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Ärzte Woche

19.08.2021 | Tekal

Werbe-Offensive

verfasst von: Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

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Das sinkende Interesse an den Impfungen erfordert Maßnahmen.

In Erwartung der vierten Welle der Pandemie ist die erste Welle der Impfbegeisterung nun bereits abgeebbt. Wurden die Seren Anfang des Jahres unter Bürgermeistern noch gehandelt wie angereichertes Uran unter Schurkenstaaten, so verursacht die zunehmende Marktsättigung eine gewisse Impfmüdigkeit. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist doppelt geschützt, die andere dafür gar nicht. Man misstraut den offiziellen Stellen und vertraut auf das eigene Immunsystem. Diese Einstellung gilt zurzeit vielerorts jedoch weniger als heldenhaftes Rebellentum, sondern als politisch nicht korrekt. So müssen die Impfverweigerer zur Strafe in der Ecke stehen, meistens in der rechten.

So werden Forderungen laut, die Impfmuffel unter Androhung von Liebesentzug, schwerem Kerker und Steinigung zur Vernunft zu bringen oder ihnen zumindest die Rechnung für Tests, Beatmungsgeräte oder Intensivbett nachzuschicken. Damit wären wir jedoch bei der Schuldfrage und wir müssten konsequenterweise auch Raucher, Übergewichtige, Fallschirmspringer, passionierte Raser und Arbeitssüchtige vom Genuss eines Spitalsaufenthaltes auf Kassenkosten ausschließen. So verspricht man lieber den Vakzinierten ein gesundes Leben im Paradies, den Ungeimpften eine Ewigkeit im Schattenreich, wo sie tagtäglich mit glühenden Stäben im Nasen-Rachenraum gepiesackt werden und die teuflische Folter noch dazu aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.

Strafen funktionieren zwar kurzfristig, führen aber sicher nicht zu einem besseren Miteinander. Das ist auch den politisch Verantwortlichen bewusst, die das bessere Miteinander bereits in Wählerstimmen umgerechnet haben. Es geht vielmehr darum, das Verlangen nach dem schnellen Schuss in den Deltoideus zu schüren. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt und neben Impf-Box, Impf-Bus und Impf-Boot kommt auch der Impf-Bungee-Sprung, bei dem der Impfling gemeinsam mit dem Arzt am Tiefpunkt die Spritze erhält. Man setzt auf Instagram-Influencer, die sich neben der Gesichtscreme auch ein Gurken-mRNA-Peeling mixen und schräge Memes für die Generation Z („Der Kaiser kriegt Pfizer, die Gfrasta kriegen Astra, nur der Boris, der kriegt Johnson…“).

Ich habe es immer so gehalten, den Patienten die Entscheidung für oder gegen eine Therapie zu überlassen, könnte mir aber durchaus vorstellen, künftig böse dreinzuschauen, wenn sie einer medizinischen Anordnung nicht Folge leisten. „Tun Sie es wenigstens für mich“ wäre ein Appell an das schlechte Gewissen, ebenso wie der Verweis auf die indischen Kinder, die froh über eine weggeworfene Impfung wären oder die Drohung, dass der Gesundheitsminister vor Gram sonst ein Magengeschwür bekommt. Doch selbst wenn wir alle Register der Motivation ziehen, erreichen wir vermutlich nur genau jene Zielgruppe, die man sonst auch erwischt hätte. Außer man verspricht, dass morgen die Sonne scheint, wenn man alles aufgeimpft hat.

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Metadaten
Titel
Werbe-Offensive
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
19.08.2021
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 28-33/2021