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Ärzte Woche

20.05.2019 | Ausgabe 21/2019

Tekals NebenWirkungen

Wenn Blogger irren

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Wer hätte gedacht, dass nicht alle Internet-Tipps hilfreich sind.

Bevor die Menschheit überfüllte Ambulanzen erfand, um ihre körperlichen Gebrechen zu beheben, holte man sich die Hilfe von anderswo. Verhalf einem nicht gerade der Zufall zum Besuch eines Medicus auf Wanderschaft, musste man sich in die Hände von ortsansässigen Badern, Steinschneidern, Mönchen, Hufschmieden oder Henkern begeben, um seinen Kopfschmerzen ein Ende zu bereiten. Es gab natürlich die Möglichkeit, sich an kräuterkundige Frauen und Männer zu wenden, auch an die genetischen Vorfahren der Apotheker, die am Wegesrand im Überfluss wachsende Stauden in Fläschchen abfüllten und teuer verkauften. Am beliebtesten, weil kostengünstigsten, war sicherlich der direkte Genesungsauftrag an einen oder mehrere Götter, sowie die Fernheilung über eine Unzahl an Heiligen, von der zahnheilenden Apolonia zum rachenputzenden Blasius. Obwohl der Menschheitstraum überfüllter Ambulanzen nun endlich Wirklichkeit geworden ist, halten viele an der alten Gewohnheit fest, sich an die lokalen Hilfesteller zu wenden. Allerdings finden sich heute im Herrgottswinkel weniger Kruzifix und Abbilder potenziell heilkräftiger Heiliger, sondern meist ein Computer und ein Flachbildschirm. Die so bedeutsamen himmlischen Nothelfer haben als Schutzpatrone ausgedient und machen den heute weitaus bedeutenderen digitalen Nothelfern Platz. Statt Katharina von Alexandrien hilft nun Jessica aus Bochum bei Migräne. In ihrem Blog „Migräne-Jessie“ gibt sie nicht nur Tipps zur Vorbeugung, sondern verlinkt auch gleich zu einer Seite mit einem hochpreisigen Nahrungsergänzungsmittel. Und wenn das Zeug Jessica ergänzt hat, kann es so verkehrt nicht sein. Im Gegensatz zu den Heiligen mit Einfluss bei höheren Mächten, haben Youtuber Influence auf die breite Masse. Sie gelten vielerorts als verlässliche Quelle. Immerhin kann man Jessica jederzeit kontakten. Das geht zwar auch auf spirituellem Weg mit den heiligen Nothelfern, aber es ist irgendwie schwieriger, mit jemandem zu kommunizieren, der vor einigen hundert Jahren als Märtyrer um einen Kopf kürzer wurde, als mit einem echten Menschen, der sich lediglich mit Photoshop um ein paar Zentimeter größer gemacht hat.

Eine Studie der Universität Glasgow hat kürzlich gezeigt, dass nur einer von zehn Influencern akkurate Tipps gibt. Zu unser aller Überraschung entsprechen die populärsten Gewichtskontroll-Blogs nicht den Anforderungen der wissenschaftlichen Ernährungsmedizin. So kann es passieren, dass einer rein veganen Instagram-Ikone ihre beliebte NoCarbNoFatNoProtein-Diät nicht gut bekommt und sie geheim auf Pommes mit Mayonnaise umsteigt, während ihre Follower weiter Hunger leiden. Dennoch kann ein einziger Blogeintrag bei unseren Patienten mitunter so viel bewirken wie so manch millionenschwere Gesundheitskampagne. Vielleicht sollten wir Ärzte uns mehr an Jessica von nebenan orientieren als an den angebeteten Blasius.

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