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Ärzte Woche

23.09.2019 | Tekal | Ausgabe 39/2019

Über Hanf- Brownies

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Warum es so verdammt kompliziert ist, Novel Food auf den Teller zu bringen.

Jüngst warb eine Konditoreikette damit, Hanf-Brownies im Umlauf bringen zu wollen. So weit, so unspektakulär, denn im Versuch, die Konkurrenz zu übertrumpfen, kann man sich nicht lediglich auf noch flaumigere Krapfen, noch trockenere Kekse oder die „Best Buttersemmel in Town“-Masche verlassen. Längt gehört die Quinoa-Goji-Zitronengras-Mix-Tarte zum Standardrepertoire einer jeden Bäckerei. Dass man dort Brot bekommt, ist indes nicht sicher.

Dennoch scheinen die hanfhaltigen Süßspeisen auf noch größeres Interesse zu stoßen. Nachvollziehbar, denn zum einen geht es um den sprachlichen Kick des Wortes „Hanf“, das weitaus dubioser und gefährlicher daherkommt, als etwa das Wort „Senf“ oder „Einbrenn“. Cannabis ist zudem hip, weil ein wenig verboten. Auch in der Medizin werden jene Pioniere, die es wagen, Marihuana als Therapie anzubieten, argwöhnisch beäugt. Selbst wenn wir sonst mit Opium um uns werfen, wie der Bäcker mit Mehl, ist doch eine gesunde Skepsis angebracht, die uns vor allzu viel Rastafari im Spital schützt.

Dass das Hanf im Brownie gar kein berauschendes THC, sondern nur die jugendfreie Variante CBD enthält, ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Damit verstößt die Süßspeise zwar nicht gegen das Suchtmittelgesetz, sehr wohl aber gegen die Novel-Food-Verordnung. Dieser zufolge darf nämlich kein Lebensmittel im Umlauf gebracht werden, das es vor 1997 bei uns auf dem Speiseplan noch nicht gegeben hat. Bevor Baobab, Chia-Samen oder der tahitanische Noni-Saft den europäischen Verdauungstrakt passieren durten, musste die EU das erst aufwendig genehmigen. Und schützten in früheren Zeiten bemitleidenswerte Vorkoster den König vor einer vergifteten Speise, so ist es nun die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die für uns kostet und entscheidet, ob der Bauer, der das Exotische nicht kennt, auch fressen darf. So war der Süßstoff aus der Stevia-Pflanze den Vorkostern lange Zeit suspekt und durfte daher nicht als Süßungsmittel für den Kaffee, sondern nur als Badezusatz verwendet werden.

Wie so oft, wenn etwas gut gemeint ist, schüttet man das Kind mit dem steviagesüßten Bad aus. Hätten unsere steinzeitlichen Vorfahren eine neue Frucht niemals probieren dürfen? Schließlich war eine Rübe Novel-Food. Ähnliches gilt für Kartoffeln oder Tomaten, die man vor nicht allzu langer Zeit erst aus fernen Ländern importiert hat. Und was wäre das Leben eines Diabetikers ohne Pommes mit Ketchup? Die Ex-Gesundheitsministerin hat entschieden, dass der Hanf-Kuchen nicht zum Zwecke des Verzehrs verkauft werden durfte, sondern nur als Badezusatz. Nun ist er wieder zu haben. Vielleicht ist die Begeisterung der Konsumenten nicht so groß, wenn sie erkennen, dass man die Brownies nicht rauchen kann. Oder es wird – im wahrsten Sinn des Wortes – Gras über die Sache gewachsen sein.

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