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Ärzte Woche

23.10.2019 | Tekal | Ausgabe 43/2019

Smart Rosenkranz beten

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Was Mediziner vom Vatikan lernen können.

Das hiesige Gesundheitssystem ist nicht für seine sprunghafte Spontanität bekannt und rangiert in puncto Veränderungswillen knapp hinter dem Bundesdenkmalamt und dem Vatikan. Gut Ding braucht Weile und meist beschließt man, dass das Etablierte ein ausreichend gutes Ding ist, verzichtet zur Gänze auf die Weile und tut lieber gar nichts. Natürlich gibt es Fortschritte in der Medizin, aber vom Prinzip „Arzt steht am Bett, Patient liegt im Bett und Pflege macht das Bett“ will man nicht abrücken. Obwohl alle unzufrieden sind.

Nun prescht der Vatikan vor und setzt uns in puncto Fortschritt unter Zugzwang. Tatsächlich hat man in letzter Zeit aus Rom Dinge vernommen, die man vor einigen Jahren gar nicht für möglich gehalten hätte. Nicht nur, dass hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, dass man andenkt, möglicherweise bereits in weniger als 200 Jahren auch Frauen zu Hilfspfarrerinnen zu weihen, gibt es ganz handfeste Beweise für den Einzug modernen Gedankengutes. So las man mit Staunen: „Papst Franziskus blieb in Aufzug stecken“. Am Weg zum sonntäglichen Angulus-Gebet hat das Kirchenoberhaupt scheinbar einen heiligen (Fahr-)Stuhl benutzt. Undenkbar für einen Laien, der davon ausgeht, dass man den Papst mit Sänften durch die vatikanischen Gemächer trägt. Aber Franziscus gilt als vergleichsweise weltoffen, fortschrittlich und ich bin mir sicher, dass er bei langweiligen Synoden am Smartphone Candy-Crush zockt, in der geschlossenen Facebook-Gruppe der vereinigten aktiven Päpste (Zahl der derzeitigen Mitglieder: 1) ein Selfie postet oder sich auf Youtube ein paar DIY-Videos ansieht, wie man Fahrstühle repariert.

Nun hat eine Jesuiten-Initiative im Vatikan ein spirituelles Gadget präsentiert: Der „Click To Pray eRosary“ ist der erste Smart-Rosenkranz, der am Handgelenk getragen werden kann und sich per Bluetooth mit dem Handy verbindet. Aktiviert wird er, indem der Träger ein Kreuzzeichen macht (kein Witz!). Laut Hersteller richtet es sich an junge, technologieaffine Menschen, die dazu animiert werden sollen, für Frieden auf der Welt zu beten. Ein schöner Gedanke, wenn man kurz beim Ego-Shooter eine Minute innehält und den Rosenkranz betet, bevor man sich wieder in „Call of Duty“ die Schädel wegballert.

Klar haben wir auch unsere Smart-Apps für Diabetiker, Blutdruckpatienten oder Menschen, die vor dem Essen zwar nicht beten, es aber zumindest fotografieren und durch eine intelligente Software auswerten lassen. Doch so wie die vorwiegend spirituelle Kirche sich auf den Weg in die Moderne macht, könnte man auch einen Schritt von der schnörkellosen Wissenschaft in die Religiosität machen – zumindest ein wenig mehr seelischer Beistand im nüchternen Spital wär nicht verkehrt. Ein Arzt, der im Krankenhausfahrstuhl festsitzt, ist keiner Erwähnung wert. Allemal aber ein Chirurg, der statt der Blinddarmoperation für seinen Patienten nach Lourdes wallfahren geht.

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