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22.11.2017 | Ausgabe 48/2017

„Viele Muslime entsprechen nicht mehr den Klischees“

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Mit Michael Blume hat Raoul Mazhar gesprochen.

In Europa sieht so mancher besorgt auf die muslimische Einwanderung und fühlt die eigene Kultur in Gefahr. Wer aber einen differenzierten Blick auf den Islam wagt, erkennt, dass auch die Muslime eine tief gehende Identitätskrise durchlaufen. Religionswissenschaftler Michael Blume ruft alle Seiten zum längst fälligen Dialog auf.

Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches, dass Sie als Religionswissenschaftler den Konfessionen kritischere Fragen stellen dürfen als die Theologen. Wie stehen Sie persönlich dem Glauben im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen gegenüber?

Michael Blume: Persönlich stamme ich aus einer konfessionsfreien Familie und bin nach einer Sinnkrise als junger Erwachsener evangelischer Christ geworden. Im Ethik-Unterricht in der Schule lernte ich eine junge Deutschtürkin kennen, die dann auch zu meiner Taufe kam. Wir sind jetzt seit 20 Jahren verheiratet und haben drei Kinder, die wir in beiden Sprachen und Kulturen erziehen. Sowohl Christentum wie Islam sind mir also sowohl aus einer Außen- wie auch aus der Innenperspektive zugänglich. Ich erlebe, dass dies das wissenschaftliche Verstehen fördern kann.

Wie kommt es, dass Sie von der Krise des Islams sprechen, während viele Europäer eine verstärkte Präsenz wahrnehmen?

Michael Blume: Sowohl in Europa wie im Nahen und Mittleren Osten habe ich unzählige Gespräche mit Muslimen und Ex-Muslimen geführt und gesehen, was die Unterdrückung von Frauen und Wissenschaften, die sunnitisch-schiitische Gewalt und der Terrorismus mit dem inneren Glauben vieler Menschen anrichten. Weil die Abkehr vom Islam in vielen Ländern und auch Familien mit Sanktionen, mitunter gewaltsamen, bedroht wird, belassen es die meisten Muslime beim „stillen Rückzug“. Sie beten nicht mehr und halten sich von den Frommen und Moscheen fern. In Ländern wie dem Iran geben sogar offizielle Medien den „Tsunami des Atheismus“ zu, immer mehr Ex-Muslime konvertieren sogar zu Christentum, Bahaitum oder dem Zoroastrismus. Unsere Statistiken verdecken diese Prozesse: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich zahlt kaum noch ein Fünftel der sogenannten „Muslime“ einen Mitgliedsbeitrag, und nur noch eine Minderheit betet täglich. Würden wir, wie wir es bei Muslimen tun, all jene zu Christen zählen, die christliche Vorfahren haben und noch irgendwie Weihnachten feiern, dann wäre auch Sachsen wieder über 90 Prozent christlich. Zu Recht zählen wir bei Christen aber nur die Kirchenmitglieder, in Sachsen sind das dann 23 Prozent.

Eine zentrale These Ihres Buches lautet, dass ein osmanisch-arabisches Buchdruckverbot im Jahr 1485 eine bis heute anhaltende Bildungskrise einleitete.

Michael Blume: Um 1453 hatte das Osmanische Reich Konstantinopel erobert, stand auf dem Zenit seiner Macht. Die islamischen Schriftgelehrten, die Ulama, erkannten zu Recht, dass die Einfuhr der Druckerpresse aus Europa die Stabilität des Reiches gefährden würde. So verboten Sultan Bayazid II. um 1485 und dann auch noch einmal sein Sohn Kalif Selim um 1515 den Buchdruck arabischer und damit auch osmanischer und persischer Lettern bei Todesstrafe. Und tatsächlich blieben der islamischen Welt damit der Hexenhammer von 1486, die Reformation, die Bauernkriege und der 30-jährige Krieg zwischen Protestanten und Katholiken erspart. Doch es verlor damit eben auch schleichend seine Wissensdynamik, bis auch ihr Heer vor Wien gestoppt wurde. Um 1800 konnte bereits die Hälfte der deutsch- und englischsprachigen Europäer lesen und schreiben, auch 20 Prozent der Portugiesen, aber nicht einmal fünf Prozent der Osmanen. Diesen Rückstand hat die islamische Welt nie wieder aufgeholt und auch nicht verstanden. Stattdessen flüchtete man sich in Verschwörungsmythen. Dies machte aber alles nur noch schlimmer, und insbesondere die Unterdrückung der Frauen beschränkt den Bildungsaufstieg und fördert Verzweiflung und Gewalt. Sehr viele Muslime stimmen dieser Analyse übrigens geradezu erleichtert zu, weil sie sich selbst oft gefragt haben, was eigentlich schiefgegangen ist.

Es gibt die Ansicht, dass der Islam nicht reformierbar ist, weil er in sich selbst tief zerstritten ist und eine zentrale Integrationsfigur fehlt. Zudem sind einflussreiche konservative Kreise, wie etwa die Wahhabiten in Saudi-Arabien, gar nicht an einer Änderung der Verhältnisse interessiert.

Michael Blume: Viele europäische Aufklärer hielten nach dem 30-jährigen Krieg auch das Christentum für nicht reformierbar, und es brauchte Jahrhunderte, bis die Kirchen ihre Glaubwürdigkeit wieder erarbeitet hatten. Auch die jüdische Aufklärung, die Haskala, entfaltete sich erst ab dem späten 18. Jahrhundert. Und zur Wahrheit gehört, dass wir selbst durch die Verbrennung von Öl und Gas sogenannte „Rentierstaaten“ mit korrupten Cliquen an der Spitze finanzieren und sogar ausrüsten. Dazu zählen Saudi-Arabien, der Irak und Iran, aber auch etwa Russland, Katar und Venezuela. Dass jetzt in Saudi-Arabien Frauen endlich Auto fahren dürfen, liegt alleine am niedrigen Ölpreis. Erst wenn wir unseren Verbrauch an Öl und Gas deutlich reduzieren, besteht in diesen Rentierstaaten die Chance auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und geistige Reformen.

Ist es nicht unrealistisch, dass eine Reform ausgerechnet von den Muslimen in Europa, also von den „Kreuzfahrerstaaten“ ausgehen soll? Dagegen würde doch Saudi-Arabien seine ganze Autorität in die Waagschale werfen. Der Weltfußball lässt sich ja auch nicht ohne FIFA umgestalten.

Michael Blume: Gebildete und aufgeklärte Muslime in Europa könnten Teil der Lösung sein, aber nicht

Sie rufen auch Nichtmuslime auf, sich an der Reformation des Islam zu beteiligen. Kann eine Einmischung von außen – gerade in der stolzen Welt der Muslime – nicht nur als überheblich und aggressiv empfunden werden?

Michael Blume: In einer globalisierten Welt gibt es kein abgegrenztes Innen und Außen mehr. Junge Muslime sehen westliche Filme, und auch Nichtmuslime lesen islamische Theologen wie den Münsteraner Mouhanad Khorchide. Nachdem ich die Ölkriege im Irak hautnah miterlebte, bin ich auf ein Elektroauto umgestiegen. Und natürlich treffen auch in Österreich täglich Lehrende auf Kinder muslimischer Herkunft. Hinzu kommt der interreligiöse Dialog, der leider zu oft beim Austausch von Nettigkeiten verharrt. Kurz: Als Menschheit auf unserem recht kleinen Planeten haben all unsere Taten und Worte Auswirkungen aufeinander, im Guten und im Schlechten. Idealerweise kann Wissenschaft solche Wechselwirkungen aufzeigen und damit auch neue Wege.

Ich habe den Eindruck, dass die muslimische Jugend in Europa mehr denn je ihren religiösen Hintergrund betont; die Mädchen tragen Kopftücher, und die Burschen wissen genau, was haram, also verboten ist. Im Gegenzug ringen selbstbewusste Frauen in islamischen Ländern mit der Geistlichkeit um ihre Rechte. Wie erklären Sie sich dieses Paradoxon?

Michael Blume: Tatsächlich zeigen Daten, dass der Anteil etwa türkischstämmiger Frauen in Deutschland, die ein Kopftuch tragen, von 41 Prozent der ersten Generation auf nur noch 18 Prozent der zweiten Generation eingebrochen ist! Aber zum einen kommen natürlich weitere Zuwanderer und Flüchtlinge nach. Und zum anderen übersehen wir die vielen Menschen muslimischer Herkunft, die nicht mehr den Klischees entsprechen. Meine Frau muss sich immer wieder das „Lob“ anhören, man sehe ja äußerlich gar nicht, dass sie Muslimin sei. Es ist ein bisschen wie der Fehler, den Medien und Öffentlichkeit in Deutschland mit der AfD gemacht haben: Indem wir zu viel Aufmerksamkeit auf die Ränder konzentrieren, machen wir diese stärker, als sie sind. Tatsächlich gibt es in Österreich eben keine 500.000 oder gar 700.000 Muslime mehr, sondern weniger als 200.000, denen ihr Glauben noch einen Mitgliedsbeitrag wert ist.

In Österreich gibt es die Befürchtung, muslimische Bildungsinstitutionen könnten junge Menschen indoktrinieren. Sind wir Opfer unserer eigenen Hysterie, oder sollten wir wachsam sein?

Michael Blume: Wir sollten wachsam sein. Denn wie erwähnt haben die islamischen Institutionen ab dem 19. Jahrhundert zur Erklärung ihres Niedergangs massive Verschwörungsmythen übernommen. Selbst diese waren dabei übrigens selbst gar nicht mehr islamisch, sondern aus dem Westen importiert.

Muslimische Verschwörungsgläubige glauben nicht an eine Weltherrschaft der Dschinn, sondern an Freimaurer, Illuminaten und die einst in Russland gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“. Und leider wird dieses Verschwörungsgift auch heute noch in vielen islamischen Kreisen geglaubt und tradiert. Wer heute noch lehrt, dass die Juden die Welt kontrollierten oder die Evolutionstheorie eine Verschwörung atheistischer Wissenschaftler ist, ist nicht nur ahnungslos, sondern stürzt darüber hinaus junge Bildungsaufsteiger in Identitätskrisen und erhöht das Risiko der Radikalisierung. Ich rege daher an, dass stichprobenmäßig auch fremdsprachige Predigten aufgezeichnet und übersetzt werden sollten, wie es Constantin Schreiber in Deutschland angefangen hat. Ihrem Wesen nach richten sich Predigten ja an die Öffentlichkeit, und wenn ein Verband das überhaupt nicht will, ist das auch eine Ansage.

Mitte der 1990er prägte der syrisch-stämmige Politologe Bassam Tibi die auf europäischen Werten basierende „Leitkultur“. Mittlerweile wurde der Begriff von rechts stehenden Kreisen gekapert. Lässt sich die Idee der Leitkultur mit muslimischen Werten und vor allem dem islamischen Rechtsverständnis, der Scharia, vereinbaren?

Michael Blume: Begriffe wie Leitkultur, Identität oder auch Dialog und Religionsfreiheit sind jeweils so unbestimmt, dass man genauer hinschauen muss. Wenn muslimische Funktionäre Religionsfreiheit mit Berufung auf die Scharia vermeintlich begrüßen, dabei aber die Abkehr vom Islam nicht akzeptieren, dann stimmen Begriff und Inhalt nicht überein. Daher rate ich zu mehr Mut zum Nachfragen und zum respektvollen Streiten.

Eine gemeinsame Kultur entsteht da, wo die jeweiligen Blasen sich einander öffnen. Deswegen betrachte ich die Vollverschleierung des Gesichts übrigens auch als Absage an das ehrliche Gespräch zwischen freien Bürgerinnen und Bürgern. Kopftücher, Turbane, christliche Nonnenhauben oder jüdische Kippoth halte ich für völlig akzeptabel, aber gegen die Vollverschleierung im Alltag wünsche ich mir ein europaweites Verbot. Wir verbieten ja auch das Nacktlaufen. Kulturen bestimmen sich auch durch das Ziehen von Grenzen.

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