Zum Inhalt

Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL) als diagnostisches und interventionsbegleitendes Tool

  • Open Access
  • 25.04.2025
  • originalarbeit
Erschienen in:

Zusammenfassung

Die Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL) ist ein ressourcenorientiertes Instrument, das psychotherapeutische Prozesse bei der Bearbeitung von Traumafolgen unterstützt. Sie bietet eine strukturierte und dynamische Dokumentation traumatischer Erlebnisse in Verbindung mit den vorhandenen und entwickelbaren Ressourcen der Patient:innen. Durch die grafische Darstellung auf einer Zeit- und Belastungsachse ermöglicht die TRL eine gezielte Vorbereitung, Begleitung und Nachverfolgung therapeutischer Interventionen. Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung der Integration von Ressourcen in die Traumalandkarte, da sie ein Pendeln zwischen belastenden Ereignissen und stärkenden Elementen fördert. Dies trägt zur Stabilisierung sowie Erhöhung der Selbstwirksamkeit und Resilienz der Betroffenen bei. Die TRL ist flexibel und kann kontinuierlich aktualisiert werden, sodass Fortschritte sichtbar gemacht und die therapeutische Zusammenarbeit gestärkt werden. Insgesamt stellt die TRL ein praxisnahes und effektives Tool für die Traumatherapie dar, das sowohl diagnostische als auch therapeutische Anwendungen unterstützt.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Einleitung

Traumatische Erlebnisse hinterlassen oft tiefe Spuren. Sie ziehen Traumafolgen nach sich, die sich zu Traumafolgestörungen manifestieren können. Psychotrauma und seine Folgen erfordern eine gezielte psychotherapeutische Behandlung und Aufarbeitung.
Eine ressourcenorientierte Methode zur Vorbereitung und Begleitung solcher Interventionen ist die Erstellung einer Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL). Dieses Instrument ermöglicht es Psychotherapeut:innen und Patient:innen, traumatische Erfahrungen sowie aktive und potenzielle Ressourcen gemeinsam zu erfassen und dynamisch zu dokumentieren.

Eine Traumalandkarte als Grundlage

Traumatische Ereignisse lassen sich im Zuge der Anamnese zur Diagnostik und Interventionsvorbereitung mithilfe einer Traumalandkarte (Hofmann 2014) systematisch erfassen und strukturieren. Die Traumalandkarte dient der Diagnostik, wird jedoch in einem psychotherapeutischen Prozess erarbeitet und ist bereits psychotherapeutische Intervention. Daher könnte Theranostik, ein Begriff aus der Onkologie, für die folgende Vorgehensweise ausgeliehen werden. Theranostik wird hier als enge Verbindung von Therapie und Diagnostik verwendet.
Im Rahmen der Erstellung einer Traumalandkarte werden Koordinaten erfasst, die traumatische Erlebnisse dokumentieren. Die horizontale Achse repräsentiert die Lebenszeitachse, beginnend mit der Geburt (links) und endend beim aktuellen Alter (rechts). Die vertikale Achse quantifiziert die wahrgenommene Belastungsintensität aus gegenwärtiger Perspektive auf einer Skala von 0 bis 10 (Hofmann 2014; Böhm 2021; Lühr et al. 2021). Innerhalb dieses Koordinatensystems werden, entsprechend dem Lebensalter und der individuellen Belastungshöhe, sowohl einzelne traumatische Ereignisse als auch umfassendere Traumafelder verortet. Die Grafik enthält zunächst lediglich traumatische Erfahrungen. Deren Folgen werden erst in weiteren Überarbeitungen hinzugefügt.
Nach Gahleitner und Rothdeutsch-Granzer (2016) haben Traumapädagogik, Traumaberatung und Traumapsychotherapie eine gemeinsame Basis und Haltung, wie mit traumatisierten Patient:innen traumasensibel gearbeitet werden. Ein psychotraumatologisches Verstehensmodell nach Fischer und Riedesser (2023) bildet die Grundlage. Sie definieren (Psycho‑)Trauma als „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten“ (Fischer und Riedesser 2023, S. 88). Der Umgang mit traumatischen Ereignissen und deren Bewältigung ist immer im Kontext zu sehen. Traumbewältigungsprozesse sind auf der Ebene des Individuums, im Kontext von Gesellschaft und Risikofaktoren zu verstehen.
Die Abklärung traumatischer Erlebnisse und dessen Folgen kann emotionalen und körperlichen Stress auslösen. Dies wird bei einer traumatherapeutischen Begleitung immer berücksichtigt. Bei Traumapädagogik, -beratung und -psychotherapie wird nach einem Drei-Phasen-Modell vorgegangen. In einem ersten Schritt sind Stabilisierung und Ressourcenerschließung im Fokus sowie die Herstellung von innerer und äußerer Sicherheit. Danach erfolgt die Auseinandersetzung mit dem Trauma und drittens die Reintegration des Traumas in das subjektive Selbstverständnis (Gahleitner und Rothdeutsch-Granzer 2016).
Diese Phasen sind nicht als starres Abarbeiten einzelner Schritte zu verstehen, sondern vielmehr als ein vorsichtiges Weiterbewegen. Nach der Auseinandersetzung mit einem traumatischen Ereignis oder einschränkenden Traumafolgen sind erneute Stabilisierung und eine Selbstvergewisserung der Ressourcen notwendig. „Die Diagnostik von Traumafolgestörungen ist immer auch eine Prozessdiagnostik, vor allem nach repetitiver, häufiger und schwerer Gewalt.“ (Gysi 2025, S. 44).
Eine Traumalandkarte, wie sie zur Vorbereitung beispielsweise für EMDR-Sitzungen verwendet wird, bildet ausschließlich traumatische Ereignisse ab. „Richtet man den Fokus der Aufmerksamkeit […] allein auf die Symptomatik, ignoriert man die Überlebenskraft Betroffener.“ (Gahleitner et al. 2015, S. 9). In den Therapie-Tools zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (Lühr et al. 2021) wird Traumabetroffenen ein Arbeitsblatt zur Selbsterarbeitung einer Traumalandkarte angeboten. Hier wird darauf hingewiesen, dass auf der Grundlinie der Zeitachse auch „bedeutsame positive oder stärkende Lebenserfahrungen“ (Lühr et al. 2021, S. 19) notiert werden können. Ein Arbeitsblatt wird als Ressourcenlandkarte betitelt. Dies wird grafisch als Blatt mit acht Feldern angeboten, in denen zur Erfassung der individuellen Ressourcen angeregt wird.

Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL)

Traumapsychotherapie beginnt mit Stabilisierung. Im Rahmen der Stabilisierungsphase der EMDR-Therapie werden „Stabilisierungstechniken und Ressourcenarbeit“ (Böhm 2021, S. 92 f.) angewendet. Daher könnte es förderlich sein, die Traumalandkarte von Beginn an als Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL) zu erstellen. Die Erweiterung umfasst die Berücksichtigung von Ressourcen bereits bei der Erstellung der Traumalandkarte. Bei der Markierung eines traumatischen Ereignisses auf der Traumalandkarte werden die jeweiligen Ressourcen in dieser Zeit ebenfalls eingetragen. Parallel wird eine Trauma- und Ressourcendiagnostik durchgeführt. „Innere und äußere Ressourcen“ (Gysi 2025, S. 62) sowie Lösungs- und Bewältigungsstrategien der Betroffenen werden erfasst. In der EMDR-Therapie wird in der Stabilisierungsphase ein hohes Maß an Psychoedukation empfohlen, um damit beispielsweise „zur Verbesserung des Verständnisses von Emotionen“ (Hofmann et al. 2020, S. 66) beizutragen. So können vormals schützende und zugleich als belastend erlebte Emotionen als solche erkannt und infolgedessen als Ressource genutzt werden. Psychoedukation als ein Mittel der „intrapersonelle[n] Ebene der Stabilisierung“ (Böhm 2021, S. 92 f.) begleitet die Arbeit mit einer TRL. Zweitens können Ressourcen auf der körperlichen Ebene der Stabilisierung beispielsweise mit Körperübungen aktiviert und gestärkt werden. Psychotherapeut:innen unterstützen drittens die Stabilisierung auf interpersoneller Ebene, indem sie gemeinsam mit den Patient:innen soziale Ressourcen identifizieren.
Nach jeder Markierung eines traumatischen Ereignisses werden auch Ressourcen in die Traumalandkarte eingetragen. Dabei kann das Ressourcendiagramm nach Huber (2005, S. 88 f.) als methodische Grundlage herangezogen werden. Sowohl belastende Ereignisse als auch Ressourcen werden in der Trauma- und Ressourcenlandkarte kontinuierlich über den gesamten Behandlungsverlauf ergänzt, sobald diese erinnert oder identifiziert werden. In der Vorgehensweise entsteht ein Pendeln zwischen Trauma und Ressource, ohne zu lange im traumatischen Bereich zu verweilen.
Die TRL kann sich für eine Betroffene (fiktive Patientin 1) mit jahrelanger häuslicher Gewalterfahrung folgendermaßen darstellen. Die Patientin war etwa zehn Jahre alt, als ihr Stiefvater einzog und die Gewalt begann. Diese endete erst mit ihrem Auszug aus dem Elternhaus, der mit 24 Jahren möglich wurde. Als Kind fand die Patientin eine äußere Ressource in einer wohlwollenden Nachbarin, deren Tür ihr stets offenstand. Eine innere Ressource war die Möglichkeit und Freude am Lesen. Dies wurde durch die materielle Ressource einer Büchereikarte erweitert. Die TRL wird auf Papier mit bunten Stiften erstellt. Für diesen Artikel wird die Grafik in vereinfachter Form dargestellt (Abb. 1).
Abb. 1
TRL der (fiktiven) Patientin 1. (Eigene Darstellung)
Bild vergrößern
Bei der Erstellung der TRL bezeichnet Patientin 1 die Zeit vom 10. bis zum 24. Lebensjahr als sehr belastend. Als erste Belastung wurde eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen der Mutter und dem Stiefvater geschildert. Hier erfolgt noch keine detaillierte Schilderung weiterer Belastungen, sondern zunächst ein Blick auf soziale Ressourcen während dieser Zeit. In der therapeutischen Arbeit kann nach „zwischenmenschlichen Ressourcen“ (Gysi 2025, S. 61), wie sozialer Einbindung, sozialer Unterstützung, im nahen Umfeld oder weiteren Netzwerken gefragt werden. Handelt es sich um eine Belastung im Erwachsenenalter werden auch Teilhabemöglichkeiten an soziokulturellen und sozialstaatlichen Ressourcen erfragt. Die Patientin erinnert sich an eine Nachbarin und zeichnet diese als soziale Ressource ein.
Danach folgt eine weitere Erzählung traumatischer Erfahrungen. Die Patientin zeichnet die erlebte Häusliche Gewalt zusammenfassend als Traumafeld vom 10. bis 24. Lebensjahr ein. Mit einem weiteren Pendeln von traumatischen Erfahrungen zu Ressourcen berichtet die Patientin, dass sie in dieser Zeit ein wenig Sicherheit in der Welt der Bücher fand. Lesend konnte sie in andere Welten eintauchen. Die Patientin konnte „persönliche Ressourcen“ (Gysi 2025, S. 61) wie eigene Fähigkeiten und gesunde Hobbys aktivieren. Weitere persönliche Ressourcen wie positive Imaginationen, Entspannungsfähigkeiten, Selbstfürsorge sowie Spiritualität, Tiere oder Naturerfahrungen können erfasst werden. Diese Ressourcen waren für die Patientin jedoch weniger bedeutend. In dieser Zeit war die Freude am Lesen jene Ressource, die am stabilisierendsten wirkte. Dank der Unterstützung ihrer Nachbarin konnte die Patientin eine Büchereikarte erhalten. Die Bücherei selbst konnte als äußerer sicherer Ort wahrgenommen werden. Das Lesen wurde jedoch als bedeutendste Ressource beschrieben. Neben sozialen und persönlichen Ressourcen können auch „Lösungs- und Bewältigungsstrategien“ (Gysi 2025, S. 62) abgeklärt werden. Das Lesen selbst konnte als „Fähigkeit zur Ablenkung in Not“ (Gysi 2025, S. 62) mit Patientin 1 identifiziert werden.
Entsprechend den Ansätzen einer sozialen Diagnostik erstellen Patient:in und Psychotherapeut:in eine TRL in einer kollaborativen Zusammenarbeit. Die TRL entsteht im Dialog. Trauma und seine Folgen sind auch als soziales Problem zu verstehen, insbesondere im Kontext von menschengemachter Gewalt. Individuelle traumatische Erlebnisse und sozialer Kontext werden zueinander in Beziehung gesetzt. Die Patient:innensicht ist wesentlich. Daher werden die „Perspektive des Subjekts und seine Bedeutungszuweisungen einbezogen.“ (Schörmann 2021, S. 3). Psychoedukation gilt jedoch als grundlegende, allgemeine Aufgabe (Gahleitner und Rothdeutsch-Granzer 2016). Psychotherapeut:innen bringen psychoedukatives Wissen ein. In die TRL werden zuerst traumatische Ereignisse eingezeichnet. Danach kann mit Traumafolgen ähnlich vorgegangen werden.

TRL zur Interventionsvorbereitung

Eine TRL kann interventionsvorbereitend für stabilisierende Interventionen im Rahmen einer Theranostik verwendet werden. Eine Betroffene (fiktive Patientin 2), die Beziehungsgewalt, Verfolgung, einen fluchtartigen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und einen Überfall in der neuen Wohnung erlebt hat, kann eine TRL mit der Erfassung des Belastungsgrads im Koordinatensystem beginnen.
Die Patientin wurde gebeten, die Zeit der Gewalt bis zur Trennung aus der Partnerschaft einzuzeichnen. Mit einem Pendeln zu den Ressourcen erkannte die Patientin, dass die Arbeit in der Trafik für sie eine große soziale Ressource darstellte. Es folgt ein Wechsel zur Phase des Sich-beobachtet-Fühlens. Die Patientin fühlte sich vom Expartner verfolgt. Sie wurde von ihm in der eigenen Wohnung überfallen und festgehalten. Beim Wechsel zu den Ressourcen wurden Bewältigungsstrategien erfasst. Die Patientin arbeitete zu dieser Zeit nicht mehr in der Trafik, beschrieb jedoch die Erinnerung an die Arbeit in der Trafik als Ressource. Sie erinnerte sich daran, dort viel gemeistert zu haben, und war überzeugt, dass ihr dies Kraft gegeben hatte – sowohl für das Durchhalten während der Gefangenschaft als auch für die Befreiung und Flucht aus der Wohnung. In einem weiteren Schritt wurden Belastungen in der Zeit bis zu der aktuellen Psychotherapiesitzung besprochen und eingezeichnet. Patientin 2 schilderte Traumafolgen, die in späteren Psychotherapieeinheiten besprochen und ebenfalls eingezeichnet wurden. Aktuelle und potenzielle Ressourcen wurden erfasst und ebenfalls eingezeichnet. Obwohl die Patientin in ihrer Trafik zweimal ausgeraubt (RÜ = Raubüberfall) wurde, stellte die Arbeit dort für sie eine bedeutende Ressource dar. Die Beziehungsgewalt blieb für die Frau auch in weiterer Folge belastender als die Raubüberfälle (Abb. 2).
Abb. 2
TRL der (fiktiven) Patientin 2. (Eigene Darstellung in Anlehnung an Ehrhardt et al. 2023)
Bild vergrößern
Die Vorgehensweise erfasst nicht nur die traumatischen Erlebnisse, sondern setzt diese in Beziehung zu den verfügbaren sowie aktuell entwickelten Bewältigungsressourcen. Die TRL ermöglicht somit eine dynamische Dokumentation des therapeutischen Prozesses und kann kontinuierlich angepasst werden, um Fortschritte, Ressourcenentwicklung und Resilienzstärkung abzubilden (Ehrhardt et al. 2023). Die TRL wirkt als Visualisierungstechnik und fördert nicht nur das Erkennen von Veränderungen, sondern trägt maßgeblich zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit und Stabilität der Patient:innen bei.
Die TRL kann kontinuierlich aktualisiert werden. Sowohl erinnerbare Traumata als auch Ressourcen werden dokumentiert. Zusätzlich kann eine Verbesserung der Allgemeinsituation erfasst werden. Nach mehreren psychotherapeutischen Sitzungen ist es hilfreich eine neue TRL anzulegen, falls eine Verringerung der Traumafolgesymptome erreicht werden konnte. In der aktuellen TRL wird die empfundene Schwere traumatischer Erfahrungen mit einem reduzierten Schweregrad dargestellt. Alle Aufzeichnungen sind hilfreich, wenn der Psychotherapieverlauf differenziert geschildert werden muss. Die Theranostik mit der TRL ist ressourcenorientiert und dient der Darstellung des Therapieverlaufs sowie der Interventionsplausibilisierung.

TRL zur Interventionsplausibilisierung und Dokumentation

Die TRL kann neben der Diagnostik und Traumatherapiebegleitung auch zur Dokumentation der Anamnese nützlich sein. In seltenen Fällen ist es notwendig fachfremden Professionen die Belastung einer Patientin zu schildern. Eine TRL kann Psychotherapeut:innen beispielsweise als unterstützendes Dokument bei Gerichtsverfahren dienen. Werden Psychotherapeut:innen von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden und vor Gericht geladen, kann eine TRL ihre Argumentation untermauern.
Dabei dient die TRL zur Visualisierung der Anamnese. Im Gegensatz zu psychotherapeutischer Begleitung, werden gerichtlich beeidete Sachverständige aus dem Fachgebiet Psychotherapie ausschließlich für Gutachten vor Gericht bestellt. Die TRL ist weniger für Sachverständige gedacht, sondern eher als kreatives Instrument zur Interventionsplausibilisierung.
Bei Gericht ist es notwendig mögliche Traumafolgen auf das traumatische Ereignis zurückzuführen. Die Verfasstheit der Betroffenen, bei Gericht als Opfer bezeichneten Personen, ist zum Zeitpunkt des psychotherapeutischen Erstgespräches zu beschreiben. Es ist zu begründen, welche Symptome zu beobachten waren und inwiefern diese mit dem traumatischen Ereignis in Zusammenhang stehen. Stellt sich die Verfasstheit des Opfers zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung im Vergleich zum Erstgespräch als besser dar, muss dies begründet werden. Bei Symptomreduktion durch gelungene therapeutische Arbeit, kann der Schaden des traumatischen Ereignisses vom Gericht geringer bewertet werden, so dass die Höhe des Schmerzensgeldes zu Lasten der Betroffenen dann reduziert wird. Daher ist es bedeutend die Verfasstheit sowohl zu Beginn der Psychotherapie als auch zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung beschreiben zu können.
In der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-11) wird komplexe posttraumatische Belastungsstörung als Folge von schweren, anhaltenden oder wiederholten Traumatisierungen klassifiziert. Für Psychotherapeut:innen ist es bedeutend Traumafolgestörungen entsprechend zu diagnostizieren, hilfreiche Interventionen zu setzen und diese auch argumentieren zu können. Gleichzeitig „gibt es in der freien Praxis häufig KlientInnen, die nicht in allen Items das ausgeprägte Vollbild der komplexen PTBS zeigen, jedoch mehr – und manchmal weit mehr – als nur eine klassische PTBS.“ (Bernhaupt-Hopfner und Kosice 2017, S. 13). Trauma ist als Zusammenspiel eines komplexen Gefüges zwischen psychischen, physischen und sozialen Prozessen zu verstehen (Gahleitner und Rothdeutsch-Granzer 2016).
In der ICD-11 der World Health Organization (2023) sind drei Symptomgruppen für die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) definiert. Jede der drei Symptomgruppen kann im TRL notiert werden, wenn Patient:innen davon berichten. 1. Wiedererleben: Intrusive Erinnerungen, Flashbacks und Albträume, die das traumatische Ereignis lebendig erscheinen lassen. Sie gehen mit starken Emotionen wie Angst oder Entsetzen sowie intensiven körperlichen Empfindungen einher. 2. Vermeidung: Aktives Meiden von Erinnerungen, Aktivitäten, Situationen oder Personen, die mit dem Trauma assoziiert sind. Symptome wie emotionale Abstumpfung werden nun als depressive Begleitsymptome betrachtet. 3. Erhöhte Bedrohungswahrnehmung: Übermäßige Schreckreaktionen und erhöhte Wachsamkeit kennzeichnen diese Gruppe. Symptome wie Schlafstörungen oder Reizbarkeit gelten nicht mehr als spezifisch für die PTBS, da diese zu unspezifisch gelten. (Eberle und Maercker 2024, S. 188). Die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung setzt das Vorliegen von Symptomen aus allen drei Symptomkategorien voraus. Darüber hinaus ist eine Störung der Selbstorganisation charakteristisch, welche sich als Dysregulation der Emotionen, zwischenmenschliche Schwierigkeiten sowie in Form von Selbstkonzeptveränderungen manifestiert (Eberle und Maercker 2024, S. 180). Auch die Störung der Selbstorganisation kann in der TRL erfasst werden.
Patientin 3 hatte in ihrer TRL eine Zeugenaussage bei Gericht im Rahmen der Scheidung der Eltern (Sch) in der Schwere der Belastung unter 5 Punkte, jedoch eine Vergewaltigung mit 10 Punkte eingetragen. Anhand der TRL kann die unterschiedliche Belastung der beiden traumatischen Ereignisse klar verdeutlicht werden. Bei der Patientin waren Symptome aus den oben genannten Symptomgruppen nach dem traumatischen Ereignis einer Vergewaltigung (Vgw) gehäuft aufgetreten. Die Patientin erlebte Angst (A) und große körperliche Anspannung (kA). Um dem entgegenzuwirken hatte die Patientin begonnen, sich Haare (H) auszureißen. Das einschränkende körperliche Empfinden und die selbstschädigende Bewältigungsstrategie konnte die Patientin durch das Einlassen auf die Traumapsychotherapie und die intensive Zusammenarbeit mit der Psychotherapeutin reduzieren.
Die Patientin hatte das Bedürfnis die Gegend, wo die Vergewaltigung stattfand zu meiden (V). Da der Tatort jedoch in der Nähe ihres Wohnortes war, musste sie dem Drang, den Ort zu meiden, täglich neu begegnen. Eine Folge davon waren Betäubungs- und Beruhigungsversuche mit übermäßigen, ungesunden Lebensmitteln (L). Mit einem Auszug aus dem Elternhaus konnte die Patientin diesen Bewältigungsversuch in ein gesünderes Verhalten verbessern. Jedoch war die Anreise zum Heimatort weiterhin gezeichnet von der erhöhten Bedrohungswahrnehmung. Fahrzeuge, die dem Täterfahrzeug ähnelten, oder Personen mit Ähnlichkeit zu den Tätern wurden von der Patientin überall vermutet.
In öffentlichen Verkehrsmitteln konnte sie nur in der Nähe der Tür stehen; ein Hinsetzen war nicht möglich (öV) (Abb. 3).
Abb. 3
TRL der Patientin 3. (Eigene Darstellung)
Bild vergrößern
Die Patientin konnte trotz der hohen psychischen Belastung ab der ersten Psychotherapieeinheit Ressourcen nennen, die während des Scheidungsprozesses ihrer Eltern hilfreich waren. Sie nannte die Freude am Lesen von Büchern (LB), ihre Liebe zu Tieren (LT) und die gute Beziehung zu ihrer Mutter (KM). Diese Ressourcen empfand die Patientin auch nach dem zweiten traumatischen Ereignis (Vgw) als unterstützend. Bei den genannten Traumafolgen – Angst (A), große körperliche Anspannung (kA) und die ungesunde Bewältigungsstrategie, sich die Haare (H) auszureißen – waren nur wenige Ressourcen vorhanden. Im Verlauf der Psychotherapie erlernte und übte die Patientin persönliche Ressourcen wie Achtsamkeitsübungen (AÜ) und Entspannungsübungen (EÜ). Ergänzend kamen äußere Ressourcen hinzu, darunter ein schöner Wohnbereich (W) und ein kleiner Freundeskreis (F). Die erlebte Schwere der Belastung reduzierte sich für die Patientin im Laufe der Psychotherapie deutlich (Abb. 4).
Abb. 4
TRL der Patientin 3 zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung
Bild vergrößern
Die TRL zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung (Abb. 4) zeigt im Vergleich zum psychotherapeutischen Erstgespräch (Abb. 3) eine als geringer empfundene Belastung in Bezug auf die Vergewaltigung (Vgw) sowie die Präsenz von Angst (A), beispielsweise bei Erinnerungen an das traumatische Ereignis. Die Belastungen im Rahmen des Scheidungsprozesses der Eltern (Sch) und in Bezug auf die Traumafolgesymptome nach der Vergewaltigung – wie Haare ausreißen (H), übermäßiger Konsum ungesunder Lebensmittel (L), Vermeidung (V), Ängste im öffentlichen Verkehr (öV) und körperliche Anspannung (kA) – wurden deutlich verringert. Es konnten innere und äußere Ressourcen erschlossen und gestärkt werden, wie Achtsamkeitsübungen (AÜ), Entspannungsübungen (EÜ), ein schöner Wohnbereich (W) und ein kleiner Freundeskreis (F).

Fazit

Die Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL) ist ein Instrument zur Unterstützung psychotherapeutischer Prozesse bei der Bearbeitung von Traumafolgen. Sie bietet eine strukturierte und dynamische Dokumentation traumatischer Erlebnisse in Verbindung mit den vorhandenen sowie entwickelbaren Ressourcen der Patient:innen. Durch die grafische Darstellung auf einer Zeit- und Belastungsachse erleichtert die TRL die gezielte Vorbereitung, Begleitung und Nachverfolgung therapeutischer Interventionen. Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung der Integration von Ressourcen in die Traumalandkarte, um ein Pendeln zwischen belastenden Ereignissen und stärkenden Elementen zu fördern. Dies trägt zur Stabilisierung, Erhöhung der Selbstwirksamkeit und Resilienz der Betroffenen bei. Die TRL ist flexibel und kann kontinuierlich aktualisiert werden, sodass Fortschritte visualisiert und die therapeutische Zusammenarbeit unterstützt werden. Zudem dient sie sowohl der Vorbereitung als auch der Plausibilisierung von Interventionen, da sie eine ressourcenorientierte Darstellung traumatischer Belastungen sowie möglicher Traumafolgen bereits zu Beginn der Psychotherapie ermöglicht. Insgesamt stellt die TRL ein praxisnahes Tool für die Traumatherapie dar, das sowohl diagnostische als auch therapeutische Anwendungen unterstützt.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Zeller gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Ethische Standards

Die Patientin (3) hat der anonymisierten Verwendung ihrer Daten im Rahmen dieser Falldarstellung schriftlich zugestimmt. Die Verarbeitung ihrer Daten erfolgte unter strikter Einhaltung der geltenden datenschutzrechtlichen Vorschriften. Eine diesbezügliche Erklärung (informed consent) liegt der Autorin vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Download
Titel
Trauma- und Ressourcenlandkarte (TRL) als diagnostisches und interventionsbegleitendes Tool
Verfasst von
Melanie Zeller
Publikationsdatum
25.04.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum / Ausgabe 1-2/2025
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-025-00271-9
Zurück zum Zitat Bernhaupt-Hopfner, M., & Kosice, T. (2017). Traumatherapie in der psychotherapeutischen Praxis. Herausforderungen und Möglichkeiten bei der Arbeit mit komplex traumatisierten KlientInnen. Psychotherapie Forum, 22, 12–18.CrossRef
Zurück zum Zitat Böhm, K. (2021). EMDR in der Psychotherapie der PTBS. Traumatherapie schonend und nachhaltig umgesetzt. Heidelberg: Springer.CrossRef
Zurück zum Zitat Eberle, D., & Maercker, A. (2024). Belastungsbezogene Störungen in der ICD-11. Die Psychotherapie. https://doi.org/10.1007/s00278-023-00707-0.CrossRef
Zurück zum Zitat Ehrhardt, S., Gamperl, A., & Zeller, M. (2023). Fallbuch zur Sozialen Diagnostik in der Klinischen Sozialen Arbeit. Stuttgart: UTB.CrossRef
Zurück zum Zitat Fischer, G., & Riedesser, P. (2023). Lehrbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart: UTB.CrossRef
Zurück zum Zitat Gahleitner, S. B., & Rothdeutsch-Granzer, C. (2016). Traumatherapie, Traumaberatung und Traumapädagogik. Ein Überblick über aktuelle Unterstützungsformen zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen. Psychotherapie Forum, 21, 142–148.CrossRef
Zurück zum Zitat Gahleitner, S. B., Frank, Ch , & Leitner, A. (Hrsg.). (2015). Ein Trauma ist mehr als ein Trauma. Biopsychosoziale Traumakonzepte in Psychotherapie, Beratung, Supervision und Traumapädagogik. Weinheim: Beltz Juventa.
Zurück zum Zitat Gysi, J. (2025). Diagnostik von Traumafolgestörungen. Multiaxiales Trauma-Dissoziations-Modell nach ICD-11. Bern: Hogrefe.
Zurück zum Zitat Hofmann, A. (2014). EMDR. Praxishandbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen (5. Aufl.). Stuttgart: Thieme.
Zurück zum Zitat Hofmann, A., Ostacoli, L., Lehnung, M., & Hase, M. (2020). Depressionen behandeln mit EMDR. Techniken und Methoden für die psychotherapeutische Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.
Zurück zum Zitat Huber, M. (2005). Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung. Paderborn: Junfermann.
Zurück zum Zitat Lühr, K., Zens, C., & Müller-Engelmann, M. (2021). Therapie-Tools Posttraumatische Belastungsstörung. Weinheim: Beltz.
Zurück zum Zitat Schörmann, C. (2021). Trauma und biografische Arbeit. Eine biografieanalytische Studie, anhand erzählter Lebensgeschichten komplex traumatisierter Erwachsener. Wiesbaden: Springer.CrossRef
Zurück zum Zitat World Health Organization (2023). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.). https://icd.who.int/en. Zugegriffen: 15. März 2025.