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Ärzte Woche

14.10.2019 | Tekal | Ausgabe 42/2019

Nobelpreis für meine Oma

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Sauer macht lustig, Sauerstoff reich.

Sauerstoff ist wichtig. Das sagte schon meine Oma, wenn sie im Jänner die Fenster aufgerissen und ordentlich durchgelüftet hat, bis sich Eiskristalle auf dem Esstisch bildeten. Thermisch besonders belastend auch die Übergangszeit, wo man Ende September in der klammen Wohnung saß, da es sich „noch nicht auszahlte“, zu heizen. Wenn dann noch in der Klammheit die weit geöffneten Luken Sauerstoff reinlassen sollten, war endgültig Schluss mit der Gemütlichkeit. Nun wurden Omis Bemühungen mit dem Nobelpreis gewürdigt.

Zwei US-Amerikaner und ein Brite erhielten stellvertretend für ihre Entdeckungen die Auszeichnung. Sie konnten zeigen, wie Zellen die Verfügbarkeit von Sauerstoff wahrnehmen und darauf reagieren. Konkret haben sie molekulare Mechanismen ausfindig gemacht, die die Aktivität von Genen, je nach Sauerstoff-Verfügbarkeit, regulieren. Zellen scheinen also quasi eine Art Riecher dafür zu haben, wie viel frische Luft im Körper herumschwirrt und können sich entsprechend anpassen. Ein wichtiger Schritt, um die zellulären Grundlagen von Krebs und Doping zu verstehen. Bei allem Respekt gegenüber den Bemühungen der Forscher denke ich mir doch im Stillen, dass die Erkenntnis ein wenig banal ist. Dass Sauerstoff gut für die Zellen ist, etwa im Vergleich zu Kohlenmonoxid, Methangas oder den Smog einer chinesischen Metropole, hätte ich dem Nobelpreiskomitee bereits vor Jahren mitteilen können. So hat mich die diesjährige Verleihung dazu animiert, mir ähnlich simple Gedanken zu machen, um nobel prämiert zu werden. Schließlich möchte auch ich einmal einen Anruf aus Stockholm bekommen, der etwas weltbewegender ist, als die Mitteilung, dass mein Ikea-Regal Kolbjörn nun verfügbar ist.

Ich hätte da einige Projekte zur Grundlagenforschung in der Lade: Zum Beispiel, dass Dunkelheit dazu führt, häufiger gegen den Türpfosten zu rennen. Meine Forschung an zahlreichen Bekannten, die ich mit verbundenen Augen durch die Wohnung jagte, zeigen deutlich, dass Menschen orientierungsloser sind, wenn sie nichts mehr sehen.

Ich habe auch beobachtet, dass Personen, die Hunger haben, mit größerem Appetit essen als Leute, die bis oben voll sind. Diese Erkenntnis rund um das Sättigungsgefühl gilt weltweit, außer auf Kreuzfahrtschiffen. Einen wichtigen Beitrag zur Schlafforschung leistet sicher auch meine bahnbrechende Beobachtung, dass Menschen, die nicht ausreichend geschlafen haben, müder sind.

Nicht missverstehen: Die Kollegen, die gerade ausgezeichnet wurden, haben sicher hervorragende Arbeit geleistet. Aber es ist doch verdammt viel Preisgeld für eine Erkenntnis, die meine Oma bereits vor 40 Jahren in zahlreichen Experimenten an mir gewonnen hat. In diesem Sinne, liebe Schweden, erwarte ich, kommendes Jahr von euch zu hören. Tack så mycket!

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