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Thermotherapie

  • Open Access
  • 01.12.2025
  • DFP-Fortbildung
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Zusammenfassung

Physikalisch-medizinische Therapien gliedern sich systematisch in die Balneo- und Klimatherapie, Elektrotherapie, Licht- bzw. Phototherapie, Mechanotherapie und Thermotherapie. Alle diese Modalitäten zielen auf die Behandlung von Schmerzen und Funktionseinschränkungen am Bewegungsapparat und aller weiteren Organsysteme sowie auf daraus resultierende Einschränkungen der Mobilität und Teilhabe ab. Das vorliegende Literaturstudium fokussiert auf die Thermotherapie, das heißt per definitionem auf therapeutische Maßnahmen der Wärmezufuhr bzw. des Wärmeentzugs (Applikation von Wärme oder Kälte) zu Heilzwecken.

Fortbildungsanbieter

Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG)

Lecture Board

Univ.-Prof. Dr. Mohammad Keilani, MSc, Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Nuhr, MSc, NUHR Medical Center, Senftenberg, Österreich
Literatur beim Verfasser

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Maßnahmen der Thermotherapie dienen der Modulation von Schmerz, Muskeltonus, Durchblutung, Stoffwechsel und ermöglichen Regenerations- und Heilungsprozesse (wirken analgesierend regenerativ und sozusagen auch als „Enabler“ weiterer notwendiger therapeutischer und rehabilitativer Maßnahmen). Grundsätzlich unterscheidet man die Hyperthermie bzw. Wärmetherapie (lokal oder systemisch, > 36 °C) von der Kryotherapie bzw. Kältetherapie (lokal oder systemisch, < 36 °C). Im Zusammenhang mit der Thermotherapie sind die Individualisierung mit einer adäquaten Auswahl nach dem Zustandsbild der Patient:in sowie nach der Erkrankungsphase – akut eher Kälte, chronisch meist Wärme – die adäquate Integration in multimodalen Konzepten und Kombination mit Physio- und Ergotherapie, Trainingstherapie, manuellen Verfahren, Pharmakotherapie und psychologisch-psychotherapeutischen Verfahren höchst relevant. Thermotherapeutische Verfahren sind dabei relativ nebenwirkungsarm, kosteneffizient und finden dementsprechend breite Anwendbarkeit im Klinik- und Praxisalltag.
Wärmetherapie zielt auf chronische Schmerzen wie u. a. Rücken- und Kreuzschmerz sowie Arthrose mit Muskelverspannungen, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenaffektionen, Kältetherapie wiederum mehr auf akute Verletzungen wie Traumen, Distorsionen, postoperative Zustände, entzündliche Gelenkserkrankungen wie aktivierte Arthrosen, Arthritiden, Ödeme etc. ab.
Für die Kryotherapie besteht moderate wissenschaftliche Evidenz für u. a. eine kurzfristige Schmerzlinderung und Ödemkontrolle nach akuten Verletzungen, für die Wärmetherapie besteht wissenschaftliche Evidenz für Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung bei chronischen muskuloskeletalen Erkrankungen. Die Effektivität im Konzert multimodaler Konzepte (z. B. multimodale Schmerzbehandlung, Rehabilitation, physikalisch-medizinische Anwendungsserien etc.) ist besser belegt als jene für die Monotherapie (nicht zuletzt aufgrund methodischer Ursachen, da nämlich praktisch nie ausschließlich thermotherapeutisch allein behandelt wird und daher keine groß angelegten Studien zu ausschließlich dieser Maßnahme vorliegen). Thermotherapeutisch effektive Modalitäten mit Wärmewirkung lassen sich wie z. B. bei der leitliniengerechten Therapie des unspezifischen Kreuzschmerzes aus allen systematischen Untergruppen physikalischer Therapien lukrieren. Beispiele hierfür sind aus der Balneo- und Klimatherapie z. B. das „Sonnenbaden“, die Thalassotherapie, balneologische und hydrotherapeutische Anwendungen wie Peloide, u. a. Fango, Parafango, Fango, Moor etc., aus der Elektrotherapie die sog. Hochfrequenztherapie wie u. a. Kurzwelle und Mikrowelle, aus der Licht- bzw. Phototherapie u. a. die Infrarottherapie und hochintensive Lasertherapie (HILT), aus der Mechanotherapie der therapeutische Ultraschall und die Trainingstherapie (sozusagen mit der „Nebenwirkung“ Wärmeentwicklung) und aus der Thermotherapie lokale und systemische Applikationen wie u. a. Wärmeträger, Peloide, Bäder etc. (siehe auch dort). Die beste Evidenz für Wärmeanwendungen bei unspezifischem Kreuzschmerz liegt für lokale Wärmetherapie (wie u. a. mittels Fango, heißer Rolle, Infrarot, Wärmepackungen) und Balneotherapie vor. Diathermie, Ultraschall, hochintensive Lasertherapie haben eine moderat positive Evidenz, werden aber nicht durchgängig empfohlen. Bewegungstraining ist ohnehin leitlinienempfohlen – die Nebenwirkung „Wärmeentwicklung“ ist hier ein zusätzlicher Benefit.
Wärmetransport bedeutet die Wärmeübertragung von einem auf ein anderes Medium. Diese erfolgt durch Wärmeleitung (Konduktion) und Translation, Wärmeströmung (Konvektion), Temperaturstrahlung (Radiation) sowie auch Konversion (Umwandlung anderer physikalischer Energie in Wärme – Beispiel therapeutischer Ultraschall).
Zum Beispiel wirken Fango- und Moorpackungen als Leitungswärme durch Wärmeleitung, eine „heiße Rolle“ durch Leitungswärme und gleichzeitig durch Feuchtigkeit, Infrarotlicht und Heißluft durch Wärmestrahlung, eine Sauna oder Thermalbad durch Konvektion, Kurz- und Mikrowelle durch Konversion (elektromagnetisch in thermisch) und die Ultraschalltherapie ebenfalls durch Konversion (mechanisch in thermisch).
Thermorezeptoren ermöglichen die Wärmeempfindung. Thermorezeptoren sind über die ganze Körperoberfläche verteilt und stellen temperaturempfindliche Nervenendigungen dar, welche thermische Reize aufnehmen und zum Zentralnervensystem weiterleiten.
Temperaturen über der Körpertemperatur (Körperoberflächentemperatur) werden als warm, darunterliegende als kalt empfunden. Die Diskrimination von Temperaturunterschieden, d. h. wie intensiv diese wahrgenommen werden, hängt dabei von der Ausgangstemperatur und der Wärmeleitfähigkeit des Mediums ab. So wird z. B. Wasser mit 20 °C wegen seiner besseren Leitfähigkeit kälter als Luft mit 20 °C empfunden, aber Wasser mit 40 °C als wesentlich heißer als Luft mit 40 °C.

Hyperthermie

Hyperthermie bzw. Wärmetherapie (manchmal auch nur als „Thermotherapie“ bezeichnet, > 36 °C) erfolgt lokal oder systemisch mit trockener oder feuchter Wärme. Typische Beispiele für Modalitäten zur Erzeugung einer Oberflächenwärme sind u. a. Fango, heiße Rolle, Infrarot, Bäder, für die Tiefenwärme Kurzwelle, Mikrowelle sowie der Ultraschall und für systemische Wärme Sauna, Thermalbad und Hyperthermie, wie z. B. Überwärmungsbäder.
Bei Ganzkörperanwendung führt Wärme durch systemische Effekte zur Steigerung der Pulsfrequenz. Pro Grad Erhöhung der Körpertemperatur kommt es zu einer Pulsbeschleunigung von etwa zehn und mehr Schlägen pro Minute (Letzteres erfolgt übrigens auch bei fieberhaften Infekten, weswegen da zusätzliche Trainingsbelastungen absolut kontraindiziert sind). Wärmeapplikation führt zunächst hauptsächlich oberflächlich zur Vasodilatation mit Durchblutungsförderung. Es kommt durch Wärme zur Aktivierung des Parasympathikus mit Gefäßerweiterung, der Tonus des Sympathikus wird gehemmt. Außerdem kommt es zur Beschleunigung von Stoffwechselprozessen.
Lokale Wärmeeinwirkung führt durch die sog. konsensuelle Reaktion zu einer Erregung an korrespondierenden Körperstellen. Durch sog. kutiviszerale Reflexe kann über Head-Zonen eine Tiefenwirkung an inneren Organen erzielt werden (nutzbar zur Reflextherapie).
Die wärmebedingte Durchblutungsförderung kann Reparations‑, Regenerations- und Heilungsprozesse beschleunigen helfen. Wärmeapplikation kann dämpfend auf periphere Schmerzrezeptoren und gleichzeitig über zentrale Mechanismen analgesierend wirken. Wärmeapplikation wirkt an gesunder Muskulatur zunächst tonussteigernd und erst bei längerer Einwirkung tonussenkend (u. a. antispastisch bei Koliken).
Wärmeapplikation wirkt förderlich auf den Stoffwechsel und kann Resorptionsvorgänge fördern. Wärmezufuhr fördert die Schweißsekretion. Durch den durch den Schweißfilm resultierenden Wärmeentzug aufgrund von Verdunstungskälte wirkt sich das letztlich wiederum kühlend und temperaturreduzierend aus.
Trockene Wärme kann u. a. als Lampentherapie (Wärmestrahlung) oder durch Heißluft (Konvektion) oder unter Einsatz fester Stoffe wie Sand (Wärmeleitung) appliziert werden.
Klassische Anwendungen sog. trockener Wärme sind u. a. die Lampentherapie, welche über Temperaturstrahlung wirkt, z. B. als Hell-Strahler (Glühlichtkasten, Rotlicht- und Blaulicht) oder als Dunkel-Strahler (sog. Profunduslampe). Heißluft mit dem Wirkungsmechanismus Konvektion oder feste Körper wie z. B. Heizkissen, Sand, Paraffin mit dem Wirkungsmechanismus Wärmeleitung stellen weitere Applikationsformen trockener Wärme dar. Applikation trockener Wärme mittels Lampentherapie kann mittels Hell-Strahler als sichtbares Licht (weiß, rot, blau gefärbt) erfolgen. So produziert eine Solluxlampe (Sonnenlichtlampe) z. B. helles, grelles Licht als künstliche Höhensonne mit einer 1000-Watt-Lampe zur Ganzkörperbestrahlung aus einem Meter Abstand, als 500-Watt-Lampe für den halben Körper bei z. B. Lumbago aus 50 cm Abstand oder als 250-Watt-Lampe für eine z. B. Teilbestrahlung der Schulter oder des Nackens aus nur 25 cm Abstand. Typische Indikationen für Teilbestrahlungen sind oberflächliche Entzündungen wie Furunkel, Karbunkel, Schweißdrüsenabszesse, Sinusitiden und Otitiden, Myalgien, Lumbago, eine vorbereitende Therapie zur Physiotherapie, Ergotherapie oder Massage etc.
Chromotherapie bezeichnet Rot- und Blaulichtbehandlungen (Rotlicht wärmer – Blaulicht kühler und beruhigend, dämpfend) mit farbigen Lampen oder einer Solluxlampe mit einem Rot- oder Blaufilter. Dunkel-Strahler sind Lampen (z. B. Profunduslampe), die kein sichtbares Licht produzieren, sondern nur Wärme abgeben. Sie haben letztlich ähnliche Indikationen wie die Solluxlampen. Ein Glühlichtkasten („Heißluftkasten“) ist ein Halbzylinder mit Kohlefadenlampen, der weniger Licht, dafür aber mehr Wärme durch Strahlung abgibt und kann als Kopflichtbad bei Sinusitis oder als Rumpflichtbad bei Lumbago etc. effektiv eingesetzt werden. Eine Infrarotlampe gehört so ziemlich zum Inventar eines jeden Haushalts und Sportvereins. Hochintensiv wirkende Lasergeräte wirken ebenfalls phototherapeutisch als Tiefenwärme. Heißluft-Applikation kann u. a. mittels Heißluftkasten (sog. „Bierbad“) erfolgen. Darin können körperferne Gelenke wie z. B. Knie‑, Sprung‑, Hand- und Ellenbogengelenke bei Temperaturen von 80 bis 100 °C z. B. zur Vorbereitung für die Physio- oder Ergotherapie sowie zur Behandlung chronischer Gelenksbeschwerden behandelt werden.
Zur Applikation geleiteter (Konvektion) sog. trockener Wärme dienen u. a. Thermophor („Wärmeflasche“), Heizkissen und Sandbäder. Bei Einsatz eines Thermophors ist u. a. auf die Temperatur des Wassers bzw. des Thermophors, die Integrität der Hülle, einen ordentlichen Verschluss sowie die adäquate Füllung zu achten. Heizkissen verfügen über Vorteile wie konstante Temperatur und Stufenschaltung, wobei gleichzeitig mögliche Gefahren der Überhitzung und Verbrennung, des Eindringens von Feuchtigkeit und Flüssigkeiten wie Harn, Schweiß etc. zu beachten sind. Natürliche Sandbäder am Meer (wie z. B. „Sand- und Sonnenbaden“ im „Seebad Grado“ im Sinne der Thalassotherapie) oder mit heißem Quarzsand und mit einer Dauer von etwa 30 bis 40 min ermöglichen ebenfalls die Applikation (Konvektion) trockener Wärme und eignen sich u. a. bei chronischen degenerativen Gelenkserkrankungen. Sandbäder werden gerne angenommen, wobei die begleitende Herz- und Kreislaufbelastung zu beachten und der Kopf vor Sonnenbestrahlung geschützt und eventuell auch gekühlt werden muss. Bei künstlichen Sandbädern wird der Patient zwischen mittels einer Wärmequelle erhitzten Sandschichten in einer Wanne behandelt. In Sandbetten liegen die Patienten mit Leintüchern bedeckt auf Sand. Zusätzlich werden aufgewärmte Sandbehälter auf die betroffenen Gelenke gelegt.
Feuchte Wärme kann v. a. als Hydrotherapie in Form von Bädern, Packungen, Duschen und Güssen appliziert werden. Bei den hydrotherapeutischen Wirkungen der Wärmeapplikation werden ebenfalls lokale von systemischen unterschieden. Lokale Effekte stellen u. a. lokale Erwärmung, Vasodilatation, Mehrdurchblutung, Muskelauflockerung dar. Die allgemeinen systemischen Effekte betreffen Pulsfrequenz, Blutdruck, Stoffwechsel und Psyche (siehe dort). Hydrotherapie ist per definitionem die Anwendung unterschiedlich temperierten Wassers zu therapeutischen bzw. Heilzwecken und stellt einen Schwerpunkt der Thermotherapie als Applikation feuchter Wärme dar. Wasser ist ein guter Wärmeträger, besitzt ein relativ gutes Temperatur-Leitvermögen und ist gleichzeitig günstig und fast überall vorhanden. Wesentlichste Wirkfaktoren der Hydrotherapie (und auch Balneotherapie*) sind in Infobox 1 zusammengefasst.
Infobox
Wirkfaktoren der Hydrotherapie (und auch Balneotherapie*)
  • Temperatur
  • Luftfeuchtigkeit
  • Hydrostatischer Druck
  • Auftrieb
  • Reibungswiderstand des Wassers
  • Mechanische Faktoren wie Wasserstrahl, Abreibungen, Bürstungen etc.
*Chemische Faktoren (im Wasser natürlich vorkommend oder als Badezusätze hinzugefügt)
Die Hydrotherapie umfasst Bäder (Voll‑, Halb- und Teilbäder), Packungen, Wickel und Umschläge (Tücher als Träger für Wasser) sowie Duschen und Güsse.
Die Hydrotherapie entfaltet in erster Linie thermische und mechanische Wirkungen (Infobox 1) mit unterschiedlichen Applikationstemperaturen, welche man orientierend als „sehr kalt“ unter 15 °C (z. B. Eisapplikationen, kalte Güsse, Eisbäder etc.), „kalt“ mit 15 bis 21 bzw. 22 °C (z. B. Kneipp-Güsse, kalte Wickel etc.) – bei Anwendung kalten Wassers kommt es zum Beispiel zunächst zur Kontraktion der Hautgefäße und danach zur reflektorischen Dilatation mit der Gefahr des Wärmeverlusts – „kühl“ mit 22 bis 31 bzw. 32 °C (z. B. Teilbäder, Waschungen, kühlende Umschläge etc.), „lauwarm“ mit 32 bis 35 °C als Übergang zwischen Kälte- und Wärmeanwendungen, „indifferent“ mit der Kerntemperatur entsprechenden 35 bis 37 °C (z. B. Teilbäder, Waschungen, kühlende Umschläge etc.), „warm“ mit 38 bis 40 °C (Wärmewirkende Bäder, Moor- oder Fangopackungen etc.) und „heiß“ mit 41 bis 42 °C (z. B. Kurzzeit-Hyperthermie, Heißluft etc.) und „sehr heiß“ ab 42 °C (z. B. Paraffinanwendungen etc.) bezeichnen kann.
Kälteanwendungen im Rahmen der Hydrotherapie erfolgen unter Beachtung des Allgemeinzustands, d. h. der Kondition des Patienten und von Kontraindikationen wie u. a. Durchblutungsstörungen, Kreislauflabilität oder -dekompensation, Marasmus, Hypertonie etc. (Infobox 3) und nur, wenn die damit zu behandelnden Patienten vor Behandlungsbeginn einen „Wärmeüberschuss“ aufweisen.
Hydrotherapeutische Kälteanwendungen sollten „kurz, kalt und kräftig“ sein. Das Ausmaß der darauffolgenden physiologischen Reaktion ist von der Intensität des Kältereizes abhängig.
Die Hydrotherapie mit warmem Wasser führt unmittelbar zur Gefäßdilatation mit gesteigerter Hautdurchblutung, was wiederum über sog. kutiviszerale Reflexe auch die Durchblutung innerer Organe beeinflussen kann. Eine Hydrotherapie als Warmwasserbehandlung sollte immer mit einer Kälteanwendung abgeschlossen werden. Andernfalls könnte es durch relative Weitstellung der Gefäße zu Wärmeverlust und Frösteln kommen. Deswegen ist eine kurze kühlende Dusche mit Vasokonstriktion als Abschluss sinnvoll. Mechanische Wirkungen der Hydrotherapie sind der Auftrieb, der Bewegungswiderstand und der hydrostatische Druck. Auf diese wird in einem anderen Zusammenhang näher eingegangen werden.
Die Anwendungsformen der Hydrotherapie umfassen Bäder, Wickel, Umschläge und Packungen sowie Duschen und Güsse. Bäder umfassen Teilbäder und Vollbäder sowie Sauna und Dampfbad. Beim Teilbad erfolgt das Baden eines Körperteils in einem Becken oder einer Schüssel, z. B. als Vorbereitung für die Bewegungstherapie, in Situationen, in denen Heißluft oder Eis wegen Sensibilitäts- oder Zirkulationsstörungen kontraindiziert sind oder bei Polyneuropathien, wo u. a. nur Hände oder Füße oder beide in Behältnisse eingetaucht und gebadet werden. Teilbäder können auch bei Verbrennungen oder empfindlicher Haut sowie nach Sehnenverletzungen etc. effektiv eingesetzt und bei schlecht heilenden Wunden können auch Badezusätze verwendet werden. Beim sog. Hauffeschen Teilbad, einer Sonderform des Teilbads, wird eine Extremität in 37 °C warmes Wasser getaucht und innerhalb von 20 min so viel heißes Wasser zugeführt, bis sich die Temperatur des Badewassers auf 42 °C erhöht, wodurch es zur lokalen Gefäßerweiterung und reflektorischen Fernwirkung kommt. Typische (historische) Indikationen sind die symptomatische Behandlung der Angina pectoris mit Baden des linken Arms, funktionelle Durchblutungsstörungen sowie Muskelkrämpfe.
Wechselbäder werden bei angiologischen Patienten zur „Gefäßgymnastik“ bei funktionellen Durchblutungsstörungen eingesetzt. Kontraindikation stellen organische bedingte Durchblutungsstörungen dar. Wechselbäder mit besonderer thermischer Reizwirkung werden nach Kneipp derart durchgeführt, dass z. B. Patient:innen die oberen und/oder unteren Extremitäten abwechselnd in heißem (für 3–5 min) und in kaltem (für bis zu 1 min) Wasser insgesamt etwa 15–20 min baden, wobei jeweils mit Warm begonnen und mit Kalt beendet wird.
In Whirlpools ermöglichen Wasserwirbel die Synergie aus Wärmewirkung und gleichzeitiger Massagewirkung. Mögliche Indikationen sind Situationen nach Gipsabnahmen, CRPS, Lähmungen etc. Warme (bis heiße) Sitzbäder können bei Adnexitiden, Prostatitiden etc., kalte (bis indifferente) bei Hämorrhoiden etc. appliziert werden. Bei sog. Halbbädern als Form des Teilbads ist die Wanne nur halb gefüllt, womit diese für Patienten mit Herz-Kreislauf-Beschwerden schonender sind. Bürstenbäder, als Übergang zum Vollbad (der Patient ist zum Teil oder zur Gänze unter Wasser und wird gebürstet) ermöglichen eine Reizbehandlung mit Anregung von Stoffwechsel, Appetit und Verdauung und einer guten Einsatzmöglichkeit bei vegetativer Dystonie. Zur Hydrotherapie in Form von Vollbädern gehört u. a. das Überwärmungsbad (sog. Schlenzbad). Beginnend mit einer Ausgangstemperatur von 38 °C wird innerhalb von 30 min heißes Wasser hinzugefügt und letztlich eine Badetemperatur von bis zu 45 °C erreicht. Danach wird eine Stunde „nachgeschwitzt“. Effekte sind eine Hyperämisierung mit Überwärmung bis zu einem künstlich erzeugten „Fieber“. Regelmäßige Blutdruck‑, Puls- und Temperaturkontrollen sind obligat. Als Einsatzgebiete werden Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, wie v. a. Morbus Bechterew sowie chronisch-entzündliche Erkrankungen der Geschlechtsorgane angegeben.
Auch in der Krebsbehandlung gibt es einen Einsatz der Hyperthermie, der aber unbedingt onkologisch tätigen Schulmediziner:innen und Kolleg:innen mit Intensiverfahrung vorbehalten bleiben sollte.
Sauna und Dampfbad sind Applikationsformen, bei denen zunächst gezielt ein Schwitzen angeregt wird, um danach wieder abzukühlen. Man verspricht sich Abhärtung, eine Stoffwechselanregung und eine sog. „Entschlackung“ (dieser Terminus bezeichnet wohl u. a. den beschleunigten Abtransport von Endprodukten des Stoffwechsels) mit erhofftem Benefit für das Immunsystem. Eine Sauna ist eine mit Holz getäfelte Heißluftkammer, in der die Luft auf 90 bis 100 °C erhitzt wird und wo alle 5 bis 15 min ein sog. Aufguss, d. h. Wasser – meist mit Zusätzen –auf erhitzte Steine geschüttet wird, wodurch es zu entsprechender Dampfentwicklung kommt. Zur Abkühlung dient danach ein kaltes Bad oder auch Abreibungen mit Schnee. Im sog. Dampfbad werden nur Temperaturen von bis zu 60 °C vertragen, denn Schweißverdunstung und Wärmeregulation werden durch den Dampf verhindert, was insgesamt auch eine größere Herz-Kreislauf-Belastung bedeutet.
Wickel, Umschläge und Packungen können zur Wärmezufuhr oder zum Wärmeentzug verwendet werden, wobei Packungen (Packungen umfassen große Körperpartien) und Wickel und Umschläge (Teilanwendungen) eine unterschiedliche Größe haben, aber sich in ihrer Wirkungsweise kaum unterscheiden. Dunstwickel werden ein bis zwei Stunden angelegt, führen zur Vasodilatation und wirken analgesierend, detonisierend sowie stoffwechselanregend. Typische Indikationen sind Gallen- und Nierenkoliken, Gastritis, Adnexitis, Pleuritis, Abszesse, Furunkel etc. Eine sog. heiße Rolle, aufgerollte, mit heißem Wasser getränkte Tücher ermöglicht eine feuchte, intensive Oberflächenwärme.
Kalte Umschläge, 2‑ bis 3‑mal täglich für eine halbe Stunde appliziert, haben eine kühlende und gefäßverengende Wirkung. Derartige temperaturentziehende Wickel werden bei hohem Fieber kalt und für etwa eine halbe Stunde angelegt, als sog. „Essigpatscherl“ zur Fiebersenkung bei akuten entzündlichen Erkrankungen. Sog. „Stöckli-Wickel“ sind eiswassergetränkte Tücher und werden ebenfalls als milde Kältetherapie-Applikation eingesetzt.
Duschen und Güsse wirken als regelrechte „Vasomotorik-Anreger“ thermisch und mechanisch. Duschen wirken durch thermischen Reiz und auch Massagewirkung als Strahldusche, Fächerdusche, Regendusche (Brause), Staubdusche oder als „Schottische Dusche“. Die sog. Unterwasserdruckstrahlmassage wird mit 0,5–2 atü als Massage für größere Muskelgruppen als Nachbehandlung von Sportverletzungen, Ligamentosen, Muskelhartspann sowie bei Dorsalgien appliziert.
Bei Güssen umhüllt ein gleichmäßiger kalter Wassermantel ohne Druck den begossenen Körperabschnitt. Der gleichmäßige und dabei kurze Kältereiz führt zur lokalen Gefäßreaktion und wirkt über kutiviszerale Reflexe, womit auf eine Umstimmung der Vasomotoren abgezielt werden soll. Derartige sog. kalte Güsse, Wickel, Tau- und Wassertreten sind auch als „Kneippen“ bekannt.
„Heubaden“ und Heupackungen sind Applikationen „sanfter Wärme“, welche nicht so belastend wie z. B. Fango- oder Moorpackungen sind. Sie bewähren sich bei der Beachtung typischer Kontraindikationen wie Rhinitis allergica und allergisches Asthma bronchiale u. a. bei Schmerzsyndromen des Achsenskeletts.
Zu den typischen Kontraindikationen für Wärmeapplikationen siehe Infobox 2.
Infobox
Typische Kontraindikationen für Wärmeapplikation
  • Akute Infektionen, Fieber
  • Schwere Anämie
  • Metabolische Entgleisung
  • Blutdruckentgleisungen
  • Gravierende und instabile kardiovaskuläre Erkrankungen wie akute bzw. gravierende Herzinsuffizienz, akute Stenokardien bzw. instabile Angina pectoris, höhergradige Arrhythmien etc.
  • Höhergradige arterielle Durchblutungsstörungen, Arteriosklerose, periphere, zerebrale und kardiale arterielle Durchblutungsstörungen (PAVK, CVK)
  • Sympathikusblockade
  • Gravierende Venenerkrankungen
  • Gravierende Stoffwechselerkrankungen
  • Sensibilitätsstörungen
  • Hämophilie und Marcumarisierung
  • Schwangerschaft
  • Gravierende Psychische Erkrankungen, Non-Compliance

Kryotherapie

Kryotherapie/Kältetherapie (< 36 °C) erfolgt als lokale Kälteanwendung oder als Ganzkörper-Kryotherapie. Kälte kann v. a. durch Herabsetzung der Nervenleitgeschwindigkeit, Blockade von Schmerzrezeptoren und sog. „Verdecken“ zentraler Schmerzareale analgetisch wirken. Kälteapplikation senkt den Muskeltonus bei pathologischer Erhöhung mit Senkung von Spastizität, Hyperreflexie und Abwehrspannung bei passiver Dehnung. Weiters bewirkt Kälte kurze Gefäßkontraktionen in der Haut mit nachfolgender Vasodilatation – und hat eine gegenteilige Wirkung an der Muskulatur.
Kälteapplikation verlangsamt den Stoffwechsel und Blutstrom und kann zur Verminderung der Pulsfrequenz – z. B. Einsatz in Form einer Gesichtsapplikation als Gegenmaßnahme bei Ohnmachten – aber auch zur Pulsbeschleunigung und Blutdruckerhöhung führen. Weiters führt Kälte zu einer Vertiefung der Atmung mit Erhöhung des Atemminutenvolumens.
Unter Beachtung von Kontraindikationen können kryotherapeutische Anwendungen in vielen Bereichen sicher und effektiv eingesetzt werden. Die wesentlichen Kontraindikationen sind in Infobox 3 zusammengefasst.
Infobox
Typische Kontraindikationen für Kälteapplikation
  • Kälte-Urtikaria
  • Kältehämagglutinine
  • Blasen-/Nierenerkrankungen (keine Anwendung im Beckenbereich)
  • Kontraindikationen für Wärmeapplikation (Infobox 2)
Kryotherapie erfolgt als lokale Applikation oder systemische Ganzkörperkryotherapie. Historisch erfolgt der Einsatz der Kryotherapie als physikalischer Wärme- und Energieentzug durch lokale Kälteapplikation schon seit Hippokrates als Behandlung bei Blutungen, später auch bei Abszessen und Phlebitiden sowie bei rheumatoider Arthritis, aktivierten Arthrosen, Gicht und auch als Anästhetikum bei Amputationen.
Zeitlich unterscheidet man die Kurzzeitkryotherapie von der Langzeitkryotherapie.
Kurzzeitkryotherapie bedeutet eine Anwendungsdauer von etwa 1–3 min, Langzeitkryotherapie kann bis etwa 30 min dauern.
Typische lokale Kryotherapie-Applikationsformen sind Kryo-Sprays, Kältepackungen, Eisbeutel oder Coolpacks, Eiswürfel, Eislutscher, Eis-Chips-Bäder, in Kochsalz getauchte gefrorene Eistücher, Kaltluftvernebler etc. Typische Einsatzgebiete sind u. a. posttraumatische Beschwerden wie Hämatome, Distorsionen, Kontusionen, aber auch Gelenkskontrakturen, zentrale Paresen und Spastizität (durch die Tonussenkung), Muskelverspannungen, weiters unterstützend in der Bewegungstherapie bzw. Physio- und Ergotherapie wie u. a. rheumatologischen Erkrankungen (rheumatoide Arthritis, aktivierte Arthrosen, Tendovaginitiden, Myalgien, akuter „Rheuma“-Schmerz etc.).
Ganzkörper-Kryotherapie erlebt in den letzten Jahren eine veritable Renaissance durch das Longevity-Streben mit kalten Duschen, Bädern und dem sog. „Eisbaden“ sowie diversen apparativen Verfahren etc. Das Untertauchen im kalten Wasser, die sog. Ganzkörper-Immersion (2–15 °C) bewirkt eine rasche Konduktion und hat systemische Effekte der Kryotherapie. Auch Eisabreibungen und kalte Duschen erreichen diese Effekte.
Ganzkörperkryotherapie erfolgt apparativ in erster Linie mit −110 °C in Kältekammern und wird seit den 1980er-Jahren weiterentwickelt. Sie führt zu systemischen physischen und psychischen Effekten (Infobox 4). Systemisch sieht man kardiovaskuläre, endokrinologische, nervale sowie Effekte auf Entzündungs- und Schmerzebene (Desensibilisierung von Schmerzrezeptoren, Schmerzgedächtnis) und psychomentale Reaktionen. Typische Indikationen sind chronische Schmerzsyndrome wie u. a. das Fibromyalgiesyndrom.
Infobox
Effekte der Ganzkörperkryotherapie
  • Ökonomisierung des kardiopulmovaskulären Systems
  • Schmerzlinderung bis Analgesierung mit positiver Wirkung auf chronische Schmerzsyndrome (chronischer Schmerz, Fibromyalgie, Panalgesie etc.)
  • Positive Wirkung auf chronische Entzündungen
  • Tonusregulation der Skelettmuskulatur
  • Verbesserung der Durchblutung und des Stoffwechsels der Skelettmuskulatur mit Ökonomisierung des Energiehaushalts
  • Modifizierung der neuronalen Aktivierung der Skelettmuskulatur
  • Regulierung der zentralen Aktivitätsniveaus
  • Psychophysische Leistungsstimulierung im Leistungssport
  • Förderung des allgemeinen Wohlbefindens
Eine systemische Kühlung kann u. a. auch durch Kühlwesten sowie durch mehrmalige apparative Kurzzeitanwendungen mit gezieltem Kühlen ausschließlich der Handflächen in Kombination mit leichtem Unterdruck erreicht werden. Letztere zielt auf eine Reduktion der Körperkerntemperatur durch systemische Kältewirkung ab und soll laut Erfahrungsberichten und ersten Pilotuntersuchungen mit chronischen Gelenksbeschwerden die Schmerzintensität reduzieren und Schlafqualität, Lebensqualität und Stimmung verbessern. Weiters zielen derartige Apparaturen auch auf Leistungssteigerung, Regeneration und Longevity ab.

Fazit

Die Thermotherapie ist eine physikalische Modalität, die – bei indizierter und adäquater Anwendung – im Konzert der multimodalen Behandlung von Schmerzen und Funktionseinschränkungen (am Bewegungsapparat und weiterer Organsysteme) sowie von Einschränkungen der Mobilität und Teilhabe effektiven und effizienten Einsatz finden kann und soll.

Interessenkonflikt

R. Crevenna gibt an: Als Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft sowie der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation und der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der Medizinischen Universität Wien gebe ich bekannt, dass die Mitglieder der von mir vertretenen Gesellschaften sowie meine Mitarbeiter:innen und ich Forschungsförderungen bzw. Forschungskostenzuschüsse sowie Unterstützungen für Fortbildungsveranstaltungen für Ärzt:innen und medizinisches Fachpersonal sowie Informationsveranstaltungen für Patient:innen und Angehörige einwerben. Ein besonderes Naheverhältnis zu einer externen Organisation oder Firma ist daraus nicht abzuleiten bzw. existiert nicht.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Thermotherapie
Verfasst von
Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, MSc, MSc, MBA
Publikationsdatum
01.12.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Schmerz Nachrichten / Ausgabe 4/2025
Print ISSN: 2076-7625
Elektronische ISSN: 2731-3999
DOI
https://doi.org/10.1007/s44180-025-00267-6