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Ärzte Woche

20.01.2021 | Tekal | Ausgabe 3/2021

Wir sitzen nicht alle im selben Boot

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Krisenzeiten lassen sich mit einem tauglichen Gefährt gut meistern.

„Stay the Fuck at Home“ lautete ein Post in sozialen Medien, um die auf den Straßen tanzenden Menschen darauf hinzuweisen, die Pandemie ernst zu nehmen und in ihren Wohnzimmern weiter zu tanzen. Das ist aus medizinischer Sicht nachvollziehbar, so etwas lernt man in der ersten Klasse Epidemiologie.

Doch so edel das Motiv für den Aufruf, man möge zu Hause bleiben, während die Helden im Krankenhaus an der Front ihre Arbeit tun, sein mag, so schal das Gefühl all jener, die sich zur Handlungslosigkeit verdammt sehen. Natürlich freuten sich manche anfangs über die geschlossenen Schulen. Doch die wenigsten sind Lehrer. Auch wenn die Möglichkeit, im Homeoffice auszuschlafen oder während des Zoom-Meetings Katzenvideos zu schauen, verlockend war, machte sich recht rasch Ernüchterung breit, dass die trauten vier Wände weniger traut und doch mehr Wände sind. Und es mehr braucht zum Leben. Die Durchhalteparolen, dass man an einem Strang ziehen müsse, verlieren daher seit dem 14. Lockdown an Reiz.

So hat der vatikanische Kurienerzbischof Vincenzo Paglia gemeint, dass alle zwar im selben Sturm, nicht jedoch im selben Boot sitzen. So mancher Künstler, Gastwirt oder Fußpfleger wähnt sich auf einer Holzplanke treibend, während die aufmunternden Worte „Noch ein paar Monate durchhalten, wir teilen alle dasselbe Schicksal!“ vom Bordlautsprecher des systemrelevanten Luxuskreuzers MSC Medico Phantastico rüberschallen. Mitunter wird man von einem Alpin-Wasserskifahrer nass gespritzt. So etwas schlägt aufs Selbstbewusstsein.

Es heißt, dass Patienten rascher genesen, wenn sie selbst etwas zu ihrem Heilungsprozess beitragen können. Auch wenn es logistisch schwierig ist, einem Operierten die Möglichkeit zu geben, den eigenen Wundhaken zu halten, kann man ihm doch zumindest danach das OP-Protokoll ausfüllen lassen. Das ist für alle Beteiligten eine Erleichterung, zumal sich der Patient selbst verklagen kann, wenn was schiefläuft. Da man erkannt hat, dass raunzende, weil betroffene Personengruppen im Gegensatz zu den Pandemie-Bustern kaum etwas zu tun haben, gibt man diesen Menschen eine Beschäftigung, indem man sie Antragsformulare und Bittgesuche ausfüllen lässt, um an die milden Gaben aus dem Corona-Almosentopf zu kommen. Sie sollen das Gefühl bekommen, mitzumischen.

Menschen sind verschieden. Manchen gefällt es, wenn sie von anderen durch unruhige Gewässer geschippert werden. Anderen wird schlecht auf einem Boot, wenn sie nichts tun können. Und bei allem von uns Ärzten gerne geäußertem Unverständnis systemirrelevanter Personengruppen gegenüber, sollte man sich klar sein: Es macht einen Unterschied, ob man nach der Arbeit nicht ins Theater darf oder statt der Arbeit im Theater nicht ins Theater darf. Die stayen in der Arbeitszeit the fuck at home auf ihrer Planke.

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