„Wer kann mir schon helfen?“
Der Zusammenhang von Therapieerwartungen, Symptombelastungen und belastenden Erlebnissen in einer Stichprobe österreichischer Kinder- und Jugendpsychiatrie-Patient:innen
- Open Access
- 02.06.2025
- originalarbeit
Zusammenfassung
Hintergrund
Behandlungsbezogene Erwartungen von Patient:innen wurden schon vor mehr als einem halben Jahrhundert als ein Wirkfaktor für den Erfolg von Psychotherapie erkannt (Rosenzweig 1936) und durch weitere Forschung bestätigt (Constantino et al. 2012; Greenberg et al. 2006). Therapieerwartungen können als die Vorstellung der Patient:innen über den Therapieprozess sowie dessen Ausgang verstanden werden. Sie werden durch eine Vielzahl von Faktoren geprägt: individuelle Unterschiede (z. B. situative und stabile Persönlichkeitsmerkmale), kognitive Konstruktionen, soziale Einflüsse (Verhalten nahestehender Personen, wahrgenommene kulturelle Normen), frühere Behandlungserfahrungen und aktuelle Rahmenbedingungen der Therapie (Petrie und Rief 2019).
Bisherige Studien konzentrierten sich meist auf Erwartungen hinsichtlich positiver Veränderung. Die Metaanalyse von Constantino et al. (2018) zeigte einen kleinen, jedoch signifikanten Zusammenhang zwischen positiven Erwartungen und geringer Symptombelastung zum Ende der Therapie (r = 0,18, p < 0,001, d = 0,36). Cohen et al. (2015) konnten zeigen, dass die Therapieerwartungen zu Beginn der Behandlung, die Depressionssymptomatik der Patient:innen zum Behandlungsende signifikant vorhersagen. In anderen Studien waren höhere Therapieerwartung ein Prädiktor für die Reduktion depressiver Symptome nach der Behandlung (Meyer et al. 2002; Webb et al. 2013). Hinsichtlich negativer Erwartungen ergibt sich bislang ein heterogenes Bild: einerseits zeigte sich, dass stärker ausgeprägte negative Therapieerwartungen die Wahrscheinlichkeit eines Therapieerfolges senken (Edwards und Fehm 2023), andererseits konnte dies nicht durchgehend bestätigt (Grosse Holtforth et al. 2011). Die Reflexion über Therapieerwartungen im klinischen Alltag zeigt sich relevant, da sie die aktive Mitarbeit von Patient:innen fördert und nachweislich mit dem Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung sowie positiven Behandlungsergebnissen zusammenhängt (Glass et al. 2001).
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Neben den Therapieerwartungen zeigte sich ein Einfluss der Symptombelastung zu Beginn der Therapie auf den Therapieerfolg (Einsle und Härtling 2015; Liebherz et al. 2015). Besonders Komorbiditäten mit Achse-II-Störungen haben sich als erheblicher Einflussfaktor gezeigt (Taylor et al. 2010). Weiters können Symptome wie die der (komplexen) posttraumatischen Belastungsstörung den Aufbau einer effizienten therapeutischen Beziehung erheblich erschweren. Auftretende Komorbiditäten, insbesondere Angststörungen und Depressionen (Galatzer-Levy et al. 2013), sind zusätzlich mit negativen Erwartungen an die Zukunft verbunden (Seligman und Petermann 2016). Dabei scheint eine depressive Symptomatik spezifisch mit einer geringen Erwartung positiver zukünftiger Szenarien verbunden zu sein (Miranda und Mennin 2007).
Bis dato fokussierte sich die Forschung zu Therapieerwartung fast ausschließlich auf Erwachsene. Therapieerwartung im Kinder- und Jugendbereich wurde kaum untersucht (Carlberg et al. 2009). Entwicklungsbedingte Unterschiede erschweren eine direkte Übertragbarkeit der Ergebnisse aus dem Erwachsenenbereich auf Kinder und Jugendliche. Ein Unterschied liegt in der Behandlungsmotivation: Erwachsene entscheiden sich in der Regel eigenständig und bewusst für eine Therapie. Bei Kindern wird dies oft auf Initiative der Erwachsenen begonnen (Schonert-Reichl und Muller 1996) und stellt oftmals keine partizipative Entscheidung dar. Dabei bleibt offen, wie sich dies auf eine vorhandene Behandlungsmotivation und damit verbundenen Behandlungserwartungen auswirken kann. Neben internalisierenden Störungen (z. B. Angst, Depression) sind externalisierende Störungen (z. B. Störung des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizit‑/Hyperaktivitätsstörung) im Kindes- und Jugendalter besonders häufig (Skrivanek et al. 2019). Diese Störungsbilder weisen häufig ein negatives Selbstkonzept sowie negative Zukunftserwartungen auf. Folglich stellt sich die Frage, inwieweit dies eine Entwicklung von positive Therapieerwartungen bei belasteten Kindern und Jugendlichen behindert (Compas et al. 2001).
Auf Grund von fehlenden fundierten Forschungsergebnissen blieb bis dato ungeklärt, in welchem Zusammenhang belastende Erlebnisse, Angstsymptomatik, depressive Symptomatik sowie externalisierende Störungen mit Therapieerwartungen im Kindes- und Jugendalter stehen. Diese Forschungslücke soll in der vorliegenden Studie erstmalig untersucht werden. Es ist notwendig ein Verständnis der Therapieerwartungen von Kindern und Jugendlichen zu erlangen (Hautmann et al. 2021), um eine gezieltere Förderung der Behandlungsmotivation und Behandlungsplanung zu ermöglichen.
Methoden
Stichprobe
Im Rahmen einer standardisierten klinischen Eingangsdiagnostik bei allen erstmalig vorstelligen Patient:innen an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Standort Hinterbrühl (KJPP Hinterbrühl), Landesklinikum Baden-Mödling, wurden standardisierte Fragebögen ausgegeben. 308 Patient:innen, im Alter von 7 bis 17 Jahren mit ausreichend Deutschkenntnisse wurden zwischen Januar 2023 und Februar 2024 befragt. Die Skalen wurden erstellt, solange mehr als 80 % der Items ausgefüllt waren. 64 Fälle wurden wegen fehlender Daten im PATHEV und weitere 38 Patienten in den weiteren Skalen ausgeschlossen. Das Durchschnittsalter der endgültigen Stichprobe (N = 206) betrug 14,0 Jahre (SD = 2,29), mit 63,6 % Mädchen und 35,9 % Burschen. 29,6 % waren bereits Patient:innen in einer psychiatrischen Einrichtung, 43,2 % nahmen regelmäßig Medikamente und 82,0 % hatten bereits eine Behandlung, einschließlich Psycholog:in, Psychiater:in und Psychotherapeut:in, erhalten.
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Die Studie erfolgte ausschließlich im Rahmen des Klinikalltages und wurde von der Ethikkommission der Universität Wien (#00919) sowie der Landesregierung Niederösterreichs (GS$-EK-4/870-2023) genehmigt.
Instrumente
Der Child and Adolescent Trauma Screen (CATS; Sachser et al. 2017) ist ein standardisiertes Instrument zur Erfassung von traumatischen Erfahrungen bei Kindern und Jugendlichen. Es erfasst physische, emotionale und sexuelle Misshandlung sowie externe Belastungen wie Naturkatastrophen oder familiäre Gewalt. Aus den 14 dichotomen Items wurde anschließend ein Gesamtscore der Traumageschichte (fortan als Variable „Trauma“ bezeichnet) gebildet.
Der International Trauma Questionnaire – Child and Adolescent Version (ITQ-CA; Cloitre et al. 2018) ist ein Selbstauskunftsfragebogen mit 22 Items. Er erfasst Skalen der PTBS und Störungen der Selbstorganisation (SSO) und erlaubt die Diagnosestellung der PTBS und komplexen PTBS bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren gemäß den Kriterien der ICD-11. Zur Diagnosestellung muss mindestens ein Symptom aus jedem Symptombereich vorliegen (≥ 2) und funktionale Beeinträchtigung vorliegen.
Die Generalized Anxiety Disorder Scale‑7 (GAD‑7; Spitzer et al. 2006) ist ein Fragebogen mit sieben Items zur Erfassung von Symptomen einer generalisierten Angststörung bei Kindern. Die Teilnehmenden bewerten auf einer vierstufigen Likert-Skala, wie stark sie in den letzten zwei Wochen durch die beschriebenen Symptome belastet waren. Ein Gesamtwert von ≥ 10 verweist auf das Vorliegen einer Generalisierten Angststörung.
Der Short Mood and Feelings Questionnaire (SMFQ; Angold et al. 1995) ist ein Fragebogen zur Erfassung von depressiven Symptomen bei Kindern und Jugendlichen mit 13 Items. Die Teilnehmenden bewerten auf einer dreistufigen Skala, wie sehr sie in den letzten zwei Wochen von den beschriebenen Symptomen betroffen waren. Ein Gesamtwert von ≥ 12 verweist auf das Vorliegen einer Depression.
Der Patient:innenenfragebogen zur Therapieerwartung und Therapieevaluation (PATHEV; Schulte 2005) erfasst positive und negative Therapieerwartungen mit 11 Items auf einer fünfstufigen Skala. Der Fragebogen besteht aus drei Subskalen: Hoffnung auf Besserung, Furcht vor Veränderung und Passung. Die Subskalen „Hoffnung auf Besserung“ und „Furcht vor Veränderung“ messen positive bzw. negative Therapieerwartungen. Die Skala „Passung“ erfasst eine auf ersten Behandlungserfahrungen basierende Beurteilung der Therapie, welche auf Grund des querschnittlichen Designs der vorliegenden Studie nicht genutzt wurde.
Die Pediatric Symptom Checklist-17 (PSC-17; Gardner et al. 1999) ist ein Screening-Fragebogen zur Erfassung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 16 Jahren. Der Fragebogen misst Schwierigkeiten in drei Bereichen: internalisierende Probleme (z. B. Ängste, depressive Symptome; Cutoff-Score ≥ 5), externalisierende Probleme (z. B. Verhaltensauffälligkeiten, Aggression; Cutoff-Score ≥ 7) und Aufmerksamkeitsprobleme (Cutoff-Score ≥ 7). Für eine detaillierte Beschreibung aller verwendeten Skalen siehe Tab. 1.
Tab. 1
Messinstrumente, Skalen, Itemzahlen Mittelwert, Standardabweichung, Cronbachs Alpha
Instrument | Skala | Anzahl Items | Mittelwert | Standardabweichung | Cronbachs Alpha |
|---|---|---|---|---|---|
MFQ | Depression | 13 | 14,38 | 7,23 | 0,88 |
GAD | Angststörung | 7 | 11,63 | 5,46 | 0,83 |
CATS | Anzahl traumatischer Ereignisse | 14 | 2,65 | 2,39 | – |
ITQ-CA | PTBS | 6 | 8,93 | 6,27 | 0,82 |
SSO | 6 | 11,56 | 6,60 | 0,87 | |
A‑DES 8 | Dissoziation | 8 | 2,50 | 2,22 | 0,86 |
PSC-17 | Aufmerksamkeitsprobleme | 5 | 5,38 | 2,56 | 0,74 |
Externalisierung/Verhaltensprobleme | 7 | 4,06 | 3,19 | 0,59 | |
Internalisierung/kognitive Symptome | 5 | 6,67 | 3,14 | 0,68 | |
Gesamtsymptomatik | 17 | 16,10 | 6,38 | 0,74 | |
PATHEV | Hoffnung auf Besserung | 4 | 8,98 | 4,16 | 0,84 |
Furcht vor Veränderung | 3 | 4,39 | 3,49 | 0,75 |
Die Adolescent Dissociative Experience Scale 8 (A-DES 8; Martínez-Taboas et al. 2004) ist ein Fragebogen zur Erfassung dissoziativer Erfahrungen mit 8 Items bei Jugendlichen. Er erfasst auf einer fünfstufigen Skala, wie häufig die beschriebenen dissoziativen Erlebnisse im Alltag erfahren werden. Ein Gesamtwert ≥ 3 verweist auf das Vorliegen klinisch relevanter dissoziativer Symptome.
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Statistische Analyse
In einem ersten Schritt wurden die Prävalenzraten vorliegender Störungsbilder anhand der eingesetzten, validierten Fragebögen über die jeweiligen Cutoff-Scores ermittelt und berichtet. Diese beschreiben die Prävalenz klinisch relevanter Symptome. In einem weiteren Schritt erfolgte die Untersuchung des Zusammenhangs von Therapieerwartung mit Symptombelastung, vorangegangen Ereignissen und Patient:innencharakteristika, mittels zweier linearer Regressionen für die jeweiligen PATHEV Skalen. Der Einschluss der Prädiktoren erfolgt blockweise hierarchisch. Im ersten Schritt werden sozidemographische Merkmale aufgenommen, im zweiten Schritt Traumaexposition sowie Traumafolgesymptomatik (CATS, ITQ-CA, A‑DES 8) und im dritten Schritt allgemeine Symptombelastung (MFG, GAD, PSC-17). 95 % bias korrigierte und akzelerierte Konfidenzintervalle (basierend auf 1000 Bootstraping Stichproben) wurden angegeben, um etwaige Verletzungen der Heteroskedastizität sowie Normalität vorzubeugen. Zur Untersuchung der Varianzaufklärung wurde das korrigierte R2, bei fraglichen Over Fitting aufgrund des explorativen Vorgehens, angewendet. Etwaige Multikollinearität wurde mittels Korrelationsmatrix sowie variance inflation factor (VIF) untersucht. Cook- und Mahalanobis-Abstand wurden angewendet, um Ausreißer zu identifizieren. Fehlende Werte wurden listenweise ausgeschlossen.
Ergebnisse
Deskriptive Ergebnisse und Prävalenzraten
In der vorliegenden Stichprobe wiesen 63,6 % klinisch relevante depressive Symptome auf. 63,1 % gaben an, unter einer generalisierten Angststörung zu leiden, 7,3 % erfüllten die Kriterien für eine PTBS, 29,1 % für eine komplexe PTBS und 50,0 % berichteten von einer Störung der Selbstorganisation (SSO). 34,5 % der Patient:innen berichteten von klinisch relevanten dissoziativen Symptomen und 37,4 % von Aufmerksamkeitsproblemen. 15,0 % berichteten von externalisierenden und Verhaltensproblemen und 74,8 % von internalisierenden Problemen.
Regressionsmodelle
Zuerst wurde eine lineare Regression mit der abhängigen Variable „Furcht vor Veränderung“ (PATHEV) durchgeführt. Im ersten Schritt wurden soziodemographische Variablen ins Modell aufgenommen (Tab. 2, Modell 1). Diese Variablen verbesserten die Schätzungen des Regressionsmodells im Vergleich zum Nullmodell um 2,4 %. Im Zweiten Schritt wurden Traumaexposition sowie Traumafolgesymptomatik (CATS, ITQ-CA, A‑DES 8) ins Modell inkludiert. Der Vergleich der R2 Werte zeigt, dass Modell 2 signifikant besser zu den Stichprobendaten passt. Im dritten Schritt erfolgt die Aufnahme der allgemeinen Symptombelastung (MFG, GAD, PSC-17). Der Vergleich der R2 sowie korrigiertem R2 zeigt eine signifikant bessere Passung von Modell 3. Modell 3 zeigt mit einem korrigiertem R2 von 0,276 nach Cohen (1988) eine hohe Varianzaufklärung.
Tab. 2
Lineares Modell der Prädiktoren für Furcht vor Veränderung
Koeffizienten | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|
Modell | BCa 95 % Konfidenzintervall | Sig. | ||||
B | Std.-Fehler | Beta | Unterer | Oberer | ||
Modell 1: R2 = 0,034, p = 0,033, korrigiertes R2 = 0,024 | ||||||
Geschlecht | 1,170 | 0,515 | 0,161 | 0,182 | 2,140 | 0,024 |
Alter | 0,093 | 0,108 | 0,061 | −0,118 | 0,278 | 0,390 |
Modell 2: R2 = 0,237, p < 0,001, korrigiertes R2 = 0,213 | ||||||
Geschlecht | 0,511 | 0,474 | 0,070 | −0,408 | 1,478 | 0,283 |
Alter | −0,006 | 0,098 | −0,004 | −0,207 | 0,184 | 0,954 |
Trauma | 0,051 | 0,103 | 0,033 | −0,161 | 0,271 | 0,625 |
PTBS | −0,037 | 0,048 | −0,067 | −0,149 | 0,075 | 0,437 |
SSO | 0,211 | 0,046 | 0,399 | 0,124 | 0,310 | < 0,001 |
Dissoziation | 0,233 | 0,134 | 0,147 | −0,032 | 0,485 | 0,085 |
Modell 3: R2 = 0,315, p < 0,001, korrigiertes R2 = 0,276 | ||||||
Geschlecht | 0,413 | 0,478 | 0,057 | −0,564 | 1,363 | 0,388 |
Alter | −0,007 | 0,097 | −0,004 | −0,216 | 0,191 | 0,946 |
Trauma | 0,058 | 0,102 | 0,038 | −0,145 | 0,254 | 0,572 |
PTBS | −0,093 | 0,049 | −0,167 | −0,198 | 0,027 | 0,060 |
SSO | 0,032 | 0,063 | 0,061 | −0,092 | 0,192 | 0,612 |
Dissoziation | 0,159 | 0,135 | 0,100 | −0,125 | 0,453 | 0,241 |
Aufmerksamkeit | 0,128 | 0,116 | 0,094 | −0,114 | 0,378 | 0,271 |
Externalisierung | 0,011 | 0,077 | 0,010 | −0,132 | 0,208 | 0,889 |
Internalisierung | 0,115 | 0,095 | 0,104 | −0,064 | 0,487 | 0,229 |
Depression | 0,042 | 0,059 | 0,087 | −0,081 | 0,122 | 0,477 |
Angststörung | 0,198 | 0,071 | 0,311 | 0,029 | 0,351 | 0,006 |
Im Modell 1 ist das weibliche Geschlecht der signifikante Prädiktor für Therapieerwartung. Dieser Prädiktor ist in den weiteren Modellen nicht mehr signifikant. Im Modell 2 ist die Störung der Selbstregulation ein signifikanter Prädiktor, bei Hinzunahme der Symptombelastung (Modell 3) jedoch nicht mehr. Im Modell 3 ist die GAD ein signifikanter Prädiktor für Furcht vor Veränderung. Die Vorzeichen der Koeffizienten weisen darauf hin, dass mehr Angst-Symptomatik mit mehr Furcht vor Veränderung in Verbindung steht.
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Im zweiten Modell wurde eine lineare Regression mit der abhängigen Variable „Hoffnung auf Besserung“ (PATHEV; Tab. 3) durchgeführt. Prädiktoren wurden nach dem identen Schema aufgenommen. Modell 1 (Tab. 3) zeigt keine bessere Passung im Vergleich zum Nullmodell. Modell 2 (Tab. 3) zeigt eine signifikant bessere Passung Durch die Aufnahme der Symptombelastung kann die Passung in Modell 3 (Tab. 3) weiter verbessert werden. Modell 3 (Tab. 3) zeigt mit einem korrigiertem R2 von 0,119 nach Cohen (1988) eine schwache Varianzaufklärung.
Tab. 3
Lineares Modell der Prädiktoren für Hoffnung auf Besserung
Koeffizienten | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
Modell | BCa 95 % Konfidenzintervall | Sig. | |||||
B | Std.-Fehler | Beta | Unterer | Oberer | |||
Modell 1: R2 = 0,009, p = 0,431, korrigiertes R2 = −0,002 | |||||||
Geschlecht | −0,639 | 0,625 | −0,075 | −1,814 | 0,538 | 0,308 | |
Alter | −0,077 | 0,135 | −0,042 | −0,324 | 0,217 | 0,568 | |
Modell 2: R2 = 0,126, p < 0,001, korrigiertes R2 = 0,098 | |||||||
Geschlecht | −0,239 | 0,612 | −0,028 | −1,482 | 0,894 | 0,696 | |
Alter | −0,034 | 0,130 | −0,018 | −0,263 | 0,208 | 0,794 | |
Trauma | −0,268 | 0,134 | −0,149 | −0,533 | −0,025 | 0,048 | |
PTBS | −0,054 | 0,063 | −0,082 | −0,196 | 0,101 | 0,393 | |
SSO | −0,051 | 0,060 | −0,080 | −0,187 | 0,073 | 0,398 | |
Dissoziation | −0,271 | 0,174 | −0,144 | −0,582 | 0,038 | 0,122 | |
Modell 3: R2 = 0,169, p < 0,001, korrigiertes R2 = 0,119 | |||||||
Geschlecht | −0,395 | 0,641 | −0,046 | −1,735 | 0,953 | 0,539 | |
Alter | −0,127 | 0,133 | −0,069 | −0,364 | 0,099 | 0,339 | |
Trauma | −0,196 | 0,136 | −0,109 | −0,501 | 0,087 | 0,151 | |
PTBS | −0,063 | 0,066 | −0,095 | −0,204 | 0,073 | 0,341 | |
SSO | 0,075 | 0,084 | 0,119 | −0,115 | 0,242 | 0,373 | |
Dissoziation | −0,198 | 0,180 | −0,105 | −0,524 | 0,144 | 0,273 | |
Aufmerksamkeit | 0,096 | 0,154 | 0,059 | −0,195 | 0,367 | 0,536 | |
Externalisierung | −0,243 | 0,102 | −0,190 | −0,541 | −0,050 | 0,018 | |
Internalisierung | −0,031 | 0,127 | −0,023 | −0,300 | 0,227 | 0,810 | |
Depression | −0,155 | 0,078 | −0,268 | −0,304 | −0,024 | 0,048 | |
Angststörung | 0,026 | 0,095 | 0,034 | −0,175 | 0,270 | 0,782 | |
Soziodemographische Variablen zeigen in dieser Regression keinen signifikanten Einfluss. Im Modell 2 (Tab. 3) ist die Anzahl erlebter Traumatisierungen ein signifikanter Prädiktor für Hoffnung auf Besserung, im Modell 3 nach Hinzunahme der Symptombelastung jedoch nicht mehr. Im Modell 3 (Tab. 3) sind der MFQ sowie die Skala Externalisierung des PSC signifikante Prädiktoren für Hoffnung auf Besserung. Konkret zeigt sich, dass stärkere depressive Symptomatik sowie mehr externalisierende Symptome mit weniger Hoffnung auf Besserung in Verbindung stehen.
Diskussion
Ziel der vorliegenden Untersuchung war, den Zusammenhang zwischen belastenden Erlebnissen, derzeitige psychopathologische Symptomatik und Therapieerwartungen zu untersuchen. Für eine gezieltere und effektivere Behandlung ist ein tieferes Verständnis von Therapieerwartungen notwendig (Hautmann et al. 2021), da diese den Behandlungserfolg in beide Richtungen signifikant beeinflussen (Edwards und Fehm 2023). Die vorliegenden Ergebnisse liefern erste Einblicke in die Bedeutung von Therapieerwartungen bei Kindern und Jugendlichen in einem kinder- und jugendpsychiatrischen Setting und verdeutlichen deren Zusammenhang mit vorliegenden Symptombelastungen.
In Bezug auf negative Therapieerwartungen („Furcht vor Veränderung“) zeigte sich, nach Kontrolle aller anderen möglichen Einflussfaktoren (Alter, Geschlecht, traumatische Erlebnisse, komorbide Psychopathologie), eine signifikante Vorhersage durch eine bestehende Angstsymptomatik. Ein möglicher Erklärungsansatz dafür könnte in der grundlegenden Symptomatik generalisierter Angst liegen, die nach ICD 11 (World Health Organization 2022), als anhaltend und übergreifend definiert wird, sodass diese auch die Angst vor Veränderung umfassen könnte. Damit übereinstimmend wurden bei Erwachsenen Zusammenhänge zwischen Angstsymptomatik und negativen Zukunftserwartungen festgestellt (Miranda und Mennin 2007).
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In Bezug auf positive Therapieerwartungen („Hoffnung auf Besserung“) zeigte sich, dass diese in signifikantem Ausmaß invers durch depressive und externalisierende Symptomatik vorhergesagt werden konnte. Nach Kontrolle aller anderen möglichen Einflussfaktoren, hängen höhere Ausmaße an depressiven und/oder externalisierenden Symptomen mit verringerter positiver Therapieerwartung zusammen. Diese verringerte Erwartung kann durch unterschiedliche theoretische Modelle erklärt werden: Einmal über die Hoffnungslosigkeitstheorie (Iacoviello et al. 2013), nach der Betroffene die Überzeugung entwickeln, dass zukünftige Ereignisse negativ und unkontrollierbar sind. Kinder und Jugendliche könnten glauben, dass selbst mit therapeutischer Unterstützung keine Verbesserung ihrer Situation möglich ist. Diesen Ansatz ergänzt die Theorie der erlernten Hilflosigkeit (Seligman und Petermann 2016). Nämlich, dass die Fähigkeit, durch eigenes Handeln positive Veränderungen herbeizuführen, reduziert ist. Die kognitive Theorie der Depression (Beck und Alford 2009) legt zudem nahe, dass negative Gedanken zu einer allgemeinen Abwertung positiver Möglichkeiten führen können. Dies konnte durch weitere Studien (Alloy et al. 2006; Wang et al. 2013) bestätigt werden.
Interessanterweise zeigte sich kein Zusammenhang von Behandlungserwartungen und erlebten belastenden Erfahrungen und einer damit zusammenhängenden Symptomatik. Eine mögliche Erklärung für den fehlenden Zusammenhang zwischen belastenden Erfahrungen und Behandlungserwartungen könnte in den vermeidenden Verarbeitungsstrategien liegen, die häufig im Zusammenhang mit belastenden Erlebnissen auftreten. Eine reduzierte kognitiven Auseinandersetzung mit der Behandlung könnte zu weniger ausgeprägten, differenzierten oder bewussten Erwartungen führen.
Soziodemographische Daten, wie Geschlecht und Alter, wiesen nach Kontrolle der anderen inkludierten Variablen keinen signifikanten Erklärungswert in Bezug auf Therapieerwartungen auf. Dies könnte darauf hindeuten, dass Therapieerwartungen als Konstrukt weitreichend homogene Gültigkeit besitzen und weniger mit Geschlecht oder Alter variieren. Damit könnten die vorliegenden Ergebnisse erste explorative Hinweise darauf geben, dass die Therapieerwartung bei Kindern und Jugendlichen ein ähnliches Konzept wie bei Erwachsenen darstellt.
Limitationen
Trotz der vorliegenden Stärken der Studie (umfangreiche klinische Stichprobe, Verwendung ausschließlich validierter und vielseitig verwendeter Fragebögen, statistische Kontrolle unerwünschter Nebeneffekte, Inkludierung unterschiedlicher klinisch relevanter Variablen), weist die vorliegende Untersuchung Limitationen auf. Der explorative Charakter der Studie und eine fehlende Studienlage im Kinder- und Jugendbereich ermöglichen lediglich eine eingeschränkte theoretische Fundierung, vor deren Hintergrund die Ergebnisse interpretiert werden können. Weiters handelt es sich um eine Querschnittserhebung, die jede Art der gerichteten Interpretation verunmöglicht und eine Evaluation von Behandlungserfolg nicht ermöglicht. Zuletzt muss angemerkt werden, dass der PATHEV trotz vormaligem Einsatz im Kinder- und Jugendbereich keine nachgewiesene Validierung im Kindesalter aufweist.
Schlussfolgerungen
In der vorliegenden Untersuchung konnte erstmals anhand wissenschaftlicher Daten belegt werden, dass positive und negative Therapieerwartungen nach Kontrolle von potenziell relevanten Drittvariablen mit spezifischen psychischen Störungsbildern in Zusammenhang stehen. Während Angstsymptome mit negativer Therapieerwartung (Furcht vor Veränderung) in Zusammenhang stehen, stehen depressive und externalisierende Symptome mit reduzierter positiver Therapieerwartung (Hoffnung auf Besserung) in Zusammenhang.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse sowie der Tatsache, dass Psychotherapie bei Kindern meist auf Initiative von Erwachsenen begonnen wird (Schonert-Reichl und Muller 1996), ist es zentral, Behandlungserwartungen frühzeitig systematisch zu erfassen und störungsspezifisch zu fördern (Edwards und Fehm 2023). Da sich Behandlungserwartungen in einem wechselseitigen Prozess mit therapeutischen Fortschritten beeinflussen können und sowohl negativ als auch positiv verstärken, (Edwards und Fehm 2023), sind partizipative und individualisierte Behandlungsansätze notwendig (Wedemeyer und Wiesemann 2017). Eine Routinemäßige Erfassung der Erwartungen könnte durch erwartungsfokussierte psychotherapeutische Interventionen (Kube et al. 2019) erfolgen. Motivationale Ansätze wie die motivierende Gesprächsführung (Miller und Rollnick 2015), psychoedukative Elemente und eine Berücksichtigung von lerngeschichtlichen Elementen (Rief und Glombiewski 2016) können hilfreiche Ansätze darstellen, um eine intrinsische Veränderungsmotivation zu aktivieren und eine positive Erwartung zu fördern.
Insgesamt wird eine stärkere Beachtung der Perspektiven von jungen Patient:innen, ihren Bedürfnissen und Erwartungen vor dem Hintergrund der jeweilig vorliegenden Störungsbilder zur Verbesserung des Behandlungserfolgs empfohlen. So könnte bei Kindern und Jugendlichen mit ängstlicher Symptomatik stärker mit psychoedukativen und angstreduzierenden Elementen in Bezug auf Veränderungen durch die Psychotherapie gearbeitet werden. Bei depressiven und externalisierenden Kindern und Jugendlichen könnten zum Aufbau intrinsischer Veränderungsmotivation vermehrt erwartungsfokussierte und partizipative psychotherapeutische Interventionen zum Einsatz kommen. Die Untersuchung der Wirksamkeit dieser Ansätze und Interventionen steht jedoch sowohl im Erwachsenen-, als auch im Kinder- und Jugendbereich noch weitgehend aus. Weitere Studien im Kinder- und Jugendbereich sind erforderlich, um dieses Thema zu vertiefen und zu evaluieren, wie und auf welche Weise der Einbezug von Therapieerwartungen eine effektive Therapie unterstützen können.
Interessenkonflikt
B. Amanshauser, D. Ipolt, A. Haselgruber, S. Schröter, A. Maletzky, J. Noske, K. Zajec und D. Weindl-Wagner geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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