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27.05.2019 | übersichtsarbeit | Ausgabe 1-2/2019 Open Access

Psychotherapie Forum 1-2/2019

Tiefenpsychische Dimensionen männlicher Sozialisation

Zeitschrift:
Psychotherapie Forum > Ausgabe 1-2/2019
Autor:
Lothar Böhnisch
Wichtige Hinweise

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
In der männlichen Sozialisation wirkt ein tiefenpsychischer Mechanismus der Idolisierung des Männlich-Starken und Abwertung des Weiblich-Schwachen, der in allen Jungen und Männern in unserer Kultur steckt und je nach biographischem Vermögen und sozialem Umfeld bewältigt werden muss. Trotz veränderter Rollenmodelle von Männlichkeit und Weiblichkeit ist dieser Mechanismus weiterhin, wenn auch heute oft verdeckt, wirksam. Unter den gegenwärtigen sozialpolitischen Bedingungen ist Männlichkeit zwar flexibler geworden:
Es schein aber fraglich, ob mit diesem Wandel auch im Geschlechterverhältnis in Familie und Paarbeziehung grundsätzliche Veränderungen angestoßen werden. (Koppetsch und Speck 2015, S. 235)
Aber: In den beiden repräsentativen Replikationsstudien, der deutschen (Volz und Zulehner 2009) und der österreichischen von 2012 (BMASK 2014) zeigt sich, dass die Einstellungen der Männer im Mehrheitsbereich in den letzten 25 Jahren relativ resistent geblieben sind. Der Mehrheitstypus des pragmatischen bis suchenden Mannes überwiegt deutlich. Der moderne Mann ist der modularisierte Mann, der sich in unterschiedlichen Lebensbereichen sozial und im Geschlechterverhältnis entgegenkommend, oder eben anpassend bis strategisch verhält, sich aber auch seiner männlichen Identität weiter versichert und sie in selbstgesuchten Zonen und Nischen immer wieder ‚aufzuladen‘ versucht. Der neuere Trend zur Remaskulinisierung verstärkt diese Entwicklung.
Das erste Bild von sich selbst erblickt der Junge in den Augen der Mutter. In ihnen spiegelt er sich in den ersten beiden Jahren nach der Geburt, mit ihr verbindet er Geborgenheit aber auch Gefühlsmacht. Danach aber kommt die Zeit, in der er sich von der Mutter ablösen muss, um sich als selbstständiges Wesen fühlen und darstellen zu können. Diesen Entwicklungsschritt müssen auch die Mädchen machen. Bei den Jungen kommt aber etwas Entscheidendes dazu: Sie brauchen eine neue Bezugsfigur, um ihr Geschlecht, das sie nun an sich selbst wahrnehmen, auch in ihrer Umgebung zu finden: Den Vater oder eine andere männliche Bezugsperson. Viele Väter sind aber nicht so präsent und zugänglich, wie das für eine intensive Identifikation nötig wäre. Die Väterforschung spricht vom „abwesend anwesenden“ Vater. Seine Beziehung zum Kind ist im Vergleich zur mütterlichen eher äußerlich, auch wenn er sich zu dem Jungen hingezogen fühlt. Die alltägliche Beziehungsarbeit machen in unserer Gesellschaft die Mütter. Das zeigen die Erziehungs- und Karenzzeitstatistiken.
Jungen müssen sich in unserer Kultur – anders als Mädchen – früh aus der symbiotischen Geborgenheit bei der Mutter, dem Eins-Sein mit ihr, lösen, um die Orientierung an einer männlichen Geschlechteridentität zu finden (vgl. Benjamin 1990), und werden dann auch in der Pubertät mit einer entsprechend anderen körperlich-seelischen Dramaturgie der Ablösung konfrontiert:
Die Formulierung, das Phantasma des Eins-Seins mit der Mutter ‚aufgeben‘ zu müssen, darf aber nicht missverstanden werden. Denn erstens verschwindet es natürlich nie, sondern bleibt als Begehren […] virulent, und zweitens ist ja die Voraussetzung für eine gelingende Bewältigung dieser Thematik gerade die Sicherheit, dass es auch im Getrenntsein irgendeine Art von Bindung gibt, damit das Kind nicht aus dem Phantasma heraus ins Bodenlose fällt. (Rendtorff 2006, S. 95)
Die frühkindliche Suche nach männlicher Geschlechteridentität ist also zuerst durch das Bindungs‑/Ablösungsverhältnis zur Mutter und dann durch das – mit ihm konkurrierende und ihn zugleich suchende – Verlangen nach dem „männlichen“ Vater (oder einer vergleichbaren männlichen Bezugsperson) bestimmt: „Der Vaterhunger des präödipalen Jungen“ drängt auf die Abgrenzung von der Weiblichkeit der Mutter und der damit verbundenen Abhängigkeitsbeziehung:
Der Sohn identifiziert sich schließlich mit der Männlichkeit des Vaters, aber auch mit seiner Art und Weise der Beziehung zur Weiblichkeit und zur Mutter. (Dammasch 2011, S. 78)
Für viele Jungen ist es aber schwer, über den Vater – oder eine ähnlich nahe männliche Bezugsperson – jene Alltagsidentifikation zu bekommen, die sie brauchen, um in ein ganzheitliches – Stärken und Schwächen gleichermaßen verkörperndes – Mann-Sein hineinwachsen zu können. Die Väter sind ja nicht nur räumlich (zum Beispiel über die Berufsrolle), sondern oft auch mental abwesend, wenn sie zuhause sind, sich aber wenig um die häusliche Beziehungsarbeit kümmern. Diese obliegt meist der Mutter, die sich dem Jungen in ihren Stärken und Schwächen zeigt. Die Schwächen des Vaters und seine alltäglichen Nöte des Mann-Seins – z. B. das Ausgesetztsein und die Verletzungen im Beruf – werden dagegen für den Jungen selten sichtbar. So erhält er ein einseitiges Vaterbild, das durch die ‚starken‘ Männerbilder, die der Junge mit zunehmendem Alter über die Medien wahrnimmt, noch verfestigt wird. Dies führt bei ihm zwangsläufig zur Idolisierung des Mann-Seins und zur Abwertung des Gefühlsmäßigen, Schwachen, ‚Weiblichen‘, da er die eigenen weiblichen Gefühlsanteile, die er ja seit der frühkindlichen Verschmelzung mit der Mutter in sich trägt, immer weniger ausleben kann:
Ein Junge, der […] den Zugang zu seinem inneren Raum verloren hat, wird süchtig nach der Eroberung äußerer Räume. (Benjamin 1990, S. 158)

Umwegidentifkation

Die alltägliche Bindungsintensität der Mutter und die mangelnde Alltagspräsenz des Vaters (vgl. Huber 2018) erschweren dem kleinen Jungen die männliche Geschlechtsidentifikation, zu der ihn nicht zuletzt die frühe körperliche Entdeckung seines geschlechtlichen Andersseins zwingt. Da die Prozesse der Identitätsfindung von den Möglichkeiten der Alltagsidentifikation abhängig sind, rückt die Mutter als alltagspräsentes Identifikationsobjekt zwangsläufig in den Mittelpunkt der kindlichen Suche nach männlicher Geschlechteridentität. Die Mutter verhält sich hier meist ambivalent: Auf der einen Seite will sie den Sohn sich ‚als Mann‘ entwickeln sehen, andererseits kann sie aber – über das Mutter-Kind-Verhältnis hinaus – keine männlichkeitsauffordernde Geschlechterbeziehung zum Jungen bei sich zulassen. Der kleine Junge spürt, dass er von der Mutter gleichzeitig ‚zum Mann‘ ermuntert und zurückgewiesen wird. In dieser zwiespältigen Beziehungskonstellation ist der Junge – weil die Mutter ja das alltagsverfügbare Identifikationsobjekt ist – auf eine „Umwegidentifikation“ angewiesen (Hagemann-White 1984, S. 90 ff.):
Mann-Sein wird an dem gemessen, was man an sich selbst und den Männern seiner Umgebung sieht – bei sich selbst vor allem den Penis, bei den ‚großen‘ Männern das maskulin-dominante Auftreten –, und mit dem verglichen, was die Mutter hat bzw. nicht hat. So wird die Mutter als ‚Nicht-Mann‘ erkannt. Die prägnanteste Wahrnehmung dabei ist, dass die Frau keinen Penis hat. (ebd., S. 82)
Später gilt der Blick des Jungen dem weiblichen Habitus und dem Rollenverhalten der Mutter und anderer Frauen in der näheren Umgebung. Da der Vater nur partiell in seinen demonstrierten Stärken (Ausnahmeverhalten) präsent ist und zudem die Mutter oft auch stellvertretend für ihn, aber in seinem Namen, agiert, erscheint der Vater übermächtig. Der alltägliche Zwang zur Umwegidentifikation und die Idolisierung des Männlichen gehen beim Jungen ineinander über. Nancy Chodorow (1985) hat versucht, die Ablauflogik dieser Umwegdefinition aufzuschließen, und ist dabei zu einem erweiterten, kumulativen Modell ‚Mann = Nicht-Nicht-Mann‘ gekommen. Danach läuft die männliche Geschlechtsidentifikation über die Mutter als Nicht-Mann, d. h. über die Distanzierung von und Abwertung der sichtbaren weiblichen und damit nicht-männlichen Geschlechtsmerkmale und Ausdrucksformen:
Der unbewusste Wunsch, der abgewehrt werden muss, [ist] die Regression der Symbiose mit der Mutter. (Gilmore 1991, S. 105)
So ist dem Jungen eine männliche Perspektive eröffnet, da über die Nicht-Nicht-Mann-Perspektive eine positive Wendung zur „männlichen Identifikation am Weiblichen“ (ebd.) hin möglich wird.
Eben aus diesem strukturellen Zwang zur Umwegidentifikation oder „Gegenidentifizierung“ (vgl. Mertens 2016, S. 173) resultieren die Antriebe zur Idolisierung des Männlichen und Abwertung des Weiblichen, die dann in späteren Jahren durch die soziale und mediale Umwelt verstärkt oder reduziert werden können. Eine Gegensteuerung ist vor allem dann erfolgversprechend, wenn der Vater früh und alltäglich seinen ganzheitlichen Anteil an der Beziehung zum Jungen übernimmt, die Mutter dem Sohn als selbstständige und egalitäre Instanz gegenübertreten kann. Deshalb sind es vor allem sozial benachteiligte Jugendliche aus Familien mit rigiden Geschlechterrollen, bei denen die Idolisierung des Männlichen und Abwertung des Weiblichen besonders hervortritt.
Ganz wird sich dieses tiefenwirksame Strukturmodell der Umwegidentifikation aber nicht auflösen lassen, solange es an die frühkindliche Mutter-Kind-Symbiose gebunden ist. Das können auch Väter bestätigen, die die Möglichkeit des Erziehungsurlaubs voll ausgeschöpft haben. Das bedeutet aber nicht, dass Jungen und Männer dieser tiefenstrukturell wirksamen Konstellation des Mann-Werdens ohnmächtig ausgesetzt sind. Denn es handelt sich hier nicht um einen deterministischen Sachverhalt, sondern um eine Spannung, die biografisch produktiv bewältigt werden kann, auch wenn sich jeder Junge und Mann im Verlauf seines Lebens immer wieder dabei ertappt, dass solche Idolisierungs- und Abwertungsgefühle bei ihm aufkeimen und ihn anrühren, auch wenn er sonst für sich in Anspruch nimmt, sie überwunden zu haben. Die Idolisierung des Männlichen und Abwertung des Weiblichen wird auch durch das immer noch wirkende Homosexualitätstabu eigentümlich verstärkt. Gerade weil ab dem achten/neunten Lebensjahr, wenn Jungen die Mädchen nicht mehr unbefangen als Spielpartnerinnen akzeptieren, Jungenfreundschaften wichtiger werden, entfaltet das von der sozialen Umwelt latent gehaltene, von den Jungen aber schon gespürte Tabu kontraproduktive sozialisatorische Wirkungen. Die homoerotischen – im Sinne von geschlechtsempathischen – Anteile werden unterdrückt. Dies hat Folgen für den Umgang miteinander und damit auch für späteres kollektives Männerverhalten.
Dennoch: In all diesem Chaos hat die Jugendpsychologie die „zweite Chance“ in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausgemacht. Es ist nur scheinbar ein – sporadischer – ‚Rückfall‘ in die frühe Kindheit, bisweilen mit entsprechend primitiven Formen des Körperausdrucks und der Sprache. Das „Kindische“, das man nun an den pubertierenden Jugendlichen ausmacht, die „Regression“ hat vor allem auch eine produktive Bedeutung. Es kann sich alles im Jungen und im Mädchen neu aufbauen. Dieser psychosexuelle Reifungsprozess läuft nun aber nicht mehr, wie in der frühen Kindheit, im Beziehungskorsett der Familie ab, sondern in der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. Die innere Ablösung von den Eltern steht an:
Der Triebdurchbruch der Pubertät lockert die vorher in der Familie gebildeten psychischen Strukturen und schafft damit die Voraussetzungen für eine nicht mehr auf den familiären Rahmen bezogene Umstrukturierung der Persönlichkeit. (So beschreibt Mario Erdheim 1988 die „zweite Chance“ der Jugend.)
Die Jugendlichen treten gleichsam aus der Familie heraus in die gesellschaftliche Kultur. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis, das er auch als „Dilemma“ der Pubertät bezeichnet, denn Familie und gesellschaftliche Kultur sind unterschiedlich, ja widersprüchlich aufgebaut. Das Familienleben ist geprägt durch Intimität, unbefragte emotionale Verbundenheiten im Füreinander. Gesellschaftliche Kultur hingegen entwickelt sich über die Arbeit und die Öffentlichkeit, als formelle Organisation und geregelte Instanz. Die Eltern erleben an ihren Jugendlichen dieses Hin und Her zwischen Intimität und Distanz, Hassliebe und steif-formeller Zurückweisung, kindlicher Unsicherheit und forderndem Auftreten.

Die Pubertät

Die Pubertät macht sich beim Jungen zwischen dem elften und dreizehnten Lebensjahr stürmisch bemerkbar. Im Gesicht, auf der Brust, an den Armen und Beinen und um den Penis herum wachsen die Haare, der Kehlkopf kugelt sich heraus und mit dem Stimmbruch kommt auch die „männliche“ Stimme. Samenergüsse häufen sich. Auf einmal sehen die Jungen älter aus. Mit dieser körperlichen Entwicklung kann die Psyche nicht Schritt halten. Die Jungen sind im Ungleichgewicht. Sexuelle Spannungen, heftige Gemütsschwankungen und Reizausbrüche sind an der Tagesordnung. Die hormonellen Veränderungen machen sich schubweise bemerkbar. Die Nerven liegen blank. Das ist wörtlich zu nehmen, denn aus der Hirnforschung wissen wir, dass die Nervenbahnen, die für die Emotions- und Aggressionskontrolle wichtig sind erst in der Jugend ihre Schutzhülle, die sie vor überbordenden Reizen bewahrt, erhalten. Dieser innere Aufruhr muss nach außen getragen werden, und es bleibt nicht aus, dass die Jugendlichen überall anecken. Donald Winnicott (1988), der englische Kinder- und Jugendpsychiater, hat das rätselhafte dieses leibseelischen Wechselbades, das Jugendliche durchleben, auf eben diesen Begriff gebracht: Jugendliche in der Pubertät verhalten sich so, als ob sie das Chaos, die Unwirklichkeit, die in ihnen ist, zur sozialen Wirklichkeit machen wollten. Gleichzeitig wird die pubertäre Hektik durch die unbewusste Angst geschürt, aus der Geborgenheit der Kindheit herausgeworfen zu werden. Die kindlichen Regressionen werden deshalb auch als Abwehrhaltungen gedeutet, mit denen der gespürte aber noch nicht lenkbare Entwicklungsdruck gebremst werden soll. Insofern ist die Verkindlichung in der Pubertät kein Rückfall, sondern eine Schwelle, welche die Entwicklung eher stützt, denn beeinträchtigt.
Die Pubertät als spannungsgeladene leibseelische und soziale Entwicklungs- und Übergangssituation verlangt den Jungen viel Energie ab. Sie haben keine Erfahrungen, auf die sie aufbauen können, sie erleben alles neu und klammern sich notgedrungen an sich selbst. Auch hier entsteht meist – wie bei der kindlichen Regression – ein pädagogisches Missverständnis. Der ausgeprägte Narziss der Jugendlichen, ihr scheinbarer Egoismus wird oft immer noch als Störung gedeutet. Dabei bleibt den Jugendlichen nichts anderes übrig, als die Welt um sich kreisen zu lassen. Sie haben ja noch keine existenziell sicheren Orientierungspunkte in dieser pubertären Unübersichtlichkeit. Sie schwanken zwischen Omnipotenzgefühlen, Ohnmacht, Ängsten und lustvollen Selbstinszenierungen. Dazwischen immer wieder Versagensängste, Angst kein richtiger Mann zu sein, Beklommenheit angesichts der Hilflosigkeit, der man sich ausgesetzt fühlt. Jungen in der Pubertät stehen unter Stress. Es ist eine Befindlichkeit, in der man sich ausgeliefert fühlt und seiner nicht Herr werden kann. Deshalb auch die Suche nach Wohlgefühl um jeden Preis. Spaß ist angesagt. Ist Spaß mit Angst gepaart, dann geht er oft auf Kosten anderer. Der Körper macht Angst, also muss ich diese meine bedrohliche Körperlichkeit von mir wegdrücken, an anderen auslassen. Drohgebärden gehören zur pubertären Sprache Jugendlicher, sie überspielen damit ihre Hilflosigkeit und versuchen gleichzeitig, sich zu inszenieren.
Die Pubertät ist die Zeit der Idole. Sie symbolisieren Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Erreichbarkeit dieser Träume spielt in der Unwirklichkeit der Pubertät keine Rolle. Zu Idolen werden meist Schauspieler, Popstars, Fußballer. Idolen eifert man nicht nach, man projiziert seine Träume und Wünsche auf sie. Sie können konkrete männliche Vorbilder nicht ersetzen. Vorbilder kann man aber Jugendlichen auch nicht verordnen. Sie suchen sie sich. Für die Erwachsenen manchmal ganz unverhofft. Lehrer erschrecken zuweilen, wenn sie die Spannung fühlen, die der eine oder andere Junge ihnen auflädt. Er hat an dem Lehrer etwas entdeckt, gespürt, was ihn zu ihm hinzieht, von dem er glaubt, dass er es auch so tun oder dass er so sein könnte. So geht es auch oft Trainern, Jugendarbeitern, Verwandten oder Nachbarn. Es läuft aber anders ab, als es den Eisenhans-Jüngern vorgeschwebt hat. Es ist nicht das Ritual, mit dem ältere Männer den Jungen in den Männerstatus einführen wollen, ob er nun will oder nicht. Es ist vielmehr der Junge selbst, den es zum Älteren hinzieht, von dem er glaubt, dass er zu ihm passt, dass er das verstehen kann, was ihn bewegt. Die Eltern treibt dann die Angst vor den falschen Freunden um. Vor allem, wenn die Jugendlichen nichts erzählen wollen. Das gehört aber zur pubertären Distanz zu den Eltern.

Die männlich dominierte Clique

Im Pubertätsalter üben die peers, die Cliquen der Gleichaltrigen, einen besonderen Einfluss auf Jungen aus. Sie konstituieren ein soziales Feld des Experimentierens, des Grenzen Erprobens, der Einübung von sozialen Rollen und sind Arena des männlichen Wettbewerbs jenseits von Elternhaus und Schule:
In der Gruppe, die sich der Adoleszent zur Identifikation sucht […], handeln die extremen Gruppenmitglieder für die Gesamtgruppe. Alles was in den Kämpfen Jugendlicher vorkommt – Stehlen, Messerstechen, Ausbrechen und Einbrechen –, alles muss in der Dynamik in dieser Gruppe aufgehoben sein. (Winnicott, i. d. Übers. David und Wallbridge 1983, S. 134)
Cliquen fördern vor allem auch die Ablösung vom Elternhaus (vgl. Schubert 2012). Das geschieht in einem Spannungsverhältnis. Gerade in der Phase gegen Ende der Pubertät wird deutlich, dass die Chancen der Jungen, „mit der Adoleszenz einen eigenen Weg zu gehen, zunächst eingebunden sind in die entsprechenden Signale seitens der Mütter und Väter: ob sie bindende Qualitäten betonen oder aber trennende Impulse geben“. Und:
Von der Qualität dieser [Gleichaltrigen] Beziehungen hängt es ab, wie es den jungen Männern gelingt, sich innerpsychisch – auch die sexuellen Wünsche und Phantasien umfassend – von den Eltern zu lösen. (Flaake 2012, S. 118)
Vor allem aber sind Peers Lernorte der Geschlechtsidentifikation auf der Suche nach männlicher Identität. Nach einer langen von Frauen dominierten und abhängigen Kindheitsperiode, sind sie hier „unter Männern“, können sich gegenseitig in ihrer Männlichkeit spiegeln. Das kann allerdings dann problematisch werden, wenn die Clique ihren Zusammenhalt und ihre Aktivitäten allein über die Inszenierung von Männlichkeit aufbaut. Dann kommt es leicht zu einem maskulinen Aufschaukelungsprozess der Idolisierung des Männlich-Starken und Abwertung des Weiblichen (s. oben). In diesen Sog werden dann alle Cliquenmitglieder gezogen, denn in der Gruppe stehen die Einzelnen unter Druck, Dinge zu tun, die sie allein nicht tun würden.
Alles, was die Gruppe aus sich heraus gibt – Gegenseitigkeit, Anerkennung, Erregung, Aktivität – geschieht in der Gruppe; die Clique genügt sich selbst und ihr ist es egal, was in der gesellschaftlichen Umwelt über sie gedacht wird oder wie man sie bewertet. Deshalb ist das Erleben der Gruppenzugehörigkeit für Jugendliche so wichtig: Das gegenüber Familie und Gesellschaft isolierte unwirkliche Ich öffnet und bezieht sich in der Intimität des Wir der Gruppe und kann sich so selbst regulieren. In dieser Dynamik wirkt sie aber auch immer wieder in die Schule hinein.

Jungen in der Schule

Zum andern glaubt diese mit ihrem Koedukationsedikt, geschlechtstypische Unterschiede im Sinne von Benachteiligungen ausgeglichen zu haben. Dabei zeigen aber geschlechtsspezifische Schüleruntersuchungen, dass in der Schule – wie schon im Kindergarten angelegt – ähnlich geschlechtstypisches Verhalten freigesetzt wird: Mädchen sind im Durchschnitt mehr unterrichtszentriert, Jungen aktivitätsgedrängter und deswegen unterrichtsstörender. Jungen werden wegen ihres Verhaltens im Durchschnitt auch mehr bestraft als die Mädchen. Das führen Lehrer und Lehrerinnen gerne an, wenn ihnen von der Geschlechterforschung vorgehalten wird, dass sie den Jungen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen als den Mädchen; sie strafen sie ja! Aber meist sind ihre Sanktionen uneindeutig:
Jungen geraten damit in ein Dilemma. Einerseits wird von ihnen als Jungen aktives und wildes Verhalten erwartet. Andererseits wird dieses Verhalten kritisiert und sanktioniert. Weil viele Erwachsene aber nicht autoritär sein wollen, erfolgen die Sanktionen nicht unmittelbar, sondern indirekt, z. B. über die Leistungsbewertungen in der Schule. (Rohrmann 2012,S. 129)
Dass sich dabei ein verdecktes soziales Curriculum entwickelt, können die meisten LehrerInnen nicht verstehen. Jungen erfahren so unbewusst, dass sie durch antisoziales Verhalten Aufmerksamkeit auf sich ziehen, das Unterrichtsklima ändern und sich – indem sich LehrerInnen und Klasse ihnen zuwenden – zumindest situativ durchsetzen können. In der Struktur der Schule ist also angelegt, dass sie eine männliche Durchsetzungskultur und eine Kultur der weiblichen Zurücknahme fördert. Die Mädchen erbringen zwar im Durchschnitt die besseren Leistungen, wenn es aber um das Sozialverhalten und das soziale Durchsetzungsvermögen geht, vor allem nach der Schule in der Konkurrenz um die beruflichen Chancen, wirkt sich die männliche Dominanz- und Durchsetzungskultur deutlich aus, zumal sie sich in der sozialen Umgebung und der Gesellschaft spiegeln kann:
Bemerkenswert ist, dass sich Jungen wie Mädchen in der unfreiwilligen Situation der Schule geschlechtsstereotyper verhalten als im privaten Rahmen. Viele Jungen und Mädchen erlernen u. a. in der Schule, wie man sich geschlechterkonform verhält. […]. Der verpflichtende Charakter scheint also nicht zum Abbau von Geschlechterdifferenzen und -hierarchíen beizutragen, sondern kann diese sogar verschärfen – entgegen dem Anspruch des Abbaus der Ungleichheit in der Schule. (Budde und Veth 2010, S. 70)

Prekäre Übergänge

Das geheime Geschlechtercurriculum der Schule bricht in dem Maße in der Übergangsphase in den Beruf auf, in dem diese neue Bewältigungsprobleme mit sich bringt. Denn der ökonomische und technologische Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft hat nicht nur zu einem relativ gleich bleibenden Sockel von struktureller Massenarbeitslosigkeit geführt, sondern auch die Übergänge in den Beruf und Berufsperspektiven insgesamt für viele junge Leute fragil gemacht. Auf der einen Seite gibt es Familien, die genug ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, um ihren Kindern Umwege zu gestatten, damit sie nicht der negativen Dynamik des beruflichen Scheiterns und der Aussichtslosigkeit von Berufsperspektiven ausgesetzt sind: Sie sollen experimentieren können, Unterschiedliches ausprobieren, bis in die Mitte des zweiten Lebensjahrzehntes oder gar bis zum dreißigsten Lebensjahr sich ein solides und reflexives biografisches Fundament geschaffen haben, von dem aus sie für die zukünftigen Wechselfälle einer flexibilisierten Arbeitsgesellschaft gerüstet sind. Auf der anderen Seite stehen die vielen Familien, die diesen ökonomischen und kulturellen Kapitalstock nicht besitzen und die ihre Jugendlichen früh den neuen Risiken der Arbeitsgesellschaft aussetzen müssen. Junge Männer geraten in der Übergangszeit des Jungen-Erwachsenen-Alters stärker unter Druck:
Die strukturelle Ungewissheit der Lebensphase Jugend führt […] bei vielen jungen Männern stärker als bei jungen Frauen zu Verunsicherungen. (Jugend 2010 2010, S. 44)
Der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft hat diese Gruppe mit dem Abbau ungelernter Tätigkeiten in der Folge der Computerisierung besonders hart getroffen. So zeigen die biografischen Befunde zur Übergangsforschung (Arnold et al. 2004), dass – gerade bei jungen Männern – der verwehrte Zugang zum Arbeitsmarkt auch den Zugang zum Selbst einschränkt, d. h. dass es eher zur Abspaltung der damit verbundenen Hilflosigkeit und eben zur Freisetzung naturalistisch-maskuliner Durchsetzungsorientierung in der Geschlechterkonkurrenz kommen kann, die angesichts der gleichberechtigten Bildungschancen und vergleichbaren Bildungsabschlüsse von Jungen und Mädchen schon aufgehoben schien. Der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft zwingt viele in immer wieder neue Versuche und Abbrüche:
In allen Bundesländern haben junge Männer ein deutlich höheres Risiko […] in einer ‚Warteschleife‘ zu landen. […] Aber auch wenn eine Berufsausbildung absolviert wird, haben junge Männer ein größeres Risiko, anschließend arbeitslos zu werden. (Matzner 2012, S. 161)
Für junge Männer sind solche frühen Integritätskrisen immer auch Sinnkrisen, da sich viele von ihnen ja weiterhin in einem möglichst gut dotierten Arbeitsverhältnis und in ihrer männlichen Verantwortung für eine Familie erfüllen möchten. Der Sinnbezug ‚Kinder großziehen‘, der jungen Frauen neben dem Beruf offen steht, scheint ihnen dagegen subjektiv wie von den gesellschaftlichen Bedingungen her immer noch verwehrt.
In offenen und diffusen Übergängen der Arbeits- und Berufssuche stehen junge Erwachsene oft unter dem Druck der Selbstinszenierung vor allem in ihrer sozialen Umgebung. Sie sind gedrängt zu zeigen, dass sie da sind und dass sie wer sind. Selbstinszenierungen können deshalb als „Praktiken der Übergangsbewältigung“ gelten (Stauber 2013, S. 530 f.). Bewältigungstheoretisch interpretiert sind es abgespaltene (kompensatorische) Akte der Selbstbehauptung, in denen Hilflosigkeit in Stärke, Selbstwert und Selbstwirksamkeit umgewandelt und symbolisch erzeugt werden kann. Ein Medium dafür ist Körperlichkeit in oft übersteigerter maskuliner Inszenierung aber auch in gegengeschlechtlichen Verfremdungen. Damit laufen die jungen Männer Gefahr, stereotypen Interpretationen ausgesetzt zu sein, die oft überhaupt nicht ihrer leibseelischen Befindlichkeit hinter der körperlichen Fassade entsprechen.
Erwerbsarbeits-Rolle und männliche Identität gehen in unserer Arbeitsgesellschaft tendenziell ineinander über. Gleichzeitig gibt sich die betriebliche Arbeitsorganisation geschlechtsneutral, verlangt aber von den Männern, dass sie in der Arbeit aufgehen, Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbst lösen sollen. Die Produktionsstruktur ist auf Konkurrenz, Wachstum und Beschleunigung gepolt, es darf kein Leer- und Stillstand eintreten. Die Arbeitsorganisation und Arbeitskultur spiegeln sich diese Prinzipien. Man spricht von „gendered orgnisations“, in denen männliche Prinzipien der Kommunikation, Durchsetzung und Kontrolle vorherrschen, denen sich auch Frauen unterordnen.

Interessenkonflikt

L. Böhnisch gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Hinweis des Verlags

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