4 Gründe für 1 Prostatascreening
- 28.10.2025
- Urologie
- Zeitungsartikel
Dr. Johanna Krauter von der Universitätsklinik für Urologie der MedUni Wien fordert ein Umdenken in der Früherkennung des Prostatakarzinoms. Die Prävention funktioniere hier nicht, erklärt sie, denn es gebe keine Möglichkeit einer Prävention beim Prostatakarzinom.
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Science Photo Library / picture alliance (Symbolbild mit Fotomodell)
„Wir müssen das Screening in den Mittelpunkt stellen“, sagt Krauter. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Das Prostatakarzinom ist mittlerweile nicht nur das häufigste Karzinom des Mannes, sondern das häufigste Karzinom in Österreich – häufiger als Brustkrebs. Weltweit werde sich die Zahl der Fälle bis 2040 voraussichtlich verdoppeln, sagt die Lancet Commission on Prostate Cancer.
PSA allein genügt nicht
Viele Männer verlassen sich auf den PSA-Test. Doch Krauter warnt: „Ein opportunistisches Testen reicht nicht.“ Studien hätten gezeigt, dass nur ein organisiertes, strukturiertes Screening – wie beim Mammakarzinom – die Mortalität signifikant senkt. In der großen ERSPC-Studie (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer) habe ein solches Screening die Sterblichkeit um 51 Prozent reduziert (nach Entfernung der Kontamination) und ein Drittel weniger metastasierte Fälle hervorgebracht. Das Göteborg-Trial 1 (Göteborg Randomized Prostate Cancer Screening Trial 1), das über 22 Jahre lief, zeigte eine 41 Prozent geringere Sterblichkeit.
Kristian Juhacz
MRT verbessert die Präzision
Ein modernes Screening müsse PSA und MRT kombinieren. Das MRT reduziere unnötige Biopsien und Überdiagnosen und erhöhe zugleich die Entdeckungsrate klinisch relevanter Tumoren. „Wir diagnostizieren die richtigen Karzinome – jene, bei denen die Patienten von der Therapie wirklich profitieren“, sagt Krauter. Das Göteborg-II-Trial (Göteborg-2 Randomized Prostate Cancer Screening Trial) belege, dass MRT-gezielte Biopsien die Biopsierate um bis zu 50 Prozent senken können. Auch die gefürchtete digitale rektale Untersuchung könne entfallen: Eine aktuelle Studie von Matsukawa et. al. (C omparing the Performance of Digital Rectal Examination and Prostate-specific Antigen as a Screening Test for Prostate Cancer, 2024) zeige, dass sie für die Vorsorge weder nötig noch hilfreich sei.
Derzeit findet das Screening in Österreich so statt: Männer lassen den PSA-Wert je nach Lust und Laune bestimmen. „Das führt zu Überdiagnosen und potenzieller Übertherapie“, sagt Krauter. So habe die ÖGK im Jahr 2024 noch 2.000 PSA-Messungen bei Männern über 90 verzeichnet.
Gleichzeitig werden viele Risikopatienten zu spät entdeckt. In Deutschland liege das Durchschnittsalter beim Screening über 69 Jahre – zu spät, wie Studien belegten.
Medizinischer und sozialer Gewinn
Ein organisiertes, risikoangepasstes Screening sei medizinisch sinnvoll und sozial gerecht, argumentiert Krauter. Männer mit niedrigem Bildungsstand oder Einkommen hätten heute deutlich schlechtere Chancen auf Früherkennung – Studien zeigen, dass dies nur ein strukturiertes Programm ändern könne. Auch ökonomisch sei das Modell überzeugend. PSA-Tests seien günstig, MRT gezielter einsetzbar, und das Vermeiden metastasierter Fälle spare immense Behandlungskosten. „Ein Patient im metastasierten Stadium verursacht in den letzten Lebensjahren bis zu 240.000 Euro an Therapiekosten“, rechnet Krauter vor.
Die EU habe bereits anno 2022 Pilotprojekte für ein organisiertes Screening gefordert. Österreich habe damals gezögert, obwohl hier bereits ausgezeichnete Voraussetzungen bestehen, da das MRT der Prostata bei erhöhtem PSA bereits durch die Krankenkassen übernommen wird. Krauter zeigt, wie ein solches Programm aussehen könnte: Beginn mit 50 Jahren, bei niedrigem PSA längere Intervalle, über 60 Jahre bei PSA < 1 keine weitere Testung. „Wir müssen die richtigen Patienten finden und behandeln – nicht alle.“
Zusammengefasst sprächen vier Gründe für ein organisiertes Prostatakarzinom-Screening, sagt Krauter:
- Nachgewiesene Senkung der Sterblichkeit.
- Frühzeitige Erkennung führt zu besseren Resultaten.
- Optimierung der Ressourcen im Gesundheitswesen – kostengünstig, ökonomisch fairer.
- Abstimmung mit nationalen & EU-Gesundheitszielen.
Am Ende ihres Vortrags formuliert Krauter einen Appell: „Das Prostatakarzinom ist heute das häufigste Karzinom in Österreich. Wir brauchen endlich ein organisiertes, PSA-getriebenes und risikoangepasstes Screening.“