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Trautes Heim, Glück zu zwein

  • 18.02.2026
  • Leben
  • Zeitungsartikel

Wenn zwei Menschen im hohen Alter zusammenziehen, zählt die gemeinsame Zeit mehr als Eheringe.

Von außen wirkt es wie eine stille Entscheidung: Zwei Wohnungen werden aufgelöst, Bücherregale verschoben, Zahnbürsten nebeneinandergestellt. Kein Brautkleid, kein Standesamt, kein Ring. Doch dieser Schritt macht das Leben älterer Menschen spürbar heller.

Eine Studie der Universität Wien zeigt, dass Menschen über 50, die eine neue Partnerschaft eingehen und zusammenziehen, deutlich an Lebenszufriedenheit gewinnen. Ob das Paar heiratet, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Ergebnisse wurden im International Journal of Behavioral Development veröffentlicht. Die Psychologin Dr. Iris Wahring und ihr internationales Team untersuchten, was genau passiert, wenn im Alter nicht Verlust, sondern Gewinn eintritt. Die Alternsforschung fokussiert oft auf das Ende: Tod des Partners, Trennung, Einsamkeit. Wahring blickt auf den Anfang – auf das neue Glück.

Langzeitdaten von 2.840 Frauen und Männern zwischen 50 und 95 Jahren aus der US-amerikanischen „Health and Retirement Study“ wurden ausgewertet. Die Studie untersuchte, wie sich depressive Symptome und Lebenszufriedenheit verändern, wenn Menschen mit einem neuen Partner zusammenziehen oder heiraten.

Das Ergebnis ist klar und widerspricht der alten Gewissheit vom „Ehebonus“: Der entscheidende Moment ist der Einzug in eine gemeinsame Wohnung. Wer Tisch und Alltag teilt, berichtet von einem deutlichen Plus an Zufriedenheit. Die Ehe bringt keinen messbaren Zusatzgewinn, wenn das Paar bereits zusammenlebt.

Historisch galt die Ehe als soziales Schutzschild. Verheiratete lebten länger, gesünder, zufriedener – so die Statistik. Doch Normen verändern sich. Unverheiratete Paare sind kaum noch stigmatisiert. Der rechtliche Status verliert an symbolischer Bedeutung. Was zählt, ist Nähe, Verlässlichkeit und geteilte Routinen.

Ein weiterer Befund überrascht: Trennungen führten in dieser Altersgruppe nicht zu einem signifikanten Absturz des Wohlbefindens. Ältere Erwachsene scheinen widerstandsfähiger zu sein, als viele annehmen. Sie verfügen über gewachsene soziale Netze – Freundschaften, Familie, Erfahrungen –, die Brüche abfedern.

Auch ein anderes verbreitetes Klischee hält der Prüfung nicht stand. Die Forschenden erwarteten, dass Männer stärker von einer festen Partnerschaft profitieren, weil sie im Schnitt weniger emotionale Unterstützung aus ihrem Umfeld erhalten.

Doch der Effekt des späten Zusammenziehens war bei beiden Geschlechtern ähnlich. Spätes Glück ist kein Männer- oder Frauenprivileg.

Titel
Trautes Heim, Glück zu zwein
Publikationsdatum
18.02.2026
Bildnachweise
Bild/© T. Seeliger / SZ Photo / snapshot-photography / picture alliance