Wenn Fluchen medizinisch indiziert ist.
Thomas Kainrath
Manchmal gibt es relevante Themen, die nicht ins enge Korsett einer einzigen Kolumne zu pressen sind. Hier muss man journalistisch einen „Schwerpunkt“, eine „beliebte Reihe“ oder auch einen „umfangreichen Sonderbericht“ aus dem Boden stampfen, um auf die gesellschaftspolitische Relevanz des Inhalts hinzuweisen. Und da ich vergangene Woche über Autofahrer und deren beliebteste Schimpfwörter geschrieben habe, soll nochmals mit Nachdruck auf die Bedeutung des Fluchens hingewiesen und dem „Trottel“ eine zweite Chance gegeben werden.
Schimpftriaden sind nämlich in gewissen Situationen durchaus indiziert. So können sie dabei helfen, Schmerzen länger auszuhalten. In einer Studie konnten Studenten ihre Hände länger ins Eiswasser halten, wenn sie dabei ordentlich fluchten. Den Knigge sollte man dabei tunlichst im Regal lassen. Denn eine Wirkung zeigte sich lediglich bei den echten, „bösen“ Fluchworten. Ersatzweise Beschönigungen wie „Scheibenkleister“ waren weniger effektiv. Das Wort muss aus tiefster dunkler Seele kommen, ein allzu starkes Über-Ich und Höflichkeit als höchstes Gut sind hier kontraproduktiv.
Auch bei einer Entbindung beobachten Hebammen, dass im Geburtsverlauf jede weitere stärkere Wehe von einem weiteren stärkeren Kraftausdruck begleitet wird. Manchmal sind es aber nicht nur die werdenden Väter, sondern auch die Frauen, die fluchen. Doch es gilt hier bekanntlich die Las-Vegas-Regel: Was im Kreißsaal passiert, bleibt im Kreißsaal. Das Kind darf man sich aber in der Regel mitnehmen.
Da Fluchen auch entspannt, wird es professionell in der Medizin angewendet. Eine Studie im British Medical Journal zeigte, dass Chirurgen im Operationssaal durchschnittlich alle 51,4 Minuten einen Kraftausdruck verwenden. Bei komplizierten Eingriffen erhöht sich die Frequenz auf 29 Minuten. Das mag nicht viel erscheinen. Doch bei etwas längeren Prozeduren durch den Chef („Director’s Cut“) kommt man dabei in Summe bei einem chirurgischen OP-Team auf eine durchaus beachtliche Menge an Begriffen, deren Beichte weitaus mehr als nur ein Vaterunser erfordert.
Im Jungärzte-Forum „Faculty of Medicine“ hat man 100 Operationen nach Fluchwörtern aufgeschlüsselt. Die Schimpfwörter wurden in drei Klassen eingeteilt: Einen Punkt gab es für Übersinnliches (etwa der Herrgott, der Teufel oder der Primar), zwei Punkte für Körperausscheidungen und drei Punkte für Four-Letter-Words aus dem Fundus sexuell konnotierter Begriffe. Orthopäden landeten dabei, an einem durchschnittlichen 8-Stunden-Operationstag, mit 16,5 Fluchpunkten am ersten Platz. Danach folgten Allgemeinchirurgen (10,6), Gynäkologen (10) und Urologen (weit abgeschlagen mit 3,1). Die HNO-Ärzte zeigten die beste Kinderstube (3 Punkte), vermutlich, damit der Patient während des Eingriffs nicht die Nase rümpft.
Wenn Sie also das nächste Mal beim Autofahren angepöbelt werden, denken Sie daran: Es ist nur ein Orthopäde – und auch Sie brauchen irgendwann eine neue Hüfte.