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10.06.2021 | Tekal

Überlebenstrieb vs Schnäppchentrieb

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

Was uns im Leben wirklich antreibt.

Es war in den 1990er-Jahren, als mit dem Auftreten von BSE die große Panik ausbrach, man könne sich mit dem Verzehr eines Burgers nicht nur Gicht, sondern auch einen Rinderwahn anessen. Prompt wurde in England Fleisch zum Ladenhüter. Denn obwohl diesbezüglich Entwarnung gegeben wurde, wollten die Menschen ihre Gesundheit nicht aufs Spiel setzen. Vernünftig, schließlich haben wir Menschen aufgrund des Überlebenstriebes und einer gewissen Vorsicht bis heute überlebt. Als man beschloss, die Ware zum halben Preis feilzubieten, war das Fleisch binnen kürzester Zeit abverkauft.

Auch in dieser Pandemie, bei der man zwar Rindfleisch, aber nicht Fledermaus essen durfte, gab es Zeiten, in denen man zur Vorsicht mahnte. So wurde in den wenigen Zwickeltagen zwischen den 48 Lockdowns Besonnenheit gefordert, man möge nur langsam das normale soziale Leben angehen. Das leuchtete den Bürgern auch ein und tatsächlich versuchten sie, Abstand zu halten und Menschenansammlungen zu vermeiden. Bis die Möbelhäuser beschlossen, Re-Opening-Super-Rabatte zu gewähren und die Küchenzeilen zum halben Preis feilzubieten. Auch hier war die Ware binnen kürzester Zeit abverkauft, denn wenn man etwas in dieser Krise unbedingt braucht, so ist das eine neue Küchenzeile. Die Kunden standen Schlange und der Gesundheitsminister musste die bunt gestalteten Tafeln mit den niedrigen Fallzahlen wieder neu malen.

Auch die tiefe, innere Überzeugung kann als Triebkraft der Bequemlichkeit nicht das Wasser reichen. So meldeten sich zahlreiche Patienten von der Datenkrake ELGA ab. Das mag manchen querulantisch erscheinen, denen es egal ist, ob irgendjemand einen elektronischen Einblick in das persönliche Hämorrhoiden-Leiden haben könnte. Manche orten hier aber einen möglichen Missbrauch sensibler Daten, die sie lieber vertrauensvoll auf Facebook posten. Da man mit dem Opt-out aber in den Apotheken die beliebten Corona-Gratis-Tests nicht direkt ausgehändigt bekam, sondern erst mühsam über den Postweg eine Bestätigung anfordern musste, kam es zu einer Wiedereinstiegswelle. Ein Beispiel, dem die katholische Kirche folgen sollte, um die ausgetretenen Schäfchen zum Wiedereintritt zu bewegen. Etwa durch einfache Online-Ehe-Annullierungen – exklusiv für Mitglieder. Da kann man gern mal über Frauenbild und Homophobie hinwegsehen.

In der Entscheidung Gesundheit vs. Schnäppchen oder Überzeugung vs. Bequemlichkeit obsiegen meist Schnäppchen und Bequemlichkeit. Freud hätte also neben dem Lebens- und Todestrieb (nach den Göttern Eros und Thanatos) auch den Schnäppchentrieb (nach dem griechischen Gott Occasion) definieren müssen. Aus medizinischer Sicht ist es auch ungesund, aufgrund seiner Überzeugungen zu sterben und Märtyrer haben rein statistisch eine geringere Lebenserwartung als Mitläufer. Insofern sei also jedem eine gesunde Portion Egoismus und Bequemlichkeit zugestanden.

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