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Ärzte Woche

21.10.2020 | Tekal | Ausgabe 43/2020

Psychosoziale Pandemie

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Wenn akut angezeigte Panik chronisch rezidivierend wird.

Eine schriftliche Kolumne zu COVID-19 hat den großen Nachteil, dass sie bei Erscheinen bereits völlig veraltet ist. Selbst bei einem Live-Bericht in den Nachrichten kann es passieren, dass ein Reporter, der gerade noch von der sichersten Balkonpflanzen-Tagung aller Zeiten berichtet, im nächsten Moment von einem Contact-Tracing-Team überrumpelt und in Einzelquarantäne gesteckt wird, da er den erforderlichen Mindestabstand zu einem infizierten Oleander nicht eingehalten hat.

Es gehört schließlich zur JobDescrpition eines Virus, dass es sich in der Bevölkerung verbreitet. Da schlägt ein PCR-Test bald mal an und macht aus einem ahnungslosen Partygast eine gefährliche Virenschleuder. So munkelt man hinter vorgehaltener Hand bzw. vorgehaltener Ellenbeuge, dass die Zahlen der positiv getesteten Personen in den kommenden Wochen massiv nach oben schnellen und wir in Österreich bald die Grenze von zehn Millionen überschritten haben werden. Da sich das mit der einheimischen Bevölkerung rechnerisch nicht ausgeht, werden wir dann doch die Grenzen öffnen und Migranten ins Land holen müssen, um das zu stemmen.

Allerdings mehrt sich die Kritik, wonach ein Testergebnis und eine Erkrankung zwei medizinische Paar Schuhe sind. Meine Oma, eine medizinische Koryphäe, die mich mit heilenden Sprüchen wie „Bis du heiratest, ist es wieder gut!“ gesund durch die Pandemien meiner Kindheit gebracht hat, hätte gemeint: „Wer viel fragt, geht viel irr!“ – man kann es mit dem Virenzählen auch übertreiben. Und hätte man die Methoden gehabt, die Keime in den 1970er-Jahren zu zählen, wäre ich aufgrund eines Dauer-Lock-Downs vermutlich keinen einzigen Tag in die Schule gegangen.

Aktuell geht es natürlich darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Oder aber – wie hierzulande politisch auch kolportiert – den Wintertourismus zu retten. In meiner Funktion als darstellender Kabarettist freue ich mich über diese großartige Möglichkeit, die kommenden Monate Benefiz-Nicht-Auftritte für die einschlägigen Skiorte zu spielen. Tatsächlich schwankt man in der Bevölkerung zwischen dem Wunsch nach Lockerung (young and professionals) und Wunsch nach Lock-down (old and pensionists). Stets hat man die Zahlen im Auge – so etwas tut natürlich weh und beeinträchtigt das Sehvermögen.

Das kollektive panische Starren auf steigende positive Testergebnisse lässt auch die Starrer erstarren. Wir haben es also nicht nur mit einer medizinischen Pandemie, sondern auch mit einer psychosozialen Pandemie zu tun. Das hat einen großen Vorteil, denn – im Gegensatz zu vielen einschlägigen Virenerkrankungen – hilft hier tatsächlich eine Impfung! Selbst wenn im schlimmsten Fall ein verfügbares Vakzin nur mäßig wirksam ist und sich anfangs auch kaum einer impfen lässt, weil man ein paar Monate abwarten möchte, ob der geimpfte Nachbar nicht plötzlich tot umfällt, wird man die Krise schlagartig für beendet erklären. Welch eine Wunderheilung!

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