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Ärzte Woche

07.02.2022

Austellungstipp: Triff die Rothschilds

verfasst von: Martin Krenek-Burger

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Leistungen und Errungenschaften der Wiener Rothschilds sind in Vergessenheit geraten. Das Wiener Jüdische Museum ehrt die verdienstvolle Familie mit einer Schau in der Dorotheergasse.

Als Clemens Fürst von Metternich 1848 Hals über Kopf aus Österreich nach England floh, gab er sich zwar als Großhändler aus Graz aus, sein Inkognito flog aber mehrmals auf. Er wäre aber völlig mittellos gewesen, hätte ihm nicht Baron Salomon von Rothschild einen Kreditbrief zukommen lassen.

Die Geschichte der Rothschilds in Österreich geht auf die Zusammenarbeit zwischen eben jenem Salomon de Rothschild und Fürst Metternich zurück. Die aus Frankfurt stammende Familie hatte wesentlichen Anteil an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs. Man gründete wichtige Bank- und Industrieunternehmen sowie karitative Institutionen. Der Name Rothschild wurde zum Synonym für unvorstellbaren Reichtum – das Symbol einer jüdischen Erfolgsgeschichte wie auch ein Klischee antisemitischer Propaganda.

Die Ausstellung „Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi“ präsentiert ihre Geschichte.

Der Aufstieg der Familie Rothschild setzte am Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Am Anfang stand mit Mayer Amschel Rothschild ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Frankfurter Jude – er wohnte im Haus „zum Roten Schild“ in der Judengasse 69. Rothschild machte durch viel Fleiß Karriere und schickte seine fünf Söhne in die Welt, einen davon nach Wien: Salomon. Dieser wurde Bankier des österreichischen Staatskanzlers Metternich und stieg schnell zu einem der führenden Unternehmer des Landes auf. Seine Nachkommen traten sowohl als Philantropen – man denke nur an das Rothschild-Spital der Wiener Kultusgemeinde – als auch als Geschäftsmänner auf. Mit der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn betrieb man die erste heimische Eisenbahnlinie. Diese führte im Vollausbau zu den mährischen Industriebesitzungen.

Die Geschichte der Rothschilds in Wien und Österreich liest sich in Teilen wie ein Krimi. Sie mussten sich gegen Konkurrenten durchsetzen, wurden in Konflikte verwickelt und mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert. Immer wieder traten sie für ihre unterdrückten und verfolgten Glaubensgenossinnen und Glaubensgenossen ein und riefen viele Bildungs- und Wohltätigkeitsstiftungen für die Allgemeinheit ins Leben.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 begann der Raubzug am Vermögen der Familie, dessen Restitution sich bis heute hinzieht. 1938 nahm die Gestapo Louis Rothschild fest und hielt ihn ein Jahr lang als Geisel, um den Rothschilds ihr gesamtes Vermögen abzupressen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde zwar ein Großteil ihres geraubten Vermögens restituiert, doch mussten sie wesentliche Werke an österreichische Museen „widmen“.

Im Weichbild der Stadt findet man heute kaum noch Spuren der Rothschilds. Das Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße 20-22 – von 1879 bis 1884 nach Plänen des französischen Architekten Gabriel-Hippolyte Destailleur errichtet – wurde 1954/55 abgerissen. An dieser Adresse residiert heute die Arbeiterkammer Wien. In der Nähe dieses Palais, in der Theresianumgasse 14-16, befand sich das Palais von Alberts Bruder Nathaniel Meyer von Rothschild, an dessen Stelle sich heute ebenfalls ein Bürogebäude der Arbeiterkammer Wien befindet. Seit 2016 ist eine Verkehrsfläche nach der jüdischen Bankiersfamilie benannt, der Rothschildplatz in Wien-Leopoldstadt. Eine vom Wiener Landtag eingesetzte Kommission untersuchte die Geschichte der Nathaniel Freiherr von Rothschild’schen Stiftung für Nervenkranke. Im vergangenen Jahr empfahl die Kommission die Anbringung von Gedenktafeln an den Pavillons am Rosenhügel.

Das Verhältnis zwischen Metternich und den Rothschilds war besonders eng. Metternich lebte in ständiger Angst, einem Attentat zum Opfer zu fallen. Dazu hatte er auch durchaus Anlass. Als 1820 der Duc de Berry, ein Bourbone und potenzieller Thronfolger Frankreichs, erdolcht wurde, erfuhr er über das „wenig gutsagende Ereignis“ zuerst durch einen Brief von Salomons jüngerem Bruder James aus Paris.

Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi.  Jüdisches Museum Wien, bis 5. Juni 2022, www.jmw.at

Weitere Informationen:

www.jmw.at

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Metadaten
Titel
Austellungstipp: Triff die Rothschilds
Publikationsdatum
07.02.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 6/2022