nähe mehr auf den Wert der Befriedigung als die äußerliche Ähnlichkeit.
 
3.
Für den Ersatzwert spielt auch das Schaffen sozialer Tatsachen im Sinne von Anerkennung eine bedeutende Rolle.
 

Symptomatische und essenzielle Ersatzbildungen in Traumaverarbeitungsprozessen

Die Abspaltung einer Traumatisierung entspannt das System nicht, vielmehr baut es tendenziell noch größeren Druck auf, der sich im Gesamtsystem von Person und Umwelt bemerkbar macht. Es können nun Lösungsversuche unternommen werden, „die nicht unmittelbar auf die Traumabewältigung selbst gerichtet sind, sondern in erster Linie auf die Verminderung des Drucks und anderen Symptomatik, die von der Unabgeschlossenheit der Traumabewältigung ausgehen“ (Sos und Rauchbauer 2023, S. 47). Diese so genannten symptomatischen Ersatzbildungen (Lösungen für die Symptome des erhöhten Spannungszustandes wie z. B. allgemeine Unruhehandlungen, diffuse Aktionen in Richtung auf das ursprüngliche Ziel, Affektausbrüche, irreale/fantastische Lösungen) können der Verarbeitung hinderlich oder förderlich sein. Hinderlich sind solche Ersatzbildungen, die als charakteristische Vermeidungsstrategien anzusehen sind, wie beispielsweise Ablenkung durch exzessives Arbeiten oder Suchtmittelkonsum. Gesundheitsförderlicher hingegen sind jene Ersatzbildungen, die durch auf Entspannung gerichtete Aktivitäten (z. B. Ausdauersport, Entspannungstechniken) oder erlernte Skills zur Selbstregulation Druck aus dem Spannungssystem nehmen.
Bei den essenziellen Ersatzbildungen finden sich zwei Formen – zum einen „Ersatzbildungen, die auf ursprüngliche Ziele der Traumabewältigung gerichtet bleiben, aber die dafür ursprünglich vorgegebenen oder ins Auge gefassten Mittel und Wege durch andere ersetzen (beispielsweise sich mit einer symbolischen Bestrafung des Täters oder einem ‚stellvertretenden‘ Schuldeingeständnis seines Umfeldes zufriedengeben)“ und zum anderen jene, „die auch mit einer Änderung der Ziele der Traumabewältigung einhergehen (beispielsweise Verlagerung des Fokus von der Bestrafung des Täters auf eigene Stärkung)“ (Sos und Rauchbauer 2023, S. 47).
Das längerfristige Ziel in Verarbeitungsprozessen sollte auf essenzielle Ersatzbildungen gerichtet sein, da bei diesen davon auszugehen ist, dass nachhaltige Wirkung durch aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Unabgeschlossenen und damit eine Integration der Traumaerfahrung in die Lebenswelt der Betroffenen erreicht werden kann. „Sanfte“ Methoden wie beispielsweise psychodynamisch imaginative Traumatherapie oder Somatic Experiencing stellen Methoden dar, die Klient:innen viel Freiheit bei ihren Selbstheilungsprozessen geben und für sie mit einer möglichst geringen Belastung bei größtmöglichem Nutzen verbunden sind.

Praxisbeispiel

Eine Frau (kurz vor ihrer Altersteilzeit) kam aufgrund von Schlafstörungen, somatischer Beschwerden und Erkrankungen, die seit einer Vergewaltigung in der Jugend fluktuierend bestehen, erstmalig in Therapie. Anlass waren die bevorstehende Pensionierung und das damit verbundene Mehr an Freizeit, sowie Themen des Alterns und der damit verbundenen Endgültigkeit des Lebens. Obgleich sie eine langjährige zufriedene Partnerschaft lebte, finanziell abgesichert war, einen erfüllenden Beruf hatte und viel reisen konnte, beschäftigte sie ihr unerfüllter Kinderwunsch immer noch. Die nie überwundene Erfahrung der Vergewaltigung und der unerfüllte Kinderwunsch ließen damit in Verbindung stehende Bedürfnisse offen. Ein konfrontierendes Vorgehen zur Traumabearbeitung lehnte sie auch nach Information über evidenzbasierte traumafokussierte Möglichkeiten vehement ab, und galt es zu respektieren. So entwickelte die Klientin Ideen für ihre Zukunft, in der sie sich ehrenamtlich im Frauenhaus engagieren und Frauen mit Kindern unterstützen wollte, unabhängig von gewalttätigen Männern zu werden (Sos und Rauchbauer 2023).
Dieses Beispiel soll verdeutlichen, welche symptomatischen und essenziellen Ersatzbildungen hinsichtlich des allgemeinen Ziels nach angemessener Anerkennung und Aufarbeitung der Gewalterfahrung für die Klientin Bedeutung erlangten. Bis zur bevorstehenden Pensionierung konnte sie ein in vielen Bereichen gelungenes Leben führen. Dies gelang ihr durch einige bedeutsame Ersatzbildungen: sie akzeptierte die Tatsache, dass sie von ihrem damaligen familiären und sozialen Umfeld keine Anerkennung und schon gar nicht Trost und Hilfe hinsichtlich der Vergewaltigungserfahrung erhalten hatte. Dies ermöglichte eine Ersatzbildung auf veränderte Art und Weise, indem sie diese Anerkennung von ihrem Partner (und später von der Therapeutin) annehmen konnte, der ihr dahingehend Schutz, Trost und Hilfe gab. Es gelang ihr, ihre persönlichen Ressourcen und Resilienz auf- und auszubauen, indem sie sich beruflich engagierte und vom beruflichen Umfeld als kompetent erlebt wurde. Der auftretenden innere Unruhe begegnete sie mit viel Arbeiten und einer überaus aktiven Freizeitgestaltung (Ersatzbildung auf der symptomatischen Ebene). Durch die bevorstehende Pensionierung kam es zu einer Verflüssigung im bislang stabilisierten beruflichen Bereich und zur aktuellen Symptombildung, die eine Aufarbeitung der Gewalterfahrung im Sinne von Abschließen des Unerledigten nahelegte. Dass die Therapeutin Respekt für den von ihr gewählten Umgang mit der Traumatisierung zeigte, war für die Klientin ein heilsames Moment: im Gegensatz zu ihrem damaligen Umfeld, das ihre Wünsche nach Anerkennung des Geschehens zurückwies, wurde sie von der Therapeutin gehört und in dem anerkannt, was sie nicht wollte (nämlich eine Traumakonfrontation). Der Vorsatz, sich in einem Frauenhaus ehrenamtlich zu engagieren und Frauen mit Gewalterfahrungen zu unterstützen, kann als Ersatzbildung mit Veränderung des ursprünglichen Ziels der Traumabewältigung eingeordnet werden. In Bezug auf diese Ersatzbildung war die psychotherapeutische Begleitung von besonderem Wert. Die Klientin setzte sich mit ihren eigenen „wunden“ Punkten (nicht nur hinsichtlich der Vergewaltigung, sondern auch des unerfüllten Kinderwunsches) auseinander, lernte Auslöser kennen und zu vermeiden bzw. für sich (vor)zusorgen. Das Thema „Umgang mit persönlichen Grenzen“ zu bearbeiten, war ebenfalls bedeutsam, damit das Engagement im Frauenhaus im Sinne einer (Selbst‑) Ermächtigung gelingen kann und nicht in bekannte Helfer:innen-Dynamiken (Über-Identifikation, Konfluenz im Sinne die eigenen Bedürfnisse in denen anderer zu sehen etc.) eskaliert. Diese Ersatzbildung nicht von vorneherein abzulehnen, sondern mit ihr ein Bewusstsein zu erarbeiten, welche Stolpersteine und Gefahren in diesem Ersatz liegen können, stellte für die Klientin eine weitere Erfahrung von ernst genommen und respektiert werden dar, ohne dass mögliche auftretende Schwierigkeiten ausgeklammert wurden.
Bei dieser Klientin zeigten sich auch zahlreiche Problemlösungsversuche auf der symptomatischen Ebene. Die Klientin, die in weiten Lebensbereichen ausgeglichen reagieren konnte, belasteten ihre Impulsdurchbrüche bei Konflikten mit Arbeitskolleg:innen. Nachdem sie den Zusammenhang mit der Abspaltung ihrer Gewalterfahrung und dem darüber entstandenen Druck erkennen konnte, waren auch passende Skills für sie annehm- und anwendbar. Ebenso konnte sie passende Entspannungsansätze finden, um einen heilsameren Umgang mit ihren Anspannungen und der allgemeinen Unruhe zu finden.

Implikationen für die Therapie

Traumaverarbeitungsprozesse sind grundsätzlich als natürliche (Selbst‑)Heilungsprozesse anzusehen. Den Weg in die Psychotherapie finden Menschen zumeist erst dann, wenn ihre Versuche der Selbstheilung fehlgeschlagen sind und sich Symptome entwickelt haben. Es bedarf der individuellen, phänomenologischen Untersuchung, ob es darum geht, wie Unerledigtes abgeschlossen werden kann, und/oder die Zielspannung in Hinblick auf ein weiteres sinnvolles Leben gestärkt und wieder aufgebaut werden muss. Hinsichtlich des Abschließens von Unerledigtem kann der Unterstützung beim Aufbau adäquater (symptomatischer und essenzieller) Ersatzbildungen eine wichtige Rolle zukommen.
Vorhandene oder zu entwickelnde Ersatzbildungen sind nach symptomatischer oder essenzieller Ausrichtung zu differenzieren. Grundsätzlich sollten für eine nachhaltige Bearbeitung essenzielle Ersatzbildungen mit einem hohen Ersatzwert angestrebt werden, die die ursprünglichen Bedürfnisse ansprechen, aber nicht zwingend inhaltliche Verbindung zur Traumatisierung haben müssen. Jedenfalls sollte sich die Ersatzbildung hinsichtlich Schwierigkeitsgrads und Anspruchsniveau eignen, so dass Klient:innen in der Ersatzbildung einerseits gefordert, aber auch ihr gewachsen sind (Sos und Rauchbauer 2023). Das Schaffen von sozialen Tatsachen durch Anerkennung der Traumatisierung und das Mitteilen bzw. gehört Werden kann essenzielle Ersatzbildung unterstützen.
Man sollte nicht dem Missverständnis erliegen, dass Ersatzbildungen vorrangig ein bewusstes, planvolles, zielgerichtetes Geschehen auf Basis von Überlegungen (Dembo 1931) sind. Viel wahrscheinlicher ist es, dass bereits erfolgte Ersatzbildungen im Laufe des therapeutischen Prozesses sichtbar und bearbeitbar werden. Ersatzbildungen, die sich für die Betroffenen als wenig hilfreich oder mit hohen Kosten verbunden herausgestellt haben, können dann überwunden werden. Neue und passendere Ersatzbildungen entstehen, lösen alte ab und entfalten ihre fördernde Wirkung auf die unbefriedigt gebliebenen Bedürfnisse aus der Traumasituation.

Implikationen für die Forschung

Ersatzbildungen spielen in der Traumaverarbeitung in all jenen Fällen zwangsläufig eine große Rolle, wo die für die Verarbeitung des Traumas notwendigen persönlichen und sozialen Ressourcen nicht zur rechten Zeit zur Verfügung standen und nun zu einem späteren Zeitpunkt unter den inzwischen geänderten Bedingungen Ersatz für das damals nicht Gelungene gesucht werden muss. Die im vorliegenden Beitrag aufgezeigten Fokussierungen und Differenzierungen der Ersatzbildung können dazu beitragen, neue fruchtbare Fragestellungen für die Erforschung posttraumatischer Probleme und ihrer therapeutischen Aufarbeitung zu entwickeln. Das könnte vielleicht auch hilfreich bei der Überwindung von Kontroversen sein, die sich in der bisherigen Form zunehmend als unproduktiv erwiesen haben, wie etwa einiges aus dem Bereich der „Trauma-Konfrontation“: Jedenfalls ist Rubenstein et al. (2024) in ihren Schlussfolgerungen aus ihrer Meta-Studie über die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung zuzustimmen, dass der einschlägigen klinischen Forschung eine Richtungsänderung gut täte, nämlich diejenigen Prozesse innerhalb und außerhalb der Therapie zu identifizieren, die die Verarbeitung von Traumafolgen am wirkungsvollsten fördern, so dass in der klinischen Praxis statt vermeintlicher „Gold Standards“ die gemeinsame autonome Entscheidungsfindung mit den Klient:innen und die therapeutische Erfahrung im Sinne einer evidenzbasierten Praxis den Therapieweg bestimmen sollte.

Interessenkonflikt

Die Autorin H. Sos dankt der Fachhochschule Wiener Neustadt für die Nutzung der Affiliation in Bezug auf die Übernahme der Publikationskosten. Darüber hinaus besteht kein Interessenskonflikt der Autorin.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Wie Ersatzbildungen die Verarbeitungsprozesse nach Traumatisierungen unterstützen
Verfasst von
Helga Sos
Publikationsdatum
23.05.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum / Ausgabe 1-2/2025
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-025-00281-7
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